Die Rettung für gebeutelte Lokalverlage? Motivierte Bürgerreporter stellen ihre eigenen Artikel online und die ortsansässige Zeitung kann die Texte und Bilder kostenlos übernehmen und damit ihre Print-Seiten füllen. Genau so funktioniert das Madsack- und WAZ-Investment MyHeimat.de. Klingt nach Ausbeutung, aber offenbar schreiben die Nutzer begeistert mit. Damit die Augsburger noch mehr Hobby-Reporter zum Mitmachen bewegen können, präsentiert sich das Portal ab heute komplett überarbeitet.
Das Ziel des Relaunches ist: „Neue Nutzer sollen schneller und besser verstehen, dass sie als Bürgerreporter zusätzlich auch in angeschlossenen Heimat-Zeitungen abgedruckt werden können“, erklärt MyHeimat-Geschäftsführer Martin Huber gegenüber MEEDIA. Um dieses Ziel zu erreichen haben die Augsburger das Portal aufgeräumt und überall immer wieder Hinweise platziert, die zeigen, welcher Nutzer wie oft in welcher Publikation abgedruckt wurde.
MyHeimat hat mittlerweile über neun Verlagspartner wie die WAZ-Gruppe, die Mediengruppe Pressedruck oder die Madsack Gruppe, die jeweils ihre Tageszeitungen und Wochenblätter mit dem Amateur-Content auffüllen. Für die Print-Partner sind die MyHeimat-Texte längst ein wichtiger Bestandteil ihrer redaktioneller Planung: „Jede Woche werden mittlerweile mehre hundert Texte von unseren Reportern gedruckt“ sagt Huber. „Tendenz stark steigend“.
Durch das MyHeimat-Modell geben die Lokalredaktionen allerdings die Kontrolle über die Textinhalte ab. Im Tagesgeschäft wird es kaum möglich sein, die Fakten und Quellen eines Amateur-Journalisten gegen zu checken.
Das Geschäftsmodell von MyHeimat basiert auf einem Abo-System. Die Regionalverlage schließen eine Text-Flatrate ab, die es ihnen erlaubt, so viele Artikel, wie sie wollen von den Amateur-Schreibern zu übernehmen. „Die Preise für die Verlags-Verträge hängen von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ab und variieren im Preis zwischen 12.000 Euro und 25.000 Euro im Jahr“, sagt Huber.
Das Verbreitungsgebiet des Portals konzentriert sich noch stark auf Bayern, das Ruhrgebiet und Niedersachsen. Die aktivsten MyHeimat-Orte sind aktuell Augsburg, Günzburg, Garbsen, Gersthofen und Neustadt am Rübenberge.
Das Bürgerreporter-Portal ist noch immer Mehrheitlich im Besitz der Gründer um Geschäftsführer Huber. Doch das Hamburger MediaLab, ein Joint-Venture von Madsack und der WAZ-Gruppe, hält eine Minderheitsbeteiligung.
Die klassischen MyHeimat-Artikel beschäftigen sich der Berichterstattung über lokale Sportereignisse, Blaulicht-Storys und den typischen Regional-Aufregern um Supermarkt-Schließungen, Baustellen oder Vereinsfest. Alles Themen also, die von vielen Journalismus-Profis oftmals belächelt werden, die Menschen in ihrer lokalen Realität jedoch beschäftigen. Huber und seinem Team ist es dabei gelungen eine Plattform zu bauen, die die Nutzer und ihre scheinbar trivialen Themen ernst nimmt: Den Kaninchenzüchter genauso wie den Modellbaufreund.
Innerhalb von 1,5 Jahren verfassten bislang über 30.000 Bürgerreporter 150.000 Beiträge und luden über 400.000 Bilder hoch.
Die Bedeutung seines Angebotes sieht der Chef immer stärker wachsen. Denn immer mehr Regional-Verlagen bleibt gar nicht anderes mehr übrig als auf hyperlokale Berichterstattung zu setzten. „Mit ihren überregionalen Mantelteilen kann doch keine Heimatzeitung mit den großen Blättern wie der ‚Zeit’ oder der ‚SZ’ bestehen“, sagt der Geschäftsführer. „Auch im Web können die Lokalverlage nicht mit bundespolitischen Themen gegen Spiegel Online & Co. punkten. Das einzige Zukunfts-Konzept kann deshalb nur im lokalen liegen. Genau hier beliefern wir die Medienhäuser in Zeiten immer knapperer Budgets mit guten Geschichten aus erster Hand.“ Huber glaubt, dass dabei alle Gewinnen: Die Bürgerreporter dürfen ihre Geschichten erzählen und wenn sie gut sind werden sie gedruckt. Die Zeitungen wiederum kommen so an günstigen und lokal relevanten Content.
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Letzte Kommentare
23.11.09 12:51
gunga chris
Ich bin seit Mai 2008 aktiver User auf myheimat.
Einige Teile meiner Berichte wurden im Lokalteil der NEUEN PRESSE wiedergegeben, aber nicht auf Kosten der Lokalredakteure. Für die Rubrik myheimat hat Madsack extra Redakteure, die uns User/innen die Möglichkeit geben, mit "netten" Alltagskram auch mal in der Printausgabe zu stehen.
Was die Fotos anbelangt, wir haben etliche unter den myheimatlern, die Top Bilder machen.
Wenn ich teilweise Bilder im Net sehe oder auch in Zeitungen, da können unsere User locker mithalten.
Ich finde die myheimat-Plattform sehr gut, es ist ein reger Kommunikationsaustausch mit anderen Usern vorhanden. Und das über regionale Grenzen!
Das neue Outfit der Seite ist noch nicht 100% benutzerfreundlich, aber damit können wir leben.
Und ich betone nochmals,
kein Lokalreporter verliert durch uns seinen Job!
13.11.09 12:18
Werner Ernst
"Keine Sorge, wegen dieser Texte werden bestimmt keine Lokaljournalisten gefeuert. "
Die Realität bei den ländlichen Lokalredaktionen sieht definitiv anders aus.
"Bürgerreporter" mit Handy-Photos sind ja gratis...
12.11.09 15:21
Dirk Schmidtke Website
Keine Sorge, wegen dieser Texte werden bestimmt keine Lokaljournalisten gefeuert.
http://www.mediencity.de/MyHeimat-bringt-Buergerjournalisten-in-die.5938.0.2.html
11.11.09 18:02
Werner Ernst
Schöne neue Welt. Lokaljournalisten werden wegrationalisiert, ambitionierte Rentner schreiben deren Geschichten für lau und der Verleger hält die Hand auf. Mal wieder klasse und tiefgründig hinterfragt, liebes meedia-Team.
11.11.09 17:04
Marian Semm Website
Hallo zusammen,
also es wäre mir neu, dass sich Zeitungen bei den myHeimat-Titeln bedienen würden - zumindest im großen Stil habe ich das noch nicht gesehen und es würde m. E. auch nur punktuell Sinn machen, diese Inhalte zu drucken, nämlich da, wo wirklich ein breites Interesse besteht (siehe Long-Tail-Argument meines Vorkommentators Tom). Papier ist ein viel zu teures Medium für Nischeninhalte.
Angebote wie myHeimat, Heddesheimblog, Hüllhorst-Online lösen über kurz oder lang mit SIcherheit immer höheren Druck auf die Regionalverlage aus - wenn diese Anbieter es erst mal verstehen, regionale Online-Werbung geschickt zu vermarkten, dürften auch die ersten Schmerzen entstehen.
Regionalverlage öffnen durch Ausdünnen der Redaktionskapazität in der Fläche aus Kostendruck entsprechende Flanken - klingt für mich nach einem Teufelskreis.
Momentan höre ich aus deren Reihen, dass sich die Printprodukte weitaus leichter vermarkten lassen. Von welcher Seite die Torte angeknabbert wird ist für das Gesamtergebnis wohl auch egal...
Ein passender Seitenaspekt dazu ist "Die Angst des Chefredakteurs vor Online first!", die mich neulich zu einem Blog-Beitrag inspiriert hat (http://www.marian-semm.de/2009/10/online-first-fitnesstest/).
Marian Semm
P.S. Die neue myHeimat-Seite gefällt mir auch wesentlich besser als die alte...