2010 wird für viele deutsche Zeitungsverlage zum Jahr der Entscheidung werden: Ziehen die Werbe-Erlöse wieder an und funktionieren neue alte Geschäftsmodelle wie Paid Content, dann könnte die Wende hin zum Guten erfolgen. Schwächelt der Anzeigenmarkt aber weiter, dann droht im nächsten Jahr der Überlebenskampf bei den Zeitungen. Fast alle großen Verlage haben bereits neuen Spar-Bedarf angemeldet. Zuletzt die "FAZ" und die Hannoversche Gruppe Madsack ("Hannoversche Allgemeine Zeitung", "Neue Presse").
Bei der "FAZ" droht laut "Spiegel" in diesem Jahr ein Verlust im hohen einstelligen Millionen-Bereich. In Frankfurt steht man aber noch vergleichsweise gut da. Da die "FAZ" einer Stiftung gehört, frei von größeren Verbindlichkeiten ist und schon frühzeitig, im Herbst 2008, angefangen hat, ihre Kosten mit einem Einstellungsstopp zu dämpfen. Nun setzen die "klugen Köpfe" (Eigenwerbung) trotzig auf das Prinzip Hoffnung. In der zweiten Jahreshälfte 2010 werde es schon besser werden. Trifft das wunschgemäß ein, so könne man auch betriebsbedingte Kündigungen in "nennenwertem Umfang" verzichten, heißt es im "Spiegel". Was passiert, wenn das Wunsch-Szenario in der zweiten Hälfte 2010 nicht eintritt, darf sich die Belegschaft nun selbst in düsteren Farben ausmalen.
Deutlich schlimmer ist freilich die "Süddeutsche" dran. Hier kommen Anzeigenverluste zusammen mit der Schuldenlast des Haupteigentümers Südwestdeutsche Medienholding (SWMH). Den Mutterkonzern drücken die Kredite, die zum Mehrheitserwerb der Münchner Zeitungsperle aufgenommen wurden. Darum soll nun bei der "SZ " und auch bei der "Stuttgarter Zeitung" kräftig gespart werden. Ein genaues Spar-Konzept gibt es noch nicht. Irgendwie wird es schon reichen und 2010 wird's hoffentlich besser - so ähnlich scheint das Kalkül vieler Zeitungs-Besitzer. Was bisher von den "SZ "-Sparplänen bekannt wurde, ist, dass eventuell der Lokalteil und der Bayernteil zu einem Buch zusammengefasst werden. Das dürfte aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein, denn auch in München wird mit einem Jahresverlust zwischen acht und zehn Millionen Euro kalkuliert.
Ein weiteres beliebtes Krisenrezept neben dem Sparen ist das Zusammenrücken, auch bekannt als das Ausschöpfen von Synergien. Selbiges soll nun auch bei der ebenfalls leidenden Münchner "Abendzeitung" und der "Süddeutschen" geprobt werden. Beide Blätter sind ja schon immer so etwas wie ungleiche Geschwister. Der "SZ"-Gesellschafter Johannes Friedmann ist gleichzeitig Eigentümer der "Abendzeitung". Bis die "SZ"-Redaktion in den ebenso teuren wie uncharmanten Glaskasten im Münchner Osten umgezogen ist, waren beide Redaktionen in der Sendlinger Straße in der Münchner Innenstadt auch örtlich unmittelbare Nachbarn. Nun sollen "AZ" und "SZ" in Sachen Technik, Vertrieb, Organisation und Internet und auch, man höre und staune, Redaktion zusammenarbeiten. Wie das bei dem Boulevard-Titel "Abendzeitung" und der komplett anders tickenden "Süddeutschen" funktionieren soll, ist völlig unklar. Eine gemeinsame Anzeigenvermarktung bleibt aus kartellrechtlichen Gründen tabu. Was die nun in der "SZ" selbst angekündigten Kooperationen auf breiter Front konkret bedeuten, wird man abwarten müssen. Ohne einen Stellenabbau macht das Projekt aber keinen Sinn.
Kooperationen und Stellenabbau sind auch die Zauberworte bei M. DuMont Schauberg. Der Kölner Verlag hat sich durch die teuren Zukäufe von "Frankfurter Rundschau", "Berliner Zeitung", "Berliner Kurier" und "Hamburger Morgenpost" in die deutsche Zeitungs-Bundesliga katapultiert. Nun wird versucht, das zusammengekaufte Imperium kristenfest zu machen. Weil Entlassungen nicht dem rheinisch-konsensorientierten Wesen des Verlegers Alfred Neven DuMont entsprechen, versucht man, die Stellen mit Hilfe von immer neuen Abfindungsprogrammen zu reduzieren. Eine Methode, die allerdings auch irgendwann an ihre natürlichen Grenzen stößt. Spätestens dann, wenn alle, die weg wollen, auch weg sind. Gleichzeitig geht es auch bei DuMont um die berühmten Synergien: Gemeinsame Redaktionspools z.B. für überregionale Wirtschafts - oder Kulturthemen wurden bereits kurz angedacht und riefen sofort den Protest der Belegschaft hervor. Doch etwas in dieser Richtung wird kommen. Bereits jetzt kann man besichtigen, dass in der Medienberichterstattung zum Beispiel in der "Frankfurter Rundschau" und der "Berliner Zeitung" oft dieselben Artikel erscheinen.
Das aktuelle Abfindungsprogramm der Kölner läuft bis Ende Januar 2010. Die Weichen für eine fundamentale Neu-Strukturierung des deutschen Zeitungsmarktes im nächsten Jahr sind gestellt. "Weiche" Sparmaßnahmen in Verwaltung, Technik und mit Abfindungsprogrammen werden 2010 weitgehend ausgeschöpft sein. Derzeit hoffen alle, dass es im nächsten Jahr schon irgendwie besser laufen wird. Dann könnte man so weitermachen, wie bisher. Sollte das nicht der Fall sein und die Werbung bei Tageszeitungen noch weiter zurückgehen, stehen der Branche Umwälzungen bevor, gegen die die bisherigen Programme wie ein Kindergeburtstag wirken dürften. Zeitungen werden eingestellt werden, Redaktionen zusammengelegt und Leute in großem Stil entlassen. 2010 wird für die deutsche Zeitungsbranche das Jahr der Entscheidung.
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Letzte Kommentare
20.10.09 16:44
Christian Schwarzbauer
Tja, die letzten drei Jahre war auf den Medientagen immer wieder zu hören, dass die Verlage nun wüßten, was zu tun ist und wie toll das doch ist mit Blogs und Online und dass sie Konzepte für die Zukunft hätten.
Ich hab noch keins gesehen! Oder hapert es an der Umsetzung? Wie gesagt, seit drei Jahren das gleich Lied. Die Medientage finden heuer ohne mich statt.
PS. Herr Berger, ich unterstreiche Ihre Worte doppelt!
20.10.09 13:44
Peter Berger Website
Die Medienbranche erlebt nun ein Szenario, dass andere Branchen schon durchlitten haben. Die Strukturen in Redaktionen sind veraltet und verkrustet. Print- und Onlineredaktionen arbeiten gegeneinander statt miteinander. Artikel werden doppelt produziert statt ausgetauscht. Neue Medien werden abgelehnt statt gefördert.
Nun muss die Zeche gezahlt werden - und das in Zeiten, in denen Verlage noch immer Twitter und Facebook verdammen statt mit einer glasklaren digitalen Strategie diesen Geschäftszweig zu puschen.
Bleibt nur ein Fazit: Selbst schuld!