Die Whistleblower-Plattform Wikileaks ist nach ihrem jüngsten Coup, der zeitgleichen Veröffentlichung von geheimen Afghanistan-Dokumenten in Spiegel, New York Times und Guardian, in aller Munde. Allerdings spricht kaum noch jemand über die eigentliche Afghanistan-Story. Die Mediengeschichte von Wikileaks selbst ist viel spannender als die veröffentlichten Dokumente. Wikileaks-Vordenker Julian Assange ist in erster Linie ein begnadeter PR-Profi. Der Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit bleibt überschaubar.
Kaum ein Tag vergeht ohne neue Wikileaks-Enthüllungen. Gemeint sind freilich keine neuen brisanten Dokumente, die über die Website veröffentlicht würden, sondern Neuigkeiten in Sachen Wikileaks. Jetzt macht gerade die News die Runde, dass Wikileaks-Vordenker Julian Assange und seine Leute eine geheimnisvolle, verschlüsselte “Versicherungs-Datei” online gestellt haben. Sollten die Wiki-Leaker von der US-Regierung dingfest gemacht werden, könnte Wikileaks möglicherweise ein Passwort veröffentlichen, mit dem die Datei entschlüsselt würde.
Das klingt wie aus einem Hollywood-Verschwörungsstreifen und passt zu dem Geheimdienst-Gewaber, mit dem sich Wikileaks gerne umgibt. Immerhin hat es die Organisation mit ihrer Veröffentlichungs-Politik geschafft, US-Regierungskreise und konservative Politiker massiv gegen sich aufzubringen. Forderungen, Wikileaks abzuschalten und Julian Assange zu verhaften sind da sogar noch vergleichsweise harmlos. Der republikanische Kongress-Abgeordnete Mike Rogers vertrat in einem Radio-Interview sogar die Auffassung, der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning müsse wegen Hochverrats exekutiert werden, sollte er schuldig gesprochen werden.
Aber was genau waren noch gleich die angeblich so brisanten Afghanistan-Enthüllungen? Dass der Afghanistan-Krieg schlecht läuft? Dass es zivile Opfer gibt? Dass Soldaten in Kampf-Einsätzen bisweilen fragwürdig und wider die Vorschriften agieren? Dass alles ist zweifelsohne schlimm aber es ist nichts Neues. US-Politiker und Regierungsstellen reagieren offenbar nicht wegen des Inhalts der Veröffentlichungen empfindlich auf Wikileaks, sondern wegen der Tatsache der Veröffentlichung an sich.
Die gerne geheimniskrämerisch agierenden Militärs und Geheimdienste stehen dank Wikileaks mit runtergelassenen Hosen da. Da ist plötzlich ein ebenso geheimnisvoller Spieler auf dem Info-Markt aufgetaucht, der ihnen die Schau stiehlt. Das macht sie sauer. Auch die teilnehmenden Medien Spiegel, New York Times und Guardian waren offenbar in erster Linie wegen der schieren Masse an Geheimdokumenten aufgekratzt. Die Inhalte kamen dann erstaunlich banal daher. Siehe oben. So stehen auch nicht der Spiegel, die New York Times oder der Guardian als große Enthüller da, sondern Wikileaks und Julian Assange. Die Medien sind bestenfalls seine Erfüllungsgehilfen und verdienen sich ihre Sporen höchstens damit, dass die die Wikileaks-Dokumente mal besser (Guardian) oder mal schlechter (Spiegel) im Web aufbereiten.
Einen echten Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit gibt es darum aber noch lange nicht. Der einzig echte Gewinn, der erzielt wurde, ist ein Image-Gewinn für Julian Assange und Wikileaks, der sich womöglich auch in erhöhtem Spendenaufkommen niederschlägt. Die Leistung von Wikileaks, beziehungsweise Assange, besteht nicht aus Journalismus, sondern aus dem zur Verfügung stellen einer technisch cleveren Infrastruktur und einem großen Geschick in Sachen Vermarktung. Sieht so wirklich die Zukunft des Journalismus aus? Eine technisch ausgefeilte, gut geölte PR-Maschine und von ihr handverlesene Daten-Aufbereiter. Klingt nicht gerade nach einer Wunschvorstellung.
05.08.10 20:23
Aribert Deckers Web-Site
Wer mit WikiLeaks zu tun hat, und das gilt erst recht für die Insider, hat zwangsläufig Kontakt mit Geheimdiensten: man steht unter Beobachtung und - tut man Dinge, die den Geheimdienstlern mißfallen - gerät in ernste Gefahr.
.
Natürlich sind Geheimdienste medienerprobt, und eines ihrer üblichen Mittel, SACHINFORMATIONEN zu beseitigen, besteht darin, die Überbringer ad hominem anzugreifen.
Ein Artikel wie der jetzige paßt voll in dieses Schema. Wie kann man nur so einen Artikel schreiben!?
05.08.10 15:00
J. A.
Herr "Groebel":
Das es nicht gesund ist mit Besatzern zusammenzuarbeiten haben einige Franzosen nach dem zweiten Weltkrieg erfahren. Nichts neues im Osten also. Früher oder später kommt alles heraus. Das Passwort für die insurance.aes256 übrigens auch...
05.08.10 09:24
Jo Groebel
Ein nicht unwesentliches Detail muss leider zu Assange et al. jedesmal erwähnt werden. Professioneller Journalismus besteht auch aus "Accountability". Die lässt der jede Verantwortung eher von sich weisende Wikileaks-Macher sträflich vermissen. Die Todesgefahr für die in den Dokumenten namentlich genannten Informanten wird von ihm abgetan. Man habe das Material "geprüft" und teilweise bereinigt, es sei aber zu umfangreich. Inzwischen suchen Taliban systematisch die zahlreichen "Verräter". Wikileaks-Kollateralschaden? Man lese dazu mal die exzellente und polemische Analyse von Tunku in thedailybeast.com.
05.08.10 09:22
mac tor
Hallo Hr. Meier,
ich weiß nicht warum es Sie verwundert was in Kriegsgebieten so passiert.
Ob einzelne Bundestagsabgeordnetet darüber was wissen müssen/wollen ist total nebensächlich.
Die verstehen von militärischen Einzelheiten nichts und müssen auch nicht alles wissen. So können die ganz real später sagen -das habe ich nicht gewusst-.
Demokratie im allgemeinen wird total überschätzt. Wikileaks zeigt es gerade mit den Unterlagen das es im Krieg/bewaffneter Konflikt... keine Demokratie gibt. Dort vor Ort muss schnell gehandelt werden und nicht endlos geredet.
04.08.10 19:10
oksah ledseid
.....haha.....ohne ADSbewältigung usw keine Öffenlichkeitswirkung----
---oder die Netrevolution frisst Ihre Erzeuger---
---oder die CIA nebst artverwandten Kreisen
weltweit liefern endlich Gründe, um dieses ausufernde Medium zu reglementieren,zensieren und kommerzialisieren-die einfältigen Versuche
wegen Kinderporno,Rechts- o Linksradikalismus usw.
oder gar Abschaltung einiger Provider haben ja
gezeigt,dass die Netmedusa so nicht zu reglementieren ist.
Bringt die zahlreichen Politiker in den Demokratien, die stets etwas zu verbergen haben, massiv gegen die Freiheit des Netzes auf, dann klappt das ----
und die Zensur der Anderen wird fröhlich mitmachen.Aber massenweise Kinkerlitzchen oder
Kolateralschäden rausgeben, nur nichts wirklich
gewisse Kreise Blosstellendes....
Endlich weg mit der totalen Netfreiheit....
vor allem für diese Miesmacher und Petzer
wie Twitters,Blogs,Wikis,freevideos etc !
04.08.10 17:03
Thomas Meier
Sehr geehrter Herr Winterbauer,
ihr Kommentar stellt leider eine nicht unerhebliche Ignoranz gegenüber den von Wikileaks veröffentlichten Materialien zur Schau. Es wird Monate oder gar Jahre dauern, bis diese Dokumente wirklich gründlich analysiert worden sind.
Nur ein Beispiel zur Relevanz: Bundestagsabgeordnete haben nun zum ersten Mal die Gelegenheit, die vom Verteidigungsministerium vertraulich an sie weitergegeben Informationen mit den Daten von Wikileaks zu vergleichen, und stellen dabei fest, dass ihnen wichtige Informationen vorenthalten wurden.
Ich frage mich deshalb, warum Sie mit so einer oberflächlichen Betrachtung reagieren?
Das es Wikileaks auch um Selbstdarstellung geht, ist übrigens nicht verwunderlich, machen die gegenwärtigen Mechanismen des Journalismus dies doch absolut notwendig.

Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.
22.08.10 11:17
Julian Carstensen Web-Site
Der Autor ist ein erbärmlicher Duckmäuser. Was bekommt man für so einen einschmeichelnden Artikel?
Oder ist es Neid? Weil Wikileaks die gesamte Weltpresse vorführt und sie daran erinnert, was investigativer Journalismus einst war?