Die Axel Springer AG wehrt sich gegen die Kritik an der Berichterstattung von Bild und Bild.de zur Loveparade-Katastrophe vom Wochenende. Laut der Nachrichtenagentur ddp sind beim Deutschen Presserat rund 115 Beschwerden hauptsächlich zu Bild und Bild.de eingegangen. Am Montag machte die Bild-Zeitung mit einer erschütternden Nahaufnahme von der Massenpanik auf. Die Analyse der Titelseiten vom Montag zeigt, wie unterschiedlich deutsche Zeitungen auf die Ausnahme-Situation reagiert haben.
Ein Springer-Sprecher sagte zu den Beschwerden beim Presserat: "Wie alle Medien berichtet auch Bild - aus unserer Sicht angemessen und verhältnismäßig - über die tragischen, schockierenden Ereignisse während der Loveparade." Von Presserats-Beschwerden sei Springer bisher nichts bekannt. Die Nachrichtenagentur ddp hatte über eine Beschwerdeflut zur Bild-Berichterstattung über die Loveparade-Massenpanik vom vergangenen Samstag berichtet.
Bei den Beschwerden geht es offenbar vor allem um mögliche Verstöße gegen Ziffer 11 des Pressekodex. Darin steht, dass Presseorgane auf eine "unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid" verzichten sollen. Auch eine mögliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten steht im Raum, da einige Teilnehmer der Loveparade und auch Opfer möglicherweise auf Fotos zu identifizieren sind.
Stein des Anstoßes scheint vor allem die Bild-Titelseite vom Montag zu sein. In einer erschütternden Großaufnahme über fast die gesamte Titelseite wurde die Panik auf dem Loveparade-Gelände eindrucksvoll visualisiert. Zu sehen ist das Menschengewimmel im Tunnel, aus dem es zu diesem Zeitpunkt keinen Ausweg gibt, Gesichter in Panik, Menschen die in letzter Sekunde noch helfen wollen. Das Exklusivfoto, das Bild über die gesamte Seite eins zieht, ist zugleich die stärkste und emotionalste Umsetzung der deutschen Tageszeitungen zur Massenpanik. Bei Twitter häuften sich Montag und Dienstag Aufforderungen von Nutzern, sich wegen der Bild-Titelseite beim Presserat zu beschweren, inklusive Link zum Online-Beschwerdeformular.
Allerdings machten am Montag auch andere Boulevard-Zeitungen ganz ähnlich wie Bild auf. Etwas überdreht wirkt die Titelseite des Berliner Kuriers. Das Blatt hatte schon am Sonntag "Die Todes-Parade" getitelt, schlagzeilt am Montag "Die Blut-Parade" und stellt die Frage: "Wurden sie tot gespart?" Die Münchner tz holte wie die Bild den Moment der Katastrophe zurück und titelte schlicht: "Todes-Panik!" Die benachbarte Abendzeitung zeigte die Fluchtversuche aus dem Gedränge und überschrieb diese mit: "Die Todesfalle" und versah das Panik-Foto mit einem grafischen Tunneleffekt.
Auffällig bei solchen unvorgesehenen Katastrophen stehen die Blattmacher vor der Schwierigkeit, dass es in der Regel wenig exklusives, selbst recherchiertes Material gibt. Gerade bei Fotos müssen sich notgedrungen alle aus demselben Agentur-Pool bedienen. Den Unterschied macht dabei die Auswahl, welches Bild groß gezogen wird, wie man die Fotos anordnet und durch die Headline den Ansatz wählt, der dem Thema an diesem Tag am stärksten gerecht wird. Dabei zeigen sich große Unterschiede. Die Frankfurter Rundschau etwa setzte nicht auf Masse, sondern aufs Gegenteil. Ein überdimensionales Foto vom fast menschenleeren Tunnel mit der Headline: "Die Leere am Tag danach." Die Abozeitungen von Axel Springer wählten ebenfalls Fotos, die Symbol sind und weniger Dokumente des Geschehenen, etwa eine zertretene Sonnenbrille im Loveparade-Look (Die Welt) oder Kreidezeichnungen am Tatort, die die Lage der Opfer skizzieren (Welt Kompakt, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt). Auf die Spitze trieb diesen Minimalismus das Handelsblatt, auf dessen Titeloptik außer Asphalt und Beton nur im Kreis angeordnete Blumenstengel am Mittelstreifen zu sehen war. Titelzeile: "Deutschland trauert".
Viele Blätter stellten die Frage nach den Verantwortlichen für das Unglück und setzten damit das Thema, das den Montag beherrschte, auch wenn noch unklar war, was die Krisenstäbe zu den Ursachen ermitteln würden. Die für viele frustrierende Tatsache, dass bislang niemand sein Versagen eingestanden hat, veranlasste die taz zur provokanten Schlagzeile: "19 Tote: Schuld war niemand", der Berliner Tagesspiegel legte sich fest: "Duisburg - die Gefahr war bekannt".
Das Fazit des Titelvergleichs: An einem Tag, an dem alle Blätter dasselbe Ereignis als Aufmacher wählten, waren die Herangehensweisen ganz unterschiedlich. Inzwischen ist die Berichterstattung über die Tragödie von Duisburg selbst zum Medienthema geworden, in dessen Zentrum die Frage steht, wie viel Journalismus von der Katastrophe zeigen darf, wo die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und Voyeurismus liegt. Der Presserat wird sich damit befassen und diese Grenze auch für den Fall von Duisburg festlegen.
Die meisten Titelseiten der Zeitungen vom Montag und Dienstag können Sie hier in der MEEDIA-Zeitungsgalerie nochmals anschauen.
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Letzte Kommentare
27.07.10 13:09
Kurt Forum
Zu spät, falsch und ohne Informationsgehalt - so schreiben Journalisten und berichten die Medien über das schreckliche Ereignis. Damit meine ich nicht (nur) Bild-, sondern auch alle anderen Journalisten, welche die Vorzeichen der Katastrophe ignoriert haben.
Das ist die Kehrseite der Pressefreiheit, die Realität des Qualitätsjournalismus. Wer das Relevante erfahren will, informiert sich besser im Netz als in der Blättern und Websites der Verlagshäuser.
27.07.10 12:19
Frank Wolfraum Website
Ehrlich gesagt, kann ich die Aufregung nicht verstehen. Wie schon im Artikel erwähnt standen alle Blattmacher vor der gleichen Frage: Wie damit umgehen? Und je nach Ausrichtung der Redaktion geht es mal deutlicher und mal subtiler zur Sache. Das Bild schon immer eine sehr deutliche und auch "Bild"liche Sprache wählt ist doch nun nicht neu. Wäre diese Sprache von der breiten Masse unerwünscht, würde das die Auflage zeigen.
Und sollte es stimmen, dass über die erwähnten Social Networks zu der Beschwerde aufgerufen wurde, dann sollten sich die Menschen, die einem solchen Aufruf Folge leisten, doch mal die Bilder ansehen, die es bei Youtube & Co zu sehen gibt. Dagegen war die Titelseite der Bildzeitung so anstößig wie ein Beipackzettel.
Natürlich unterliegen Presseorgane anderen moralischen Maßstäben als es der Privat-Spanner tut. Und ja, das ist auch gut so. Aber sich über die Titelseite dieser Ausgabe von Bild so aufzuregen halte ich angesichts der Tatsachen, dass sogar TV-Sender sich der privaten Voyeurfilmchen bedienten doch für übertrieben. Denn dort wurden auch keine Gesichter verpixelt oder unkenntlich gemacht.