Nach der dritten "Kerner"-Sendung bei Sat.1 dürften die Sorgenfalten auf der Stirn von Senderchef Guido Bolten nicht kleiner geworden sein. Nach einem miserablen Start verlor das neue Sat.1-Aushängeschild bis zur dritten Sendung weiter dramatisch an Quote. Sowohl in der jungen Zielgruppe als auch beim Gesamtpublikum kam "Kerner" nur noch auf katastrophale 4,5 Prozent Marktanteil. Wer sich die Sendung anschaut, ahnt warum. Fünf Gründe, warum "Kerner" bei Sat.1 nicht funktioniert.
1. Kerner wird notorisch überschätzt
Johannes B. Kerner gilt als professioneller TV-Moderator und einfühlsamer Gesprächsleiter. Den guten Ruf hat er sich beim ZDF aufgebaut. Als professionell gilt Kerner, weil er vor der Kamera unfallfrei von Karteikärtchen ablesen kann und Sendezeiten einhält. Außerdem ist er in praktisch jedem Format einsetzbar, ohne, dass er aneckt und Zuschauer erschreckt. Er kommentierte Fußballspiele, moderierte Geschichts-Sendungen, Jahresrückblicke machte Späße mit Köchen oder eben seine Gespräche. Bei Sat.1 zeigt sich plötzlich, dass Kerner in einem Format, das Spontanität, Witz und Schlagfertigkeit braucht, nicht gut aufgehoben ist. Seine Versuche locker zu wirken, geraten verkrampft. Egal ob beim auswendig gelernten "Comedy"-Interview mit Mario Barth oder bei lauen Späßchen mit einer Familie, die Plastikbecher stapelt.
2. Das Konzept von "Kerner" ist veraltet
Während seine ZDF-Sendung exakt auf Kerners Typus zugeschnitten war, ist "Kerner" bei Sat.1 eine schlechte Kopie von "stern TV" bei RTL. Und Kerner ist nun mal nicht Günther Jauch. Während Jauch in Interviews immerhin journalistisch nachhakt oder in Studio-Aktionen spontan witzig sein kann, ist Kerner meistens stocksteif und kaut mit den Studiogästen die gleichen Antworten nochmals durch, die sie bereits in den Einspielfilmen gegeben haben. Ganz abgesehen davon: Das Konzept von "stern TV" ist mittlerweile auch reichlich angejahrt und lebt im Prinzip nur noch vom Charme Jauchs. Ein veraltetes Infotainment-Konzept mit einem Moderator, der dies gar nicht kann - keine gute Idee.
3. Themen und Gäste sind schlecht gewählt
Neben dem Moderator hat auch die Redaktion Schuld daran, dass die Sendung bislang Zuschauergift ist. Die Themen der ersten drei Sendungen waren bereits vielfach in anderen Medien durchgenudelt. Schlimmer noch: Es wurde noch nicht einmal versucht, bei altbekannten Themen neue Akzente zu setzen. Zum Thema Ausbeutung am Arbeitsplatz war in der Premierenshow die gleiche Ex-Aldi-Mitarbeiterin geladen, die zuvor schon durch andere Medien tingelte. Bei den "Rechtsirrtümern" war der Experte im Studio, der eine Woche zuvor bei "stern TV" saß. In der jüngsten Sendung wurde "Ramschkönig" Alexander Walzer vom TV-Wühltisch in die Sendung gezerrt. Ein Mann, der mit der Ausdauer eines Marathonläufers durchs Fernsehen zieht und mit "Der Ramschkönig" bei Sat.1 sogar eine eigene Dokusoap hat. Dies ist symptomatisch für die "Kerner"-Sendung. Zu den wenig überraschenden bis banalen Themen werden stets die offensichtlichsten Gäste geladen. Es entsteht der Eindruck, dies alles schon tausendfach woanders besser gesehen zu haben.
4. Der Quotendruck im Privat-TV ist zu groß
Privatsender stehen unter gewaltigem Quotendruck. Für Sat.1 gilt dies in besonderem Maße. Der Mutterkonzern ProSiebenSat.1 ächzt unter Schulden und schreibt rote Zahlen. Sat.1-Chef Guido Bolten ist angetreten, um zum Marktführer RTL aufzuschließen. Er hat dafür ein wahres Feuerwerk abgebrannt. Sat.1 hat die Champions-League-Rechte gekauft und für viel Geld wurden Oliver Pocher (für die Jungen) und Johannes B. Kerner (für die Alten) als Sender-Gesichter eingekauft. Während Pochers Show zwar nicht sensationell gut läuft, aber immerhin Potenzial hat, erweist sich "Kerner" bislang als Total-Reinfall. Würde die Quote stimmen oder wenigstens hoffen lassen, dass man darauf aufbauen kann, dann würden inhaltliche Kritikpunkte nicht so sehr ins Gewicht fallen. Bei "Kerner" aber geht die inhaltliche Kritik mit der miserablen Quote Hand in Hand. Diesem doppelten Druck wird sich der Sender nicht lange widersetzen können.
5. Die Konkurrenz ist zu stark
Sat.1 war mit der Programmierung von "Kerner" am Montagabend um 21.15 Uhr sehr mutig. Todesmutig, wie man mittlerweile weiß, denn gegen "Kerner" läuft die Freakshow "Bauer sucht Frau", eines der Top-Erfolgsformate von RTL. Sat.1 hätte gegen die retardierten Landwirte auf Freiersfüßen nur eine Chance, wenn ein knallhartes Kontrastprogramm dagegen gesetzt würde. Aber Normalos und Frauen, Kerners Kern-Zielgruppe, entscheiden sich im Zweifel immer für die schrägen Bauern und gegen Kerners TV-Einschlafhilfe im Ratgeber-Kostüm.
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Letzte Kommentare
18.11.09 21:48
Stefan Winterbauer
Vielen Dank, liebe Leute für das Lob und die konstruktive Gegenmeinung. Selten ein so angenehmes Feedback auf ein Stück gehabt. Viele Grüße SW
18.11.09 20:47
treets 77
Lieber Herr Winterbauer,
nach all den Gratulationen hier möchte ich eine andere Meinung vertreten. Ich glaube, dass Sie sich in einigen Punkten irren. Vorab: ich bin keinesfalls Kerner-Fan.
Zu ihrem Punkt 1: Kerner ist verkrampft, weil das alles neu für ihn ist. Zudem merkt er auch, dass der Laden nicht rund läuft. Das ist verständlich und wird sich sicher irgendwann bessern.
Punkt 2: Der Vorwurf, ein Konzept sei veraltet, müßte durch Belege erhärtet werden. Nun werden Sie aber kaum ähnliche Sendungen finden. Dass etwas nicht gut läuft, hat meist mit handwerklichen Fehlern von Redaktion und Moderation zu tun. Genauso gut hätte man ja auch vor dem Wiederaufstehen der Quizwelle von einem zu alten Konzept schreiben können, wenn ein TV-Quiz-Versuch schlecht gelaufen wäre. Es kommt immer darauf an, wie man es macht.
Punkt 3: Da haben Sie völlig recht, und das ist der hauptsächliche Grund des Kerner-Desasters. Seine Redaktion kennt dieses Format nicht und ist damit überfordert. Was fehlt, ist eine angemessene Auswahl und Aufbereitung von Themen. Und da muss sich ein Wochenmagazin immer die Frage stellen, wie es ein Thema anders als andere zuvor bringen kann.
Was der Redaktion offenbar völlig fehlt, ist Recherche-Qualität. Da war nicht eine einzige Geschichte, die die Mannschaft selbst ausgegraben hat. Und nicht ein Ansatz einer bekannten Geschichte, der neu wäre. Kerners Wunsch, mit der alten Talkshow-Truppe weiter zu machen, ehrt ihn. Aber es war auch vermessen. Jauchs Leute z.B. betreiben ihr Geschäft seit etlichen Jahren.
Punkt 4: auch da hat Kerner einen Fehler gemacht. Es war zu erwarten, dass die Quote anfangs niedrig sein würde. Anstatt nun aber Sendungen zu fahren, die zumindest bei der veröffentlichten Kritik gut ankommen (immerhin etwas) - zum Beispiel durch mehr Relevanz der Themen - startet Kerner mit Pipifax. Pipifax und schlechte Quote ist doppelt schlecht - und raus kommt man da nur mit gesellschaftlich relevanten Themen und nicht mit Plastikdosen-Stapeln. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass Sat1 dem Kerner-Team Leute zur Seite stellt, die das Format beherrschen.
5: Die Konkurrenz ist stark, gewiss, der alte Schreinemakers-Platz am Donnerstag wäre eventuell besser gewesen. Die Angst, dann immer Stern TV hinter her zu hinken, zeugt nicht unbedingt von großem Selbstbewußtsein. Aber auch am Montag muss die Quote zweistellig sein können.
Fazit: Kerner kann sich nach oben hin entwickeln, wenn die Themen relevanter werden. Wenn die Redaktion lernt, dass Filme eine Struktur haben müssen - genauso wie das Gesamtpaket. Wenn die Redaktion lernt, wie man Themen besser umsetzt und wie man eine vernünftige Mischung hinbekommt.
Das ist nur meine Meinung, und ich mag mich irren.
18.11.09 16:03
Anita Euler
.............würde ich mir als Mentor meiner Tochter für ihr Zeitungsvolontariat wünschen.
Ganz treffend, süffisant und mit Witz geschrieben.
Können Sie das Nathalie auch so beibringen? ( sie ist 17 und macht derzeit ein Praktikum und anschließend "vielleicht" das Volontariat bei der tz München. Dort geht man aber doch eher zögerlich mit Kritik bei bekannten Gesichtern um.
Also nochmal: Kompliment, voll ins Schwarze getroffen.
18.11.09 15:41
Medusa VonGorgon
Sehr schöner Artikel, Herr Winterbauer. Dem ist lediglich zuzufügen, dass Herr Bolten von SAT.1 als Fernsehprofi im Vorfeld hätte vieles erkennen können - zumal Herr Schmidt in der ARD schon seit Jahren ein Paradebeispiel für eine unangemessen hohe Investition und einen dagegen stehenden mäßigen Erfolg ist, den sich die ARD auch nur leisten kann, weil öffentlich-rechtliche Gebühren zur Verfügung stehen und sich unbedingt leisten will, weil der Zwang des Senders, einen alternden, oftmals deutlich lustlosen, provokanten Interlektuellen ihr Eigen zu nennen, unglaublich groß ist. Es gibt eben doch ein paar Sendergesichter. Jauch RTL - Beckmann ARD - und eben Kerner für das ZDF, der in keiner seiner Sendungen aus Mainz mit den von Ihnen beschriebenen Fähigkeiten oder Nichtfähigkeiten hinter dem Berg gehalten hat. SAT.1 eiert seit Jahren ohne wirkliches Profil durch die TV-Welt. Da helfen Menschen, die in anderen Sendern fest etabliert und vom dortigen Publikum geliebt sind, auch nicht weiter. Die Einstellung "Money talks" und "Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe" ist aus Sicht des Umworbenen verständlich. Auch Gutmensch Kerner erliegt dem Charme des Geldes, sonst würde er uns nicht auch den Bauern mit Klebebart in der Werbung geben. Der Fehler liegt eindeutig in der Chefetage von SAT.1. Nicht einfach für teuer Geld Namen zusammen kaufen, sondern endlich erkennen, dass es Zeit wird, ein eigenes Senderprofil zu entwickeln. Aber sind wir doch mal ehrlich … die Zeiten der privaten Sender in der Form, in der sie jetzt bestehen, nähern sich langsam aber sicher eh dem Ende zu, weil das Modell überholt ist
18.11.09 15:35
Heinrich Strohauer
Es gibt einen sechsten Grund: die Werbeblöcke. Denn wer eíne Einschlafhilfe braucht, wird durch die Werbung wieder wach, sieht auf die Uhr, schaltet ab und legt sich im Bett aufs Ohr.