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Mittwoch 05. August 2009 11:34

Steinmeier geht im Web baden

Sie alle hätten gerne was von Barack Obama - deutsche Politiker im Wahlkampf-Sommer. Ein bisschen Charisma hier, ein bisschen Präsenz da. Und eine Prise Fortüne beim Spiel mit Medien und Web. Bislang aber sind alle Versuche, das Web für den Wahlkampf zu nutzen gescheitert. Neustes Beispiel: SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Für ihn zündet die SPD ein wahres Web-Feuerwerk - und erntet Häme. Sogar die sachlich aufgemachte ZDF-Doku zum Kandidaten Steinmeier wurde online sofort zerpflückt.

Man kann technisch an den Online-Aktivitäten der Sozialdemokraten gar nicht meckern. Da wird fleißig getwittert, es gibt einen YouTube-Kanal, die Facebook-Seite sieht sehr professionell aus und Steinmeier darf seine glänzige Stirn sogar bei Flickr im SPD-eigenen Pro-Account herzeigen. Seit neuestem gibt es sogar ein persönliches Weblog des Kandidaten. Und hier wird das ganze Dilemma auf spektakulär langweilige Art und Weise sichtbar. Steinmeier ist einfach kein Mann fürs Web2.0. In den Kommentaren seines ersten Blog-Beitrags schreibt ein Wahlkampf-Mitarbeiter, dass Steinmeier seine Beiträge wirklich selbst verfasst. Das Schlimme: Der Text über den Auftakt von Steinmeiers Sommertour ist so uninspiriert und hölzern, dass das sogar stimmen könnte.

Den Kommunikations-Super-GAU erlebte der SPD-Kandidat aber mit der ZDF-Doku am Dienstagabend. Ausführlich kamen in dem Film Freunde und politische Weggefährten zu Wort. Steinmeier als Mensch kam dabei gar nicht schlecht rüber. Ein guter Kerl. Aber das Bild, das sich bot, war für einen, der Kanzler werden will, ein Desaster. Als Chef-Exekutor der Idee vom Kanzler Steinmeier erwies sich ausgerechnet der Altkanzler und Steinmeiers Ex-Chef Gerhard Schröder. "Er drängelt nicht", sagte der über seinen ehemaligen Büroleiter. Dabei weiß Schröder aus eigener Erfahrung, dass einer, der Kanzler werden will, drängeln muss – auf Teufel komm raus.

Ein Fußball-Freund Steinmeiers wurde zitiert mit den Worten: "Spiel aufbauen oder lenken? Nein, das konnte der nicht. Dafür war er nicht geboren." Seine Cousine sagte über Steinmeier: "Einen Macher stelle ich mir anders vor...". Noch Fragen? Und das Wahlkampfteam der SPD, berauscht vom Zauber des viralen Marketings, fordert via Twitter und Facebook auch noch dazu auf, das Video weiter zu verteilen. Viele Kommentare bei Twitter schätzen den ZDF-Film ganz anders ein, als es sich die Wahlkampf-Strategen wünschen. Ein Auszug der Tweets: "Das ZDF hat Kanzlerkandidat Steinmeier porträtiert. Erkenntnis: Rampenlicht und Menschenmassen sind nicht sein Ding." "Gerade beim ZDF ein Porträt über #Steinmeier gesehen. So ne offene mediale Demontage hab ich schon lange nicht mehr erlebt." "Das ZDF-Portrait über Steinmeier ist interessant. Es zeigt das ungeschönte Bild eines fleißigen Mannes, der gerne in der 2. Reihe arbeitet." "Ich lerne, selbst die Freunde von Steinmeier können ihn nur demontieren. Das Jubelportät im ZDF lässt ihn armselig erscheinen. Kein Lenker." "Zentrale Botschaft: Steinmeier ist phlegmatisch, schwitzt beim reden und sieht älter aus als er ist."

Und die CDU? Angela Merkel ist auch bei Facebook vertreten (und hat dort deutlich mehr "Befürworter" als Herausforderer Steinmeier). Die Christdemokraten stellen ihr "Frag Angie"-Tool in den Vordergrund, bei dem man Fragen an die Kanzlerin richten kann. Das ist weit davon entfernt, einfallsreich oder erkenntnisfördernd zu sein. Zu den Top-Fragen gehören zum Beispiel "Welche Konkurrenz stellt für Sie Horst Schlemmer dar?" oder "wie hat es ihnen im Urlaub in sulden gefallen??" oder, wenigstens rechtschreibesicher: "Liebe Frau Dr. Merkel, womit und wie starten Sie morgens in einen arbeitsreichen Tag?" Naja. Insgesamt ist die CDU-Kampagne deutlich weniger ambitioniert in Web-Dingen als die der SPD. Auch die Website von Merkels "Team Deutschland" wirkt inklusive "Beta"-Fähnchen deutlich hausbackener als die der SPD.

Aber der technische Vorsprung bringt der SPD rein gar nix. Schon trudelt eine Pressemitteilung von StudiVZ ein: "Laut des aktuellen Stimmungsbarometers im studiVZ und meinVZ ist Frank-Walter Steinmeiers Versprechen, Vollbeschäftigung bis 2020 in Deutschland zu schaffen, unrealistisch. Nach nur zwei Tagen haben bereits über 13.000 Nutzer teilgenommen. Davon vertrauen knapp 13 Prozent auf die Pläne des SPD-Kanzlerkandidaten. Über 87 Prozent hingegen halten Steinmeiers Versprechen in seinem 'Deutschland-Plan' für nicht realistisch." Obama ist weit.

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 2 von 2

06.08.09 11:48

Meinung S. Freiheit

Ist ja völlig in Ordnung, Steinmeiers Auftritte zu bewerten. Aber man sollte doch die Kirche im Dorf lassen...

Was wurde über Angela Merkel vor Beginn ihrer Kanzlerschaft und noch lange danach gelästert! Scheiß Frisur, Aussitzerin etc. pp. Was für ein bescheidenes Bild gab Helmut Kohl jahrzehntelang ab? Und - hat es jemanden gestört?

Und wenn ich mir die Bilanz eines angeblichen Machers wie Schröder anschaue - dann könnte es vielleicht nicht ganz verkehrt sein, mal wieder jemand als Kanzler zu haben, der nicht nur machtgeil ist.

Das Problem der SPD ist die SPD und nicht der Kanzlerkandidat - da gab es mit Scharping oder Rau schon größere Schlaftabletten...

05.08.09 13:09

kevin Kuck

Naja, die Kommentatoren sollten sich erstmal
selbst im Spiegel besehen und aufschreiben,
was ihre Umgebung so über sie sagt......
....nach eingehender Selbstkritik komme ich aber
zu dem Schluss:
Für Kanzlerkandidaten sollte es - wie bei dem
so großen Vorbild Obama.... - Vorwahlen geben,
dann wären uns wohl einige erspart geblieben,
Frühere wie Zukünftige.

Aber jedes Volk hat die Politiker verdient, die es
- eben leider oft indirekt - wählen muss,
und dabei werden oft die größten intigranten Flaschen auf die höchsten Listenplätze fortgelobt:
NATÜRLICH PARTEIÜBERGREIFEND
IM VERWALTUNGSRECHTSSTAAT





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Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.

 

 


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