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Donnerstag 18. Februar 2010 14:01

Die zwei Gesichter der Verlage

Zuerst gab es das Buhei um die geplante "Tagesschau"-App für das iPhone, jetzt ordentlich Remmidemmi wegen des Gutachtens des NDR-Rundfunkrats, das offenbar einen Freifahrtschein für den ungebremsten Ausbau von tagesschau.de darstellt. "Ein absolut unglaublicher Vorgang", tönte es prompt vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Doch wenn es darum geht, ein paar Euros bei der Videoproduktion zu sparen, sind BDZV-Mitglieder zu ARD und ZDF wieder ganz lieb.

Fast zeitgleich mit der Empörungswelle wegen des durchgesickerten Gutachtens vom NDR-Rundfunkrat bezüglich tagesschau.de verkündete der Berliner Tagesspiegel stolz eine Kooperation mit dem ARD-Sender RBB. "Tagesspiegel und RBB arbeiten seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen gut und erfolgreich zusammen. Da liegt es nahe, dass die Lieblingszeitung und der Lieblingssender vieler Berlinerinnen und Berliner auch online kooperieren", jubilierte "Tagesspiegel"-Chefredakteur Lorenz Maroldt. Man hat sich plötzlich ganz doll lieb. Auch die notorisch sparwütige WAZ-Gruppe hat in Bezug auf ARD und ZDF zwei Gesichter. Online kooperiert die WAZ mit gleich drei öffentlich-rechtlichen Sendern: WDR, MDR und dem ZDF. Die nun bekannt gewordenen tagesschau.de-Pläne sind für WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus dagegen "der größtmögliche Super-Gau".

WAZ und Tagesspiegel sind nicht alleine. Der SWR liefert Videos für den Südkurier und die Badische Zeitung, das ZDF stattet das Web-Angebot der Zeit mit Bewegtbildern aus. Es muss schon eine gewisse Doppelmoral in den oberen Verlagsetagen herrschen, wenn man einerseits die große Kritik-Keule schwingt und andererseits mit den eben noch Geschmähten, bei nächster Gelegenheit in die Kiste hüpft. Aus Sicht der Öffentlich-Rechtlichen sind die Kooperationen jedenfalls eine prima Sache. ARD und ZDF nehmen damit auch berechtigter Kritik an ihrer uferlosen Expansion den Wind aus den Segeln und unterstreichen ihre Unverzichtbarkeit auch im Internet.

Es ist ein Armutszeugnis für Verlage, wenn sie nicht in der Lage sind, ein paar Mitarbeiter zu motivieren (oder in allerhöchster Not ein paar neue einzustellen) mit einer Kamera loszuziehen und mit dem Medium Video zu experimentieren. Moderne Klein-Kameras kosten nicht die Welt, ebenso die notwendige Software. Und die Video-Brosamen vom Tisch der öffentlich-rechtlichen Herren, gibt es schließlich auch nicht für umsonst. An Geldmangel kann es im Prinzip nicht liegen, höchstens an Einfallslosigkeit. Und wenn dann das eine oder andere Video-Projekt nicht gleich perfekt wäre oder gar scheitern würde: was soll's? Dafür wird die eigene Medienmarke nicht verwässert und man lernt dazu. Stattdessen gibt es nun bei Websites von Zeitungen gebührenfinanzierte Einheitsware inklusive Sender-Logo in der Ecke. Da kann man auch gleich die entsprechenden Mediatheken der Sender ansteuern.

So richtig verstehen lässt sich die aktuelle Aufregung um das Gutachten des NDR-Rundfunkrates ohnehin kaum. Wer mal bei tagesschau.de vorbeisurft, wird schon jetzt kaum Unterschiede zu einem digitalen Nachrichten-Vollprogramm feststellen können. Zwar fehlt bei tagessschau.de ein Ressort mit bunten, vermischten Meldungen, wie bei Spiegel Online das "Panorama"-Ressort. Viel Buntes wird bei tagesschau.de aber dann einfach auf die Ressorts Inland, Ausland oder Wirtschaft verteilt. So finden sich dort beispielsweise auch Artikel zum Jubiläum der Coffee-Shops in Holland, der Verkauf der Abbey Road Studios oder "Malaria und Inzucht waren der Fluch des Pharao". Es geht um Tutanchamun.

Was könnte ein Online-Freifahrtschein da noch bringen? Ein tagessschau.de Wissensquiz? Bilder-Galerien? Dass tagesschau.de nur sendungsbezogene Inhalte bieten würde, ist schon heute reine Augenwischerei. Zwar finden sich unter den Beiträgen brav Links zu TV-Sendungen. Der Fundus an TV-Material ist aber gerade bei der ARD so riesig, dass sich quasi zu jedem Thema ohne Probleme ein Sendungsbezug herstellen lässt.

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 4 von 4

19.02.10 10:53

Stefan Winterbauer

Lieber Besserwisser,

ich neige, wenig überraschend, dazu, dem Kommentar von Markus Hündgen vollumfänglich zuzustimmen. Ich glaube auch, dass es gerade im Lokalen nicht so auf das letzte bisschen Professionalität bei Webvideos ankommt. Und so eine hohe Kunst ist ein Web-Video nun auch nicht. Der geschätzte Kollege Peter Turi hat es im Mediensektor bei seinen Turi2 Video-Interviews vorgemacht. Die Dinger waren in der Regel besser und sicher günstiger produziert als alles, was die große w&v jemals an Bewegtbild auf die Beine gestellt hat.

Klar braucht man ein paar Leute, die sich dafür interessieren und Spaß daran haben. Aber die sollte man sich als Verlag dann zur Not als neu einstellen, wenn die alten es nicht wollen oder können.

Vom doofen Einbinden öffentlich-rechtlicher Videos profitieren am Ende nur die Sender.

Beste Grüße
SW

19.02.10 09:12

Norbert Schmid Web-Site

Ihre Aussagen zur Einbindung regionaler Videos öffentlich rechtlicher Anbieter ist genauso zu kurz gesprungen wie der Kommentar vom sehr geschätzten Kollegen Hündgen. Wir haben bei der LVZ drei eigene Videoteams erfolgreich am Arbeiten und produzieren Besseres als nur wackelige Bilder. Aber wir sind ein lokaler Anbieter; die regionalen Inhalte des MDR könnten wir so nie realisieren. Darum bilden landesweite und regionale Videos eine sinnvolle Ergänzung für unsere User. Schön wäre es, wenn wir eines Tages soweit kämen, dass die lokalen Videos der Heimatverlage auch bei den öffentl.-rechtl. Anbietern eingebunden werden

19.02.10 08:59

Markus Hündgen Web-Site

Lieber Der Besserwisser,

bei all Ihrer Besserwisserei vergessen Sie einen wichtigen Punkt: Die Videos der Öffentlich-Rechtlichen dürfen in der Regel von den Verlagen nicht vermarktet werden - Ausnahme: WAZ/ZDF. Ganz anders die angeblichen "YT-Amateurvideos": Es soll Verlage gegeben haben, die eine 300 prozentige Werbeauslastung verbuchen konnten. Trotz Flip-Videos, wackelnden Einstellungen und kurzen Clips vom Straßenfest im Nachbarsdorf.

Bis auf marginale Schönheitskorrekturen an den IVW-Auswertungen der Portale kaufen sich die Verlage mit WDR und Co. teure Ladenhüter ein. Wer am wachsenden Video-Werbekuchen knabbern will, kommt mittelfristig um eine eigene Produktion nicht herum.

Viele Grüße,

Markus Hündgen

19.02.10 08:04

besser wisser

Lieber Herr Winterbauer,

wenn es doch so einfach wäre, Bewegtbilder selbst zu produzieren, würden Verlage dies mit Sicherheit machen. Mit einer Handkamera, Schnittsoftware und ein paar Redakteuren ist es erfahrungsgemäß leider nicht getan - das Ergebnis sieht ganz schnell aus wie eine Mischung aus YT-Amateurvideo und offenen Kanal Buxtehude. TV-Sender haben mit der Produktionskapazität und dem Know-How einen sehr deutlichen Vorsprung, den wir als Verlag nicht einfach binnen 24 Monaten ohne erhebliche Investitionen aufholen können.

Die Werbekunden suchen für Pre-Rolls nun mal hochwertige Träger, damit die Markenbotschaft entprechend vermittelt wird. Lizenzieren ist deutlich günstiger als produzieren und den Lesern ist es aus unserer Sicht egal, dass Inhalte auf mehreren Webseiten parallel angeboten werden. Uns auch - solange wir damit Geld verdienen und zumindet unsere Kosten der Online-Redaktion zum Teil auffangen können.

Ich bin überzeugt, dass Sie bei genauer Betrachtung diesem wirtschafltichen Aspekt sicherlich folgen werden. Deshalb - etwas mehr den spitzen Stift beim Rechnen spitzen und denken, danach erst formulieren und veröffentlichen.

Viele Grüße
Der Besserwisser

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Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.

 

 

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