Der Streit zwischen Verlegern und der ARD wegen der "Tagesschau"-App für das iPhone zeigt vor allem zwei Dinge: Erstens ist der Streit über die mit Gebühren finanzierte Web-Konkurrenz durch ARD und ZDF auch nach der jüngsten Novelle des Rundfunkstaatsvertrags nicht vom Tisch. Zweitens: Die Hoffnungen deutscher Medienunternehmen orientieren sich fast manisch an erfolgreichen Technik-Firmen wie Apple oder Google. Dabei ist die Aufregung um eine "Tagesschau"-App tatsächlich unbegründet.
"Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke hatte, ob bewusst oder unbewusst, reichlich Öl ins Feuer gegossen, als er gegenüber der dpa sagte: "Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Ranking der schönsten News-Ladys zu präsentieren oder eine Tiger-Woods-Fotostrecke." Das war von einem sehr hohen ARD-Ross herunter kommentiert. Gerade so, als ob die "Tagesschau" für die "echten" Nachrichten zuständig wäre und die privaten für den ganzen Trash. Dabei sind es gerade private Print-Medien wie "Spiegel" oder die "Süddeutsche Zeitung", die in Deutschland für hochklassigen Enthüllungsjournalismus stehen und weniger die "Tagesschau", die eher ihre Rolle als seriöser Chronist pflegt.
Gniffke sagte freilich auch, man werde mit der App in erster Linie "Hartholz" präsentieren und damit hat er wahrscheinlich dann auch wieder Recht. Auch das Web-Angebot Tagesschau.de ist ein journalistisches Voll-Angebot in bewährter "Tagesschau"-Tonalität und damit sehr öffentlich-rechtlich. Je nach Perspektive oder persönlichem Geschmack kann man das als staubtrocken oder superseriös empfinden. Das wird zwar auch gelesen, gegen die Online-Platzhirsche Spiegel Online und Bild.de kommt Tagesschau.de aber nicht an. So ähnlich dürfte es auch beim iPhone sein. Springer hat zwar nun das Problem, dass sie die Nutzer überzeugen müssen, dass es sich lohnt, für die Bild.de und Welt.de-App Geld zu bezahlen, aber das Problem hätte man auch ohne die "Tagesschau"-App. "Focus" und "Stern" haben auch kostenlose iPhone-Apps am Markt und sind thematisch den Springer-Apps wahrscheinlich näher als die angekündigte "Tagesschau"-App.
Der ARD-Vorsitzende und SWR-Intendant Peter Boudgoust verweist in einer Stellungnahme außerdem auf den Einklang mit dem Rundfunkänderungsstaatsvertrag und unterstellt den Kritikern, es gehe ihnen "nicht um die Umsetzung der gesetzlichen Regelungen, sondern darum, uns von den Entwicklungen im Netz abzukoppeln." Die Empfindlichkeiten bestehen ganz offensichtlich auf beiden Seiten. Während die Seite der privaten Medien sofort aufschreit, ARD und ZDF würden Wettbewerbsverzerrung mit Gebührengeldern betreiben und die Medienvielfalt abwürgen, schimpfen die Öffentlich-rechtlichen, man wolle sie vom digitalen Zukunftsgeschäft weghalten.
Dabei haben private Medien und der öffentlich-rechtliche Rundfunk doch über Jahrzehnte friedlich nebeneinander existiert. Aber nun sind die Kassen klamm und die Nervenkostüme gereizt. Dabei wird weder der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschafft noch werden private Medienhäuser untergehen. Und wenn ein gutes Medienprodukt mit schlüssigem Konzept gestartet wird, dann wird es auch erfolgreich sein. Egal ob auf dem iPhone, am Kiosk, am Internet oder irgendwann auf einem Tablet PC. Die Konzentration auf das eigene Produkt ist entscheidend, nicht der Blick auf andere.
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