Hart an der Grenze des Sommerlochs würdigte Deutschland den Aufreger der letzten Wochen: Thilo Sarrazin, 65, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank und Autor des Buches "Deutschland schafft sich ab", sah sich gestern bei "Beckmann" in der ARD prominenten Widersachern gegenüber. Die Gilde der moralisch Einwandfreien haute drauf. So geriet das Format unfreiwillig zu einer paradoxen Lehrstunde im Umgang mit Minderheiten. Und: Die Integration der "Minderheit Thilo Sarrazin" misslang gründlich.
Es gibt so Abende, an denen man sich den Sportreporter Beckmann aus alten Zeiten zurückwünscht: Damals, als "ran" noch das jugendlich frische Gegenmodell von Sat.1 zur in die Jahre gekommenen Sportschau war. Damals, als Beckmann und Kerner vor ihrer professionellen Deformation in künstliche Abziehbild-Erwachsenen-Rollen anderer Formate bei "ran" noch unkonventionelle Lebendigkeit auf die Scheibe zauberten. Damals, als ihre Talente noch nicht vom Erfolg verbogen waren. Gestern war so ein Abend.
Beckmann hatte mit klerikalem Singsang zur Vernichtung Thilo Sarrazins geladen und bot seinen Gästen die Bühne, um ihr moralisch einwandfreies Aggressionspotential einem offensichtlich sozial völlig überforderten Sarrazin zur Verfügung zu stellen.
Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben. Schnell wurde klar, er hätte es lieber bleiben lassen sollen: Der Nobelpreis für Literatur wird in diesem Jahr an Sarrazin vorbeigehen. In seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" werden abenteuerliche Theorien zu Intelligenz und Migration mit Interpretationen statistischer Erhebungen verbunden und mit unsensiblen Bemerkungen über genetische Prädispositionen zu einem wissenschaftlich-sinnlosem Ganzen verwirrt.
Bemerkungen über "Juden-Gene", oder "Engländer" stießen – zu Recht – auf die Kritik der deutschen Öffentlichkeit. Sarrazin selbst war in der Vergangenheit immer mal wieder für Bemerkungen gut, die eines bewiesen: Der alte Mann ist alles, nur nicht Mainstream. Und: integrative Verbindung mit anderen gehört ebenso wenig zu seinen vordringlichsten Kompetenzen wie Diplomatie.
So bot das "Gesamtpaket Sarrazin" der ARD die Bühne für eine erfolgreiche Inquisition: Schnell war Blechmanns Welt eingeteilt in Gut und Böse. Mit Ausnahme des SPD-Parteifreundes Olaf Scholz, der im Sarrazin-Vernichtungskrieg eher gemäßigt "den Schweizer" abgab, und mit Ausnahme der türkischstämmigen Integrationsministerin von Niedersachsen, Aygül Özkan (CDU), schlug man drauf: Mal wissenschaftlich klug und gesteuert moderat, wie der TV-Moderator Rangar Yogeshwar. Mal von oben herab, marktschreierisch moralisierend, wie Renate Künast (Grüne).
Man verprügelte die Minderheit am Tisch. Schnell wurde klar: Sarrazin kann sich nicht wirklich wehren. Beckmann and friends (die "Lieben am Tisch") zogen wieder und wieder Waffen aus Ihrem Arsenal von Kontakt und Konflikt, spielten sich Bälle zu, und schossen sich ein. Und der von der Tagespresse als "Tabubrecher" und "Provokateur" geadelte Sarrazin antwortete zunehmend leise, kraftlos und müde. Wie ein Hamster im Laufrad suchte Sarrazin nach Halt und ertrank letztlich als Autist im Meer empört-vergnügter Rhethoriker. Bei aller sachlichen Berechtigung für das Thema war diese Vorführung aus verschiedenen Gründen peinlich. Mit Daniela Katzenberger, so dachte man als Zuschauer, hätte dieser Kreis nicht so umgehen können…
Reinhold Beckmann als Gastgeber nutzte die Gunst der Stunde: Endlich, so schien es, bot sich ihm eine Möglichkeit, das eigene, pseudotherapeutisch-pastorale Moderatoren-Bild um eine dynamisch- konfrontative Facette zu bereichern und so den gelernten Betroffenheits-Flokati (Urban Priol) zu verlassen.
So würgte er munter die Antworten des erfolglos nach Boden suchenden Sarrazins ab. Beckmann erhob mahnend seine hohe Stimme, und unterbrach – weil er schon mal dabei war – zunehmend weitere Gesprächsteilnehmer: Als wäre dem Moderator beim Öffnen eines inneren Konfrontationsventils die Kontrolle verlorengegangen. Als wäre Thilo Sarrazin nach all den Beckmann-Jahren zerfließend verständnisvoller Moderatoren-Attitüde endlich einmal eine Gelegenheit, die Blutgrätsche der alten "ran"-Zeiten auszupacken: Damals, als Fußballer noch Kämpfer und Moderatoren noch richtige Männer mit Ecken und Kanten waren.
Allein: Die Ecken und Kanten des Moderators blieben künstlich, bemüht und gelernt. Letztlich trieb die Beckmann-Runde mit unterschiedlichen Strategien Sarrazin in die Ecke, wie Schlachtvieh: Das hatte, so dachte man, durchaus ansatzweise Züge von Gewalt.
Als das nicht mehr half, weil Sarrazin nicht mitspielte und sich mit zunehmend reduzierter Energie in seinen Antworten stereotyp auf abenteuerliche Sachzusammenhänge konzentrierte, wechselte Beckmann die Strategie und erzählte ("Ich springe mal aus meiner Moderatorenrolle...") von seinem sozialen Engagement im Umgang mit türkischen Jugendlichen. Spätestens an dieser Stelle wusste selbst der letzte Zuschauer: Im Gegensatz zu Sarrazin muss der Beckmann wohl einer von den Guten sein.
Ein peinlicher Abend.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Presse um Sarrazins Buch wurde gestern von Beckmann die Chance verspielt, den Protagonisten und Autor abenteuerlicher Äußerungen als erste Talkshow zu wirklichem Gespräch und Auseinandersetzung zu bewegen. Das hätte etwas werden können. Das hätte mit allem Ernst die Fortsetzung eines nötigen Gespräches zu einem wirklich bedeutsamen Thema werden können.
Im Ergebnis allerdings wurde deutlich, wie dürftig die Integrationsfähigkeit exakt derjenigen ausgeprägt ist, die sich Integration, Kontakt und Beziehungsfähigkeit auf ihre eigenen Fahnen schreiben möchten. Die "kulturelle Minderheit Thilo Sarrazin" zumindest wurde durch die herausragenden Fähigkeiten der Beckmann-Runde nicht integriert.
Lernen konnte man dennoch: Der Abend geriet – unfreiwillig – eher zu einem Beispiel, wie man das Thema der Integration auf gar keinen Fall gestalten sollte….
Sarrazin tut sich das an, "…um die Auflage zu steigern". So geht seine Talk-Show-Tour Mittwoch bei Frank Plasberg in die nächste Runde. Nach Beckmann gestern darf man getrost darauf gespannt sein, ob der Titel des Plasberg-Formates zutrifft. Ob es also hart wird. Und fair.
Mehr über den Autor: www.lesko.ch
Der Entwurf eines Leistungsschutzrechts für Verlage im Internet lässt weiter auf sich warten. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nun in einer Rede bei der CDU Medianight durchblicken lassen, dass es auch sobald mit dem Gesetz nichts werden dürfte. Mit einer "einfachen Rechtssetzung" sei es nicht getan, es gelte, eine gesellschaftliche Diskussion zu führen. Bei der "jungen Generation"... mehr...
Wenn am Samstag der Eurovision Song Contest in Baku über die Bühne geht, können einem beim Zuschauen gemischte Gefühle beschleichen. In die Freude über schräge Teilnehmer wie die Russen-Omas und die Spannung, wie Roman Lob abschneidet, mischt sich ein ungutes Gefühl. Gerade hat die BBC in einer Reportage eindrucksvoll die Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld des Song Contests und die... mehr...
“Was ist das”, werden Sie jetzt eventuell fragen. Streetside war die Antwort des Redmonder Softwareriesen auf Google Streetview. Im vergangenen Jahr mit gleich 50 Städten gestartet scheint Microsoft den Service unerwartet in die Sommerpause geschickt zu haben. Seit dem Wochenende ist der Webdienst nicht mehr erreichbar. Woran lag es? Mangelnde Nutzung? Zu hohe Kosten? In einem Blog gibt... mehr...
Seit einigen Jahren ist die Glamour-Shopping-Week der größte Auflagenbringer für das Magazin, auch in diesem Jahr lief es hervorragend. Ausgabe 4/2012 verkaufte sich dank Rabattkarte für viele Geschäfte so gut wie kein Heft seit zwei Jahren. Mit einem Einzelverkauf, der mehr als 40% über dem Glamour-Normalniveau lag, gewinnt das Heft auch die neueste Ausgabe des MEEDIA-Kiosk-Checks -... mehr...
Mit Empörung hat der Deutsche Journalisten-Verband auf den im Internet kursierenden Mordaufruf eines Islamisten reagiert. Darin wird unter anderem dazu aufgerufen, Redakteure eines Fernsehsenders zu ermorden, die Demonstranten der rechtsextremen Vereinigung Pro NRW mit Mohammed-Karikaturen gezeigt hätten. Urheber des via YouTube und auf zahlreichen Websites verbreiteten Videos ist ein... mehr...
Die Neue Zürcher Zeitung ist gerade dabei, sich digital neu zu erfinden. Die Digital-Abteilung um Peter Hogenkamp hat parallel zur bestehenden Website NZZ Online die Beta-Version des neuen Web-Auftritts live geschaltet. Die Marke NZZ Online soll verschwinden, Online- und Print-Redaktion wurde zusammengelegt, es wird schrittweise eine Paywall nach Vorbild der New York Times eingeführt... mehr...
Während Facebook sich außergerichtlich mit Klägern einigen muss, die juristisch gegen Werbung in ihrem Namen vorgegangen waren, hat Twitter seine Tracking-Pläne offenlegt. In den neuen Datenschutzrichtlinien erklärt das Social Network, an welchen Stellen im Web man plane, Nutzerdaten zu sammeln und was mit ihnen passiere. Vorbildlich: Twitter erklärt, wie man sich diesem Tracking... mehr...
Peter-Matthias Gaede zieht gegen die Gegner des Urheberrechts ins Feld: Der Geo-Chef hat eine Erklärung verfasst, in dem er die Chefredakteure in Deutschland dazu aufruft, den Wert des geistigen Eigentums offensiv zu verteidigen. Immer mehr Musiker, Autoren und Künstler bezögen Position "gegen das Freibeutertum", nur die Chefredakteure schwiegen bislang. Gaede schweigt nicht - und... mehr...
Es ging sportlich zwar um gar nichts, aber trotzdem war der Fußball am Dienstagabend wieder das dominierende TV-Programm. 5,07 Mio. Fans sahen im Ersten das Freundschaftsspiel zwischen Bayern München und der Nationalmannschaft der Niederlande - ein starker Marktanteil von 18,5% und der klare Tagessieg. Auch im jungen Publikum war das Spiel ein Hit, hier siegte aber die RTL-Serie "CSI:... mehr...
"Die süße Falle: Diabetes" titelte der Focus am 16. April und bewegte damit deutlich mehr Menschen als in den Wochen zuvor, dass Münchner Magazin zu kaufen. Bei den am Dienstag veröffentlichten IVW-Zahlen für die Verkaufswoche 16 kommt der Focus damit auf 140.324 Heftverkäufe im Einzelhandel (Kiosk, Supermärkte, Tankstellen & Co.) bei einem Gesamtverkauf von 581.419 Exemplaren. Weniger... mehr...