Endlich ist es so weit: Nach Jahren in der Warteschleife strebt das weltgrößte Online-Business-Netzwerk in den kommenden Monaten an die Börse. Nach Demand Media könnte LinkedIn damit das zweite US-Unternehmen der Generation 2.0 sein, das sich an die Aktienmärkte wagt. Am Sekundärmarkt wird LinkedIn bereits mit drei Milliarden Dollar bewertet. Im Vergleich mit dem kleineren deutschen Herausforderer Xing erscheint das höchst ambitioniert.
Es gibt noch nicht viele Ehren, die die Hamburger Xing AG an den Aktienmärkten eingeheimst hat: Auch im fünften Jahr an der Börse haben es die Hamburger noch nicht in den Auwahl-Index TecDax geschafft, obwohl das Wachstum ohne Dellen stimmt.
Auch die Wertentwicklung ist eher solide als rekordverdächtig. Bei 39,60 Euro notierte das Papier gestern, für 30 Euro debütierte das Internet-Startup, das seinerzeit noch als OpenBC firmierte, im Dezember 2006 im Prime Standard der deutschen Börse – ein Plus von 32 Prozent, ziemlich synchron zur Dax-Entwicklung. Kursexplosionen von Internetaktien sehen anders aus.
First Mover Xing: Das erste Social Media-Unternehmen an der Börse
Und doch ist Xing First Mover, wie selbst der "Alley Insider" zuletzt feststellen musste: Das Startup um Gründer Lars Hinrichs war das erste sogenannte Web 2.0- bzw. heute Social Media-Unternehmen, das den Gang an die Börse wagte. Wettbewerber LinkedIn zog es vor, erst einmal als Privatunternehmen zu wachsen, ehe die große Finanzmarktkrise das Fenster für Neuemissionen erst einmal für eineinhalb Jahre schloss.
2011 aber ist es nun im Zuge der Euphorie um Facebooks bevorstehenden Börsengang so weit: Das IPO-Fenster öffnet sich für Social Media-Unternehmen. Dass sich unterdessen aber offenbar einige Luft aufgestaut hat, wurde vergangene Woche deutlich, als LinkedIn offiziell bei der US-Börsenaufsicht SEC seine Dokumente zum IPO vorlegte.
LinkedIn: Bisher kaum Gewinne
161 Millionen Dollar setzte das mit 85 Millionen Mitgliedern bei weitem größte Online-Business-Netzwerk in den ersten 9 Monaten des vergangenen Geschäftsjahres um – und verdiente dabei lediglich 1,85 Millionen Dollar. Aufs Jahr hochgerechnet käme LinkedIn damit wohl auf einen Umsatz von über 200 Millionen Dollar und einen Gewinn in einstelliger Millionenhöhe.
All das ist noch unbedenklich: LinkedIn ist ein junges Internet-Unternehmen in der Wachstumsphase. Das Bedenkliche ist die Bewertung, die am Sekundärmarkt bewilligt wird – und der hat ein ziemlich gutes Gespür für den fairen Wert eines Unternehmens, wie im Vorfeld des Goldman-Sachs Investments für Facebook deutlich wurde.
Rasante Bewertung am Sekundärmarkt
Kurse in Höhe von 30 Dollar am Sekundärmarkt bewilligt – das entspricht einer bemerkenswerten Bewertung von 3 Milliarden Dollar! Bemerkenswert ist sie deshalb, weil LinkedIn auf Basis der vorgestellten Geschäftszahlen für 2010 eines der teuersten Internet-Unternehmen unserer Tage wäre. Ein starkes Weihnachtsquartal vorausgesetzt, hätte LinkedIn in 2010 wohl kaum mehr als 10 Millionen Dollar verdient.
Das entspräche einem aberwitzigen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 300. Dabei scheint ein KGV von 50 in diesen Tagen die Schallmauer für schnell wachsende Internehmen zu sein, wie die Bewertung von Baidu, Amazon oder Mail.ru beweist – selbst Facebook überschreitet die Größenordnung auf Basis des Goldman-Investments kaum. Schlimmer noch jedoch: LinkedIn erwartet nach eigener Aussage 2011 selbst überhaupt keine Gewinne! Ergo: Käufer am Sekundärmarkt könnten durchaus ihre Mühe haben, die drei Milliarden Dollar so schnell an der Wall Street wiederzusehen.
Xing arbeitet bislang profitabler als LinkedIn
Dies erscheint vor allem im Vergleich mit Xing, das der Börse gerade mal 211 Millionen Euro wert ist, ziemlich unrealistisch. Die Hamburger konnten im 9-Monatsvergleich immerhin knapp 40 Millionen Euro Umsatz ausweisen. Das entspricht einem Drittel von LinkedIn, obwohl Xing mit 10 Millionen Mitgliedern lediglich ein Achtel so groß ist! Die Gewinnentwicklung spricht noch deutlicher für die Hamburger: Xing konnte in den ersten neun Monaten 2010 sogar 11,5 Millionen Euro ausweisen – und wäre damit viel profitabler als LinkedIn.
Nun wird der amerikanische Platzhirsch vor dem IPO noch eine andere Kostenstruktur haben als nach der Notierung an der Börse – Personalaufstockungen und die Beratungskosten im Rahmen des IPO werden das Konzernergebnis nicht unerheblich drücken.
Bewertungen zwischen LinkedIn und Xing klaffen auseinander
Doch es fällt auf, wie sehr die Bewertungen zwischen Marktführer und dem deutschen Herausforderer auseinanderklaffen: Wenn LinkedIn zumindest nach dem Umsatz-Maßstab Xings beurteilt werden würde, dürfte das US-Business-Netzwerk kaum mit einer Bewertung von über 1 Milliarde Dollar an der Börse debütieren.
Tut LinkedIn das doch – und dafür scheinen die Chancen in der Euphorie für Social-Media-Unternehmen nicht schlecht zu stehen -, könnte eine andere Frage Investoren beschäftigen: Warum wird Xing mit einem so absehbaren Abschlag gehandelt? Xing kann dem Börsengang des Konkurrenten also ziemlich gelassen entgegensehen – und selbst am meisten davon profitieren. First Mover zu sein, lohnt sich also auch langfristig.
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