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Ist ein verdienter Chefredakteur nicht mehr tragbar?

WAZ: die Hintergründe des Falls Lochthofen

Zumindest auf der verbalen Ebene sind die Folgen einer Print-Personalie im WAZ-Konzern der Ausreißer des Jahres. Nachdem die Geschäftsführung ihn seines Postens enthoben hatte, wirft Chefredakteur Sergej Lochthofen der WAZ "Nazi-Methoden" vor. Fast 20 Jahre hatte er die "Thüringer Allgemeine" geführt und zu einem beachteten Regionalblatt gemacht. Doch der 55-Jährige war auch ein Autokrat, der sich dem Einfluss der Zentrale widersetzte. In ertragreichen Zeiten ging das gut, in der Krise kostete es ihn nun den Job.

Vom Essener Zeitungshaus gab es am Freitag keinen neuen Kommentar zu den Gründen der Entmachtung oder eine Erklärung, warum es zu einer derartigen Eskalation kommen konnte. Zwar hatte die WAZ mit der Formulierung, man werde Lochthofen im Rahmen "seiner Fähigkeiten und Kenntnisse" an anderer Stelle einsetzen, einen alles andere als verbindlichen Ton angeschlagen. Positiv betrachtet bedeutet dies aber auch, dass der in Misskredit geratene ostdeutsche Top-Journalist nicht entlassen, sondern weiterbeschäftigt worden wäre – vermutlich sogar zu den bisherigen Bezügen. Zugesichert wurde Lochthofen eine "gleichwertige, statuswahrende Tätigkeit im Konzern".

Ob dies unter anderem auch damit zusammenhängen könnte, dass Lochthofen mit der Zeitung enger verwoben ist als über ein Angestelltenverhältnis, steht auf einem anderen Blatt. Denn der Chefredakteur, der die Zeitung Anfang 1990 übernommen hatte, war viele Jahre Miteigentümer. Bei Wikipedia heißt es dazu: "Damit die Zeitung unabhängig werden konnte, wurde am 28. Februar 1990 die 'Thüringer Allgemeine Mitarbeiter Beteiligungs-GmbH' mit der Nummer HRB 100009 und einem Kapital von 25.000 DDR-Mark beim staatlichen Notariat Erfurt eingetragen. Noch heute gehört die Zeitung zu einem Teil dieser GmbH. Als Gesellschafter beziehungsweise Geschäftsführer der GmbH unterzeichneten einige, die derzeit noch die Zeitung führen. Bis heute ist Sergej Lochthofen dort verzeichnet."

Auf Anfrage von MEEDIA bestätigt Lochthofen: Ja, er sei noch Gesellschafter der Mitarbeiter-Beteiligungs-GmbH, "sogar der letzte verbliebene". Mitbesitzer sei er dagegen nur "formal". Der Chefredakteur erklärte weiter, dass es mit der WAZ-Geschäftsführung am Donnerstag gar kein Gespräch gegeben habe. Am Freitag habe er sich mit Bodo Hombach "ausgetauscht" und sein "Interesse bekundet, die Arbeit für die erfolgreiche Zeitung auch weiter fortzusetzen".

Bei der Ursachenforschung im Unternehmensumfeld zeichnet sich schnell ein Bild ab, vor dessen Hintergrund der Konflikt zwischen Geschäftsführung und dem Ost-Chefredakteur gesehen werden müssen. Zum einen ist es die lange Amtszeit von zwei Jahrzehnten, die auch anderswo weder Blättern noch deren Chefredakteuren gut bekommen. Mit der Zeit setzt eine zunehmende Verkrustung der Strukturen und des Denkens ein, notwendige Reformen und Strukturanpassungen bleiben aus. Lochthofen, soviel dürfte klar sein, war ein starker Chefredakteur, aber auch ein sehr eigenwilliger und unnahbarer. Seit geraumer Zeit beklagen Insider, dass sich die "Thüringer Allgemeine" selbst bei einfachen Absprachen nicht ins gemeinsame Boot begeben wollte.

Der Mann in Erfurt steuerte seinen eigenen Kurs und war für eine koordinierte Konzernstrategie nicht zu gewinnen. Das mag ein großes Zeitungshaus in guten Zeiten hinnehmen. In der Krise kennt man kein Pardon. Wenn der Westen spart und kürzt, muss die Philosopie auch für die Standorte im Osten ein Thema sein, zumal es mit der Ertragslage nicht mehr zum Besten steht.

Einzelne IVW-Auflagen lässt die WAZ-Mediengruppe für ihre Zeitungen in Thüringen wie auch in der Heimat NRW zwar nicht ausweisen. Verfügbar ist lediglich die verkaufte Auflage der Zeitungsgruppe Thüringen, also eine Gesamtzahl für "Thüringer Allgemeine", "Ostthüringer Zeitung" und "Thüringische Landeszeitung". Diese Gesamtzahl spricht allerdings eine klare, für die WAZ nicht gerade positive Sprache. So verkauften sich die drei Zeitungen im dritten Quartal 2009 insgesamt 316.481 mal. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ist das ein Minus von etwa 4%.

Dramatisch sieht ein Vergleich mit früheren Auflagen aus. So setzte die Zeitungsgruppe Thüringen im Jahr 2004 noch mehr als 400.000, im Jahr 1999 sogar noch mehr als 500.000 Zeitungen pro Tag ab. In elf Jahren verloren die drei Blätter damit mehr als 37% ihrer Verkäufe. Mit der Anzeigenkrise brach 2009 auch das Werbegeschäft ein. Der Markt in Thüringen gilt für Zeitungen als besonders kritisch. Seit die WAZ aus dem Westen Ex-Chefredakteur Klaus Schrotthofer als
Geschäftsführer in Thüringen installierte, stand Lochthofen unter Beobachtung. Der Druck wuchs.

Da half letztlich auch seine Reputation nicht. Noch im Juli hatte die "taz" über den Chefredakteur und dessen Blatt geschrieben: "Die Zeitung gewinnt jährlich Preise für Fotografien oder Design. Der Chefredakteur ist bei Nachrichtensendern als Interviewpartner gefragt, weil er schon kurz nach 7 Uhr druckreife Sätze spricht. Er saß lange im Presserat, ist Dauergast im Presseclub der ARD, den andere Chefs von Regionalzeitungen nur aus dem Fernsehen kennen. Er ist gefragt, weil er konfrontativ ist. Er kann offen überheblich und angriffslustig sein, seine Positionen sind wandelbar und schwer zu berechnen."

In der Umbruchphase ist auch bei den regionalen Medien Teamplay und Kostendisziplin gefordert. Das gilt für den Westen wie für den Osten. Es ist wohl eher wahrscheinlich, dass Lochthofen sein Image als "Stimme des Ostens" länger vor der Ablösung geschützt hat als Chefredakteure im unmittelbaren Einzugsbereich der Essener Konzernzentrale. Ersetzt wird er durch Paul Josef Raue, der dafür die Chefredaktion der Braunschweiger Zeitung aufgibt. Ob Lochthofen nach seinen Äußerungen noch eine Zukunft im Konzern haben wird, darf bezweifelt werden.

 

27.11.2009

hs/ga

MEEDIA RÜCKBLICK

  • 03.12.2009 WAZ-Sparhammer: erneut 300 Stellen weg

Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 5 von 5

15.12.09 16:26

Manfred Vietze Website

Bei der Debatte um die Versetzung eines Chefredakteur bei der TA sollte man die Kirche im Dorf lassen. Wenn die TA-Redaktion ihre viele Kraft statt in eine einfache Versetzung in die drohende Arbeitslosigkeit von über 100 Mitarbeitern bei der Zeitung in Suhl gesteckt hätte, würde ich den Hut ziehen. So aber kann ich nur Staunen über den maßlosen Mißbrauch des Begriffes "Pressefreiheit". Und was die Leserbriefe betrifft: Seit Jahren schon gibt es Beschwerden (?), daß es angeblich eine Zensur der Leserbriefe gegeben hat, jetzt plötzlich ist Platz für angeblich Tausende!!! Da kann ich mich als einfacher Zeitungsleser nur wundern. Und was die Mitarbeiter betrifft: Auch eine Zeitung ist ein Wirtschaftsunternehmen und muß Geld verdienen. Die Anzeigen der TA sind, wie überall, seit Jahren rückläufig, aber im gleichen Verhältnis ist der redaktionelle Teil gewachsen. Untragbar und unverantwortlich. Wer sich diesen Veränderungen nicht rechtzeitig stellt, wird auf der Strecke bleiben, auch als Zeitung.

30.11.09 00:21

treets 77

Lochthofen war ein recht unabhängig denkender Geist. Hombach hat solche Menschen noch nie gemocht. Hombach ist macht-orientiert, das allein ist seine Ideologie. Und Schrotthofer war schon beim Focus, mehr noch beim KStA ein Schönschwätzer, ein Karrierist. Dagegen kann ein Lochthofen auf Dauer nicht bestehen.

29.11.09 13:34

Jack London

Erklärung der anwesenden Redakteure und Mitarbeiter der „Thüringer Allgemeine“
auf der Mitarbeiterversammlung vom 28.11.2009
zur Abberufung von Chefredakteur Sergej Lochthofen


Die Redaktion der Thüringer Allgemeine fordert die Rücknahme der Abberufung von Chefredakteur Sergej Lochthofen und seiner Stellvertreterin Antje-Maria Lochthofen. Beide wurden 1990 von der Redaktion demokratisch gewählt.

Wir sehen in den Abberufung keinen Schritt im Interesse des Verlages Thüringer Allgemeine und seiner Gesellschafter, sondern eine Maßnahme zu deren Schaden. Die Abberufung ist in ihrer Form, in ihrer inhaltlichen Zielrichtung und in ihrer erkennbaren persönlichen Motivation durch Geschäftsführer Klaus Schrotthofer ein schwerer Eingriff in die journalistische Unabhängigkeit der Redaktion. Diese Unabhängigkeit ist im Redaktionsstatut vom April 1990 formuliert.

Die Abberufung des Chefredakteurs bricht mit dem Grundkonsens, auf dessen Basis 1990 die erfolgreichste Regional-Mediengruppe Deutschlands, die WAZ-Gruppe, und die erste unabhängige Tageszeitung in der DDR, die Thüringer Allgemeine, eine Zusammenarbeit auf Dauer vereinbart und nahezu zwei Jahrzehnte lang erfolgreich und vertrauensvoll praktiziert haben. Das Zusammengehen von Thüringer Allgemeine und der WAZ-Gruppe 1990 war die Anerkennung durch die WAZ für den aufrechten Gang der Journalisten der Thüringer Allgemeine, die 1990 ihre journalistische Unabhängigkeit erklärten.

Die Redaktion hat sich mit ihrem Chefredakteur Sergej Lochthofen stets den Anforderungen des Marktes und des wirtschaftlichen Umfelds gestellt. Schneller als andere Titel hat die TA auf neue Herausforderungen bei Gestaltung, Inhalt und Leserbindung reagiert. Über die redaktionelle Arbeit hinaus wurden mit der Redaktion strukturelle Antworten entwickelt, erfolgreich umgesetzt und der Geschäftsführung vorgeschlagen. Dazu ist die Redaktion auch weiterhin ausdrücklich bereit.

Dazu fordert die Redaktion:

1. Beibehaltung der Eigenständigkeit der Vollredaktion der „Thüringer Allgemeine“.
2. Die Belegschaft beansprucht die publizistische Unabhängigkeit der Zeitung und das Mitspracherecht bei der strukturellen und inhaltlichen Gestaltung von Redaktion und Zeitung. Die Redaktion wählt einen Redaktionsrat als Ansprechpartner der Geschäftsleitung.
3. Die Mitarbeiter fordern die Vergütung nach Flächentarifvertrag.
4. Es darf keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

27.11.09 23:12

wazza weg

"In der Umbruchphase ist auch bei den regionalen Medien Teamplay und Kostendisziplin gefordert. Das gilt für den Westen wie für den Osten." Na klar, wie im Westen so auf Erden. Das hört man hierzulande seit fast 20 Jahren - teilweise hat man es lange geglaubt, meist noch länger gehorcht. Aber es ist Unsinn: So wie ein Ost-Produkt nicht besser ist, weil es aus dem Osten kommt, so ist eine Idee nicht deshalb unbedingt sinnvoll und nachahmenswert, weil sie aus dem Westen herrührt. Wer sich die WAZ-Titel mit den innovativen Desk-Redaktionen ansieht, kann sich leicht mal irren und das eine oder andere Blatt miteinander verwechseln. Sie werden sich ja auch, die natürlich eigenständigen Zeitungen, auch immer ähnlicher. Gleiche Inhalte durch möglichst viele Rohre pusten - das ist das kostensparende und gewinnsichernde Gebote der Stunde. Lochthofen ist seit Jahren ein Garant für journalistische Unbestechlichkeit. Und innovativ ist er auch - seine Zeitung bekommt ständig Preise z.B. für ihre informative und übersichtliche Landtagswahlberichterstattung. Aber nein, ein Chefredakteur, der nur seine Zeitung machen will (und nicht im Gleichklang mit den Schwesterblättern), ist nicht modern. Kokolores, der noch durch diese "Sippenhaft" verschärft wird. Lochthofens Frau war schon, bevor ihn die Redaktion zum Chef wählte, Stellvertreterin, ist es also nicht durch ihn geworden. Deshalb ist der Eindruck von "Sippenhaft" wohl nicht ganz falsch. Dabei ist völlig egal, ob es Sippenhaft bei den Nazis, unter Stalin und in der DDR gab - das Schlimme ist, das sie heute möglich ist. So etwas gehört sich aus elementarsten Anstandsgründen nicht und bedarf eigentlich keiner Erklärung.

Die reale Gefahr für Thüringen: In weiten Teilen Ost- und Westthüringens droht ein ärmliches Zeitungsmonopol, wenn TA, TLZ und OTZ auf ökonomischem Weg inhaltlich ähnlich- bis gleichgeschaltet werden. Man braucht nicht unbedingt nach Westen - zu den WAZ-Erfolgen am Desk - zu schauen; es genügt ein Blick auf die Internetseiten der drei Thüringer Zeitungen - hier zeigt sich ein irritierend gleichförmiges Bild ungehemmter Verlagskooperation, bei dem die Inhalte nahezu untergehen.

Also, es ist Zeit aufzustehen gegen Hombach & Co. Für Pressefreiheit im tatsächlichen Sinn. Der Osten muss mit seiner Stimme sprechen und braucht keine selbst ernannten Heilsbringer aus dem Westen. Zumal - das hat schon einen gewissen Witz - der neue TA-Chef Raue in den 90er Jahren bei der Magdeburger Volksstimme jedes Niveau weggespart und die Redaktion in geistige Selbstauflösung versetzt hat. Aber jetzt ist er wieder da. Also: Arsch hoch und Hombach & Co. die rote Karte zeigen. Abo kündigen - das Einzige, was hilft.

27.11.09 20:23

Georg Nissak

Bitte mal bei Betrachtungen die Relationen beachten. Welche ostdeutsche Zeitung hat in den vergangenen 11 Jahren
nicht auch oder mehr als 37% der Auflage verloren?
Bei richtigen Antworten winkt vielleicht ein Zeitungsabo der Thüringer Allgemeinen. Die brauchen das jetzt besonders, denn die Abbestellungswelle rollt.

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