Ein totgesagtes Medium treibt in der Krise neue Blüten. Während große Verlage ihr Portfolio ausdünnen, findet auf der entgegengesetzten Seite des Marktes ein Boom statt: Immer mehr junge Journalisten bringen ihre eigenen Magazine heraus – im Eigenverlag, mit hohen Ansprüchen und kleinen Auflagen. Letzte Neuerscheinung im Segment dieser "Lifestyle-Inteligenzija" ist "Opak". Unter dem Subtitel "Wir müssen reden" quasseln hier allerdings zu viele Stimmen durcheinander.
"Wir müssen reden", das klingt wie der Gegenentwurf zum erfolgreichen G + J-Titel "Neon". Der hatte nämlich bis 2006 den Untertitel "Eigentlich sollten wir erwachsen werden", kommt spielend leicht daher und wirkt oft wie eine "Bravo" der 20- bis 35-Jährigen. "Opak" dagegen will deutlich schwergewichtiger auftreten, schon der Titel verspricht ein gewisses Maß an Komplexität: opak bedeutet einerseits "trüb" oder "undurchsichtig", andererseits beschreibt der Begriff laut Internet-Lexikon einen "sprachlichen Kontext, in dem es nicht möglich ist, Ausdrücke durch andere mit gleichem Bedeutungsumfang zu ersetzen, ohne dadurch den Wahrheitsgehalt der Aussage zu verändern". Hier meint es jemand ernst!
In der Debüt-Ausgabe des monothematisch angelegten Hefts will sich die Redaktion mit der "Zäsur" befassen. Chefredakteur Oliver Koch, früheres Bandmitglied von "Tomte", schreibt schon im Editorial, wie sich die Autoren über diesen Begriff (und anscheinend viele andere Dinge) in die Haare bekamen: "Im Laufe der ersten Heftproduktion prallten Vorstellungen über Arbeitsweisen und Weltsichten derart zusammen, dass nur etwas sehr Diverses entstehen konnte." Wie sie das Thema "Zäsur" etwa ins Heft kriegen wollten, darüber schien sich bis zum Schluss niemand im Klaren gewesen zu sein. Denn die erste "Opak"-Ausgabe ist vieles, aber sicher kein monothematisches Magazin zum Thema "Zäsur".
Stattdessen ein Durcheinander der Themen und Blickwinkel, der Formen und Fachbereiche. Auch beim Layout überwiegt dieser Eindruck. Fotos in allen erdenklichen Größen bebildern zahlreiche Bleiwüsten, dann wieder der umgekehrte Eindruck von Kleinsttexten im typografischen Gegeneinander. Man muss suchen, um sich im 82-seitigen Gewimmel zurechtzufinden.
In den Ressorts Politik, Musik, Literatur, Draussen, Mode, Kunst, Film und Technik wird über die gegenwärtige Finanzkrise ("Sehnsucht nach Hölle") genauso wie über die Musikbranche ("Strukturen aus dem Nichts"), Medienphänomene ("Geschürte Brüche") oder die deutsche Gamer-Szene ("Geistige Leere und Abklatsch") geschrieben. Vieles ist interessant zu lesen, oft kommen die Autoren zu überraschenden Ergebnissen. Mal analytisch, kommentierend oder erzählend, mal abseits jeder journalistischer Form wird hier geschrieben, was das Zeug hält – als arbeite sich eine Schar von Autoren an ihren jeweiligen Lieblingsthemen ab.
Das Magazin als heftgewordene Studentenparty: Man kommt herein, sucht den Gastgeber, nimmt auf dem Weg zwischen Küche, Wohnzimmer und Balkon an allerhand wichtigen Diskussionen teil, ohne am nächsten Morgen noch zu wissen, worüber eigentlich gestritten wurde. Meinungsstärke schön und gut, Chefredakteur Oliver Koch schreibt denn auch im Editorial "Wir können Meinungen haben, wir können sie bündeln und abbilden. Hier und da über die Stränge schlagen, impulsiv sein, dann wieder kritisch distanziert oder nüchtern beschreibend." Gut geschrieben. Eine Stimme findet "Opak" darüber allerdings nicht. Vielleicht findet sich die Redaktion ja bis zur zweiten Ausgabe zusammen.
"Opak" ist seit dem 27. März für 4 € im Bahnhofsbuchhandel und an ausgewählten Kiosken erhältlich.
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