"Das gab es noch nie", kündigte Spiegel Online die neue Ausgabe des gedruckten Mutter-Magazins an. Tatsächlich handelt es sich bei der aktuellen Titelstory um einen echten Enthüllungs-Scoop. In Kooperation mit der New York Times und dem Guardian werteten die Hamburger fast 92.000 geheime Dokumente des Afghanistan-Kriegs aus. Die brisanten US-Militärprotokolle stammen von der Whistleblower-Website Wikileaks. Alle drei Redaktionen veröffentlichen ihre Storys zeitgleich am heutigen Montag.
Der Hinweis schien rätselhaft: "Aus redaktionellen Gründen ist die E-Paper-Ausgabe des neuen Spiegel 30/2010 erst ab Sonntag, 23 Uhr, verfügbar", war am Samstag überraschenderweise auf der Homepage von Spiegel Online zu lesen. 25 Stunden später als sonst? Entweder wurde noch an einer brandaktuellen Titelgeschichte mit allerheißester Nadel gestrickt – oder ein großer Coup schien in der Mache.
Letzter wurde dann am Sonntag kurz vor Mitternacht enthüllt: "Das gab es noch nie", kündigte die Online-Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins in ungewohnten Superlativen die Titelstory der heutigen Ausgabe an: "Fast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt."
Wikileaks: Über 6 Jahre Dokumentation des Afghanistan-Krieges
Möglich gemacht hat das eine zuletzt immer heißer diskutierte Quelle: Die sogenannte Whistleblower-Website Wikileaks, die Eingeweihte nach dem Wikipedia-Prinzip anonym mit Dokumenten füllen können, bei denen ein öffentliches Interesse besteht. Erstmals in den Fokus der breiten Öffentlichkeit rückte Wikileaks im April dieses Jahres, als die Website ein geheimes Bordvideo eines US-Kampfhubschraubers im Irak veröffentlichte, bei dessen Angriff Zivilisten getötet wurden.
Nun ist der Afghanistan-Krieg dran. Seit gestern Nacht um 23 Uhr – eben jener Uhrzeit, zu der die E-Paper-Ausgabe des Spiegel online ging – sind auf bei Wikileaks die brisanten Protokolle des inzwischen fast neun Jahre währenden Krieges online. Die Berichte erstrecken sich von einem Zeitraum von Anfang 2004 bis Ende 2009 und wurden nach Angaben von Wikileaks von Soldaten und Geheimdienstoffizieren gemacht, die Einblicke in die militärischen Aktionen der USA haben.
Der Spiegel hat sie "in einer internationalen Kooperation zwischen Redaktionen, wie es sie in der Geschichte des Spiegel noch nie gab" ("Hausmitteilung") mit der New York Times und dem britischen Guardian analysiert.
Jeff Jarvis: "Die Moral von Wikileaks: es gibt KEINE Geheimnisse"
"Die Dokumente sind ein Fenster zum Krieg in Afghanistan", schreibt Spiegel Online. "Wer sich künftig über ihn informieren will, wird ohne dieses Logbuch nicht mehr auskommen." Ergebnis: "Alle drei Medien sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass die Dokumente authentisch sind und ein ungefiltertes Bild des Krieges bieten - aus Sicht der Soldaten, die ihn kämpfen", schreibt das Hamburger Nachrichtenportal.
Bereitgestellt hat die Dokumente Julian Assange, australischer Chef vom WikiLeaks, mit der Motivation, "Druck auf die verantwortlichen Politiker machen", wie es im heute erscheinenden Spiegel heißt. Dieser Druck ist dann auch in Washington direkt angekommen: "Wir verurteilen die Veröffentlichung von geheimen Informationen, welche die Leben von Soldaten aus den USA oder anderen verbündeten Nationen und unsere nationale Sicherheit gefährden können", erklärte Ben Rhodes, Direktor für strategische Kommunikation im Nationalen Sicherheitsrat der USA.
Im Social Web schlägt die Wikileaks-Dokumente erwartungsgemäß hohe Wellen. "Die Moral von Wikileaks: Es gibt KEINE Geheimnisse", twitterte etwa Jeff Jarvis. Internet-Journalist Mario Sixtus kritisiert dagegen etwa die Online-Aufbereitung des Spiegel-Titels: "Spiegel nutzt SpOn als Teaser fürs Papier, Guardian stellt ein Dossier nebst Original-Dokumenten & Spreadsheet online".
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Letzte Kommentare
26.07.10 11:53
Barbara Zimmermann Website
So was ähnliches hab ich sowieso schon lange gedacht, dass wir nur falsch informiert werden, auf deutsch ANGELOGEN darüber, wie es dort zugeht.
Allein das Geschleime um das Wort "Krieg" von unseren Politikern ist nicht zum Aushalten.
Wen wundert dies eigentlich noch, wir ( "Normalbevölkerung") sind in Europa weit weg, verwunderlich ist nur, dass einige von den Militaristen noch nicht komplette Automaten sind, sondern sowas wie ein Gewissen zu haben scheinen, und dies sogar zum Ausdruck bringen. Wie heisst es zum Trost :
Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.
26.07.10 08:26
Marc Michels Website
Tippfehler Zeile 3: Guardian statt Gurdian