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Enthüllungsportal in der Diskussion

Kundus-Report: Wie seriös ist WikiLeaks?

Die Kundus-Affäre um den Bombenangriff auf zwei Tanklastzüge im afghanischen Kundus hat auch die Dokumenten-Plattform WikiLeaks erneut ins Licht der Öffentlichkeit gebracht. Dort wurde ein geheimer Feldjäger-Bericht veröffentlicht, der die Entscheidungen des Oberst Klein in kritischem Licht erscheinen lässt. Laut dem Dokument wurde u.a. offenbar keine zeitnahe Untersuchung des Tatorts unternommen. Doch wie vertrauenswürdig ist WikiLeaks überhaupt?

Der von einem Oberstleutnant Brenner abgefasste achtseitige Feldjäger-Bericht, den WikiLeaks veröffentlicht hat, wirkt authentisch. Liest man den Bericht, so ergibt sich ein sehr kritisches Bild über die Entscheidungen und das Verhalten der Bundeswehr im Zusammenhang mit der Bombardierung der beiden Tanklastzüge. Vorwürfe, die sich aus dem Bericht ableiten lassen, sind u.a. dass eine zeitnahe Untersuchung des zerbombten Gebietes unterlassen wurde, dass Rechtsberater und Vorgesetzte nicht zeitnah informiert wurden und dass lange vertuscht, wurde, dass die afghanische Seite schon frühzeitig auf zivile Opfer hingewiesen hatte, dies aber offenbar nicht weitergegeben wurde.

Das ist zunächst einmal starker Tobak in einer zunehmend undurchsichtigen Affäre, in der Medien und Öffentlichkeit nach harten Informationen geradezu lechzen. Die Veröffentlichungen von WikiLeaks sind aber auch mit Vorsicht zu genießen. Um was für eine Website handelt es sich hierbei überhaupt? Nach eigenen Angaben wurde WikiLeaks im Jahre 2006 von einer Gruppe von chinesischen Dissidenten, Journalisten, Mathematikern und Technikern sowie von Startup-Unternehmen aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika gegründet. Die Namen der Gründer und Betreiber sind anonym. Niemand außerhalb des WikiLeaks-Projektes weiß, wer dahintersteckt.

Sinn und Zweck der Website ist es, dass Personen vertrauliche Dokumente verschlüsselt und anonym veröffentlichen können. Laut WikiLeaks werden die Dokumente von Journalisten vor der Veröffentlichung auf ihre Authentizität hin überprüft. Wer da was überprüft und nach welchen Kriterien, bleibt ebenfalls unklar. WikiLeaks rechtfertigt die Geheimniskrämerei mit der Gefahr für die beteiligten Personen. In der Tat wurde die Website WikiLeaks in der Vergangenheit auch schon verklagt, u.a. vom Schweizer Bankhaus Julius Bär, als interne Dokumente des Bankhauses zu dubiosen Steuermanövern veröffentlicht wurden. Länder wie der Iran versuchten zeitweise die WikiLeaks-Domains zu sperren, um zu verhindern, dass brisante Dokumente dort der iranischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Der Grundgedanke von WikiLeaks ist also durchaus lobenswert, allerdings zieht das Prinzip der vollständigen Anonymität immer wieder auch Kritik auf sich. So lässt sich für Außenstehende kaum überprüfen, ob die auf WikiLeaks veröffentlichten Dokumente tatsächlich authentisch sind. Und selbst wenn die Dokumente echt sind, besteht durch Auswahl oder Weglassen bestimmter Informationen immer noch eine Manipulationsmöglichkeit. So wird auch bei der Download-Seite des Kundus-Berichts von WikiLeaks darauf hingewiesen, dass mindestens 20 Seiten der Akte fehlen. Was in den fehlenden 20 Seiten steht und warum sie weggelassen wurden, darf man raten.

Auch wird den Machern von Wikileaks vorgeworfen, zu oft die Rolle der neutralen Plattform zu Gunsten von Eigen-PR aufzugeben. So wurde der aktuelle Kundus-Bericht vorab "Zeit Online" zur Verfügung gestellt. Der daraus entstandene Artikel wurde wiederum sofort bei WikiLeaks verlinkt. Den Hinweis, dass in dem Dokument viele Seiten fehlen, sucht man im "Zeit Online"-Artikel vergebens. Kritisiert wurde in der Vergangenheit auch die Veröffentlichung von einem internen Marketing-Video des Netzwerk-Ausrüsters Cisco, in dem Cisco sich mit erfolgreichen Product-Placement-Aktionen brüstet. Das Video wurde von WikiLeaks unter der tendenziösen Überschrift "Product placement hell: Cisco 'bribes' 24, CSI, House, Heroes, the Office, and more" veröffentlicht.

Auch wurde in der Vergangenheit bereits vielfach kritisiert, dass WikiLeaks offensichtlich gefälschte Dokumente veröffentlicht. Allerdings wurden diese von WikiLeaks – soweit bekannt – deutlich als "gefälscht" gekennzeichnet. Ein Beispiel hierfür ist ein gefälschter HIV-Test des Apple-Chefs Steve Job, der offenbar zeitweise in Börsenkreisen kursierte, um den Kurs der Apple-Aktie negativ zu beeinflussen. WikiLeaks veröffentlichte diesen HIV-Test mit dem Vermerk, dass er gefälscht sei.

Wie es sich sich für das Internet gehört, hat WikiLeaks ein eigenes Watchblog, das aufmerksam mögliche Verfehlungen aber auch Erfolge von WikiLeaks verfolgt. WikiLeaks hat mit der populären Online-Enzyklopädie Wikipedia übrigens nichts zu tun. WikiLeaks verwendet lediglich eine ähnliche Wiki-Software, weswegen sich beide Seiten optisch sehr ähnlich sehen. Die WikiLeaks-Software lässt allerdings das Hochladen verschlüsselter Inhalte zu. WikiLeaks gehört auch nicht zur Wikipedia-Stiftung, sondern ist ein völlig eigenständiges Projekt.

Die Sache mit WikiLeaks ist wie bei so vielen Dingen im Internet eine mit zwei Seiten. Einerseits hat das Projekt seine Berechtigung und ist ein tolles Instrument, um Original-Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die hierfür notwendige Anonymität birgt freilich wieder genau jene Gefahren der Manipulation, die WikiLeaks eigentlich beenden will. Garantien, dass die veröffentlichten Dokumente echt oder falsch oder vollständig sind, gibt es letztlich nicht. Ein WikiLeaks-Dokument kann also nur der Anfang einer journalistischen Recherche sein und nicht das Ergebnis. Leider besteht im heutigen Aktualitäts- und Exklusivitätsdruck die Gefahr, dass dies oft verwechselt wird.

14.12.2009

Stefan Winterbauer

Das schreiben die anderen

Zeit-Online-Bericht über das WikiLeaks-Dokument
Der Kundus-Bericht zum Runterladen
Homepage von WikiLeaks
Das WikiLeaks-Watchblog

MEEDIA RÜCKBLICK

  • 02.07.2010 Angebliche Sicherheitsprobleme bei Wikileaks
  • 17.06.2010 Der geheimnisvolle Herr Assange
  • 16.03.2010 US-Militärs planten Aktion gegen Wikileaks

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 5 von 6 1 2 weitere Einträge >

19.07.10 17:27

Peter Peter

I hope you can continue this type of hard work to this site in future also..Because this blog is really very informative and it helps me lot.
This is really interesting topic, I'll write a paper on it or probably use the custom writing service

18.01.10 21:00

n b

herr winterbauer...
wenn sie als journalist es für am einfachsten halten von der wikipedia zu kopieren dann lassen sie sich das wenigstens vorwerfen. zu behaupten sie wären zu unrecht dem copy and paste journalismus bezichtigt worden macht sie lächerlich.

14.12.09 14:10

Julian Assange

I am the investigations editor of WikiLeaks.

WikiLeaks has never, as far as can be ascertained, misattributed anything. An enviable record for a publication that puts out more pages per day than the New York Times. Nor has it ever lost a legal case--or a source. It has never been successfully censored and nor has it ever self-censored. It has changed national governments, exposed hundreds of assassinations & corrupt billions, generated reforms all around the world, and won a raft of prestigious awards, but you won't see these relevant facts in the article above.

Infact, the Meedda article is an example of the sort of junk WikiLeaks is trying to eliminate. The article has no fresh sources, indeed it thieves copy from random ranting blogs on the internet, without qualification, fact checking, checking with the subject of the piece or indeed any higher anglo journalistic norm.

Nor does the article present any primary source material. It appears not to comprehend the concept.

Rather it repeats known untruths, engaging in rhetorical trickery to bring people to the shameful conclusion that an article with full downloadable primary source records, backed by an enviable reputation, is to be trusted less than one that says nothing but "according to an unnamed official" or "documents seen by...".

Grow up, Germany.

14.12.09 13:20

Bob Bobsen

Eine kurze Anmerkung: Es ist _nicht_ die gleiche Software wie Wikipedia (also MediaWiki), sondern es ist eine komplett andere Software, die auf ähnliches Aussehen getrimmt ist.

Die von Wikileaks eingesetzte Software verschleiert laut Wikileaks selbst bspw. die IP-Adressen der Leute, die Wikileaks abrufen oder Dokumente online stellen. Das soll vor Missbrauch der Daten (sowohl durch Wikileaks selbst als auch bspw. Regierungen) schützen.

14.12.09 13:00

P. Rezzo

Danke, da ist wohltuende Selbstkritik dabei. Wir hatten ja schon bei Brender das zweifelhafte "Vergnügen" des intellektuellen Kampagnen- und Mitläufer-Tums, das durch die vor kurzem auch bei Ihnen veröffentlichte Studie widerlegt wurde. Den Normalbürger interessieren diese Medien-Kampagnen praktisch nicht... Wenn man nun die mediale Kundus-Hysterie in Deutschland anschaut, die die Oppositionsparteien - deren Recht das allerdings ist - schüren aber vor allem auch alle Medien, die, so hat man das Gefühl, nur noch über Schlagzeilen und "Enthüllungen" und Kampagnen leben können, dann wird einem schon wieder kotz-übel. Wenn sich dann im nächsten Vierteljahresbericht BILD freut, dass Spiegel-online des ersten Platzes verwiesen wurde, Focus des Quoten.. ach nein... des Auflagenverlustes bezichtigt wird und Spiegel und Stern sich einer (zweifelhaften) "Aufklärung" brüsten, spätestens dann weiss man, welcher Priorität wir diese Presse- und Enthüllungsstorys und Rücktritts-Aufforderungsmaschinerie dieses Theater zu verdanken haben. Die Politik sollte jetzt vielleicht endlich mal den darauf wartenden MENSCHEN (nicht gleich zu setzen mit "der PRESSE") selbstbewußt sagen (statt ständig ängstlich medial einzuknicken), dass unsere Soldaten da unten in permanenter Lebensbedrohung unterwegs sind und selbstverständlich nicht nur die amerikanischen, britischen und anderswoher kommenden Soldaten sich wehren WOLLEN und dürfen müssen. Und dass sich die deutschen Medien mal solidarisch um diese deutschen Soldaten und die Wahrheit über ihren Einsatz kümmern sollten, statt unisono wieder mal ALLE an ihren Schreibtischen zu "Tätern" zu werden... und sich aus Auflagen- oder Ich-bin-der-Auflagensieger-Gründen überbieten in Forderungen und dem üblichem speziell deutschen Gutmenschentum. Dies wird dann als "Pressefreiheit" beschrieben und wird "bis zum Erbrechen DES VOLKES" durchgezogen. Eines Volkes, das täglich mit einer anderen "Sau durchs Dorf" traktiert wird und sich nicht wehren kann. WO BLEIBT DIE STUDIE über die Meinung des Volkes zum Thema Kundus, Soldaten,
Regierung, Guttenberg aber vor allem dazu, welchem Einsatz eigentlich die Parteienvertreter zugstimmt haben. Haben die sich nicht alle selbst und die Soldaten und das Volk belogen... und hängen jetzt empört ihr Mäntelchen in den Wind? Also eine Studie die vermutlich ganz klar macht, dass das Volk in seiner Mehrheit zu seinen Soldaten stehen will und nichts anderes??? Im übrigen zu seinen eigenen Kindern und Vätern!!! Merkel und Guttenberg bekämen Rückenwind und vielleicht auch endlich die nötige RUHE und das VERTRAUEN, das hier dringend gebraucht wird. Auch mit Blick auf die Welt, die sich mal wieder nur wundern kann über DIE DEUTSCHEN. Leider sind "Die Deutschen" hier nur über ihre Medien zu hören und dieses Bild stimmt - siehe Brender - Null-komma-überhaupt-nicht.

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