Schon lange predigen die Online-Evangelisten, dass sich in Zeiten des Web 2.0 Journalisten zu ihrer eigenen Marke entwickeln müssen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist der Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz auf dem besten Weg, ein Meister seines Fachs zu werden. Der Hamburger ist jetzt bei Facebook. Doch statt wie andere Print-Macher schlicht eine Profilseite anzulegen, gönnt sich der Chefredakteur seit dem gestrigen Dienstag eine eigene Fan-Seite – bislang aber nur mit 177 Fans.
"Über die hübsche Pointe, dass eine solche Seite im Facebook-Deutsch 'Fan'-Seite heißt, hab ich auch schon gelacht. Die englische Formulierung 'Public Figure' trifft besser, was gemeint ist“, sagt der Springer-Journalist gegenüber MEEDIA. Tatsächlich steht hinter der Entscheidung für eine Fan-Page eine grundsätzliche Überlegung: "Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, bei Facebook als Privatperson aufzutreten", erklärt der 44-Jährige. "Wenn ich ein privates Profil habe, bin ich im eigentlichen Sinne nicht öffentlich, sondern nur für meine Freunde zugänglich. Als Chefredakteur des Hamburger Abendblatts bin ich aber bis zu einem bestimmten Grad eine Person öffentlichen Interesses. Als solche berichte ich auf dieser Seite über meine Arbeit und stelle meine Meinung zur Diskussion. Persönliche Nachrichten behalte ich auch weiterhin meinen Freunden vor."
Unter facebook.com/claus.strunz ist nun der Chefredakteurs
des Hamburger Abendblatts bei Facebook zu erreichen
Damit spricht Strunz tatsächlich einen neuralgischen Punkt an, unter dem Journalisten leiden, die aktiv diverse Social-Media-Kanäle nutzen. Denn auf den Facebook- oder Twitter-Profilen der meisten Redakteure, Reporter oder Chefredakteure findet sich oftmals eine ungelenke Vermischung von privaten Postings und beruflichen Notizen, Linkhinweisen oder gar Kommentaren.
Dem entgegnet Strunz also nun mit seiner Fan-Page. Das erste Posting am Dienstagmorgen lautete: "Meinungen gibt es viele und die eigene muss nicht immer die richtige sein. Deshalb freue ich mich an dieser Stelle über knackige Statements, angeregte Diskussionen und gute Tipps."
Gegen ein Uhr schrieb Strunz dann: "Treffe heute Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, den Nachfolger von Roland Koch, zum Interview. Wir fragen uns und ihn: Ist er der neue Hardliner der CDU? Und: ist das überhaupt noch zeitgemäß?" Immerhin drei Personen gefällt das Posting – zu recht, wie sich wenig später zeigen wird. Denn der ehemalige BamS-Chef zieht an seinem Facebook-Premierentag gleich mal alle Register und stellt wenige Stunden später einen kurzen Video-Clip online, in dem der Ministerpräsident die Frage gleich beantwortet.
Durch die ungewöhnliche Fan-Page-Konstruktion spart sich der Print-Experte und TV-Moderator eine Sorge, denn eine Privatperson darf bei Facebook nicht mehr als 5.000 Freunde haben. Marken, Sport- oder Rockstars können auf der US-Plattform dagegen so viele Anhänger sammeln wie sie wollen.
Einige Kollegen zeigen sich schon einmal zufrieden, dass der Abendblatt-Boss den Weg in das Social Network gefunden hat. So kommentiert Boris Hächler, ehemalige Chefredakteur von Burdas eingestellter Klatsch-Postille Chattr: "Das Strunz'sche Mesozoikum scheint beendet, willkommen schöne neue Welt… ;-)"
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