Die umstrittenen Bluttests bei Bewerbern gab es auch bei Medienunternehmen. Die öffentlich-rechtlichen Sender NDR, BR und WDR haben bestätigt, dass bei Bewerbern, für die sie sich entschieden haben, Bluttests durchgeführt werden. Bei Axel Springer wurden bis zum Jahr 2008 Bluttests in Einzelfällen durchgeführt. Wie der Verlag am Nachmittag mitteilte, seien die Tests aber seit 2004 in Berlin und seit 2008 in Hamburg abgeschafft.
Eine Verlagssprecherin von Springer sagte am Freitagmorgen gegenüber MEEDIA: "Eine Einstellungsuntersuchung wird nicht bei allen Bewerbern vorgenommen, sondern erst, wenn man sich für einen Kandidaten entschieden hat." Ob bei einem Bewerber ein Blut- oder Urintest durchgeführt wird, liege im Ermessen des Arztes. Der Verlag habe darauf keinerlei Einfluss, so die Sprecherin. Am Nachmittag korrigierte der Verlag nach weiterer Rücksprache mit dem betriebsärztlichen Dienst dann seine Aussage. Bluttests bei Axel Springer würden seit 2004 am Standort Berlin nicht mehr stattfinden und seit 2008 nicht mehr am Standort Hamburg.<br/>
Eine ehemalige Springer-Redakteurin schilderte gegenüber MEEDIA ihre betriebsärztliche Untersuchung im Jahr 2007. Die Bewerberin sollte bei der Untersuchung Blut- und Urintests abgeben. "Ich wusste allerdings, dass ein zuvor eingestellter stellvertretender Chefredakteur den Bluttest abgelehnt hatte und war entschlossen, weder Urin noch Blut im Hause Springer zu lassen", sagte sie gegenüber MEEDIA. Die Bewerberin verweigerte die Tests. Die zuständige Ärztin habe zwar "säuerlich" reagiert, eingestellt wurde die Bewerberin trotzdem.
Auch andere ehemalige Springer-Mitarbeiter bestätigten gegenüber MEEDIA, dass beim Einstellungsverfahren bei Springer Blut- und Urintests durchgeführt wurden. Allerdings lagen die geschilderten Fälle zeitlich Ende der 90er Jahre. Die Verlage Bauer, Gruner + Jahr und Burda verneinten auf Anfrage, dass bei ihnen Bluttests zu irgendeinem Zeitpunkt Bestandteil des Einstellungsverfahrens waren. In die Diskussion geraten sind Bluttests bei Bewerbern mit dem Fall Daimler. NDR Info hatte enthüllt, dass der Autohersteller, Bluttests bei Bewerbern durchführt. Kurz darauf kam heraus, dass solche Tests beim NDR selbst auch gang und gäbe sind.
Arbeitsrechtler bezweifeln die Zulässigkeit von Bluttests im Rahmen eines Einstellungsverfahrens. Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert den Arbeitsrechtler Gregor Thüsing mit den Worten: "Wieso ist ein Bluttest erforderlich, um die Berufsfähigkeit eines Journalisten zu prüfen?" Eine Blutprobe könne nur verlangt werden, wenn sie unbedingt erforderlich sei. Thüsing in der "SZ": "Erforderlich heißt nicht nice to have."
Update: In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde aufgrund der Aussagen der Axel Springer AG beschrieben, dass auch heute noch in Einzelfällen Bluttests bei dem Einstellungsverfahren durchgeführt werden können, wenn dies im Ermessen des Arztes liegt. Diese Aussage wurde am späten Nachmittag des 6. November von der Axel Springer AG korrigiert. Weitere Rücksprachen mit dem betriebsärztlichen Dienst des Hauses hätten ergeben, dass es seit 2004 am Standort Berlin und seit 2008 auch am Standort Hamburg überhaupt keine Bluttests im Rahmen der betriebsärztlichen Untersuchung mehr gebe, heißt es nun. Der obige Artikel wurde dem neuen Info-Stand angepasst.
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Letzte Kommentare
08.11.09 15:00
M. Lienau
Am 06.11. habe ich hier einen eindeutigen Kommentar zu dem Originalartikel hinterlassen. Der Originalartikel wurde mittlerweile geändert und mein Kommentar hängt etwas bezugslos in der Luft. Daher erlaube ich mir, auf meinen jüngsten Blog-Eintrag zu verweisen:
http://www.mlienau.de/wp/2009/11/08/meedia-aktualisiert-artikel-zu-fraglichen-bluttests-bei-as/
06.11.09 14:12
Frank Kemper Website
Mal ganz abgesehen von der moralischen und in meinen Augen auch juristischen unzumutbarkeit solcher Bluttests: Wonach wird da eigentlich gesucht? Geht es "nur" um HIV und Schwangerschaft oder weird da lustig mit dem Genom abgeglichen?
06.11.09 13:44
M. Lienau
Verstehe ich die Aussagen der Pressesprecherin Springers falsch oder drängen sich da eklatante Widersprüche geradezu auf?
Also, ich fasse zusammen: Der Bluttest im Rahmen einer ärztlichen "Einstellungsuntersuchung" werde erst nach der Einstellungsentscheidung gemacht. Und dann bekäme man mitgeteilt, ob der Kandidat geeignet sei oder nicht.
Nee nee, Leute - irgendwas läuft hier nach meinem Empfinden gehörig schief. Und ich spare mir an dieser Stelle eine tiefgreifende Bewertung dieser "halb-freiwilligen Bluttests". Nur so viel: Scheinbar ist es mittlerweile wieder, ohne wirklich heftige Protestreaktionen hervorzurufen, gesellschaftsfähig geworden, für äusserst fragliche Formen von Selektion sorgen zu wollen. Solche und ein ganzer Batzen interessanter soziologischer Entwicklungen drumherum hat in fortgeschrittenem Stadium schon mehrfach unter dem Namen "Faschismus" Karriere machen dürfen.
Läge ich hier mit meinen Befürchtungen ganz und gar daneben, möge man mich darüber unterrichten und aufklären! Mir ist keineswegs daran gelegen, falsche Anschuldigungen oder plumpe Parolen zu verbreiten. Solche (nebst vieler anderer Meldungen) machen mir lediglich Angst und Bange.
Aufwachen!
06.11.09 13:19
Ralf Eberhardt
Welches Menschenbild haben denn diese "Menschen", die derartige Vorgehensweisen für die Beurteilung Anderer gut heißen? Oder ist heute der sog. "gesunde Menschenverstand" nicht mehr gewünscht oder gar nicht mehr vorhanden?