Viel ist die Rede von der Krise der Gattung Print im Allgemeinen und den Problemen von Tageszeitungen im Besonderen. Was passiert nun, wenn eine lokale Tageszeitung eine Skandalgeschichte vor der Haustür vorfindet? Sie ignoriert sie. Zumindest auf ihren Internetseiten. So geschehen bei den aktuellen Missbrauchsvorwürfen in der hessischen Odenwaldschule und der örtlichen Lokalzeitung. Die Geschichte mag ein Einzelfall sein, ist aber symptomatisch für den Zustand der Lokalpresse vielerorts.
Gerade habe ich bei Spiegel Online einen Artikel über die neuerlichen Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule in Heppenheim gelesen. Schlimme Sachen stehen da drin. Das ganze ist mittlerweile ein großer Skandal in der nicht enden wollenden Reihe von Skandalen mit sexuellem Missbrauch an Bildungseinrichtungen, mal unter kirchlicher Leitung, mal nicht. Was mich an der Sache mit der Odenwaldschule aber auch persönlich aufregt und im Prinzip gar nichts mit dem eigentlichen Skandal zu tun hat, ist das Verhalten der Lokalpresse. Ich selbst habe bei der Odenwälder Zeitung volontiert. Das ist eine Lokalzeitung, die im hessischen Kreis Bergstraße erscheint, dessen Kreisstadt Heppenheim ist. Da ist also vor der Haustür ein handfester, riesiger Missbrauchsskandal am Laufen und ich steuere die Website meiner alten Lokalzeitung an, um zu sehen, was dort berichtet wird. Und das ist: nichts.
Unter der kryptischen Adresse www.wnoz.de (WN steht für das Schwesterblatt Weinheimer Nachrichten) lese ich unter "Topnews aus der Region": Galerie: die Hochsprunggala. Gleich darunter: "Weinheim - Joachim Arndt glänzt zweimal mit Gold". Darunter eine brandheiße Umfrage: "Wer wir die neue Apfelkönigin?" Ich klicke mit gezielt in die Lokalberichte zu Heppenheim, dem Schauplatz des Skandals. Was sind die Stories unter "Heppenheim": "Winzer eG verkauft fast zwei Millionen Liter Wein". Gleich darunter: "Die Mitglieder der Landsmannschaft Schlesien kamen in der "Waldschenke Fuhr" auf der Juhöhe zusammen, um einem verdienten Mitglied zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren." Ja, da sage noch einer, in der Region sei nix los.
Ich begebe mich ins Archiv, gebe in die Sucheingabe "Odenwaldschule" ein. Und erhalte null Treffer. Bei Google News erzielt die Eingabe "Odenwald Schule " hunderte Treffer, keiner ist von der Lokalzeitung. Spiegel Online, Focus Online, Stern.de, Welt Online, Hamburger Morgenpost, auch der gar nicht so ferne Mannheimer Morgen - alle berichten ausführlich über den Skandal. Eigentlich müsste die Homepage einer Lokal- und Regionalzeitung zugepflastert sein mit so einem Thema. Die Reporter und Redakteure müssten bei der Ehre gepackt sein, jetzt zu zeigen, dass sie die kompetenten Journalisten vor Ort sind. Eigentlich. Stattdessen gibt es 08/15 Agenturmaterial über die Oscar-Verleihung und lobhudlerische Vereinsmeierei. Als Slogan der Zeitung steht groß über der Website "Die Region ist unsere Welt". Schön wär's.
09.03.10 17:01
Tm V.
Wenn das an einer staatlichen Heppenheimer Schule passiert wäre, hätte die Berichterstattung anders ausgesehen - meine Vermutung. Die Odenwaldschule und andere Elite-Internate sind in den Köpfen der lokalen Bürger und damit auch der Lokalpresse exteritorale Gebiete. Parallelwelten in die sich gutverdiendee mit 2000 Euro Schulgeld einkaufen. Für die Bürger in der Region fehlt der Regionalbezug. Die haben mit der Schule nichts zu tun, kennen niemanden, der die besucht und die Schule ist nicht im sozialen, politischen oder kulturellem Leben der Region eingebunden.
09.03.10 10:45
thomas schmidt
Wieso versagt die Lokalpresse? Sie funktioniert doch! Gerade, weil sie nicht über den Schulskandal berichtet. So wird doch ein Schuh draus, nicht wahr...
08.03.10 20:46
Stefan Winterbauer
Zunächst zwei Dinge:
Die dpa-Meldung auf der WNOZ-Site scheint erst nach meinem Blog-Post auf der Seite aufgetaucht zu sein. Als ich den Post schrieb, war nirgends irgendetwas zu dem Thema zu lesen. Ist ja gut möglich, dass sich das zwischenzeitlich geändert hat. Aber "nur" eine dpa-Meldung - nun gut. Besser als nix.
Das Argument, dass die Odenwälder Zeitung (oder die "Odenwaldzeitung" wie ein Zeitgenosse hier fälschlich schrieb), nicht die Lokalzeitung von Heppenheim ist, ist mir wohl bekannt. Trotzdem liegt der Fall in ihrem Verbreitungsgebiet und ist von höchstem regionalen Interesse. Es mag sein, dass andere Lokalzeitungen berichtet haben, mag sein. Es ging mir hier um das subjektive Schildern eines bemerkenswerten Einzelfalles.
@Lars Ross Gerade für Leute, die sich vorzugsweise online informieren, ist der beschriebene Fall meiner Meinung nach ärgerlich, da ja online, wie beschrieben, nichts zu der Sache berichtet wurde. Jedenfalls nicht bei dieser Zeitung. Dass ich hier irgendwelche Gerüchte fabriziert hätte, ist mir freilich neu.
@Alex Schneider Ihre Einschätzung "Sämtliche Spekulationen über unzulässige Nähe und bräsige Lokaljournalisten gehen also generell fehl." finde ich sehr seltsam. Vor allem wegen dem Wörtchen "generell".
@Kerstin Fritzsche Es ging hier zunächst nicht um die mangelnde Qualität irgendeiner Berichterstattung, sondern darum, dass zumindest online überhaupt gar nichts berichtet wurde. Dass die Berichte bei SpOn und anderswo auch kritikwürdig sein mögen, kann sein, weiß ich aber nicht.
08.03.10 19:58
Lars Ross
Das Ganze hier zeigt meiner Auffassung nach eine der unschönen und leider noch weit verbreiteten Facetten des Online-Journalismus: Viel Meinung, schnell raus und relativ wenig Substanz. Das ist gut, wenn man Debatten erzeugen will - auch wenn sie, wie in diesem Fall, vergleichsweise ertragfrei sind. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass es Menschen gibt, die sich nur online informieren, ist diese, zum Teil technisch bedingte (es geht halt schnell und kostet wenig)- Achtlosigkeit äußerst bedenklich. Da wundert es kaum, dass niemand für Online-Inhalte Geld bezahlen will: Für ein schnell fabrizierte Mischung aus Gerücht und Meinung würde ich das auch nicht tun.
08.03.10 19:48
e gr
Die Odenwaldschule liegt auf hessischem Staatsgebiet. In der Region Starkenburg liest man das schon erwähnte Starkenburg-Echo oder den Bergsträßer Anzeiger (Mannheimer Morgen).
Beide Zeitungen haben groß darüber berichtet. Bevor man solche Geschichten in die Welt setzt, sollte man besser recherchieren.
08.03.10 19:48
Torsten Dewi
@ Stefan: Wenn ich mir die anderen Kommentare hier ansehe, hast du vielleicht doch etwas vorschnell geurteilt.
Wir sehen das verschieden, und das ist in Ordnung: Ich nehme mir weiterhin heraus zu glauben, dass es zur Sorgfaltspflicht gehört, der angegriffenen Partei wenigstens die Chance zur Erwiderung zu geben.
"Ich bin schon der Ansicht, dass ich mir bei Ansicht eines Produktes eine Meinung bilden kann und mir nicht noch von den Verantwortlichen erklären lassen muss, wie ich dieses augenscheinlich suboptimale Produkt nun zu verstehen habe" - das mag sein. Es wird aber etwas anderes daraus, wenn man die Kritik in die Öffentlichkeit bringt, damit womöglich Schaden anrichtet, und sich vielleicht hinterher sagen lassen muss, dass man fahrlässig gehandelt hat. Du redest hier schließlich nicht von der kaputten Fernbedienung eines Videorekorders.
Du hast vermutlich Recht, was diese Lokalredaktion angeht - aber wäre der Gedanke, tatsächlich SICHER zu sein, nicht erheblich beruhigender? (ich paraphrasiere damit meinen alten Chefred)
(Disclaimer: Angesichts eines kürzlichen, harten und ungerechtfertigten Angriffs in der Presse, bei dem KEIN Journalist die tatsächliche Legitimität des Angriffs hinterfragt hat, mag ich übersensibel sein, was dieses Thema angeht)
08.03.10 18:49
Besim Karadeniz Website
Es war schon immer gewagt, zu glauben, dass Lokalzeitungen umfassend und neutral über Nachrichten aus der Region berichten. Das fiel früher nur wenigen auf, weil es zum einen alle so machten und es an genauso lauter Gegenöffentlichkeit zu den Blättern fehlte.
08.03.10 17:26
Kerstin Fritzsche
Das Problem fängt für mich schon da an, dass Dinge vermischt werden. Es wird versucht, hier über die Versäumnisse der Lokalpresse eine Diskussion loszutreten, und dann wird aber als erstes SpOn genannt/darauf verwiesen. Diese Kollegen beziehen sich - wie alle seit SA, als es bekannt wurde - auf die FR und stricken den Rest durch dpa-Texte zusammen. Was man eben so macht, wenns schnell gehen muss. Dabei hat SpOn ja auch eine Reporterin für solche Kriminalfälle. Diese Praxis könnte man genauso gut kritisieren.
Der Hauptgrund in diesem Fall für die in Ihren Augen mangelnde lokale Berichterstattung liegt aber darin, dass der Journalist bei der FR, der auch 1999 informiert wurde, offensichtlich als Vertrauensperson des betreffenden Ex-Schülers ausgewählt - und eben jetzt wieder informiert wurde. Das ist eine Dynamik von außen. Ergo: Nicht alles ist mit nicht stattfindendem investigativem Journalismus zu erklären.
Und drittens: genau der kostet am meisten. Nicht nur Geld.
Und zur Forderung nach einem heppenheimblog: Ich glaube nicht, dass ein Blog sowas aufdecken könnte. Der Vergleich mit dem heddesheimblog liegt nahe, aber den betreibt ein Ex-Journalist. In Deutschland sind immer noch über 90 % aller Blogs nicht journalistisch. Sie können eher nur anregen zu einer Berichterstattung.
08.03.10 16:51
Gerd Meissner Website
Bei dem Thema sollten wir dann auch vom Versagen der Hamburger "Lokalpresse" nicht schweigen. Im November wurde die Villa von Hamburgs größtem Bauunternehmer auf Kinderpornographie durchsucht. Sehr erfolgreich übrigens, wie ein Polizeisprecher ausführlichst mitteilte. Später wurde auch nachgereicht, dass Angklage erhoben werde.
Seither hat ein Heer von Anwälten dafür gesorgt, dass alle Veröffentlichungen zu dem gesamten Vorgang nicht nur in Hamburg aus allen Online-Archiven getilgt wurden. Auch auch in anderen europäischen Ländern waren die Presseanwälte erfolgreich. Nur in Irland und in den USA scheint's nicht ganz geklappt zu haben.
Dieselben Medien, die offenbar sehr willfährig löschten, haben übrigens kein Problem damit, den Namen "Tauss" jedesmal aus dem Online-Archive auf die Webseiten zu stellen, wenn über Kinderpornographie berichtet wird. Obwohl der, bei sehr unklarer Beweislage, ebenfalls nicht rechtskräftig verurteilt ist.
Ist die Frage unangemessen, ob Joerg Tauss vielleicht nicht über die Millionen und Presseanwälte verfügte, mit denen man sich in Hamburg offenbar Stillschweigen und Archivstille im Web erkaufen kann?
Zum Ausgangspunkt: Warum hat noch kein Medienjournalist diesen ganzen Vorgang mal genauer untersucht?
Nur so 'ne Frage.
08.03.10 16:33
Peter Löwenstein Website
Asche auf mein Haupt. Der Kommentar ist nicht gelöscht worden. Ich hab einen Fehler gemacht, der Kommentar war bei mir verschluckt worden und ich nahm an er sei gelöscht worden-
Sorry für meine falsche Kritik am Darmstädter Echo.
08.03.10 16:29
Rainer Barg
@Alex Schneider:
Und wieso löschen Sie auf Ihrer Webseite Userkommentare?
08.03.10 16:18
Klaus Meister
> sogar mit einem Dossier hat das Echo das Thema
> behandelt ?
Neben zwei dpa Abdrucken auch ein eigenes Dossier zu so einem dominanten Thema? Nicht schlecht.
Dagegen verblassen die sechs Artikel die der ersten März über den Heppenheimer F1 Piloten Vettel nahezu - und unterstreichen den gute gemeinten Aufruf des Blogerstellers nur noch mehr!
08.03.10 16:10
Dirk Fleckenstein
So schlimm das Thema ist, könnte man hier aber auch mal über den Jounalismus der überregionalen Zeitungen nachdenken, die sich jetzt auf alles stürzen, das mit Kindesmissbrauch zu tun hat. Die Vorwürfe gegen die Odenwaldschule sind meines Wissens nicht neu, sondern wurden von der Schule selbst schon 1999 öffentlich gemacht.
08.03.10 16:01
Ulrich Safferling
Lieber Kollege Weinbauer,
Sie haben völlig recht - aber jetzt entdecke ich gaaaanz unten rechts ein Thema des Tages - blöde Platzierung, aber vielleicht sollen die Leser ja Bluthunde sein - mit der Odenwaldschule. Okay, ist nur dpa, aber immerhin ein Hauch Anteilnahme weht doch durch die Seite - und wie schrieb schon jemand, die Redakteure wollen doch noch ihre Frau zzum Einkaufen schicken können. Ja, wenn das die Kriterien für Lokaljournalismus sind, dann müssen wir uns um die publizistische Meinungsvielfalt auf dem Lande wirklich keine Gedanken mehr machen.
Schade auch.
08.03.10 15:58
Alex Schneider Website
Der Beitrag enthält zwei entscheidende Fehler und geht somit ins Leere:
1. Wie von @Jonas schon dargelegt ist die Odenwaldzeitung nicht die bestimmende Lokalzeitung für Heppenheim, sondern das Starkenburger Echo (ehemals Süpo).
2. Das Lokalblatt Starkenburger Echo hat heute flächendeckend in seiner Printausgabe, wie auch online (www.echo-online.de) sogar mit einem Dossier zur Odenwaldschule berichtet.
Sämtliche Spekulationen über unzulässige Nähe und bräsige Lokaljournalisten gehen also generell fehl. Dem Autor ist zu wünschen, dass er sich an den Kollegen in Sachen Recherche ein Beispiel nehme.
08.03.10 15:55
Klaus Meister
In diesem fast 30 Jahre zurückliegenden Fall hat die Frankfurter Rundschau (erstmals und einmalig 1999, dann ging man in den Winterschlaf, um jetzt wieder - anläßlich der 100 Feier des Internats - wieder frisch aufmonitioniert nachzuladen) die redaktionelle Speerspitze gegeben.
Gift und Galle verspitzt derzeit die FR. Die Online Ausgaben der überreg. Platzhirschen kamen am Wochenende gar nicht mehr hinterher mit dem abschreiben, um sich mitterweile, weil das Pulver bei der fr ausgeht, an Internetforen der Betroffenen des Internats wörtlich zu bedienen. Einfach Bäh...
____
Unterm Strich ist dieser Blog vielleicht eine gute Anregung an die Lokalpresse, die Aufklärungsarbeiten auf der Schule sachlich und unaufgeregt zu begleiten?
08.03.10 15:17
Lokaler Qualitätsjournalismus
Das Elend der Lokalzeitung beginnt nicht selten mit dem Bedürfnis, Harmonie auszugießen über die örtlichen Probleme und Konflikte. Argument: "Wir sind die Heimatzeitung." Wer aber "Heimat" so definiert, dass die Kuschlichkeit und das Gemütliche vor journalistischer Arbeit gehen, erweist seinen Lesern einen Bärendienst. Handwerklich bedeutet das meist: Man kippt die Pressemitteilungen so ins Blatt, wie der örtliche Verein sie ausgegossen hat, oder berichtet gar nicht.
Angesagt wäre doch wohl, fair und sachlich zu berichten, fern von Skandalisierung, aber auch ohne Beschönigen. Eine Zeitung, die nicht in der Lage ist, ihre lokale Kompetenz und ihre Heimatverbundenheit in dieser Weise zu zeigen, ist es nicht wert, überhaupt wahrgenommen zu werden.
Bei der Odenwaldschule geht das Problem, fürchte ich, aber tiefer: Die Reformschule ist schon immer ein Fremdkörper in dem verschlafenen Landstrich, und letztlich bedient es hundertjährige Vorurteile, mit ihr zu tun, was man wahrscheinlich seit jeher tut: zu fremdeln und sie zu ignorieren. Dabei sind solche Vorfälle natürlich gerade am Ort eine Topstory, und es müsste mit den Teufel zugehen, wenn "Spiegel online" und die anderen nicht gerade aus dem Odenwald hohe Klickraten bekämen derzeit.
Dass das gerade die Leute in der Nachbarschaft nicht interessiere, ist eine mit Sicherheit falsche Vorstellung und geht von einem fatalen Verständnis von Journalismus und Leserinteresse aus.
08.03.10 15:12
Meinung S. Freiheit
Ja, ja - der Lokaljournalismus!
Viele Verleger haben gar kein Interesse an investigativem Journalismus vor Ort. Statt das Geld mit der Qualität ihres Produkts zu verdienen, wird die Nummer "Allen wohl und niemand weh" gefahren. Solange es das Internet nicht gab, war das ein Garant für sprudelnde Anzeigeneinnahmen - Konkurrenz gab es ja weder für die Inhalte noch den Werbeträger.
Das hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Meiner Meinung nach können Lokalzeitungen - ob gedruckt oder im Netz ist wurst - nur überleben, wenn sie sich auf ihre Kompetenzen besinnen. Das ist die kritische, im besten Sinne aufklärerische Berichterstattung vor Ort.
Dazu gehört aber auch eine vernünftige personelle und finanzielle Ausstattung der Lokalredaktionen. Hier haben sich bisher die meisten Eigentümer nicht mit Ruhm bekleckert. Ein abschreckendes Beispiel ist ja die notorische Rhein-Zeitung - die Lokalredaktionen wurden in eigenständige GmbHs umgewandelt, der Chefredakteur ist gleichzeitig Geschäftsführer. Da versucht man gar nicht mehr, das Anzeigengeschäft von der Redaktion zu trennen.
08.03.10 14:29
Stefan Winterbauer
@Torsten Dewi Zitat: "Es wäre redlich, mit den Leuten zu sprechen, die du angreifst. Deine Frage, was das bringen soll, ist nämlich nur dadurch zu beantworten." Sorry, aber meiner Meinung nach geht das voll am Thema vorbei. Man ist mitunter schnell mit Attributen wie "unjournalistisch" oder "schlecht recherchiert" bei der Hand, wo die gar nix zu suchen haben. Es gab hier in diesem Falle schlicht nichts zu recherchieren. Das pure anschauen der Website hat gereicht. Ich bin schon der Ansicht, dass ich mir bei Ansicht eines Produktes eine Meinung bilden kann und mir nicht noch von den Verantwortlichen erklären lassen muss, wie ich dieses augenscheinlich suboptimale Produkt nun zu verstehen habe. Wenn man eine Fernsehsendung kritisiert, ruft man auch nicht vorher bei der Produktionsfirma an und fragt, warum die Sendung nun wieder so schlecht war. Das ist sinnlos und hat mit unjournalistich nix zu tun.
@Albert Warnecke: Das ist eine Haltung, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Man sollte also lieber die armen Leser schonen, bevor die sich zu sehr aufregen? Natürlich benehmen sich TV-Medien manchmal bei solchen Geschichten wie die Axt im Walde, was auch nicht gut ist. Aber das wäre ja auch vielleicht ein Ansatzpunkt, als Lokalzeitung darüber zu berichten - auch auf der eigenen Internet-Seite.
@Jonas: Es stimmt natürlich, dass die Odenwälder Zeitung/Weinheimer Nachrichten keine Heppenheimer Heimatzeitung ist. Aber Heppenheim und die Odenwaldschule liegen schon noch im Bereich ihrer Berichterstattung. Zumal ja vielleicht auch Schüler aus dem direkt nebenanliegenden Kern-Verbreitungsgebiet der Odenwälder Zeitung auf diese Schule gegangen sein könnten. Interessieren dürfte der Fall die Online-Leser der OZ-Leser jedenfalls auch. Und mit Hysterie hätte es sicher auch nichts zu tun, wenn man über einen solchen Fall berichtet. Mit genau solchen Argumenten wurden während meiner Lokalzeitungszeit auch Themen regelmäßig unter der Decke gehalten. Man will ja nicht skandalisieren, wir sind seriös usw. Das waren und sind meiner Meinung nach nur Feigenblatt-Argumente.
@ H.J. G. Umso schlimmer, das mit dem Tabu.
08.03.10 14:17
H.J. G.
Lokaljournalismus (Großstädte ausgenommen) ist, war und bleibt ein Geschäft munter der Prämisse „Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing'“. Für die erwähnten Weinheimer Nachrichten ist in diesem Kontext zum Beispiel eine Berichterstattung über das zwischen Weinheim und Lützelsachsen gelegene Pilgerhaus (damals unter einem evangelischen Träger) und die dortigen Zustände in den 1950er Jahren (nach eigenen Erfahrungen von sexuellen Übergriffen der Erzieher und Erzieherinnen und extensiver Kinderarbeit abgesehen, vor allem Prügelorgien unter Hausvater Klaiber, Heimpfarrer Müller und dem Lehrer Decker/t?) ein absolutes Tabu.
PS: Heute ist das Pilgerhaus nach meinen Rechererchen eine achtenswerte Institution.
08.03.10 14:10
Jonas Exil-Hepprumer
Als jemand a)aus Heppenheim (nicht gebürtig, aber nahezu) , b)mit etwas Lokalzeitungserfahrung (BA) und die aktuellen Geschehnisse im Ortsteil Oberhambach verfolgend: Die OZ ist keine Heimatzeitung für die Bergstrasse sondern für den Odenwald. Hambach ist genau in der Mitte, gehört verwaltungstechnisch zu Heppenheim. Viel interessanter ist daher, wie die Südhessische Post und der BA (Leib u. Magenthema von Karl-Heinz Schlitt ist Schulpolitik) damit umgehen. Allerdings stimme ich den Kommentaren zu - es ist sicherlich nicht Aufgabe der lokalen Zeitungen, in die selbe Hysterie zu verfallen wie die Big Media. Dieser Komplex bietet ja alles, was das Boulevard-Herz begehrt, inkl. Prominenter.
Und ja, ein Bergstrasseblog ähnlich wie Peter Löwensteins Regioblog.de tut not, die Lokalberichterstattung online ist auch an der Bergstrasse eine Katastrophe, täglich ein paar Meldungen und dann gehts zur Paywall, wo ein teures PDF der Printausgabe wartet, das ist so 1999.
08.03.10 14:07
Torsten Dewi
@ Stefan: Wow - "die Fakten liegen auf dem Tisch"? "Was soll das bringen"? "Die Tatsachen sprechen für sich"? Das sind doch eigentlich genau die Sprüche, die man gerne von mies recherchiertem Printjournalismus zu hören bekommt. Sorry, wenn ich da ein wenig renitent bin - aber ob alle Fakten auf dem Tisch liegen, solltest nicht du entscheiden, nachdem du dir deine Meinung gebildet hast. Es wäre redlich, mit den Leuten zu sprechen, die du angreifst. Deine Frage, was das bringen soll, ist nämlich nur dadurch zu beantworten.
08.03.10 14:01
Kei Harasaki
Leider wird dort wohl eher darauf geachtet, keinem auf die Füße zu treten, als wirklich interessante lokale Geschichten aufzuarbeiten. Schade eigentlich, da dies sicherlich auch eher das Interesse der Abonnenten finden würde, als die x-te Berichterstattung über Verein XY und dessen jährlichen Ausflug (zumal es genug Geschichten über den lokalen Filz gäbe).
08.03.10 13:53
Fritz Fix
Also dem kann ich nicht so ganz zustimmen. Zu meiner Volontärszeit ereignete sich das Oktoberfest-Attentat. Der Täter stammte aus unserer Stadt, ja war sogar als freier Mitarbeiter gelegentlich für die Zeitung vor Ort tätig. Auch damals fielen um nächsten Tag (die Tat ereignete sich an einem Freitag abend) überörtliche Reporter in unsere kleine Stadt ein, machte sich in der Lokalredaktion breit. Aber wir haben natürlich berichtet, sogar ein Extrablatt (das Internet war noch nicht mal angedacht, die älteren unter uns werden es noch wissen) gedruckt, dass von allem greif-und verfügbaren Mitarbeitern der Geschäftsstelle (inklusive Anzeigenleitung, Sekträterinnen usw.) am Sonntag in der Stadt verteilt wurde. Eine Frage, der Ehre...
08.03.10 13:04
Albert Warnecke Website
Hm, aber was ist, wenn die Odenwälder Zeitung genau das tut, was die Leser möchten?
Diese Mißbrauchssache ist ein emotional sehr aufwühlender Skandal. Schlimmer, als wenn eine Schlittschuhalle einbricht und es gibt Tote. Das ist auch entsetzlich, aber nicht eben doch anders entsetzlich, als dieser Skandal.
So, das haben die Heppenheimer jetzt vor Ihrer Tür, incl. der Reporter-Teams von Print, TV, Radio. Man ist beim Bäcker und sieht plötzlich in eine Kamera und wird gefragt "Und, wer wurde denn so in Ihrer Familie missbraucht? Könnten wir den mal für Vera am Mittag aussleihen?"
Vielleicht MÖCHTEN die Heppenheimer einfach in IHREM Lokalblatt das nicht auch noch lesen.
Und warum sollten sie es auch. Die nationalen Medien haben es ja bereits aufgegriffen und sind dran. Wer sich informieren will, hat alle Möglichkeiten.
Was soll der Lokal-Reporter da noch den Bluthund geben. Das machen die Jungs vom Spiegel doch viel besser. Vor allem unbekümmerter, die können bei der Aufklärung in Heppenheim soviel Porzellan zerschlagen wie nötig ist, die sind mit der LH 0815 am Abend wieder in Hamburg.
Das kann der Lokalreporter nicht. Seine Frau muß nach wie vor den Wochenendeinkauf
an seiner Seite durchstehen, seine Tochter möchte im Sportverein bleiben können und der Sohn will womöglich eine Lehrstelle am Ort haben.
Ja, sorry, so jemand kann nicht Steven-Segal-mäßig durchs Gelände holzen.
Lokal ist Lokal, im Guten wie im Bösen.
08.03.10 12:45
Ulrike Langer Website
Bräsiger Bratwurstjournalismus. Es wird Zeit für ein "Heppenheimblog".
08.03.10 12:41
Stefan Winterbauer
Und was soll das bringen? Die Tatsachen sprechen hier für sich, finde ich. Es steht schlicht nichts auf der Website. Darüber geht es in diesem Post. WIe sollte eine wie auch immer geartete Rechtfertigung aussehen? Es liegen alle Fakten auf dem Tisch. Sicher mag das ein Einzelfall sein, aber ich finde, er ist symptomatisch.
08.03.10 12:21
Torsten Dewi Website
Alles gut und schön, aber wäre es vor der Veröffentlichung dieses Artikels nicht fast schon journalistischen gewesen, mal über die Internet-Klickerei hinaus zu recherchieren - und z.B. die Lokalzeitung für einen Kommentar mal anzurufen? Ich halte es bei so einem Vorwurf für eine Mindestanforderung, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen.
18.03.10 15:26
Odin A.
Ist das mit den Missbräuchen an dieser Heppenheimer Schnöselschule eigentlich noch aktuell? Kommen dort auch weibliche Lehrkörper zum Einsatz und werden auch Abendkurse angeboten?
Ich frage darum, weil ich gerade spontan überlege mein Abi nachzumachen.