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Der politische Journalismus und die Sarrazin-Debatte

Sarrazins seltsamer Feuilleton-Fanclub

Die Debatte um Thilo Sarrazin und sein Buch “Deutschland schafft sich ab” zeigt auch ein Versagen des politischen Journalismus. Statt mit gut begründeten Beiträgen die Diskussion voranzubringen, schwimmen die meisten Leitartikler lieber im seichten Meinungs-Mainstream. Unterstützer findet Thilo Sarrazin für seine umstrittenen Thesen in eher unwahrscheinlichen und unterschiedlichen Ecken: dem Feuilleton und bei alten SPD-Granden. Der Sarrazin-Fanclub hat dabei die differenzierten Argumente auf seiner Seite.

Claudius Seidl vom Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung steht nicht im Verdacht, reaktionären Thesen verfallen zu sein. Er war einer der ersten prominenten Journalisten, die sich auf Sarrazins Seite geschlagen haben. Seidl schrieb in dem Beitrag “Die Katastrophe hat längst begonnen” in der FAS zu den Beschreibungen in Sarrazins Buch: “Wem diese Verhältnisse eine Angst einjagen, wer solche Geburtenraten für die eigentliche Katastrophe der deutschen Gegenwart hält: der ist weder Deutschtümler noch Rassist, und es hat schon gar nichts damit zu tun, dass er Einwanderer oder Unterschichtler für genetisch minderbemittelt hielte.” Sarrazin schildere die Zustände in Deutschland “mit angemessener Drastik”. Und die Gegenmittel, die er empfehle, werden laut Seidl nicht reichen, seien aber “auch nicht falsch: Kindergartenpflicht, Strenge, eine konsequentere Durchsetzung des Leistungsprinzips.” Sein Fazit: die Ächtung Thilo Sarrazins durch die Politik werden eine Bildungskatastrophe nicht verhindern. In diesem einen Artikel steckt, offenbar aus eigenen Erfahrungen gespeist, mehr differenzierte Auseinandersetzung mit Sarrazins Thesen als in allen bisher gezeigten TV-Talkshows mit einer Armada an Experten und Betroffenen.

Auch Spiegel-Autor Matthias Matussek ist Sarrazin beigesprungen. In seinem online veröffentlichten Beitrag “Die Gegenwut” schreibt Mattusek: “Der Provokateur verkörpert etwas, das sich nicht ausgrenzen lässt: die Wut von Leuten, die es satt haben, für ihre Integrationsangebote beschimpft zu werden.” Matussek schreibt: “Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das Justemilieu der Konsensgesellschaft den Saalschutz losschickt, um einen verstörenden Zwischenrufer nach draußen zu eskortieren. Und ihm auf dem Weg nach draußen zuzischelt: ‘Wir werden dir Toleranz schon noch einbimsen.’” Eine Einschätzung, wie man sie von führenden Leitartiklern bisher in dieser Sache noch nicht zu lesen bekommen hat.

Neben Feuilletonisten findet Sarrazin auch Fürsprecher in knorrigen Alt-Sozialdemokraten. Klaus von Dohnanyi verteidigt ihn und seine Thesen öffentlich. Und der aus der SPD ausgetretene Wolfgang Clement sagte in einem Interview in Richtung der SPD, die Sarrazin rauswerfen will: “Eine Partei, die sich solchermaßen nur der hierzulande eingeübten Empörungskultur hingibt, wird zudem blind und taub für die Probleme, die es in unserer Migrationspolitik - wie auch auf anderen Feldern - unübersehbar gibt.”

Natürlich hat Sarrazin auch eher offensichtliche Befürworter. Da ist beispielsweise der Schweizer Weltwoche-Chef Roger Köppel, der die Sarrazin-Debatte in der FAZ-Rubrik “Fremde Federn” zum Lackmus-Test für Meinungsfreiheit in der “jungen Demokratie” Deutschland erklärt. Köppel: “Selbst wenn Sarrazin komplett falsch läge, es wäre undemokratisch, ihn dafür politisch zu bestrafen.” Das FAZ-Feuilleton räumte in derselben Ausgabe die ganze Aufmacherseite dafür frei, Sarrazins Thesen von zwei Wissenschaftlern überprüfen zu lassen. Ergebnis: Sarrazin hat im großen und ganzen Recht.

Die Sarrazin-Diskussion wie sie vom Feuilleton und den ehemaligen SPD-Granden Dohnanyi und Clement geführt wird, offenbart ein Debatten-Defizit bei den politischen Redaktionen und der herrschenden politischen Klasse des Landes. Joachim Käppner schrieb in der Süddeutschen: “Hier hat sich ein kluger Mann verrannt in seiner Lust an der Provokation, mit seinen Thesen über 'das stille Dahinscheiden des deutschen Volkes', gebärfaule deutsche Frauen und völkisch-genetische Identitäten. Wenn er jetzt als Bramarbasierer von der Bundesbank dasteht, ist er selber schuld daran.” Ein solches Urteil ist ebenso schnell wie pauschal. Die Leitartikler von FAZ, SZ, Zeit und Welt halten sich zurück, lavieren oder schwenken auf den medialen Mainstream der Empörungswelle ein, ganz genau wie die versierte Machtpolitiker vom Schlage Angela Merkels oder Christian Wulffs. Der zeigt mit seiner eiligen Wortmeldung im übrigen, dass er seine neue überparteiliche und präsidiale Rolle noch finden muss.

Sogar die sonst um keine Meinung verlegene Bild weiß in der Streitfrage Sarrazin offenbar nicht so recht, wo sie stehen soll und will. Briefonkel Franz Josef lobt Sarrazin an einem Tag als “Schreiber ohne Schönworte”. Ein paar Tage später wird das Meinungs-Fähnlein neu nach dem Wind ausgerichtet und Wagner urteilt, was Sarrazin über Juden gesagt habe sei “scheiße, beschämend, widerlich”. Wirklich auseinandergesetzt hat sich Wagner mit Sarrazins, zugegebenermaßen erklärungsbedürftigen Aussagen wohl nicht. Ein Blick in die Jüdische Allgemeine wäre vielleicht hilfreich gewesen, wo die Sache mit dem Gen, deutlich entspannter gesehen wird.

Es ist halt alles nicht so einfach diesmal. Einerseits hat Bild, wie auch der Spiegel, Teile des Sarrazin-Buches vorabgedruckt. Man hat sich also mit seinen Thesen schon mal gemein gemacht. Dann hat Sarrazin aber diese Sache mit dem Gen und den Juden gesagt. In solchen Fragen reagiert man bei Axel Springer höchst empfindlich, steht die Aussöhnung mit Israel doch in den Firmen-Leitlinien.

Auch der Spiegel hat so seine Probleme mit dem “struppigen” (Matussek) Ex-Politiker Sarrazin. Den Hype um den Vorabdruck hat man an der Brandstwiete gerne mitgenommen. Dann ist man wohl ein bisschen vor der Heftigkeit der Diskussion erschrocken und schert mit dem nächsten Titel (“Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen”) gleich wieder zurück in den breiten Medien-Mainstream. Die Sarrazin-Debatte zeigt, wie sehr der politische Journalismus in seinen Ansichten und Meinungen mit der politischen Klasse verwoben ist. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Sarrazin findet derzeit woanders statt. Der politische Journalismus hat die seine Meinungsführerschaft dem Mainstream geopfert.

Stefan Winterbauer

08.09.2010
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