"Bild"-Chef Kai Diekmann hat sein Blog zu einer bis an die Zähne mit Selbstironie bewaffneten Humor-Guerilla aufgerüstet. Gegen diese Witz-Waffen ist ausgerechnet die "taz" erstaunlich machtlos. Sevenload-Gründer Ibo Evsan hat mit Tagesthema.de einen schmalbrüstigen Aggregator gestartet, Hans-Ulrich Jörges regt sich via Video über die Schmutzkampagne gegen Oskar Lafontaine auf und Sat.1 hat im Fall "Kerner" erste Notoperationen eingeleitet.
Kai Diekmanns Weblog ist ein bemerkenswertes Phänomen. Es ist unheimlich, mit welcher Leichtigkeit der "Bild"-Chef die linke "taz" in einen liebevollen Würgegriff nimmt. Diekmann spielt souverän mit seinem Image, geht komplett aus der Deckung und offenbart so die Borniertheit von so manchem "taz"-Genossen. Egal ob er die Rechtschreibfehler in einem Brief des "taz"-Anwalts Eisenberg ans Licht zerrt oder, sein jüngster Coup, als "taz"-Genosse den Antrag auf eine außerordentliche Versammlung stellt, mit dem Ziel, dass die groteske Penis-Skulptur am "taz"-Gebäude erhalten bleiben soll. Einer Konstruktion wie der "taz" fällt es offenbar schwer, der bis an die Zähne mit Selbstironie bewaffneten Humor-Guerilla des Diekmann-Blogs etwas entgegen zu setzen. Geschmackliche Entgleisungen wie die ebenso dämliche wie hässliche Penis-Skulptur legen davon Zeugnis ab.
Ibrahim "Ibo" Evsan hat was Neues. Das neue Projekt des Sevenload-Gründers nennt sich Tagesthema.de und ist, hui, ein Nachrichten-Aggregator. Das Neue soll sein, dass die Nachrichten jetzt mit den entsprechenden Twitter-Tweets gekoppelt werden. Furchtbar modern und ganz weit vorne, möchte man meinen. Bis man die Seite sieht. Okay, okay, ist alles beta, aber Tagesthema sieht auch für eine öffentliche Beta-Version erstaunlich mausgrau aus. Und gerade mal sechs Quellen sind, auch zum Start, ein bisschen mager.
Die Video-Kolumne von Zwischenrufer Hans-Ulrich Jörges ist eine der besten Rubriken bei stern.de. Jörges ist mittlerweile zu einer Ein-Mann-Marke im politischen Journalismus geworden, vergleichbar nur noch mit Michael Spreng und seinem Blog Sprengsatz. In der aktuellen Ausgabe von Jörges "Zwischenruf" widmet er sich der angeblichen Affäre von Oskar Lafontaine mit Parteikollegin Sahra Wagenknecht. Eine Geschichte, die ja der "Spiegel" gemacht hat. Jörges vertritt, wie viele andere, die Meinung, dass es sich hier um eine Schmutzkampagne handelt, die zumindest teilweise von Partei-Rivalen Lafontaines losgetreten wurde. "Diese Geschichte muss uns Medien insgesamt nachdenklich machen", sagt Jörges. Man solle nachdenken, inne halten und sich fragen, wie man mit dem Privatleben von Politikern umgeht. Im Internet sind "Spiegel" und "Bild" bereits die beiden schärfsten Konkurrenten. Dass nun der gedruckte "Spiegel" sich so weit aufs Boulevard vorwagt, mit einer Geschichte, die selbst "Bild" nicht gebracht hat, das ist schon bemerkenswert. Dass Chefredakteur Georg Mascolo die Story dann im Nachhinein noch öffentlich verteidigt, macht die Sache nicht besser. Der "Spiegel" macht viele tolle Geschichten. Diese gehört nicht dazu. Hoffentlich bleibt das eine Ausnahme.
Nach nur drei Sendungen leitet man bei Sat.1 in Sachen "Kerner" Notfallmaßnahmen ein. Die ebenso glücklose wie inhaltsarme Infotainmentshow wird von montags 21.15 Uhr auf donnerstags 22.15 Uhr verlegt. Und man hat auch schon die passende Ausrede, warum die Show so schlecht lief: Die böse Konkurrenz von "Bauer sucht Frau" bei RTL ist schuld. Klar, das Konkurrenzprogramm war den Quoten nicht förderlich. Aber das hätte man bei Sat.1 auch vorher wissen können. Die spannende Frage ist, ob man sich bei "Kerner" und Sat.1 über die eigentlichen Defizite der Sendung im Klaren ist. Falls ja, könnte man den neuen Sendeplatz nutzen, das Konzept zu ändern und sich mal ein bisschen am Riemen zu reißen, was Themen- und Gästezusammenstellung betrifft. Falls nein, kann man sich schon eine neue Ausrede überlegen. Wie wäre es damit: Der Sendeplatz um 22.15 Uhr ist eigentlich zu spät und wegen der unregelmäßigen Anfangszeiten durch Fußballspiele können sich die Zuschauer nicht daran gewöhnen. Und "Maybritt Illner" im ZDF ist ja auch ganz schön fiese Konkurrenz. Die Verwunderung, würde man solche Sätze irgendwann in einer Pressemitteilung oder einem Interview (natürlich in Kerners Hauspostille, der "Süddeutschen") lesen, würde sich in eher eng gesteckten Grenzen halten.
Nachtrag, 01. Dezember 2009: Durch ein Schreiben seiner Anwaltskanzlei wurden wir darauf hingewiesen, dass der Name Johannes Eisenberg bei MEEDIA nicht korrekt geschrieben wurde, sondern von "Taz-Anwalt Eisenmann" die Rede war. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, das Versehen zu entschuldigen.
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