Es war ein Treffen zwischen alten und neuen Medien. Axel Springers Vorstandschef Mathias Döpfner lieferte sich mit "Huffington Post"-Gründerin Arianna Huffington beim Monaco Media Forum ein Streitgespräch. Döpfner verteidigte seine Paid-Content-Strategie. Freier Zugang zu Informationen sei eine der "absurdesten Thesen", die er je gehört habe, eine "Idee von Web-Kommunisten". Huffington konterte: "Wir freuen uns auf den Wettbewerb, wenn Sie Geld für etwas verlangen, das wir kostenlos anbieten."
Döpfner begründete seine Paid-Content-Pläne mit zwei Argumenten: Erstens komme es auf die Qualität der Inhalte an. Für interessante Inhalte hätten die Leute schon immer gezahlt. Zweitens brauche es rechtliche Rahmenbedingungen, die die Investitionen der Inhalte-Produzenten schützen. Sonst würde niemand mehr teure Inhalte produzieren. Das hässliche Wort Leistungsschutz schwebte durch den Raum, wurde aber nicht ausgesprochen. Vielleicht, weil es ihm Englischen keine treffende Bezeichnung dafür gibt.
Sowohl Döpfner als auch Huffington schwören auf eine Mischform aus Exklusiv-Geschichten und aus anderen Medienquellen zusammengetragenen Inhalten. Döpfner: „Die Realität ist Hybrid, es gibt kein Entweder-Oder. Von Nutzern generierter Journalismus ist eine Bereicherung und eine wundervolle Informationsquelle.“ Döpfner erläuterte, das seit Gründung der „Bild“-Leserreporter 2006 über 500.000 Fotos von Lesern eingereicht wurden. 12.000 davon wurden veröffentlicht, davon über 2.000 auf der Titelseite von „Bild“. Insgesamt habe der Verlag für die Leserfotos über zwei Millionen Euro an Honorar gezahlt.
Bei der „HuffPost“ dagegen würden an die 2.000 Blogger für umsonst schreiben. „Wenn wir so arbeiten würden, würde unsere Profit-Marge auf 80 Prozent klettern“, so Döpfner, der in Richtung Arianna Huffington hinzufügte: „Dann verhandeln aber sie bitte auch mit den Gewerkschaften.“
Würde die „HuffPost“ Reporter bezahlen, die in anderen Ländern investigativ recherchieren, wäre ihr Geschäftsmodell tot, mutmaßte Döpfner. Laut Schätzung von Döpfner mache die „HuffPost“ pro Jahr einen Umsatz zwischen sechs und zehn Millionen Dollar und pendle um den Break-Even. Im selben Jahr, als die „HuffPost“ gegründet wurde, habe Axel Springer eine Tageszeitung in Polen gegründet, so Döpfner. Die sei innerhalb von zwei Jahren profitabel gewesen und erwirtschafte heute mehr Profit als die „HuffPost“ Umsatz macht. Wobei sich Arianna Huffington auch während der Diskussion nicht dazu hinreißen ließ, Zahlen für ihr Unternehmen zu verkünden.
Es gebe nicht viel, was die Leute wirklich interessiere, so Döpfner weiter. Im wesentlichen seien das Sex und Crime oder, wie er für die „gebildeten Schichten“ hinzufügte, „Eros und Thanatos“. Diese Geschichten müssten gut erzählt und konsumentenfreundlich aufbereitet mit einfachen Bezahlsystemen zur Verfügung gestellt werden, so Döpfner. Dann funktioniere auch Paid Content.
Die Medienkrise bezeichnete der Axel-Springer-Chef als eine Krise des Journalismus: „Die Journalisten machen ihren Job nicht gut genug und die Verlage begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Wir sollten über Inhalte diskutieren und nicht über Vertriebskanäle.“ Gleichzeitig mahnte er den fehlenden rechtlichen Rahmen an, der die Inhalte-Produzenten schützen müsse. Döpfner: „Es kann nicht sein, dass es da die doofen Old-School Guys gibt, die haufenweise Geld in Inhalte investieren. Und dann gibt es die smarten New-School-Guys, die das stehlen.“
Den Vorwurf des Content-Klaus wollte Ariana Huffington nicht auf sich sitzen lassen. „Es tut mir leid das zu sagen: Obwohl sie unglaublich überzeugend sind, liegen sie doch unglaublich falsch“, sagte sie zu Döpfner.“ Die „HuffPost“ achte sehr genau auf Urheberrechtsbestimmungen, erklärte sie. Ihre Redakteure würden sogar regelmäßig in Urheberrechtsfragen geschult. Es habe noch nicht eine einzige Klage oder Beschwerde wegen übernommenen Inhalten gegeben. „Im Gegenteil! Täglich erreichen uns hunderte Anfragen von traditionellen Medienhäusern, die wollen, dass wir auf ihre Geschichten verlinken. Weil sie wissen, dass wir massenweise Traffic bringen.“
Die „HuffPost“ verdiene mit Werbung bereits Geld, versicherte sie, wollte aber keine Zahlen nennen. „Für eine Weile können sie ihr Modell mit bezahlten Abos noch aufrechterhalten“, sagte Huffington zu Döpfner, „aber auf lange Sicht ist das die Vergangenheit.“
Konsumenten seien heute gewohnt, ins Web zu gehen und Inhalte auf vielfältige Weise zu suchen. Nutzer wollten selbst auch kommunizieren, Inhalte weiterleiten, verändern. Dies seien neue Nutzungsgewohnheiten, die sich laut Huffington nicht mehr ändern lassen.
Wenn man die Interessen der Konsumenten auf Sex und Crime reduziere, tue man ihnen unrecht, argumentierte Huffington. die „HuffPost“ biete eine gewaltige Bandbreite an Inhalten von Politik bis hin zu Promi-Klatschgeschichten. Das Verhalten vieler traditioneller Medienunternehmen erinnere sie an die US-Autoindustrie aus Detroit, so Huffington. Die hätten auch jahrelang die neuen Nutzungsgewohnheiten der Konsumenten ignoriert, weiter spritschluckende SUVs gebaut und am Ende nach Staatshilfen gerufen.
„Sie können vielleicht mit Lobbyarbeit das Urheberrecht beeinflussen“, sagte sie zu Döpfner gewandt, „aber nicht die veränderten Nutzungsgewohnheiten der Leute.“ Es sei unmöglich, so Huffington weiter, heutzutage wirklich exklusive Inhalte zu produzieren. Niemand würde für Inhalte im Netz bezahlen, außer für Pornographie und hoch spezialisierte Finanzinformationen.
Eine vielfache Verwertung sei die neue Exklusivität, Transparenz die neue Glaubwürdigkeit, sagte die Web-Verlegerin. Wer mit freien Inhalten Geld verdienen wolle, müsse sie möglichst breit online streuen. Außerdem könne die neue Art, online zu arbeiten, den Journalismus verbessern. Online würden auch Fehler gemacht, aber sie würden schnell und fortlaufend korrigiert.
Außerdem hätten viele traditionelle Journalisten ihre Unabhängigkeit verkauft, um zu den Mächtigen „dazuzugehören“. Als Beispiel nannte Huffington das Versagen von Finanzjournalisten beim Vorhersehen der Finanzkrise. Auch Regime hätten erkannt, dass sich eine handvoll traditioneller Journalisten leichter instrumentalisieren lassen, als tausende und abertausende von Tweets, Facebook-Einträgen und Blogs.
Den investigativen Journalismus will Huffington mit einer von ihr ins Leben gerufenen Stiftung fördern. „In ein paar Jahren“, so prophezeite sie Döpfner, „haben Sie selbst auch ein Blog und werden erkennen, die Zukunft ist free“.
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