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Amazons E-Reader ist für Medien besser als sein Ruf

Wie Verlage den Kindle nutzen könnten

Amazons E-Book-Reader Kindle ist seit kurzem auch offiziell in Deutschland erhältlich. Neben Büchern kann man damit auch Zeitungen und Zeitschriften abonnieren. Das Gerät gilt vielen aber als zu unattraktiv für Medien. Der Bildschirm, der fehlende Touchscreen und fehlende Bilder werden als Nachteile genannt. Mit den richtigen Konzepten könnten Medienhäuser, Verlage vor allem, die vermeintlichen Nachteile des Kindle aber in handfeste Vorteile verwandeln.

Der Kindle zwingt zur Einfachheit

Der relativ kleine schwarzweiß-Bildschirm des Kindle wird von vielen als Nachteil empfunden. Der kleine Bildschirm zwingt aber zur Reduktion auf das Wesentliche: Die Präsentation von Text. Während bei Tablets wie dem iPad die Ablenkung durch Spiele oder Videos stets nur einen Fingerzeig entfernt lauert, können Leser beim Kindle zur Ruhe kommen. Zeitungen können auf dem Kindle mit ihrem eigentlich Pfund wuchern: guten Texten. Hier müssen Zeitungen nicht so tun, als seien sie Multimedia-Kings und auf Augenhöhe mit RTL, ARD und Co. Hier zählt nur der Content, und das sollte ja wohl eine Kern-Kompetenz der Verlage sein. Eine durchdachte Navigation, die für den Kindle angepasst ist, ermöglicht zudem ein bequemes Wandern durch die Inhalte einer Zeitung oder Zeitschrift. Wünschenswert wäre allerdings, wenn beim Klicken durch die Inhaltsverzeichnisse kurze Teaser zu den Artikeln eingeblendet würden. Ein kleiner Kniff, der technisch nicht zu anspruchsvoll sein sollte und die Übersichtlichkeit wesentlich erhöht.

Reduktion kann auch kreativ sein
Niemand sollte das Transportmedium überfordern und dem Kindle Dinge abverlangen, für die der Reader ausgelegt ist. Aber gerade die Verschlankung von Informationen hat für viele Nutzer oft echten Mehrwert. So zählte es lange etwa beim Wall Street Journal zu den Wiedererkennungsmerkmalen bzw. Verkaufsargumenten, dass die Redaktion die wichtigsten Meldungen prominent in einer Doppelspalte auf der ersten Seite als News-Überblick angelegt haben. Der Kindle könnte solche Elemente beleben: die Top 10 der wichtigsten Stories des Blattes, basierend etwa auf einem Voting der Redakteure des Blattes.


Bilder her! Aber nur, wenn nötig...

Dass die Bilder fehlen, stört beim Ausprobieren von Medien wie Zeit oder Frankfurter Allgemeine erstaunlich wenig. Es fällt vielmehr auf, dass die allermeisten Bilder in Zeitungen und Zeitschriften nur Symbolcharakter haben und ohne weiteres bei der Adaption für den E-Reader weggelassen werden können. Wenn die Medienhäuser den Nutzern einen Gefallen tun wollen, könnten sie aber dafür sorgen, dass Bilder dann in die Kindle-Version eingebaut werden, wenn sie für das Verständnis einer Geschichte notwendig sind. Bei einem Autotest beispielsweise, möchte man das besprochene Fahrzeug gerne auch sehen. Auf diese Weise würden Bilder sparsam eingesetzt und würden auch nicht die angenehm kurzen Ladezeiten von Medien auf dem Kindle über Gebühr in die Länge ziehen.

Das leidige Thema Pricing
Ein altes Thema, bei dem viele Verlage leider immer noch gnadenlos am Kunden vorbeiwirtschaften. Zeitungshäuser, wie etwa auch die FAZ, bilden sich ein, für elektronische Varianten, die sich keinen Deut von der Print-Version unterscheiden, zusätzlich Geld von ihren Abonnenten nehmen zu können. Aber warum soll jemand, der vergleichsweise viel Geld für ein Print-Abo bezahlt, für die gleichen Inhalte als PDF nochmal bezahlen? Es gibt keinen Grund, außer kurzsichtiger Geldgier. Hier müsste in Verlagshäusern ein Umdenken stattfinden. Das Print-Abo wird von allen Seiten bedrängt: von veränderten Lesegewohnheiten, vom Internet, von TV- und Radionachrichten. Gleichzeitig ist die Print-Zeitung durch die althergebrachten Produktions- und Vertriebsbedingungen langsam und teilweise inaktuell. Abonnenten, die trotzdem dem teuren Print-Abo die Stange halten, sollten also gehegt und gepflegt werden. Als Maxime gilt: Wer ein teures Print-Abo bezahlt, bekommt digitale Inhalte gratis dazu! Das mindert auch den Ärger beim Abonnenten, wenn es mit der Post-Zustellung mal nicht so klappt. Beim Kindle haben wir nun den Sonderfall, dass hier die Inhalte auch über das Handynetz ausgeliefert werden können, wenn der Nutzer unterwegs ist. Hier ist es möglich, dass den Medienanbietern Übertragungs-Kosten anfallen. Zwar wäre es natürlich wünschenswert und klug, man würde auf Seiten der Anbieter diese Kosten ins Gesamtprodukt einpreisen - aber wer Pfennige fuchsen will, kann die Kindle-Version mit diesem Argument auch mit einem kleinen Aufpreis versehen. Die Zeit macht mit einer leicht abgespeckten Kindle-Version, die im Monatsabo 4,99 Euro kostet, noch eines der besseren Preis-Leistungs-Angebote. Für die Kindle-Version aber fast den gleichen Preis aufzurufen, wie für die Print.Version, wie das viele Medien tun, das ist frech und geht am Markt vorbei.

Was Amazon tun kann...
Aber nicht nur die Inhalte-Anbieter müssen in Sachen Kindle noch ein paar Hausaufgaben erledigen. Auch Amazon kann als Produzent und Hausherr im Kindle-Shop noch einiges tun, um Medien-Inhalte attraktiver zu machen. Man sollte beispielsweise die Möglichkeit haben., diverse Top-Listen anzulegen. Leser sollten Artikel favorisieren können (man kann das leicht auch mit Twitter und Facebook verknüpfen). Daraus entstünde dann eine Empfehlungsliste, die auf clevere Art und Weise auf Artikel und Themen aufmerksam macht, die man sonst vielleicht nicht finden würde. Parallel dazu sollte man Top-Listen anbieten, die auf Verkaufs- oder Downloadzahlen beruhen und solche, die Empfehlungen der Redaktion sind. Der Dreifach-Mix aus Listen von der Community, einer Redaktion und einem schlichten “Hitparaden”-Algorithmus wäre unschlagbar um sowohl populäre als auch interessante als auch überraschende Inhalte und Medien zu finden.

Amazon hat inzwischen auch bekannt gegeben, dass dem herkömmlichen Kindle ab Herbst ein Tablet mit wohl weiteren Funktionen (Farbbildschirm, Android-Betriebssystem) zur Seite stehen wird. Was auch zeigt: Die Verlage werden wohl dazu übergehen müssen, die Digitalinhalte für Reader und Tablets getrennt zu denken und zu konzipieren.

Stefan Winterbauer

04.05.2011
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