Der Journalist Richard Gutjahr war der weltweit erste iPad-Käufer. Für den BR moderiert er eine Internet-Sendung und in der Abendzeitung hat er eine Technik-Kolumne. Weil er privat in Israel weilte, ist Gutjahr kurzentschlossen nach Kairo geflogen und berichtet im Netz von den Unruhen in Ägypten. Im Interview mit MEEDIA spricht er über seine Eindrücke und die Kritik von Blogger-Kollegen, die ihm Selbst-Inszenierung vorwerfen. Wenige wissen: Gutjahr hat Erfahrung als Kriegs- und Krisenreporter.
Wie sind Sie nach Kairo geflogen?
Mit einer El-Al-Maschine von Tel Aviv aus. Mein erster Gedanke war ursprünglich, über einen der Checkpoints im Süden Israels nach Ägypten einzureisen. Das war aus vielerlei Gründen zu riskant, zumal die Grenzübergänge zeitweise auch immer wieder geschlossen wurden. Dann erfuhr ich von dieser letzten Maschine direkt nach Kairo.
Warum sind Sie nach Kairo geflogen?
Ich bin Journalist. Wenn es Informationsbedarf gibt, dann ist es unser Job, diese Informationen einzuholen. Ich saß in Tel Aviv und habe am Bildschirm und online miterlebt, wie zunächst das Mobilfunknetz, dann das Internet und ganz zum Schluss auch noch die Übertragung von Al Jazeera abgeschnitten wurde. Das war der Moment, wo ich mir gedacht habe - Moment, bis zur Grenze sind es keine 100 Kilometer...
Wie arbeiten Sie in Kairo?
Ich bin viel auf den Straßen unterwegs. Spreche mit Leuten und mache auch Fotos; mit dem Handy, denn mein Fotoapparat wurde mir gleich am ersten Tag von einem Soldaten abgenommen. Der Vorteil eines Handys als Reporterwerkzeug: man fällt in der Menge nicht mehr auf. Hier fotografieren und filmen alle mit ihrem Handy.
Für wen arbeiten Sie in Kairo?
Für jeden, der wie ich vor wenigen Tagen noch selbst die Ereignisse am Fernseher oder am Computer mitverfolgt und auf der Suche ist nach möglichst glaubwürdigen Augenzeugenberichten aus erster Hand. Gerade weil das Internet ja in diesem Konflikt eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielt , könnte ich mir vorstellen, dass ich dazu beitragen kann, diesen Bedarf, gerade auch im Netz, zu füllen. Deshalb twittere ich, blogge regelmäßig und beantworte zwischendurch auch telefonisch Fragen für Rundfunkkollegen oder Zeitungen.
Was sind Ihre Eindrücke?
Die Atmosphäre ist schwer in Worte zu fassen. Hier bricht gerade etwas auf, was über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte hinweg unter der Oberfläche gebrodelt hat. Egal wen man fragt, jeder auf der Straße erzählt einem, dass dieser Tag überfällig war. Was mich besonders beeindruckt, ist, dass es tatsächlich ein Protest des Volkes ist und nicht politisch oder religiös von einer einzelnen Gruppe ausgeht. Hier sind Männer, Frauen, junge und alte Menschen gemeinsam auf der Straße. Diese Hoffnung, diese Entschlossenheit in den Gesichtern. So etwas erlebt man selten.
Welchen Erkenntnisgewinn bringt Ihr Trip bisher?
Dass sich die Kommunikation verändert hat. Facebook war sicher nicht der Auslöser für die Proteste, gerade die Rolle von Al Jazeera in diesem Konflikt wird viel zu selten gewürdigt. Allerdings wenn man die Menschen mit ihren Handys so beobachtet, wird einem klar, dass sich Information nicht mehr einfach so steuern lässt. Das alte Sender-Empfänger-Prinzip hat nicht ausgedient, wird aber neuerdings flankiert von der unmittelbaren Kommunikation der Menschen untereinander.
Einige Blogger kritisieren, dass es Ihnen nur um Selbstdarstellung ginge. Was entgegen Sie dem Vorwurf?
Ich bin Blogger aber hauptberuflich bin ich Journalist. Ich habe schon Mitte der 90er Jahre über den Jugoslawien-Krieg aus Kroatien berichtet, vor zwei Jahren habe ich den Ausbruch des Gazakriegs für Tagesschau und Tagesthemen gecovert. Ich war einer der ersten ARD-Mitarbeiter, die vor über ztehn Jahren das damals neu eingeführte Bundeswehr-Training für Journalisten in Krisengebieten durchlaufen hat. Was ich hier tue, ist also nichts Ungewöhnliches für mich. Dass man von anderen Bloggern kritisiert wird, gehört zum guten Ton. Das ist ja gerade das Faszinierende am Netz, dass es sofort Feedback gibt. Am Ende zählt die Arbeit, die man leistet. Egal für welches Medium.
Wer die Arbeit von Richard Gutjahr unterstützen will, kann dies auf seiner Website tun. Richard Gutjahr hat ein Flattr- und ein PayPal-Konto eingerichtet, die helfen sollen, seine Reise-, Telefon- und Onlinekosten zu decken.
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