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Ein Jahr nach dem Amoklauf findet Trauerfeier statt

Winnenden: acht Regeln für Journalisten

Für einige Medienbeobachter gilt die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden als einer der Tiefpunkte des deutschen Journalismus. Anstatt neutral zu informieren, verfielen einige Reporter damals in voyeuristische Sensationslust. Am Donnerstag jährt sich die Tat zum ersten Mal. Geht es nach dem Willen des Dienstes Psychologischen Nachsorge, wird es von der Trauerfeier keine Aufnahmen von weinenden Menschen und Interviews mit Minderjährigen geben. Acht Regeln für Journalisten sollen dies verhindern.

Die Psychologische Nachsorge ist als Anlaufstelle für die Trauernden von der Unfallkasse Baden-Würtemberg gegründet worden. "Uns ist wichtig, dass sich die Bilder aus dem Jahr 2010 von denen von 2009 unterscheiden", sagt der Trauma-Psychologe Thomas Weber, der die Anlaufstelle koordiniert. Gemeinsam mit Kollegen und einem Journalisten hat er Regeln formuliert, die die Medienvertreter in ihrer Berichterstattung über die Trauerfeier zu einem sensiblen Umgang mit dem Ereignis und den Betroffenen mahnen.

Das ist genau das Gegenteil davon, wie sich ein Großteil der Reporter vor einem Jahr in Winnenden verhielt: Minderjährige wurden ohne Erlaubnis der Eltern vor laufender Kamera nach dem Tathergang und dem Amokläufer befragt. Trauernde Menschen wurden rücksichtslos fotografiert. Selbst bei der Beerdigung eines der getöteten Schüler drängten sich Fotografen und Kameramänner auf die Ladefläche eines Pick-Ups, um die hohen Friedhofsmauern zu überwinden und das erste Foto von der Trauerfeier an die Redaktion liefern zu können.

"Wir wollen den Betroffenen wieder die Kontrolle zurückgeben, die sie damals an die Medien abgegeben haben", sagt Weber und meint damit, dass sie den Medien vor einem Jahr hilflos ausgeliefert waren. "Die Kinder haben Angst, unkontrolliert gefilmt zu werden". Auch wenn es für viele in ihrer Traumabewältigung wichtig sei, über die Ereignisse zu reden, so stünden die Medien in der Verantwortung zu entscheiden, ob solche Statements veröffentlicht werden oder nicht. "Berichterstattung ist wichtig – auch für die Betroffenen. Aber sie muss mit ihnen abgestimmt werden, so dass sie die Kontrolle darüber behalten", sagt Weber. "Dann kann eine Berichterstattung auch hilfreich sein."

Um einen ersten Schritt in diese Richtung gehen zu können, hat die Psychologische Nachsorge eine Erklärung veröffentlicht, die sich direkt an die Medien richtet, die von dem Gedenktag berichten werden. Die Regeln sind dabei als Bitten formuliert:

- "Halten Sie bitte Abstand zu Menschen, die trauern."

- "Zeigen Sie bitte Respekt und bedrängen Sie die trauernden Menschen nicht."

- "Akzeptieren Sie bitte ein 'Nein'; akzeptieren Sie Ruhe- und Rückzugsbedürfnisse."

- "Achten Sie bitte die Privatsphäre der Betroffenen und der Anwohner. Belagern Sie keine Häuser und Schulen."

- "Bitte rufen Sie nicht ohne Erlaubnis Betroffene einfach zu Hause an."

- "Fotografieren und filmen Sie bitte nicht die Gesichter von Menschen, die weinen."

- "Befragen Sie bitte keine Minderjährigen."

- "Fragen Sie bitte nicht nach dem persönlichen Erleben vor einem Jahr, weil dadurch die traumatischen Erfahrungen wiederbelebt werden. Außerdem kann dadurch der therapeutische Prozess bei den Betroffenen wieder zurückgeworfen werden."

Das Medienecho auf die Erklärung sei interessant, sagt Weber: "Viele der Medien haben über unser Anliegen berichtet und unsere Bitten dankenswerter Weise angenommen." Dennoch könne man dieser Tage auch beobachten, dass einige Redaktionen nichts dazugelernt haben und nach wie vor auf eine sensationslüsterne Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden setzen.

Am Donnerstag wird Weber in Winnenden vor Ort sein, um den Trauernden psychologische Hilfe anzubieten. Er wird dafür sorgen, dass die Kinder zur Tatzeit ab 9.30 Uhr von den Medien ungestört trauern können. Sollte er unangemessenes Verhalten seitens der Reporter beobachten, werde er ihnen das Regelwerk aushändigen. Auch die Betroffenen selbst sollten die Zettel verteilen, wenn sie sich bedrängt fühlen. Dass sich ein hartnäckiger Presseprofi aber von einem einfachen Zettel abschrecken lässt, ist fraglich, aber wünschenswert.

10.03.2010

Christine Lübbers

    Letzte Kommentare

    Anzeige: 1 - 2 von 2

    11.03.10 11:04

    Fritz Goergen Website

    ... verfielen in voyeuristische Sensationslust...
    Aber das tun die meisten Journalisten doch immer!
    In jedem TV-Morgenmagazin fängt das an und dauert 24 Stunden.

    11.03.10 10:13

    Horst-Folker Nollenberger

    Dieses "bitte, bitte, bitte, ... " bringt doch viel zu wenig. Da sind knallharte Profis am Werk die schon völlig abgestumpft sind, was die Gefühle ihrer Mitmenschen betrifft. Die sehen nur die Story, und, ... bevor sie ein anderer macht, ...
    Dieser Aufruf an das moralische Gewissen ist spätestens bei der nächsten Katastrophe wieder vergessen. Was meiner Ansicht nach etwas bringen könnte, ist neben wirklich abschreckender gesetzlicher Regelungen vor allem das öffentlich machen der Journalisten (und Redaktionsleiter) die unverantwortlich handeln. Man sollte die Gesichter und Namen zeigen von Reportern die Jugendliche bestochen haben, damit sie etwas bestimmtes vor der Kamera sagen oder machen, die Minderjährige nach einem Amoklauf das Mikro ins Gesicht halten, die Freunde und Bekannte von Opfern nach intimen Infos bedrängen (und Geld bieten) und die private Bilder aus Facebook-Accounts ungefragt abdrucken!
    Ich glaube das sogenannte "Reporter" die o.g. Methoden tagtäglich anwenden durch freundliche Bitten allein sich nicht ändern werden.

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