Fast jeder zweite freie Journalist macht PR – so das Ergebnis einer Studie des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München unter 1.630 Journalisten. Schuld daran seien die Medienunternehmen, die „ihre so wichtigen Mitarbeiter seit Jahrzehnten nicht angemessen honorieren“ – findet Kurt Weichler, Professor für Journalismus und Medien. MEEDIA sprach mit ihm über das Spannungsverhältnis zwischen Journalismus und PR und die Zukunft der Branche.
Herr Weichler, Sie sind Professor in einem Studiengang, der beides zusammen lehrt: Journalismus und Public Relations. Müssen Sie sich dafür rechtfertigen?
Nein, da mich die Kritiker bislang noch nie direkt angesprochen haben. Die Kritik, die in einigen Papieren der Journalistenvereinigung »netzwerk recherche« zu lesen ist, fußt ja lediglich auf der subjektiven Interpretation unserer Studiengangsbezeichnung »Journalismus und PR«. Eine weitergehende Recherche der Prinzipien und Inhalte unseres Studiengangs haben die Hüter des Qualitätsjournalismus ja bis heute nicht durchgeführt.
Eigentlich sind Journalismus und Public Relations zwei getrennte Disziplinen mit zwei völlig unterschiedlichen Aufgaben.
Ja: Journalismus ist Kommunikation im Auftrag von Demokratie und Öffentlichkeit. PR ist Kommunikation im Auftrag eines Einzelnen. Das Handwerkszeug in Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit aber ist gleich. Das ist wie in der Juristenausbildung. Rechtsanwälte und Richter haben auch dieselbe Ausbildung, übernehmen dann aber nach dem Studium verschiedene Funktionen in unserem Rechtssystem.
Viele freie Journalisten können sich finanziell kaum über Wasser halten. Sie suchen deshalb zusätzliche Aufträge in der PR. Was halten Sie davon?
Ich finde es aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht schön, kann es aber nachvollziehen. Ich selbst habe auch rund zehn Jahre als hauptberuflich freier Autor gearbeitet. In den 80er Jahren konnte ich von meinen journalistischen Honoraren leben, musste also keine Aufträge aus der PR akquirieren oder annehmen. Ich hätte aber in der Zeit keine Familie ernähren, geschweige denn Rücklagen bilden können. Heutzutage kommen viele freie Mitarbeiter nicht daran vorbei, auch Public Relations zu machen. Schuld daran sind aber nur zu einem kleinen Teil die Verlockungen der PR. Schuld daran sind im Kern die Medienunternehmen, die ihre so wichtigen Mitarbeiter seit Jahrzehnten nicht angemessen honorieren. Wenn Verleger, Geschäftsführer und Chefredakteure nicht immer nur Qualität beschwören würden, sondern dafür auch zahlen würden, hätten wir die von »netzwerk recherche« angezettelte Diskussion mit der Forderung »Journalisten machen keine PR« doch gar nicht. Die eigentliche Forderung muss doch lauten: Medienunternehmer, bezahlt eure freien Mitarbeiter anständig!. »netzwerk recherche« will ein Symptom behandeln, kümmert sich aber nicht um die Ursachen.
Wenn Sie heute mit damals vergleichen. Haben sich die Konditionen im Journalismus verändert?
Die Konkurrenz hat sich noch einmal verschärft. In den 70er Jahren gab es an sechs Universitäten Studiengänge, die im weitesten Sinne für den Journalismus ausbildeten. Heute finden Sie unter »medienstudienführer.de« mehr als 600 Studien- und Weiterbildungsangebote, die sich inhaltlich irgendwie mit Medien beschäftigen. In der Folge drängen noch mehr Menschen in den Beruf als vor 30 Jahren. Früher konnte man leichter als hauptberuflich freier Journalist sein Auskommen finden, weil die Honorare im Verhältnis zu heute besser waren. Und die waren damals schon niedrig. Heute wird es nur einer Minderheit von freien Journalisten gelingen, ohne Ausflüge in die PR finanziell zu überleben.
Heute unterliegt der Journalismus einem enormen Spardiktat. Stellen werden gestrichen, Redaktionen zusammengelegt, Etats drastisch reduziert. Überall sitzen Journalisten auf Schleudersitzen. Ist also eine Festanstellung so etwas wie ein Sechser im Lotto?
Ganz so krass ist es sicherlich nicht. Mit Glücksspiel hat der Einstieg in den Beruf nur am Rande zu tun. Rein statistisch gesehen wird die Festanstellung aber seltener. Der Anteil der freien Journalisten am Segment der hauptberuflichen Journalisten ist in den letzten 30 Jahren stetig gewachsen. Mit dem Start der privaten Fernsehunternehmen in den Achtzigerjahren und dem Aufstieg des Internets seit Mitte der Neunzigerjahre sowie den verschiedenen Finanzkrisen seit der Jahrtausendwende verändert sich die Struktur des Berufsfeldes. Die freie Mitarbeit ist für viele Medienunternehmen die adäquate, weil kostengünstigere Beschäftigungsform geworden.
ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sagte in einem Interview „Ein talentierter Nachwuchsjournalist findet auch heute noch einen guten Job“. Es hört sich an, als gebe es keine Schwierigkeiten beim Einstieg in den Journalismus, als müsse man sich bei ausreichender Begabung keine Sorgen machen. Ist das so?
Ich teile diese elitäre Begabungsthese grundsätzlich nicht, denn sie macht den Journalismus doch zu einer Kunst vergleichbar mit der Malerei oder der Bildhauerei. Um einen durchschnittlich guten Bericht im Hamburger Abendblatt, in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung oder auf Spiegel Online zu verfassen, müssen Sie aber nicht mit Begabung gesegnet sein, sondern lediglich das journalistische Handwerk beherrschen. Dazu braucht es die Kenntnis des journalistischen Regelwerks und einiges an Übung. Natürlich gibt es ein paar Journalisten, die möglicherweise auf Grund von Begabung besser sind als der Durchschnitt. Aber der typische deutsche Journalist schreibt nicht für die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder den Spiegel, sondern für eine regionale Tageszeitung, eine Fachzeitschrift oder Laura, Tina oder Bella.
Hat man nur noch als freier Journalist eine Chance auf dem Arbeitsmarkt?
Nein, schließlich gibt es laut Deutscher Journalistenverband immer noch rund 50.000 Journalisten in Festanstellung. Und nicht jede frei werdende Stelle wird derzeit gestrichen. Die Konkurrenz um die offenen Positionen ist allerdings härter geworden. Wenn sie neben einer guten Ausbildung und praktischen Erfahrungen auch noch Mobilität mitbringen, haben angehende Journalisten nach wie vor Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wer seinen Traumjob allerdings nur im Umkreis von 50 Kilometern sucht, wird schnell frustriert sein. Absolventen von Journalistenstudiengängen in Hamburg, Berlin oder München haben es da naturgemäß etwas leichter als Absolventen in Eichstätt, Leipzig oder Gelsenkirchen.
Wie ist Ihre Prognose für die Zukunft des Journalismus?
Journalismus wird es schwerer haben die eigene Existenz zu rechtfertigen. Wenn es den Medienunternehmen nicht gelingt, der Öffentlichkeit zu belegen, dass die Leistungen von Journalisten eine höhere Qualität und damit mehr Nutzen haben als die von Bloggern oder PR-Fachleuten, dann wird Journalismus bald zum meritorischen Gut, also einem Gut, bei dem die Nachfrage der Menschen hinter dem gesellschaftlich wünschenswertem Ausmaß zurück bleibt.
Dr. Kurt Weichler ist Professor für Journalismus und Medien an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Er leitet dort das Institut für Journalismus und Public Relations. 1986 schrieb er den ersten Ratgeber für freie Journalisten, 2003 das "Handbuch für freie Journalisten". Der 55-Jährige war Chefredakteur der Zeitschriften »Prinz« und »Wiener« sowie Verlagsleiter des Heinrich-Bauer-Programmzeitschriftenverlags in Hamburg.
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