Überraschung in Stuttgart: Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck verkauft ihre wichtigsten Print-Titel an den ehemaligen Chef Dieter von Holtzbrinck. Der übernimmt mit der neu gegründeten Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH (DvH Medien) zu je 100% die Verlagsgruppe Handelsblatt und die Berliner Tagesspiegel-Gruppe, sowie einen 50%-Anteil am Hamburger Zeit-Verlag. Er verzichtet dafür auf Ansprüche, die ihm noch aus seiner Trennung von der Verlagsgruppe zustehen.
Inzwischen wurde auch die offizielle Bestätigung der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck veröffentlicht. Darin heißt es u.a.: "Mit diesem Schritt vergrößert die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ihren Spielraum, um in Zeiten einer weltweiten Rezession und des Umbruchs im Medienbereich ihre strategischen Pläne zu realisieren. Und weiter: "Die bestehenden Kooperationen zwischen der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und den von der DvH Medien übernommenen Verlagen in den Bereichen Online, IT, Anzeigenvermarktung, bei Veranstaltungen u.ä. werden fortgeführt und ausgebaut." Auch Dieter von Holtzbrinck betont die Zusammenarbeit der beiden Firmen. In einem Interview bei seiner Neuwerbung Handelsblatt.com antwortet er auf die Frage nach dem künftigen Verhältnis: "Freundschaftlich, eng, partnerschaftlich, familiär." Gerade im Hinblick auf die 50:50-Teilung des Zeit-Verlags kann an einer solch engen Partnerschaft auch kein Weg vorbeigehen. Stefan von Holtzbrinck sagt dazu in dem Interview: "Wir werden dort einen fünfköpfigen Aufsichtsrat einrichten, der grundsätzliche Entscheidungen treffen wird. Dieser Aufsichtsrat wird paritätisch besetzt, das fünfte Mitglied wird gemeinsam bestellt." Operativ führe den Zeit-Verlag allerdings künftig Dieter von Holtzbrinck.
Für die Verlagsgruppe ist der Verkauf zwar kein Abschied aus dem Print-Geschäft, neben "Handelsblatt", "Zeit" & Co. gehören u.a. noch einige Regionalzeitungen (z.B. die "Saarbrücker Zeitung"), Wissenschaftsmagazine wie das "Spektrum der Wissenschaft" und Buchverlage zum Unternehmen, doch ein riesiger Einschnitt ist er definitiv. Mit Dieter von Holtzbrinck entsteht zudem ein neuer Player auf dem Markt. Welche Bedeutung der Deal für die Mitarbeiter der betroffenen Zeitungen und Zeitschriften hat, steht in den Sternen. Auf jeden Fall werden sie künftig unter einem Verleger arbeiten, der dem Print-Geschäft mehr Zuneigung schenkt als Noch-Besitzer Stefan von Holtzbrinck.
Offenbar kam es zu dem Geschäft, weil Verlagsgruppen-Chef Stefan von Holtzbrinck unter enormem Druck stand. Nach dem Ausscheiden von Dieter von Holtzbrinck soll dem ein jährlicher zweistelliger Millionenbetrag zugestanden haben, kress.de spricht von 30 Mio. Euro jährlich. Diese Auszahlungen habe die Geschäfte der Verlagsgruppe zuletzt extrem belastet - nun also der Befreiungsschlag. Wie kress weiter berichtet, soll der ehemalige Holtzbrinck-Vize Michael Grabner zum Team des Neu-Verlegers Dieter von Holtzbrinck stoßen. In dem Handelsblatt.com-Interview sagt Holtzbrinck dazu: "Ich habe noch keine abschließenden Überlegungen zur künftigen Organisationsstruktur. In jedem Fall wird es eine kleine und schlanke Organisation sein. Ob mich dabei der eine oder andere frühere Kollege unterstützen wird, ist im Moment noch offen."
Der 67-jährige Dieter von Holtzbrinck stieg 1970 in die von seinem Vater Georg von Holtzbrinck aufgebaute Verlagsgruppe ein und übernahm zunächst als Geschäftsführender Gesellschafter die Leitung der Handelsblatt GmbH. Er integrierte später die "Wirtschaftswoche" und "DM" und erwarb weitere Beteiligungen an Tageszeitungen. 1980 übernahm Dieter von Holtzbrinck schließlich die Geschäftsführung der übergeordneten Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, sein Vater wechselte an die Spitze des Aufsichtsrates. Nachdem er das Geschäft der Verlagsgruppe in allen Bereichen stark ausgebaut hatte, übergab er im Mai 2001 an seinen 22 Jahre jüngeren Halbbruder Stefan von Holtzbrinck und wechselte selbst an die Spitze des Aufsichtsrats. 2006 schied Dieter von Holtzbrinck schließlich aus der Verlagsgruppe aus und begann sein Vermögen, mit dem er 2006 auf Platz 54 der Liste der reichsten Deutschen stand, schrittweise in eine Familienstiftung zu übertragen. Das Interesse am Print-Geschäft verlor Dieter von Holtzbrinck allerdings nicht. So bemühte er sich 2007 u.a. darum, gemeinsam mit Investoren die "Süddeutsche Zeitung" zu übernehmen, scheiterte damit jedoch.
Reiner Print-Mann ist Dieter von Holtzbrinck allerdings nicht: Anfang 2009 stieg er beim Wiener Online-Reiseführer Tripwolf.com ein. Tripwolf wurde im Sommer 2008 von MairDumont und der i5invest Beteiligungs GmbH gegründet. Und hier schließt sich ein kleiner Kreis, denn ebenfalls seit Anfang 2009 gehört Michael Grabner, nun bei DvH Medien im Gespräch, zum Beirat von i5invest.
Die Top-Manager der Verlagsgruppe tagen im Übrigen derzeit in der Nähe des österreichischen Skigebietes Arlberg. Von dort stammt auch die erste Stellungnahme des "WiWo"-Chefredakteurs Roland Tichy. Per Blackberry schrieb er in sein Twitter-Account (Tippfehler haben wir nicht korrigiert): "Merkwuerdig. Die grössten Sensationen haben ihren ursprung nicht in den metropolen, sondern in einem von der welt abgeschnittenen bergkaf".
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Letzte Kommentare
26.03.09 15:01
Andre Hellmann Website
Hm. Ich hätte ja jetzt gedacht, dass zuerst die VZs abwandern müssen. Wovon finanziert sich denn dann Holtzbrinck in Zukunft die digitalen Abenteuer? Von den Verlusten der Web-Töchter?