Ein neuerlicher Dämpfer für die Qualitätsbemühungen des neuen dpa-Chefredakteurs Wolfgang Büchner: Die Deutsche Presse-Agentur hat sich am Wochenende für einen Fälschungs-Skandal in den eigenen Reihen entschuldigt und Konsequenzen gezogen. Ein Mitarbeiter hatte im Zusammenhang mit dem jüngsten Bundeswehr-Skandal in Mittenwald zahlreiche Zitate frei erfunden, darunter die eines Bürgermeisters, aber auch von Anwohnern und die eines deutschen Soldaten.
Am Freitag zog dpa den Korrespondenten-Bericht mit dem Titel "Gesoffen wird doch überall - Mittenwald hadert mit der Truppe" zunächst nur zurück, am Samstag teilte der größte deutsche Nachrichtenlieferant schließlich mit, die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Mitarbeiter per sofort beendet zu haben. Nach MEEDIA-Informationen handelt es sich um einen langjährigen und bisher stets zuverlässigen freien Mitarbeiter, der auch für bayerische Lokalzeitungen schreibt. Wolfgang Büchner ließ im eigenen Dienst mitteilten, dpa bedauere den Vorfall "zutiefst und entschuldigt sich bei ihren Kunden sowie dem Bürgermeister von Mittenwald, Adolf Hornsteiner (CSU), und anderen falsch zitierten Personen".
Hornsteiner war in dem am 10. Februar verbreiteten Bericht fälschlicherweise mit beschwichtigenden Äußerungen zu den Vorgängen bei den Gebirgsjägern zitiert worden. In dem Bericht kam auch "eine junge Frau, die lieber anonym bleiben will" zu Wort, die ihrem Bürgermeister beigepflichtet habe und zwar mit den Worten "Gesoffen wird doch überall. Was glauben Sie denn, wie es hier auf dem Land zugeht, wenn einer bei den Trachtlern oder der Blasmusik dazugehören will." Frei erfunden sei auch die Äußerung eines Soldaten, der "selbst bei den Gebirgsjägern war", wie es in dem dpa-Text hieß, den dpa nun auf diversen Seiten löschen ließ.
Den dpa-Angaben zufolge hat der ehemalige Mitarbeiter zugegeben, "dass er weder mit Hornsteiner noch mit anderen in seinem Bericht zitierten Personen wie einem angeblichen ehemaligen Gebirgsjäger Werner Gropp gesprochen" habe. Die Zitate stammten "aus Internet-Foren oder waren frei erfunden". Der Text, der von vielen Zeitungen und Webseiten übernommen wurde, war am Sonntag vielfach gelöscht, fand sich aber zunächst noch über den Google-Cache, etwa hier.
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Letzte Kommentare
16.02.10 15:02
Nicki Mahnken
@ rolf spiegelhalter
Sie haben Recht, Qualitätsjournalismus setzt eine ordentliche Recherche voraus. Das kann aber keineswegs bedeuten, dass der Chef nach einem Interview alle Gesprächspartner seiner Angestellten abtelefonieren muss. Man stelle sich mal vor, was in den Köpfen der Leute vorgeht, wenn die hinterher gefragt werden: "Herr Soundso, war heute mein Kollege X bei Ihnen? Welche Fragen hat der Ihnen denn gestellt?"
Das eigentliche Problem an der Sache ist, dass immer weniger Leute mehr leisten sollen - und zwar für weniger Geld. Ich kann nur spekulieren, was in diesem Fall die Motive waren. Möglicherweise war ihm der Aufwand für den erwarteten Ertrag zu gering? Viele Freie arbeiten heutzutage ja für Stundenlöhne (vom Zeilengeld umgerechnet), über die 12-Jährige Babysitter nur müde lächeln würden. Da es sich hier um einen langjährigen, "verdienten" Mitarbeiter handelt, sollte er etwas besser gestellt sein. Es bleibt also ein Rätsel, warum dieser Mensch so verantwortungslos gehandelt hat. Meiner Einschätzung nach wird es nicht das erste Mal gewesen sein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand immer korrekt arbeiten und plötzlich reihenweise Zitate fälscht. Ne, dahinter steckt Methode, würde ich sagen.
Verhindern kann man so etwas nur, wenn man Leute mit hohen moralischen Grundsätzen einstellt. Aber die werden meistens nicht Journalist. Bleibt also nur die Möglichkeit, wieder mehr Geld in gute Arbeit zu investieren. Wenn zwei Leute an einem Fall arbeiten (kann auch Reporter plus Fotograf sein), ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Zitate erfunden werden.
16.02.10 11:37
Wilhelm Bartl
Hallo DPA, Vertrauen ist gut, Wissen ist besser.Als demokratische Staatsbürger müssen wir nun zunächst den Medien vertrauen, dass ihre Produkte der Wahrheit entsprechen denn darauf können wir dann unser Wissen aufbauen um dann als verantwortliche Staatsbürger unser Urteil zu fällen. Hier hat die für uns Staatsbürger so wichtige Pressefreiheit einen Tiefschlag erlitten!
Wilhelm Bartl Seehausen
15.02.10 18:06
Knarzkopp Knüddel
Das passiert doch immer und überall. Macht es zwar nicht besser, aber zumindest braucht man nicht mit dem Finger zeigen.
Wenn der Chef gute Aussagen von Passanten oder sowas braucht, man aber keine bekommt, dann werden die eben kurzerhand ausgedacht. Man sollte natürlich vermeiden, namentlich nachverfolgbaren Menschen etwas anzudichten, denn die könnten sich beschweren. Wenn aber "ein Passant" etwas sagt. Oder "Vivian P. aus D." dann kann das keiner nachprüfen. Daher müssen sog. Qualitätsmedien auch besonders solche "Quellen" meiden, die nicht nachprüfbar sind. Das ist aber gar nicht möglich. Dazu fehlt die Zeit. Man müßte vom Reporter verlangen, von jeder Quelle und sei es nur "die Frau, die leicht benommen herumstolpert" die Kontaktdaten aufzunehmen. Diese müßten dann später überprüft werden. Davon ausgehend, daß auch die echten Daten herausgegeben wurden.
Das ist alles nicht möglich und daher läuft es wieder auf Vertrauen heraus. Das ist natürlich immer eine gefährliche Quellenlage...aber ohne geht es auch nicht.
KK
15.02.10 13:33
Wolfgang Lub
Hallo,
Ich gehe davon aus, dass dies nicht der erste Fall dieses Mitarbeiters war. Es werden häufig Lügen und tendenziell Falschnachrichten verbreitet und/oder kopiert.
Gruß WL
15.02.10 11:52
Matthias Henkel
Hallo Herr Demmer,
danke für diesen offensiven Umgang mit einer falschen Berichterstattung. Für mich gewinnt die dpa an Glaubwürdigkeit wenn Sie Fehler ganz klar benennt und Konsequenzen zient.
Aus meiner Sicht ist der nächste Schritt, dass sie auch mit Vorabmeldungen z.B. der Bild-Zeitung verantwortlich umgehen. D.h. diese nur dann verbreiten wenn sie von Ihnen geprüft wurden.
Dank + Gruß