Die Stimmen zu Apples iPad sind geteilt. Viele Internet-Freaks zeigen sich enttäuscht. Man habe mehr erwartet als "nur" ein aufgeblasenes iPhone, das schon wieder kein Flash darstellen kann. Diese Kritik kann Apple egal sein. Das iPad zielt auf eine ganz neue Zielgruppe: Frauen und Computer-Verächter. Während Laptops und Smartphones bisher bevorzugt Spielzeuge von Männern sind, spricht das iPad typisch weibliche Bedürfnisse an. Allein darum dürfte Apples neuester Coup zu einem Erfolg werden.
Der Schlüssel zum Geräte-Design liegt auch beim iPad wieder einmal beim Verzicht. Apple verzichtet auf Schnittstellen und Anschlüsse. Apple verzichtet auf eine Kamera, Webcam und auch auf die Einbindung von Flash-Software. Gerade letzteres wurde in Fan- und Technik-Kreisen viel kritisiert, hat aber dem Erfolg des iPhone, das ebenfalls kein Flash beherrscht, auch keinen Abbruch getan. Wenn man wissen will, warum das iPad trotz mancher technischer Unzulänglichkeit ein Erfolg werden wird, muss man nur eine Frau fragen.
"Toll, das werde ich mir holen!", "Der Laptop war mir eh immer zu schwer", "Prima, endlich eine lange Akkulaufzeit." Solche Sätze sind dann, bei einer freilich unrepräsentativen Stichprobe, zu hören. Frauen achten eben auf andere Dinge als viele Herren. Wichtig: Das Ding muss schick aussehen, darf nicht zu schwer und zu klobig sein, es muss gut zu bedienen sein und darf keine technischen Zicken machen. All dies dürfte Apple neues Spielzeug beherrschen. Es könnte sich allerdings als Nagelprobe für das iPad erweisen, ob es in eine der größeren handelsüblichen Damenhandtaschen hineinpasst. Aber die Dinger (die Handtaschen) sind ja bisweilen größer als man denkt.
Das iPhone hat viele Business-Typen zu sanften Telefonstreichlern gemacht. Vielleicht schafft es das iPad umgekehrt, noch mehr Frauen als bisher zu Technik-Fans zu machen. Für Frauen verlockend könnte auch der neue iBook-Store sein. Der Buchmarkt wird ohnehin von einer weiblichen Kundschaft dominiert. Das iPad auch als schickes elektronisches Lesegerät zu positionieren, ist so gesehen schlau. Und bei der Frage Kindle oder iPad hat letzteres klar die Nase vorn. Das ermüdungsfreie Lesen beim Kindle ist zwar toll, aber Amazons Gerät hat das grundlegende Problem, dass es nur diese eine Anwendung beherrscht. Für etwas mehr Geld bekommt man mit dem iPad dann zusätzlich einen Video- und Musikspieler, ein Internet- und E-Mail-Gerät, eine Spiele-Konsole und ein Mini-Office.
Aber das iPad ist auch keine eierlegende Wollmilchsau. Wer als Vieltipper eine Tastatur braucht oder unterwegs Tabellenkalkulationen bis zum Erbrechen durchexerziert, wird mit dem Gerät nichts anfangen können. Muss man auch nicht, denn dafür gibt es ja exzellente Laptops. Aber: Man kann (!) mit dem iPad aber auch mal einen Text oder eine Mail tippen und man kann (!) damit auch mal eine Tabelle oder Präsentation öffnen. Dass Apple seine Bürosoftware iWorks auf das iPad angepasst hat, ist ein kleiner Geniestreich, der die Verbreitung der Büro-Programme des Herstellers gegen die Office-Vormacht von Microsoft vorantreiben könnte.
Das iPad wirkt wie ein ideales Gerät zum Hinlegen. Man kann es auf dem Schreibtisch, der Küchenzeile oder dem Sofatisch hinlegen. Es verströmt nicht den Büromief wie ein Laptop, sondern wird sich organisch in die private Wohnumgebung einfügen. Bisher sind Laptops mit ihren Klapp-Bildschirmen, Kabeln und Mäusen, die man auch zuhause dann doch meistens irgendwann anschließt, immer noch ein Fremdkörper in der Wohn-Umgebung. Die natürliche Umgebung des Laptops ist das Büro. Das iPad ist der Angriff der Computer auf die übrige Welt.
28.01.10 14:12
Christian Röös
Das klingt ja endgülitg: "...ein Erfolg werden wird." Zwei Hürden stehen einer raschen Verbreitung zumindest in Deutschland entgegen:
1.Deutschsprachige Bücher, gerade die Bestseller, wird es zu einem akzeptablen Preis nicht als E-Book geben. Die (deutschen) Buchverlage wiederholen den Fehler der Musikindustrie und sperren sich gegen die Technologie, weil sie die Buchpreisbindung und die hohen Renditen ihrer gedruckten Wälzer nicht gefährden wollen.
2.Die meisten User, die sich ihre News aus dem Netz holen – und übers Ipad plötzlich für Content bezahlen sollen – glauben, im SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE stehe dasselbe, oder in FOCUS und FOCUS ONLINE. Glauben die wirklich! Also werden sie sie kaum für ein SPIEGEL-Abo auf dem Ipad bezahlen, wenn sie SPIEGEL ONLINE weiterhin kostenlos bekommen.
28.01.10 13:45
Rulf Neigenfind
"...das schon wieder kein Flash darstellen kann"
Wann geht es eigentlich in die Strohköpfe, die so was Dämliches sagen, rein, dass Flash eine grauenhaft schmuddelige Technologie ist? Mit Actionscript kann man das OS in iPhone und iPad ebenso schnell verdrecken und verseuchen, wie es Microsoft mit ihrer Virusware bei Desktop und Internet gelungen ist. Die allermeisten Flash-"Kreationen" dieser Welt sind es ohnehin nicht wert, das Risiko einzugehen, sich Weiss-Gott-was zu holen. Deshalb finde ich es ziemlich beruhigend, dass mein iPhone immun gegen Flash ist.

Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.
28.01.10 14:17
Stefan Winterbauer
@Christian Röös: Dass das iPad ein Erfolg wird, ist zunächst nur meine Meinung. Das mit den Büchern ist freilich eine Kröte, die zu schlucken sein wird. Hoffentlich wachen die Buchverlage da irgendwann auf. Es könnte aber sein, dass Apple hier mehr Erfolg hat als Amazon. Soweit ich gelesen habe, dürfen Verlage den Preis der E-Books bei Apple selbst festlegen. Ob ein E-Book zu Buchpreisbindung dann noch attraktiv für Kunden ist, sei mal dahingestellt. Zu Punkt 2: Mag sein. Aber das ist dann weniger ein Problem von Apple, sondern von den Verlagen.