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Kai Schächtele zum Freischreiber-Kongress

"Der bitteren Wahrheit ins Gesicht gucken"

Kaum eine Redaktion kommt ohne sie aus, und die Bedeutung der freien Mitarbeiter für die Medienproduktion wird in Zukunft sogar noch zunehmen, meint Kai Schächtele, Gründer und Vorsitzender des Vereins Freischreiber. Die Mitglieder des vor zwei Jahren gegründeten Verbands diskutieren am Samstag auf ihrem Zukunftskongress in Hamburg über den Medienwandel, seine Folgen und Chancen. MEEDIA sprach mit Schächtele über die Arbeitssituation der "Freien" und das Verhältnis zu anderen Journalistenverbänden.

Herr Schächtele, fühlen sich die freien Journalisten durch den Deutschen Journalisten-Verband nicht gut vertreten oder warum wurde der Verein Freischreiber ins Leben gerufen?

Am Anfang haben wir gar nicht darüber nachgedacht, ob wir uns von DJV oder ver.di gut oder schlecht vertreten fühlen. Wir hielten es für sinnvoll, dass sich die Freien zusammenschließen und etwas aufbauen, was sich dezidiert nur den Interessen der freien Journalisten widmet. Dies war aus unserer Sicht notwendig, und natürlich schwingt da mit, dass freie Journalisten mit der Arbeit der etablierten journalistischen Gewerkschaften nicht immer zufrieden waren. Wir fanden, dass die Interessen der Freien im Zweifel immer nach hinten rutschten. Aber den Ausschlag gab, dass wir mit den Arbeitsbedingungen der freien Journalisten unzufrieden waren.

Wie positioniert sich Freischreiber zwischen den anderen journalistischen Interessenvertretungen?

Wir haben uns als Stimme der Freien etabliert, unsere Arbeit wird in der Branche als selbstverständlich angesehen. Wir versuchen, wo es passt, mit den anderen journalistischen Interessenvertretungen zusammen zu arbeiten. Aber es gibt gleichwohl auch Kollegen, die das, was wir machen, mit Argusaugen betrachten, die sich persönlich angegriffen fühlen. Da spielt meiner Meinung auch Eitelkeit eine Rolle, und die haben dann eine ganz andere Sicht auf unsere Arbeit, sie tun sich sehr viel schwerer damit, gemeinsam mit uns für die gleiche Sache zu kämpfen, zu streiten und zu diskutieren. Mit denen ist eine Zusammenarbeit schwieriger.

Sind sie also Rivalen?

Wir begreifen uns nicht als Konkurrenz. Es würde uns allen schaden, wenn wir uns in internen Grabenkämpfen aufreiben würden. Es gibt Kollegen in den Gewerkschaften, die uns als Konkurrenz betrachten, aber das ist nicht unser Problem.

Ist es schwierig für Freischreiber Mitglieder zu gewinnen?

Freie Journalisten sind eine sehr große und heterogene Gruppe. Die Motive, warum sie frei arbeiten, sind sehr unterschiedlich. Einige sind gezwungen frei zu arbeiten – sie haben ihre Redakteurstelle verloren oder keinen Job gefunden. Sie sind also nicht freiwillig frei und bekennen sich gegenüber der Branchenöffentlichkeit nicht gerne als solche. Sie fühlen sich von dem, was wir machen, nicht angesprochen. Die Journalisten, die gerne frei arbeiten, merken, dass es in einer Zeit des medialen Strukturwandels notwendig ist, sich mit anderen zusammenzuschließen, sich auszutauschen und gemeinsam eine starke Stimme aufzubauen. Und sie werden bei uns Mitglied.

Freischreiber gibt es seit knapp zwei Jahren. Welche Erfolge kann der Verein vorweisen?

Der größte Erfolg ist, dass wir da sind, dass wir etwas aufgebaut haben, was in der Branche als vollkommen selbstverständlich angesehen wird. Das haben wir zum Beispiel gemerkt, als „Die Zeit“ vor wenigen Monaten einen Autoren-Vertrag zurückgezogen hat. Diese Aktion war auch ein gutes Beispiel dafür wie ich mir eine Kooperation mit den journalistischen Gewerkschaften vorstelle. Der Deutsche Journalisten Verband hat Rechtsmittel eingelegt, Freischreiber hat den Vertrag veröffentlicht. Diese Mischung aus juristischem und öffentlichem Druck hat dazu beigetragen, dass der Vertrag zurückgezogen und überarbeitet wurde. Die neue Version ist wesentlich autorenfreundlicher und ich glaube, diesen Erfolg können wir uns zuschreiben. Aber wir geben auch Statements ab, etwa zum Thema Leistungsschutzrecht, nehmen an Podiumsdiskussionen teil und machen eigene Aktionen.

Ende 2009 haben Sie die Kampagne „Ohne Freie fehlt was“ initiiert. Beiträge von Freien in den Printmedien wurden komplett geweißt. Was haben sie mit dieser Aktion beabsichtigt?

Wir wollten zeigen, was passieren würde, wenn freie Journalisten von heute auf morgen ihre Arbeit einstellen würden. Wir wollten, dass die Öffentlichkeit sieht, wie Medien tatsächlich entstehen und welchen Beitrag freie Journalisten dazu leisten. Und wir haben am Beispiel der Stuttgarter Zeitung, von PM, brand eins und dem Feinschmecker gezeigt, dass viele Printmedien ohne den Anteil der freien Journalisten nur noch halbvoll wären.

Wie waren die Reaktionen darauf?

Es gab viele Freie, die sich bei uns bedankt haben dafür, endlich mal offensichtlich gemacht zu haben, wie wichtig Freie für den Medienbetrieb sind. Es gab Leser, die einen solchen Einblick aufschlussreich fanden. Und Chefredakteure wie Gabriele Fischer von brand eins sagten in den flankierenden Interviews Sätze wie: „Viele Freie sind genau die, die es geschafft haben – nämlich wirklich unternehmerisch zu arbeiten.“ Wir waren mit dem Feedback auf die Kampagne sehr zufrieden.

Der Deutsche Journalisten-Verband hat in jahrelanger Diskussion „gemeinsame Vergütungsregeln“ für freie Tageszeitungsjournalisten durchgesetzt. Freischreiber hält nicht viel davon. Warum?

Mit dieser angeblich angemessenen Honorierung wurden Honorarsätze in Stein gehauen, von denen in Wirklichkeit kein freier Journalist vernünftig leben kann. So etwas kann man nicht wirklich als Erfolg bezeichnen. Verleger können nicht ständig den Wert der Arbeit von Freien betonen und die Bedeutung journalistischer Qualität hochhalten, gleichzeitig ihre freie Journalisten aber auf eine Weise bezahlen, bei der man die geforderte Qualität kaum liefern kann.

Wenn freie Journalisten nicht von ihrer Arbeit leben können, wie halten sie sich dann über Wasser?

Sie machen alles Mögliche, PR zum Beispiel. Schließlich müssen sie irgendwie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Wie halten Sie es denn mit der Forderung von netzwerk recherche: „Journalisten machen keine PR“?

Die ist grundsätzlich richtig. Aber viele freie Journalisten sind nun mal auf die PR-Jobs angewiesen. Das sind die Jobs, die ihnen die Miete und die Kita-Plätze bezahlen. Und es ist nicht in Ordnung, dass die Verantwortung dafür immer auf die freien Journalisten abgewälzt wird. Die Verantwortung dafür liegt bei den Leuten, die Honorare festsetzen mit den Argumenten, dass der Markt das regele oder dass man nicht mehr bezahlen könne.

Am morgigen Samstag findet der Freischreiber-Zukunftskongress statt. Das Motto ist zweideutig „Mach's dir selbst“. Wollen Sie unbedingt auffallen?

Dieses Motto soll ausdrücken, dass wir nicht mit hängenden Mundwinkeln in muffigen Räumen sitzen und darüber diskutieren, wie schlimm alles jetzt schon ist und wie furchtbar es noch werden wird. Wir haben das Lachen nicht verlernt. Deshalb haben wir uns für das Motto entschieden. Einerseits ist es lustig, andererseits trifft es den Kern, weil es wirklich darum geht, dass wir uns selbst die Möglichkeiten erschließen müssen, mit denen wir in die Zukunft gehen können. Der Kongress beschäftigt sich damit, wie Freie ihr eigenes Profil schärfen können, wie sie ihren Alltag sinnvoll organisieren und wie weit sie als Unternehmer eigentlich gehen können.

Das Thema des Zukunfts-Kongresses ist der Medienwandel und seine Folgen. Womit werden freie Journalisten heute konfrontiert?

Zum einem gibt es zu viele freie Journalisten, zum anderen gibt es nicht genug Ressourcen und Bedarf. Das ist die bittere Wahrheit, der wir ins Gesicht gucken müssen. Aber man sollte diesen Strukturwandel nutzen und Möglichkeiten erkennen, die sich gerade erschließen. In welcher Weise sie gewinnbringend für den einzelnen freien Journalisten sind, ist mir selber noch nicht klar. Ich experimentiere auch mit allen möglichen Formaten und Ideen, ohne abschätzen zu können was am Ende an Geld dabei rauskommt. Aber das ist eben die Situation, in der wir gerade stecken.

Welche Rolle werden Journalisten in Zukunft spielen?

Die Verlage werden ihre Ressourcen für ihre Redaktionen in den kommenden Jahren nicht aufstocken. Sie sind auf den Geschmack gekommen, dass man viel effizienter arbeiten kann, wenn man eine relativ kleine Mannschaft hat, die den Betrieb steuert und organisiert und ein großes Heer an freien Journalisten, das die Inhalte liefert. Die festangestellten Kollegen werden also noch weniger Zeit haben, selbst Seiten und Sendungen zu füllen. Die Bedeutung freier Journalisten wird in der Folge zunehmen, denn wie unsere Freiflächenkampagne gezeigt hat, geht es ohne uns nicht. Unsere Stärke ist es, dass wir unverzichtbar sind.

 

Freischreiber wurde in November 2008 als Verband für freie Journalisten gegründet. Aktuell engagieren sich dort cirka 350 Journalisten. Am 18. September 2010 findet der bundesweite Freischreiber-Zukunftskongress in Hamburg statt. Als Gäste sind u.a. dabei: Annette Milz (Chefredakteurin mediummagazin), Stefan Niggemeier (Medienjournalist), Katharina Borchert (Geschäftsführerin Spiegel Online), Jakob Augstein (Freitag-Verleger) und Bernhard Pörksen (Medienwissenschaftler Universität Tübingen). 
Kosten: Für Freischreiber- und Freelens-Mitglieder 40 Euro, für Nicht-Mitglieder 90 Euro. Anmeldungen für den Kongress sind noch möglich. 

 

 

 

Mihaela Dascalu

17.09.2010
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