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Montag 26. Juli 2010 15:58

Die Medienmacht von Wikileaks

Es ist ohne Zweifel ein gewaltiger Scoop: Der Spiegel, die New York Times und der britische Guardian veröffentlichten am späten Sonntagabend zeitgleich ihre Aufbereitung von rund 90.000 Geheimdokumenten des US-Militärs zum Afghanistan-Einsatz. Zur Verfügung gestellt bekamen die Leitmedien die Quellen von der Whistleblower-Plattform Wikileaks. Dass drei Medien zeitgleich auf Basis derselben Quellenlage berichten, ist ein bisher einmaliger Vorgang. Wikileaks ist zum weltweiten Agendasetter geworden.

“Task Force 373 Die Afghanistan-Protokolle: Amerikas geheimer Krieg” steht auf dem aktuellen Spiegel-Titel. Die Tatsache, dass eine Internet-Plattform authentische Geheimquellen in nie gekanntem Umfang drei weltweit ausgewählten Medien zur Verfügung stellt, ist die Medien-Sensation hinter der Kriegs-Geschichte.

Detailliert wird in den drei Medien aus den Militärdokumenten zitiert, werden Capture/Kill-Operationen mit Einsatznummer nacherzählt. “Es sind Originalquellen, die da sprudeln”, jubiliert der Spiegel, “ein Schatz von Geheimdokumenten über die einzelnen Facetten, aus denen sich der Alltag dieses Krieges zusammensetzt, und es sind sehr, sehr viele.” Man merkt, wie stolz die Redaktion auf den Fakten-Schatz ist, der ihnen da frei Haus geliefert wurde.

Liest man die Story komplett durch, macht sich eine gewisse Ernüchterung breit. Dass die Militäreinsätze in Afghanistan nicht optimal laufen, dass Zivilisten getötet wurden, dass die Bundeswehr immer öfter und stärker in Kampfhandlungen verwickelt wird - dies alles ist schlimm, aber es sind keine grundstürzend neuen Erkenntnisse. Die Redaktionen sagen, dass es um die Perspektive geht, dass die Öffentlichkeit hier erstmals aus erster Hand von Soldaten, Agenten und Militärquellen direkt erfährt, wie schlimm die Lage in Afghanistan ist.

In der Tat enthalten die Stories in Spiegel, New York Times und Guardian auch einige wirkliche Neuheiten. Über die Rolle Pakistans in dem Konflikt war bislang so fundiert nirgends etwas zu lesen gewesen. Allerdings erschöpft sich die großflächige Berichterstattung über die Geheimdokumente naturgemäß in dem Nacherzählen militärischer Operationen und teilweise auch dröger Alltags-Missionen. Der Erkenntnisgewinn bleibt abseits von Details begrenzt.

So notiert selbst der Spiegel ernüchtert zu der knappen Abhandlungen über den Kundus-Zwischenfall in den Geheimdokumenten: “Was in Deutschland eine leidenschaftliche Diskussion über den Sinn des Bundeswehreinsatzes hervorruft, erscheint in den Militärprotokollen nur als ein Fall unter Hunderten ähnlicher Fälle.”

Was aber sagt die Art und Weise der von Wikileaks orchestrierten Veröffentlichung der Dokumente über den Medienbetrieb aus? Wikileaks wurde im April dieses Jahr einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als die Plattform einen geheimen Video-Mitschnitt aus einem US-Kampfhubschrauber veröffentlichte, der im Irak bei einem unnötigen Angriff Zivilisten tötete. Das erschütternde Video machte unter dem Namen “Collateral Murder” weltweit Schlagzeilen. Zu Recht.

Danach war es lange Zeit ruhig geworden um Wikileaks. Das Online-Formular, mit dem Dokumente hochgeladen werden konnten, war längere Zeit nicht erreichbar, Gerüchte über nicht näher definierte Probleme machten im Web die Runde. Jetzt weiß man, dass dies nur die Ruhe vor dem nächsten Info-Sturm war. Wikileaks Mit-Gründer Julian Assange und seine Mannen haben ihre Provider gewechselt, vor einigen Tagen das Hochlade-Formular wieder freigeschaltet und den aktuellen Afghanistan-Scoop vorbereitet.

Wikileaks selbst hat die drei Medien ausgewählt, die nun die Info-Schätze exklusiv ausbeuten durften. Der geheimnisvolle Wikileaks-Vordenker Julian Assange hat Vertreter der drei handverlesenen Medien in London getroffen, Interviews gegeben, Hof gehalten und seine Ware präsentiert. Einen Monat hatten Spiegel, New York Times und Guardian Zeit, das Material unabhängig voneinander auszuwerten. Die Veröffentlichung erfolgte dann zeitgleich. Es ist schon bemerkenswert, dass ein Mann, von dem kaum etwas bekannt ist, die Titel-Stories von drei weltweit führenden Leitmedien derart steuern kann.

Zusätzlich zur Titelstory über die Geheimdokumente feiert der Spiegel Wikileaks-Frontmann Assange noch in einem Porträt, das mit “Der Enthüller” überschrieben ist und Assange kommt im Interview zu Wort. Bezeichnend ist, wie er auf die Frage des Spiegel antwortet, wer bei Wikileaks die Kriterien für Veröffentlichungen festlegt: “Wir sagen eindeutig, was wir veröffentlichen und was nicht”, antwortet Assange, man solle ihm einen anderen Medienbetrieb zeigen, der solche Standards habe. “Alle sollten unserem Beispiel folgen.” Wie genau die "glasklaren" Standards nun aussehen, die er da so überschwänglich lobt, darüber schweigt er sich erneut aus. Wenn es in Sachen eigener Transparenz zu sehr ins Detail geht, wird Herr Assange gerne mal giftig. Es ist diese Mischung aus Geheimniskrämerei und Info-Fanatismus, die den Wikileaks-Protagonisten trotz der unbestreitbaren Qualität seiner Quellen in zwiespältigem Licht erscheinen lässt. Es gehe Wikileaks darum, eine Debatte über den Afghanistan-Krieg anzustoßen und eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen, sagt Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo im Gespräch mit MEEDIA zu den Motivationen der Whistleblower-Website. Aber über den Afghanistan-Krieg wird schon lange diskutiert.

Gibt es weitere Motivationen? Ruhm? Geld? Eine politische Agenda? Man weiß es nicht. Um für Transparenz kämpfen zu können, müsse Wikileaks selbst intransparent bleiben, so das Credo der Macher. Für sich selbst reklamieren die Wikileaks-Leute den Quellen- und Informanten-Schutz, den sie staatlichen Stellen nur bedingt zugestehen. Der aktuelle Dreifach-Scoop zeigt jedenfalls eindrucksvoll, dass das “Collateral Murder”-Video keine Eintagsfliege war. Wikileaks ist in Rekordzeit zu einer internationalen Medien-Institution geworden. Eine Institution, die weltweit Themen setzen kann. Was Julian Assange und seine Mitstreiter künftig mit dieser Medienmacht anfangen, wird man beobachten müssen. Im Sinne der Transparenz.

MEEDIA RÜCKBLICK

  • 27.07.2010 "Wir haben nicht so gut ausgesehen"
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    Letzte Kommentare

    Anzeige: 1 - 5 von 5

    27.07.10 09:42

    Stefan Winterbauer

    @ H Fenske Oh Gott, oh Gott. Da habe ich gestern Abend zu später Stunde dann noch zusätzliche Fehler eingebaut. Ich ärgere mich immer selbst sehr über so etwas. Die Entschuldigungen sind alle bekannt: Zeitdruck, Hektik in der Redaktion usw.

    Aber natürlich gilt das nicht als Entschuldigung. Ich fürchte trotzdem werden auch künftig Tippfehler und Schreibfehler vorkommen. Ich reiße mich aber am Riemen, verspreche besser aufzupassen und bin dankbar für Hinweise!

    Beste Grüße
    SW

    26.07.10 22:00

    H Fenske

    Lieber Herr Winterbauer,

    vielleicht war ich zu harsch. Wollte nicht ihre Artikel i.A. kritisieren, die schätze ich nämlich sehr. Mich stört nur, dass hier oftmals offenbar nur notdürftig drübergelesen wird, bevor sie online gestellt werden. Und das von einer Institution wie "meedia", die doch selbst allenthalben journalistische Qualität fordert. Verstehen Sie das? Wenn die Autoren selbst die Zeit nicht haben, müsste vielleicht ein Lektor eingestellt werden. Was weiß ich. Diese Flüchtigkeits- und Tippfehler fallen mir jedenfalls immer wieder, und zwar bei allen hier schreibenden Autoren auf. Ist ein bisschen schade und macht die Freude an den ansonsten guten Artikeln ein bisschen zunichte.

    Hier noch ein paar Tipps:

    "dies alles ist schlimm aber es sind keine grundstürzend neuen Erkenntnisse." --> Bitte ein Komma vor "aber"!

    "Wikileaks wurde im April dieses Jahr einer breite Öffentlichkeit bekannt" --> "einer breiteN"!!

    "Zu Recht" --> Punkt vergessen!

    "Zusätzlich zur Titelstory über die Geheimdokumente feiert der Spiegel Wikileaks-Frontmann Assange noch in einem Porträt, das mit “Der Enthüller” überschrieben ist und Assange kommt im Interview zu Wort." --> Problematischer Satz; wenn man ihn retten will, dann zumindest mit Komma vor "und Assange".

    "Wie genau die "glasklaren" Standard nun aussehen" --> "StandardS"!

    "Für sich selbst reklamieren die Wikileaks-Leute den Quellen und Informanten-Schutz, den sie..." --> "Quellen- und Informanten-Schutz", oder? :)

    Mfg!

    26.07.10 21:48

    Stefan Winterbauer

    Hallo,

    der beanstandete Absatz wurde korrigiert. Da haben zwei Wörtchen gefehlt, das stimmt leider. Und auch H. Fenske hat Recht, im Vorspann war auch noch ein Vertipper, das fehlende "s" ist angefügt. Ich habe noch drei weitere Vertipper im Text gefunden und sie ebenfalls korrigiert. Falls Fehler gefunden werden, korrigiere ich sie so schnell wie möglich und bitte um Nachsicht.

    Mit freundlichen Grüßen

    SW

    26.07.10 21:43

    H. Fenske

    Oh Mann, aber immer wieder!

    Allein schon wieder im Vorspann:

    "Das drei Medien zeitgleich auf Basis derselben Quellenlage berichten, ist ein bisher einmaliger Vorgang. Wikileaks ist zum weltweiten Agendasetter geworden."

    Es muss "dasS drei Medien..." heißen! Ich habe direkt mit dem Lesen aufgehört! Es macht einfach keinen Spaß, wenn einem bei meedia immer und immer wieder Artikel vorgesetzt werden, von denen man genau weiß, dass sie einfach so dahingeschlampt sind. Wenn nicht einmal offensichtlichste Fehler erkannt werden, kann Sorgfalt und Redigat keine große Rolle spielen. Das ist schade und raubt mir den Spaß an dieser Seite.

    Bitte ändern Sie Ihre Arbeitseinstellung, sonst verlieren sie einen treuen Leser - und womöglich viele weitere...

    26.07.10 20:59

    Georg Felten

    Das Stück unbedingt vor dem publizieren nochmal lesen und grobe Fehler rausmachen.
    .
    Der Absatz hier ist z. B. völlig zerhauen:
    .
    In der Tat enthalten die Stories in Spiegel, New York Times und Guardian auch einige wirkliche Neuheiten. Über eine die Rolle Pakistans in dem Konflikt war bislang so fundiert nirgends etwas zu lesen gewesen. Allerdings erschöpft sich die großflächige Berichterstattung über die naturgemäß in dem Nacherzählen militärischer Operationen und teilweise auch dröger Alltags-Missionen.

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    Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.

     

     

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