Der Eurovision-Song-Contest wird 2010 in jeder Hinsicht eine Revolution. Entertainer Stefan Raab führte für das Event nicht nur ProSieben und die ARD zusammen. Er baut den Contest auch zu einer opulenten Castingshow aus. Auf der Pressekonferenz zum TV-Ereignis bezeichnete ARD-Programmchef Volker Herres den Entertainer als „unsere Glücksfee“. Er prahlte, bei der „nationalen Aufgabe“ kenne er „keinen Konkurrenten mehr, sondern nur noch Deutsche!“ Und nun ist klar, welche Künstler die Jury bilden.
Übertreibungen allerorten, auch bei der Pressekonferenz. Die zweite zum diesjährigen Grand-Prix hatten die ARD und ProSieben nicht irgendwo in Berlin angesetzt sondern im fünften Stock des Bundestags, im „Käfer“ hoch oben am Eingang der Reichstagskuppel. Und auch verbal hielten sich die Beteiligten nicht zurück. ARD-Programmdirektor Volker Herres beispielsweise schmierte Raab Honig ums Maul, wo er nur konnte. Der sei „unsere Glücksfee“, der Song-Contest gar „ein Seismograph für den Seelenzustand Europas“. Das klang wie kindliche Überheblichkeit.
Keine Spur mehr vom ständigen Grabenkampf zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern. Die Zusammenarbeit von Raab, ProSieben und dem Ersten sei „auf den ersten Blick vielleicht eine überraschende Liaison“, sagte Herres. „Aber wenn es um eine nationale Aufgabe geht, kenne ich keine Konkurrenten mehr, sondern nur Deutsche!“ Im Programmtrailer war gar von einem „starkes Bündnis“ die Rede, von mehr als 50 Jahren Grand-Prix-Erfahrung der ARD und dem Eventcharakter Raabs.
Der gab sich selbst „relativ zuversichtlich, dass wir die vergangenen Jahre noch einmal toppen können“. Die ARD sei für dieses Jahr „einen für ihre Verhältnisse großen Kompromiss aufgegangen, der am Ende vor allem einen Sieger hat: den Zuschauer“, die für ihn „keine Zweckkoordination“ sei „sondern eine Liebesheirat“. Der Entertainer prahlte gar: „Freuen Sie sich, dass Ihre Gebühren zum ersten Mal richtig eingesetzt werden!“ Dass die ARD sich an diesem Großprojekt beteiligt, begründete Herres wie gewohnt mit dem „öffentlichen Auftrag“, Unterhaltung zu produzieren.
ProSieben und die ARD ziehen in diesem Jahr den Vorentscheid groß auf. Raab sprach davon, sie würden ihn „revolutionieren“: In insgesamt acht Casting-Sendungen werden 20 Kandidaten so lange gegeneinander antreten, bis nur einer übrigbleibt. Einzig die Zuschauer sollen entscheiden. Das Publikum wird außerdem unter mehreren Songs wählen können, die der Künstler dann singen soll. Raab: „Damit wollen wir den größtmöglichen gemeinsamen Nenner finden, damit letztlich die ganze Nation hinter unserem Kandidaten steht.“ Das Format sei in der Welt des Song-Contestes nicht völlig neu, sagte Raab. In Großbritannien und anderen Ländern sei der Vorentscheid bereits vor Jahren als Casting organisiert gewesen.
Der Jury, die nicht mit abstimmen darf, werden unter anderem Jan Delay, Xavier Naidoo, Peter Maffay, Marius Müller-Westernhagen, Sarah Connor und Yvonne Catterfeld bilden. Jeweils zwei pro Sendung werden mit Raab die Tages-Jury bilden, beginnend mit Westernhagen und Catterfeld. Raab, der ihr Präsident sein und die Sendungen nicht selbst moderieren wird, sagte: „Eine Jury dieses Kalibers gab es bei einer Castingshow noch nie.“
Die Moderation des Vorentscheid-Castings gebe er „gelassen“ ab. „Als Präsident der Jury muss ich mich voll auf die Leistung der Künstler konzentrieren können“, erklärte Raab. Statt ihm werden Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel durch die Sendungen führen. Heinrich stellte in Aussicht: „Das wird epochal und ein großes Fest!“
Die Castings „Unser Start für Oslo“ werden an Donnerstagen und Freitagen jeweils um 20.15 Uhr live gezeigt. ProSieben strahlt vom 2. Februar an die Vorrunden aus, die ARD am 5. März das Viertel-, ProSieben am 9. März das Halb- und die ARD am 12. März das Finale. Raab: „Nur weil wir mit der ARD kooperieren, werden wir nicht komplett spaßbefreit sein.“ Der deutsche Kandidat wird am 29. Mai in Oslo am 55. Eurovision Song Contest gegen die Kandidaten anderer Nationen antreten. Der TV-Spielfilm hatte er bereits gesagt. „Mein Ziel ist die Top 10.“
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Letzte Kommentare
22.01.10 13:01
Markus Merz Website
Wieso erinnert mich dieses ungehemmte Anbiedern von ÖR an die Masse - oben "kindliche Überheblichkeit" genannt" - nur an die Milliardenverluste der HSH-Nordbank bzw. anderer unwissender ÖR-Institute?
Kann mal bitte jemand aufschlüsseln wie viel von den Gebührenetats mit dieser Art von Quotenanbiederei zu Ungunsten kleinerer Produktionen geht.
Gerne auch mit einer Wiederholung der Summen für 'Wetten Dass' im Verhältnis zu allen anderen Tätigkeiten des ZDF.
Und Revolutionen von oben unter der Prämisse des Abzockens sollten vielleicht etwas weniger Lob hudelnd daherkommen.