Überraschender Führungswechsel bei den Düsseldorfer Wirtschaftsmedien von Holtzbrinck: Bernd Ziesemer geht als Handelsblatt-Chefredakteur und soll angeblich Geschäftsführer beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe werden. Neuer Chefredakteur beim Handelsblatt wird Washington-Korrespondent Gabor Steingart vom Spiegel. Damit enden die seit Wochen anhaltenden Gerüchte um den Holtzbrinck-Titel. Am Mittwochmorgen um 10 Uhr wurde die Personalie offiziell, dass Bernd Ziesemer Holtzbrinck verlässt.
Bereits im Vorfeld hatte Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer die Spekulationen angeheizt: "Wenn ich Medienjournalist wär, würd ich mir heute mal nicht so viel vornehmen", twitterte der Medienberater. Und weiter: "Was macht Gabor Steingart eigentlich gerade so?" Von da bis zur Bestätigung durch verlässliche Quellen war es nicht mehr weit.
Bernd Ziesemer, 56, arbeitet seit 25 Jahren in der Verlagsgruppe Handelsblatt. Nach seinem Politik-Studium und einer Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule kam er 1985 als außenpolitischer Redakteur zur Wirtschaftswoche. 1987 stieg er zum Ressortleiter Politik auf, 1990 übernahm er das Moskauer Büro von Handelsblatt und Wirtschaftswoche. Nach weiteren Jobs als Korrespondent in Tokio und als Autor der Wirtschaftswoche wurde er 1999 zum stellvertretenden Chefredakteur des Handelsblattes berufen, 2002 stieg er schließlich zum Chefredakteur auf. Erst kürzlich wurde er vom Medium Magazin als Chefredakteur des Jahres 2009 ausgezeichnet. Ziesemer erklärte bei der Preisübergabe in einer engagierten Rede, dass er sich erstmals "ernsthafte Sorgen" um seinen Berufsstand mache. Sein Tipp: Man dürfe beim Sparen alles opfern, aber "nie den Kopf".
Oberflächlich betrachtet hielt Ziesemer in seiner Zeit als Handelsblatt-Chefredakteur die Auflage seines Blattes konstant. Im ersten Quartal 2002 verkaufte die Zeitung sich laut IVW 141.303 mal, im neuesten Quartal, dem vierten 2009 139.102 mal. Diese Konstanz konnte allerdings nur mit einer Erhöhung von sonstigen Verkäufen und Bordexemplaren erreicht werden. Denn: Die Zahl der Abonnenten sank im selben Zeitraum von 108.771 auf 83.014, die im Einzelverkauf abgesetzten Exemplare schrumpften von 13.765 auf 7.533. Ob der Relaunch im November 2009 ein Erfolg war oder nicht, lässt sich anhand der IVW-Zahlen noch nicht abschätzen, da er mitten in einem Quartal stattfand. Erst das erste Quartal 2010 wird hier etwas Licht ins Dunkel bringen.
Der neue Mann Gabor Steingart zählt zu den profiliertesten deutschen Journalisten. In der Aust-Ära legte der 47-Jährige beim Spiegel eine steile Karriere hin und galt als politischer Kopf des Magazins. Der gebürtige Berliner leitete von 2001 bis Ende 2007 das Hauptstadtbüro des Spiegels. Umstritten war seine Kandidatur für die Mitarbeiter KG, die im Haus polarisierte. Steingart arbeitet derzeit in den USA für den Spiegel und schrieb in den vergangenen Jahren mehrere Bücher zu politischen Themen. 2009 war sein Name auch stets gefallen, wenn es um Spekulationen über die Nachfolge von Helmut Markwort beim Focus ging. Erst die Ernennung von Wolfram Weimer beendeten diese Gerüchte.
Mit dem Wechsel an die Spitze des Handelsblatts kehrt Steingart zu seinen Wurzeln zurück. Denn Ende der 80er-Jahre absolvierte der ehemalige Grüne Lokalpolitiker die Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. 1989 übernahm ihn die Wirtschaftswoche als Reporter. Bereits ein Jahr darauf wechselte Steingart zum Spiegel.
Spätestens zum 1. Juni soll Steingart die Nachfolge von Ziesemer antreten. Ziesemer selbst soll am 1. November als Geschäftsführer zur Ganske-Gruppe stoßen. Dort wird er offenbar die Nachfolge des aus Altersgründen als Geschäftsführer Hoffmann und Campe Corporate Publishing ausscheidenden Manfred Bissinger, 69, antreten. Am Morgen bestätigte Ganske die Neuverpflichtung. Das künftig von Ziesemer geführte Unternehmen ist mit Magazinen und Zeitschriften, Büchern und PR-Broschüren sowie Audio- und Onlinemedien führender Komplettanbieter für die Unternehmenskommunikation und betreut zahlreiche internationale Unternehmen wie BMW, RWE, Evonik, Deutsche Bank, T-Systems, Gaggenau, Hochtief, Wempe oder die Hamburger Sparkasse. Bissinger bleibt dem Medienhaus als Berater verbunden.
Verleger Thomas Ganske (62) erklärte zur Berufung von Bernd Ziesemer: „Wir freuen uns, einen Journalisten mit so intensiver Erfahrung in Wirtschaft und Gesellschaft für unsere Verlagsgruppe gewonnen zu haben. Mit Bernd Ziesemer und Manfred Bissinger als Berater stärken wir die publizistische und ökonomische Kompetenz der Verlagsgruppe für alle wichtigen Themen außerordentlich.“
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