Die Zahl der Berichte, die sich kritisch mit dem Außenminister und FDP-Politiker Guido Westerwelle auseinandersetzen, hat explosionsartig zugenommen. Ein Typ wie Westerwelle hat schon immer viele Journalisten gereizt. Nun kommen mehrere Faktoren zusammen, die die Berichts-Lage eskalieren lassen. Westerwelle hat als Außenminister und Vizekanzler eine beträchtliche Fallhöhe erreicht und scheint gleichzeitig nicht mehr fähig, sich und sein Verhalten halbwegs objektiv beurteilen zu können.
Man kann nicht gerade behaupten, dass Guido Westerwelle unschuldig ist an dem desaströsen Bild, das er in der medialen Öffentlichkeit abgibt. Natürlich ist es absolut berechtigt, dass Spiegel und Co. über die Nähe von Verwandten, von seinem Lebenspartner und Geschäftsfreunden zu den Aktivitäten Westerwelles als Außenminister und den Teilnahmen an Dienstreisen berichten. Wäre Westerwelle noch in der Opposition, er wäre vermutlich am lautesten auf den Zug aufgesprungen und hätte das Verhalten dieses Außenministers als unmoralisch gegeißelt.
Und da haben wir auch gleich eines der großen Probleme von Guido Westerwelle: dieses ständige Moralisieren und laute Hochhalten einer ganz und gar spaßbefreiten Polit-Ethik. Das ist genauso verkrampft, wie früher seine aufgesetzten Guido-Mobil-Sperenzchen. Nur eben jetzt in der entgegengesetzten Richtung. Da entsteht der Eindruck von einem, der in erster Linie sich selbst und Politik darstellt. Es ist ein eklatanter Widerspruch zur selbst verordneten Authentizität, wenn einer als Herausgeber von Büchern wie "Von der Gefälligkeitspolitik zur Verantwortungsgesellschaft" grüßt und dann bei Events von Luxushotels auftritt, die sein Lebensgefährte ausrichtet. Da bettelt einer geradezu darum, von den Medien zerrissen zu werden.
Hinzu kommt, dass Westerwelle, mittlerweile offenbar zu sehr berauscht vom Erfolg, jeden Sinn für Realitäten verloren zu haben scheint. Er scheint unfähig, geistig neben sich zu treten und die Lage halbwegs objektiv zu beurteilen. Nur so ist es zu erklären, dass er mit seinem Tross durch Südamerika reist und behauptet, dies sei eine erfolgreiche Reise und alles sei in bester Ordnung, während in Deutschland sein Image und das seiner Partei in Schutt und Asche liegt.
Das Schlimme für Westerwelle sind gar nicht mal die Vorwürfe der Günstlingswirtschaft, die erhoben werden. Für ihn selbst fatal ist, wie er darauf reagiert. Statt die Vorwürfe ernst zu nehmen, zu entkräften oder – Methode Kohl/Merkel – einfach auszusitzen, geht er bei jeder Kritik hoch wie Weiland das HB-Männchen und schreit "Verleumdung".
Nun sieht die FDP in der kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Chef gar eine "Gefahr für die Demokratie". Unter dem Untergang des Abendlandes machen es die Liberalen mittlerweile nicht mehr. Ganz im Sinne ihres hysterisch agierenden Vorsitzenden. Bei Kritik wird sofort auf "die Anderen" gezeigt, die auch etwas Schlimmes gemacht hätten. Oder Kritik wird zum Beleg dafür umgedeutet, dass man selbst, als einziger "die Wahrheit" ausspricht, eine "klare Sprache" pflegt oder die berühmten "Tabus" anpackt. Dies führt zu einem in sich hermetisch abgeschlossenen Weltbild, ein sich selbst rechtfertigendes Gedankengebäude, das per Definition keinen Ratschlag von außen, keine Kritik mehr zulässt. Jeder Gegenwind wird von Westerwelle uminterpretiert, zum Beweis, dass er selbst auf dem richtigen Kurs ist und darum verschärft er noch die Gangart.
Das reizt die Medienschaffenden natürlich, weiter dagegen zu halten, den Druck zu erhöhen. Und der FDP-Chef, der so gerne Staatsmann wäre, gibt sich immer mehr der Lächerlichkeit Preis. Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Titanic spricht Bände: "Toyota ruft Westerwelle zurück - Kopfdichtung defekt, Schraube locker, nicht zu bremsen". Einer wie Westerwelle ist für Medien ein gefundenes Fressen. Er ist der Prototyp von einem, der scheinbar Wasser predigt und Wein säuft. Westerwelle wirkt wie der erwachsen gewordene Aktenkofferträger, der früher auf dem Schulhof vermöbelt wurde. Einer, bei dem man sich vorstellen kann, dass er als Jugendlicher mit einem "Kernkraft - ja bitte"-Aufkleber rumgelaufen ist. Mit seiner stets betonten Abneigung gegenüber allem, was mit der 68-er-Bewegung zu tun hat, ist er die Fleisch gewordene Antithese des Grünen-Außenministers Joschka Fischer. Trotz seiner bisweilen rabautzigen Art war Fischer immer ein Liebling der Medien. Das mag auch daran liegen, dass viele Medienschaffende in verantwortlichen Positionen eher eine geistige Nähe zur 68-er Idee als zu den Jungen Liberalen verspüren.
Nun greift der berühmte Herdentrieb. Die Story vom Karrieristen und Wendehals, der nicht merkt, wie er an seiner eigenen Hybris medial erstickt, ist einfach zu gut, um sie liegen zu lassen. Dass Westerwelle dies nicht zu merken scheint, ist kein gutes Zeichen für einen langjährigen Berufspolitiker.
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Letzte Kommentare
13.03.10 09:54
luise sommer
immer wieder erschreckende, wo weiblicher narzissmus hinführen kann ....
12.03.10 14:06
Inspecteur Clouseau
So sehr mich die desaströse Amtsführung und das dümmliche Auftreten von Guido Westerwelle nerven, so sehr schrecken mich die Meinungsmache der Medien, die den Bundesaußenminister quasi via Leitartikeln mit Kommentar-Projektilen geradezu genüsslich exekutiert.
Was hier in der deutschen Presse abgeht, halte ich in Inhalt, Duktus und Machart für mindestens ebenso bedenklich und unangebracht, wie ein Westerwelle neben der Spur. Man hat den eindeutigen Eindruck, dass die Alt-68er an den redaktionellen Schalthebeln weit über das Ziel hinaus schiessen und sich wie machterregte Pudel am Unterschenkel des politischen Gegners reiben.
Auch die Presse ist dabei, ihren Ruf als objektive kritische Instanz zu verspielen, wenn aus Nachrichtenmagazinen und der Tagespresse nur noch roter Schaum auf den blaugelben Boden tropft.
12.03.10 13:12
Ursula Rinke Website
Sehr gut geschrieben und auf den Punkt getroffen. Leider ist Herr Westerwelle wohl geistig zu unreif für die höhere Politik. Und völlig richtig 'berauscht' von Macht. Unser diesjähriger bayerischer 'Nockherberg' hat ihn wunderbar in einem Singspiel karikiert, führte aber leider auch zum Aus für den 'Protagonisten'. Nicht zuletzt durch Westerwelles Protestbrief. Die höherere Kunst der Satire scheint er also auch nicht zu verstehen. Diejenigen, die für ihn gestimmt haben, wollten vielleicht nur eine Marionette. Denn politisches Format kann man ihm nicht nachsagen.
12.03.10 12:55
Meinung S. Freiheit
Lieber Stefan Winterbauer!
Zustimmung zu Ihrer Analyse - aber Widerspruch beim Fazit: "Nun greift der berühmte Herdentrieb."
Der greift immer - da kann Westerwelle tun oder lassen, was er will.
Ich bin wahrlich kein Anhänger dieses Herren. Aber ich wundere mich nicht nur in diesem Fall, wie die Journaille sehr diffuse Vorwürfe widerkäut, statt einmal die Fakten klarzustellen. In fast allen Ergüssen zum Thema liest/hört man nur, Westerwelles Partner reise mit - und erweckt den Eindruck, er tue dies auf Staatskosten. Tatsächlich zahlt er die Touren wohl selbst.
Es wäre sicher auch interessant, mal zu schauen, welche Wirtschaftsdelegationen Westerwelles Vorgänger mitgenommen haben. Wenn man lange genug sucht, wird man dort sicher auch den ein oder anderen Parteispender oder Verwandten finden.
Dieses unreflektierte Einer-schreibt-vom-Anderen-ab geht mir mittlerweile tierisch auf den Zeiger und ist kein Ruhmesblatt für die Branche. Aktuelles Beispiel: Der widerliche Mißbrauch in - meistens - katholischen Einrichtungen. Wer wollte, konnte schon vor Jahrzehnten wissen, wie - mindestens bis in die 1970er hinein - Kinder verdroschen und/oder befummelt wurden. Neu ist an der Geschichte nix - trotzdem wird sie gerade breitgetreten, als gäbe es nicht anderes zu vermelden.
Das einzig Gute an diesem albernen Herdentrieb: In zwei Wochen redet keiner mehr von Westerwelle oder Kindesmißbrauch. Dann wird die nächste Sau durch's Dorf getrieben. Spricht noch jemand von Rüttgers Kauf-Gesprächen oder Frau Käßmanns Spritztour?
Ebent...
12.03.10 12:18
Tobias Knobloch Website
Lieber Herr Winterbauer,
gerade weil ich selbst einer (sozial)liberalen Gesinnung anhänge, ist das, was Sie in Ihrem Artikel ganz richtig beschreiben, eine schmerzhafte Wahrheit. Oft lautet die Reaktion: "Die anderen machen es auch nicht anders, nur haben sie Presse nicht gegen sich." Da ist sicher etwas dran, Sie weisen selbst mit der sehr richtigen Feststellung in Bezug auf Außenminister a.D. Fischer darauf hin: "Trotz seiner bisweilen rabautzigen Art war Fischer immer ein Liebling der Medien. Das mag auch daran liegen, dass viele Medienschaffende in verantwortlichen Positionen eher eine geistige Nähe zur 68-er Idee als zu den Jungen Liberalen verspüren." Ich denke, das ist einer der exakten Gründe dafür, dass es der Liberalismus, dessen sozialer Spielart wir nicht weniger als die heilige Soziale Marktwirtschaft zu verdanken haben, dieser Tage so schwer hat.
Allerdings: Ein solches Maß an medialem Selbstzerstörungshang, wie es derzeit bei unserem Außenminister zu beobachten ist, macht schlicht sprachlos. Jeder, dem am Liberalismus gelegen ist, nicht nur FDP-Anhänger, muss jetzt vehement den Kopf des Kronprinzen fordern, denn allzu schlechtes Licht wirft er auf alle, die in irgendeiner Weise mit ihm assoziiert werden. Ihre klaren Worte, wenn auch mit der nötigen Distanz des Medienbeobachters ausgesprochen, sind dennoch Wasser auf diese Mühle.
Freundliche Grüße,
Tobias Knobloch