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Medien-Professor Pörksen über die Spitzel-Affäre

"Outsourcing publizistischer Drecksarbeit"

In der Diskussion über die Beschattungen von Politikern kristallisiert sich eine zentrale Frage heraus: Wo ist die Grenze zwischen hartnäckiger, aber seriöser Berichterstattung und dem Stalking von Prominenten und Politikern durch Journalisten oder deren Dienstleistern? Medien-Professor Bernhard Pörksen spricht im MEEDIA-Interview über das komplizierte Verhältnis zwischen Journalisten und Prominenten und darüber, ob Medienunternehmen einen neuen Kodex brauchen.

Nach Bekanntgabe der Beschattungen von Franz Müntefering, Oskar Lafontaine und Horst Seehofer wird kontrovers diskutiert, ob und, wenn ja, wann so eine Recherche zu vertreten ist. Wie stehen Sie dazu? 

Eine solche Recherche hat nichts mit einer journalistischen Recherche zu tun, wenn sie tatsächlich in dieser Form stattgefunden hat. Vielmehr handelt es sich um Schnüffelei auf der Suche nach dem "Beziehungs-Scoop", der vielleicht für die Leser von Klatschgeschichten interessant sein mag. Wie gesagt, noch liegen nicht alle Fakten auf dem Tisch. Aber wenn die Sache stimmt, haben wir es hier mit einer neuen Geschäftsidee zu tun: Outsourcing von publizistischer Drecksarbeit, die keine öffentliche Relevanz besitzt.

 

In welchem der genannten Fälle war ein öffentliches Berichterstattungsinteresse gegeben?

In keinem der genannten Fälle. In der Regel bekommt man zu hören: Das Private sei politisch. Und privates Fehlverhalten erzeuge gleichsam automatisch politisches Fehlverhalten. Aber: Die Behauptung einer unbedingten Identität von öffentlich-politischem Handeln und privatem Verhalten ist Unsinn. Einzig über Oskar Lafontaine kann man wenigstens kurz diskutieren. Dass Lafontaine womöglich vor der Bundestagswahl wusste und entschieden hatte, dass er nach der Wahl nicht mehr für den Fraktionsvorsitz zur Verfügung stehen würde – das ist tatsächlich eine Nachricht. Die mögliche Ursachen- und Tiefenforschung in Richtung von Ehekrise und Liebesgeschichte ist dagegen kein Terrain für den seriösen Journalismus.

 

Vor Jahren thematisierte Sänger Herbert Grönemeyer die Trauer um seine verstorbene Frau auf dem Bestseller-Album "Mensch". Gleichzeitig ging er anwaltlich gegen jene Medien vor, die ihn und seine neue Freundin zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht hatten.

Was dieses Beispiel zeigt, ist, dass Prominente ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Öffentlichkeit haben. Da macht kaum einen Unterschied, ob man in der Musikbranche unterwegs ist oder auf politischem Gebiet agiert. Die Protagonisten der Berichterstattung wollen gezeigt werden – aber bitte ganz und gar so, wie sie sich selbst sehen. Insofern ist dies ein durchaus typisches Muster: Man meint, man könne und müsse Berichterstattung – notfalls auch mit äußerst robust agierenden Medienanwälten – regulieren; Privates ließe sich je nach eigener Stimmung und dem Befinden der PR-Berater in die Öffentlichkeit bringen oder wieder aus ihr entfernen. Nach meinen Beobachtungen greift hier jedoch eine sehr viel schärfere, sehr viel härtere Unterscheidung: Entweder man gibt Privates preis – oder man verweigert sich fundamental, darum geht es. Die Zwischenformen sind kaum durchhaltbar.

 

Es gibt in Deutschland den Pressekodex, der auch die Wahrung der Persönlichkeitsrechte anspricht. Wird diesem in der Medienpraxis zu wenig Beachtung geschenkt?

Da tue ich mich mit einer pauschalen Antwort schwer, einfach um einmal für einen kurzen Augenblich nicht in die üblichen Klagen über die zunehmende Boulevardardisierung und den Verlust der journalistischen Moral einzustimmen. Der Pressekodex ist, ohne dass man die Zitate auf der Zunge tragen würde, durchaus bekannt – und auch die nun aufflammende Empörung zeigt ja paradoxer Weise, dass man sehr genau weiß, wo die ethisch-moralischen und auch die juristischen Grenzlinien verlaufen. Den etwas widersprüchliche Mechanismus, der sich hier beobachten lässt,  kann man auf die Formel bringen: Die Normverletzung stabilisiert die Norm, führt sie uns vor Augen, bekräftigt sie.

 

Sollten verantwortungsbewusste Medienunternehmen einen eigenen Verhaltenskodex entwickeln, wie mit Promis und Politikern umgegangen wird?

Ich glaube nicht, dass wir einen neuen Kodex brauchen. Aber wird brauchen eine Debatte über die Agenda der öffentlichen Relevanz und den Grad der professionellen Distanz, den guter Journalismus existenziell benötigt. Aus meiner Perspektive – und ganz unabhängig von diesem Fall und den möglichen Spitzeldiensten – ist Prominentenjournalismus ein vielfach korruptes, gleichsam mafiös anmutendes Gewerbe, in dem permanent Informationen und Intimitäten gegen Publizität getauscht wird. Es wäre wunderbar, wenn diese Stern- Geschichte den Auftakt für weitere Enthüllungsberichte über das Verhältnis von Journalismus und Prominenz bilden könnte. In diesem Feld fehlt uns tatsächlich die harte, investigative Recherche, die – im Dienste des öffentlichen Interesses – auch einmal Grenzen überschreitet.

 

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er – gemeinsam mit Jens Bergmann – das Buch "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung";  2007 gaben Jens Bergmann und Bernhard Pörksen das Buch "Medienmenschen" heraus, dass das Verhältnis von Journalismus und Prominenz zum Thema macht.

26.02.2010

Christine Lübbers

MEEDIA RÜCKBLICK

  • 27.05.2010 Presserat stellt Verfahren im Fall Bunte ein
  • 02.03.2010 Spitzel-Affäre: die neuen Stern-Enthüllungen
  • 26.02.2010 Fälscherverdacht: Spitzelaffäre immer bunter

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