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Donnerstag 11. März 2010 11:08

Wo Merian draufsteht, ist Mercedes drin

Die Zeitschrift Merian hat pünktlich zum Comeback von Michael Schumacher in der Formel 1 eine Sonderausgabe zum dem publikumswirksamen Thema herausgebracht. Doch im Sonderheft Formel 1 geht geht vor allem und einzig und allein um die Marke Mercedes und deren Silberpfeile. Die Ausgabe, die nun für fünf Euro am Kiosk verkauft wird, wirkt wie ein verkapptes Corporate-Publishing-Projekt. Dahinter steckt eine Anzeigen- und Vertriebskooperation zwischen dem Jahreszeiten Verlag und Mercedes.

Der Partner Mercedes habe keinen Einfluss auf die redaktionelle Gestaltung des Magazins genommen, erklärte Peter Rensmann, für Merian zuständiger Geschäftsführer beim Jahreszeitenverlag gegenüber MEEDIA. Die Partnerschaft sei zudem für jeden Leser ersichtlich im Editorial beschrieben. In der Tat weist Merian-Chefredakteur Andreas Hallaschka in seinem Editorial darauf hin, dass der "Partner Mercedes" den Autoren und Fotografen exklusiven Zugang zu höchst geheimen Hintergrundinfos gewährt habe.

Das fertige Zeitschriften-Produkt allerdings dürften auch Profis kaum von einem Kundenmagazin unterscheiden können. Egal ob Interviews (Daimler-Chef Zetsche), Fotostrecken ("Mächtige Motoren, mutige Männer") oder eine jubilierender Artikel über den Sponsor des Mercedes Rennstalls. Wo Merian draufsteht, ist Mercedes drin. Und zwar ausschließlich Mercedes. Dass andere Rennställe, wie Ferrari, in einem Sonderheft "Formel 1 - die Saison 2010" mit keinem einzigen Artikel gewürdigt werden, ist schon bemerkenswert. Auch ein kritischer Blick auf die aktuellen Finanzierungsprobleme des Rennzirkus oder den Absprung von einstigen Traditionsteams wie BMW oder Toyota sucht man im Merian vergebens. Es geht einzig und allein in salbungsvollen Tönen um den Mythos Mercedes.



Jalag-Manager Rensmann verweist darauf, dass die Rückkehr Schumachers das beherrschende Thema der Formel 1 sei. Es sei sehr reizvoll für die Redaktion, ein solches Thema zu wählen. Schließlich sei "Die Rückkehr der Silberpfeile" so faszinierend, dass man sogar mehrere Ausgaben hätte bestücken können. "Dass Vertriebs- und Anzeigenerlöse für die Refinanzierung eines solchen aufwändiges Projektes unabdingbar sind, dürfte ebenfalls nachvollziehbar sein", sagte Rensmann gegenüber MEEDIA. Das mag alles sein. Aber dann hätte der Verlag auch auf den Titel deutlich draufschreiben müssen, um was es sich hier handelt, und nicht nur einen eher dezenten Hinweis im Editorial platzieren.

Eine Gefahr für den Ruf Merians als unabhängige Zeitschrift sieht Rensmann nicht, denn "schließlich haben wir uns das Heft selber ausgedacht und machen die Zusammenarbeit mit Mercedes ja sogar im Editorial ausführlich transparent." Nun, darüber kann man geteilter Meinung sein. Rensmann verweist noch darauf, dass derlei Kooperationen bei Merian eine lange Tradition haben. Bereits 1951 habe es ein Sonderheft über die Deutsche Post gegeben. Titel: "Wunderbare Postreise". Man muss gar nicht soweit zurückgehen.

Im Jahr 2004 veröffentlichte Merian ein Extraheft "Große Ferien". Auffällig dabei: Jedes, manchmal wie zufällig fotografierte, Auto in der Zeitschrift war ein Mercedes. Im Serviceteil fanden sich dann Freizeittipps, die einen Besuch im Mercedes-Museum nahe legten und es gab Bilder von Kindern mit einem Mercedes-Spielzeug Auto. Der Slogan damals: "Deutschland mit dem Auto entdecken". Mit einem ganz bestimmten Auto, hätte man hinzufügen können. Auch damals gab es eine, allerdings für den Leser weit weniger durchschaubare, Kooperation mit der Stuttgarter Automarke.

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Montag 08. März 2010 12:05

Vom Versagen der Lokalpresse

Viel ist die Rede von der Krise der Gattung Print im Allgemeinen und den Problemen von Tageszeitungen im Besonderen. Was passiert nun, wenn eine lokale Tageszeitung eine Skandalgeschichte vor der Haustür vorfindet? Sie ignoriert sie. Zumindest auf ihren Internetseiten. So geschehen bei den aktuellen Missbrauchsvorwürfen in der hessischen Odenwaldschule und der örtlichen Lokalzeitung. Die Geschichte mag ein Einzelfall sein, ist aber symptomatisch für den Zustand der Lokalpresse vielerorts. 

Gerade habe ich bei Spiegel Online einen Artikel über die neuerlichen Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule in Heppenheim gelesen. Schlimme Sachen stehen da drin. Das ganze ist mittlerweile ein großer Skandal in der nicht enden wollenden Reihe von Skandalen mit sexuellem Missbrauch an Bildungseinrichtungen, mal unter kirchlicher Leitung, mal nicht. Was mich an der Sache mit der Odenwaldschule aber auch persönlich aufregt und im Prinzip gar nichts mit dem eigentlichen Skandal zu tun hat, ist das Verhalten der Lokalpresse. Ich selbst habe bei der Odenwälder Zeitung volontiert. Das ist eine Lokalzeitung, die im hessischen Kreis Bergstraße erscheint, dessen Kreisstadt Heppenheim ist. Da ist also vor der Haustür ein handfester, riesiger Missbrauchsskandal am Laufen und ich steuere die Website meiner alten Lokalzeitung an, um zu sehen, was dort berichtet wird. Und das ist: nichts.

Unter der kryptischen Adresse www.wnoz.de (WN steht für das Schwesterblatt Weinheimer Nachrichten) lese ich unter "Topnews aus der Region": Galerie: die Hochsprunggala. Gleich darunter: "Weinheim - Joachim Arndt glänzt zweimal mit Gold". Darunter eine brandheiße Umfrage: "Wer wir die neue Apfelkönigin?" Ich klicke mit gezielt in die Lokalberichte zu Heppenheim, dem Schauplatz des Skandals. Was sind die Stories unter "Heppenheim": "Winzer eG verkauft fast zwei Millionen Liter Wein". Gleich darunter: "Die Mitglieder der Landsmannschaft Schlesien kamen in der "Waldschenke Fuhr" auf der Juhöhe zusammen, um einem verdienten Mitglied zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren." Ja, da sage noch einer, in der Region sei nix los.

Ich begebe mich ins Archiv, gebe in die Sucheingabe "Odenwaldschule" ein. Und erhalte null Treffer. Bei Google News erzielt die Eingabe "Odenwald Schule " hunderte Treffer, keiner ist von der Lokalzeitung. Spiegel Online, Focus Online, Stern.de, Welt Online, Hamburger Morgenpost, auch der gar nicht so ferne Mannheimer Morgen - alle berichten ausführlich über den Skandal. Eigentlich müsste die Homepage einer Lokal- und Regionalzeitung zugepflastert sein mit so einem Thema. Die Reporter und Redakteure müssten bei der Ehre gepackt sein, jetzt zu zeigen, dass sie die kompetenten Journalisten vor Ort sind. Eigentlich. Stattdessen gibt es 08/15 Agenturmaterial über die Oscar-Verleihung und lobhudlerische Vereinsmeierei. Als Slogan der Zeitung steht groß über der Website "Die Region ist unsere Welt". Schön wär's.

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Montag 01. März 2010 10:14

Stern vs. Bunte: Risiken und Nebenwirkungen

Die Spitzel-Enthüllungen des Stern über unseriöse Recherchemethoden einer von der Zeitschrift Bunte beauftragten Agentur von vergangener Woche beschäftigen nach wie vor die Medien-Branche. Die Stern-Geschichte hat eine unselige Dynamik in Gang gesetzt, bei der Medien gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen. Eine bis dato beispiellose öffentliche Selbst-Zerfleischung der Branche könnte die Folge sein. Am Ende, so steht zu befürchten, wird die ganze Medienbranche an Glaubwürdigkeit einbüßen.

Die ersten Reaktionen des Hauses Burda auf die Stern-Veröffentlichung von vergangener Woche waren symptomatisch. Statt besonnen zu reagieren oder schuldbewusst die angeprangerten Stasi-Methoden zu verurteilen, wurde aus München die verbale Keule geschwungen und mit Klage gedroht. Der Stern wolle damit doch nur von der eigenen Erfolglosigkeit ablenken, hieß es. Burda-Vorstand Phillip Welte sprach gar vom "dümmlichen Blöken" der Hamburger Konkurrenz. So klingt keiner, der sich einer Schulddiskussion stellen würde. In einem aktuellen Interview in der Welt am Sonntag verteidigt Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel erneut ihre Methoden. "Journalismus fängt da an, wo die Pressekonferenz aufhört", sagte sie und klagt über Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn: "Er war nicht fair."

In diesem Satz liegt der Kern der aktuell zu beobachtenden Eskalation. Bei Bunte und Burda fühlen sie sich unfair behandelt. Der Stern hat mit seiner Veröffentlichung das Tabu gebrochen, wonach ein Medium nichts Negatives über ein anderes berichten sollte. Denn Leichen hat im Zweifel im Laufe der Jahre jeder in seinem Redaktionskeller liegen. Wahrscheinlich sogar der Stern. Ex-Bunte-Reporter und Klatsch-Ikone Michael Grater sagte den bemerkenswerten Satz: "Das ist das erste Mal, dass eine Krähe der anderen ein Auge aushackt." Ansonsten regt sich Graeter nur darüber auf, dass die Bunte solche Recherchen nicht selbst erledigt, sondern eine Agentur beauftragt hat. Er habe sowas früher immer alles selbst gemacht, brüstet sich Graeter stolz.

Es gibt da, so scheint es, ein grundlegendes Missverständnis zwischen zwei verschiedenen Generationen von Medienmachern. Hinter vorgehaltener Hand zuckt mancher gestandene Medienprofi angesichts der Stern-Geschichte mit den Achseln. "Na und, machen doch alle", ist das Credo. Andere, vor allem Jüngere, sind ehrlich entrüstet. Hier ist die herrschende Meinung: "So etwas darf man nicht, da wurde eine Grenze überschritten." Eine Diskussion darüber, was Medien dürfen und was nicht könnte ganz heilsam sein. Dass sie vor den Augen einer staunenden Öffentlichkeit nun aber mit einer gehörigen Portion Hysterie wird, kann der Branche insgesamt aber nicht gut tun. Die Gefahr droht, dass sich verschiedene Medien mit Enthüllungen über unsaubere Methoden der jeweils anderen gegenseitig überbieten.

Schon zeigt das Hamburger Abendblatt in seiner Medienkolumne mit dem Finger auf den Stern und schreibt entrüstet, der Stern-Informant wolle nur gegen Geld reden: "Eine Aufwandsentschädigung? Für das Beantworten von ein paar Fragen? Ein seltsamer Wunsch, der die Frage aufwirft, ob Walther für seine Informationen vom "Stern" bezahlt wurde." So seltsam ist der Wunsch des Informanten sicher nicht. Dass viele, gerade zwielichtige Figuren ihre Infos nur gegen Bares rausrücken ist in der Branche leider gang und gäbe. Es ist nicht die Frage, ob für Informationen gezahlt wird, sondern wieviel. Noch so ein Thema, über das normalerweise nicht geredet wird. In ihrer immer hektischer werdenden Suche nach Exklusiv-Informationen haben die Medien ihre eigene Branche entdeckt und beginnen nun eifrig, sich selbst zu zerfleischen.

Der Stern will in dieser Woche nochmal nachlegen und weitere Details der Spitzel-Affäre auspacken. Der Tabubruch, dass ein Medium seinen Konkurrenten anschwärzt, egal ob berechtigt oder nicht, hat eine Dynamik in Gang gesetzt, in der alle gegenseitig aufeinander los gehen könnten. Am Ende wird die Branche insgesamt an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Ob verdient oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

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Donnerstag 25. Februar 2010 10:09

Wie die ARD Journalismus versteckt

Mittwochnacht war es mal wieder soweit. In der ARD lief ein hoch interessanter, gut recherchierter Beitrag. "Die Story" des WDR hatte das Thema "Karstadt - der große Schlussverkauf". Akribisch deckte der Filme Facetten der größten deutschen Nachkriegspleite auf und zeichneten ein kritisches Bild vor allem des ehemaligen KarstadtQuelle-Chefs Thomas Middelhoff, der sich sogar im O-Ton rechtfertigte. Wann wird so ein tolles Stück gesendet: nachts um 23.30 Uhr. Das ist kein Einzelfall.

Kurz vor dem Beginn der Olympischen Winterspiele in Vancouver hatte die ARD eine Dokumentation ihres Doping-Experten Hajo Seppelt im Programm. Titel: "Geheimsache Doping: eiskalter Betrug". Der Film zeigte Verstrickungen des deutschen Olympia-Teams in der Wiener Blutdoping-Affäre auf. Brisanter Stoff, investigativer Journalismus, gut angelegte TV-Gebühren. Wann wird gesendet: um 0.15 Uhr. Vorher kam ja Fußball.

Im Fall des Karstadt -Films ist besonders ärgerlich, dass der Sendetermin von einem attraktiven Sendeplatz montags um 21 Uhr auf den Nachttermin verlegt wurde. Angeblich seien in letzter Minute brandheiße neue Erkenntnise in den Film eingearbeitet worden. Die neuen Erkenntnisse betrafen dann aber lediglich einige eher unverbindliche Aussagen zu mysteriösen Transaktionskosten bei dem Immobilienverkauf von KarstadtQuelle. Statt den Film wie geplant am 18. Januar zu zeigen, hob die ARD an diesem Termin lieber eine, ebenfalls gute aber zeitlose, Doku über die alte Reinhold-Messner-Expedition am Nanga Parbat ins Programm. Der Nacht-Termin sei der nächste freie Sendeplatz gewesen, hieß es beim WDR. Und dazwischen war ja Fasching. Die Ausrede, es sei gerade kein Sendeplatz frei ist inzwischen symptomatisch. Seltsamerweise ist für jede x-beliebge TV-Schmonzette immer ein Sendeplatz frei. Nur wenn es mal brisant wird, dann bleibt leider, leider nur der Nachttermin.

Fasching, Fußball und Kitsch genießen bei der ARD offenbar uneingeschränkte Vorfahrt im Programm. In der ARD-Mediathek ließ sich die Karstadt-Doku am nächsten Tag auch nicht finden. Nur ein 30-sekündiger Trailer zum Film. Dafür auf der WDR-Website der Hinweis: "Bitte beachten! Die Wiederholung ist in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 2010." Zwischen 3.25 und 4.10 Uhr. Die Programm-Perlen in der ARD sind wahrlich gut versteckt.

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Mittwoch 24. Februar 2010 10:27

Die ARD/ZDF-Debatte wird weitergehen

Stefan Niggemeier hat die Diskussion um ARD und ZDF kritisiert. Niggemeier bringt die Haltung der Verlage witzig auf den Punkt: "Wenn morgen die Meldung käme, dass die Verlegerverbände jetzt mit Selbstmordanschlägen drohen, wenn nicht sofort alle tun, was sie sagen — ich wäre nicht überrascht." Eines kommt dabei aber zu kurz. Es geht in der Diskussion nicht darum, den Öffentlich-Rechtlichen die Grundversorgung abzusprechen. Es sollte darum gehen, dass sie für viel Geld oft nur schlechte Privat-Kopien liefern und echte Kontrollen fehlen.

In der Debatte um die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen sollte man zunächst zwischen privaten TV-Sendern und Verlagen differenzieren. Die Privatsender haben mit ihrem Lobby-Verband VPRT lange Jahre Erfahrung in der Auseinandersetzung mit den Öffentlichen gemacht. Man kennt die jeweils andere Seite, weiß wie man zu streiten hat. Wenn sich VPRT-Lobbyist Jürgen Doetz zu Wort meldet, ist einigermaßen berechenbar was er sagt. Genauso vorhersehbar sind die Argumentationslinien auf Seiten von ARD und ZDF. Der Dauerzoff zwischen Privatsendern und Öffentlich-Rechtlichen folgt einem jahrelang eingespielten Empörungs-Ritual.

Nun sind seit einiger Zeit die Verleger als neuer Sparringspartner in die Diskussion eingestiegen und man merkt leider, dass diese ziemlich ungeübt im Streit mit den Öffentlich-Rechtlichen sind. Es wird regelmäßig hysterisch, unlogisch und maßlos laut gefordert und gemäkelt. Der Grund ist wohl schlicht, dass den Verlagen vielfach das Wasser bis zum Hals steht. In so einer Lage wird mancher Zeitgenosse ein bisschen uncool.

In der Tat haben Privatsender und Verlage völlig unterschiedliche Probleme mit ARD und ZDF. Dass es sich um ein und dieselbe Debatte handelt sieht nur so aus, weil in diesen Tagen vieles durcheinander gerät. Zunächst die Privatsender: RTL, ProSieben und Co. stören sich in erster Linie an programmlichen Dingen. Den Privaten ist ein Sender wie ZDFneo ein Dorn im Auge, weil man den Familienkanal des Zweiten als verkapptes Vollprogramm mit Schwerpunkt auf Unterhaltung wertet. Die ARD pflastert ihren Vorabend mit einer beispiellosen Strecke seichtester Soap- und Telenovela-Unterhaltung zu. Im Hauptprogramm laufen vorzugsweise Tralala-TV-Filmchen nach Schema F.

Stefan Niggemeier schreibt, dass der Auftrag zur Grundversorgung bedeutet, "man dürfe die öffentlich-rechtlichen Sender (...) nicht darauf beschränken, die jeweiligen Lücken zu füllen, die private Anbieter aus wirtschaftlichen Gründen hinterlassen, sondern ARD und ZDF müssten all das bieten, was eine Gesellschaft an Information, Bildung, Unterhaltung brauche - und wenn Private es schaffen, das zu ergänzen, ist es schön und wenn nicht, ist es nicht schlimm. (Gegner von ARD und ZDF missverstehen den Begriff gerne als Minimalversorgung, das Schwarzbrot: Dokumentationen, Nachrichten, hochwertige Filme, die keiner guckt. So ist er nicht gemeint.)"

Der Auftrag zur Grundversorgung kann aber auch nicht so gemeint sein, dass die Unterhaltung bei ARD und ZDF sich ständig nur nach unten orientieren muss. Bzw. schreibt der Grundversorgungsauftrag gewiss auch nicht vor, dass man für anspruchsvollere Unterhaltung einen eigenen Digitalkanal wie ZDFneo betreiben muss, weil das Hauptprogramm schon mit Tierdokus belegt ist. Überspitzt gesagt: Niemand streitet ARD und ZDF das Recht ab, Unterhaltung zu zeigen. Das Problem ist: Die gebotene Unterhaltung ist oft minderwertig. Vor allem für das viele Geld, das zur Verfügung steht.

Auftritt der Verleger. Die Verlage fürchten nicht das Fernsehprogramm der Öffentlich-Rechtlichen, sondern deren Online-Aktivitäten. Im Internet betätigen sich ARD und ZDF naturgemäß auch als Produzenten von Texten und stehen damit in direkter Konkurrenz zu den Verlagen, die mehr denn je um ein Geschäftsmodell im Netz ringen. Das Gespenst von der gebührenfinanzierten Digital-Zeitung macht die Runde. Die übertriebene Reaktion auf die angekündigte und gnadenlos überbewertete "Tagesschau"-App für das iPhone zeigt nur, wie gereizt man auf Verleger-Seite mittlerweile ist.

Natürlich werden Spiegel Online und Bild.de wegen der "Tagesschau"-App nicht untergehen und Axel Springer muss nicht tausende Arbeitsplätze streichen. Solche verbalen Ausbrüchen auf Verlagsseite sind kontraproduktiv, da hat Niggemeier auch Recht. Aber dass die Verleger so ungeschickt in eigener Sache vorgehen, ändert nichts an der Sache selbst. Niggemeier schreibt: "Wenn das Geschäft mit der Information für private Medien wirklich so schwierig ist, gibt es für den Staat zwei Möglichkeiten, um dafür zu sorgen, dass seine Bürger gut informiert werden. Die eine ist die, alles dafür zu tun, um den Verlagen und Privatsendern das Leben zu erleichtern, in der Hoffnung, aber ohne Gewähr, dass es reicht. Die andere ist die, die öffentlich-rechtlichen Sender zu stärken und ihnen ein Leben in der digitalen Welt zu erlauben."

Da klingt durch, dass er die zweite Methode für die bessere hält. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Garant für die unabhängige und gute Information, wenn die Privaten nicht mehr können. Naja. Die Begehrlichkeiten der Parteien auf Zugriff bei ARD und ZDF sind in der jüngeren Zeit ja offenbar nicht eben kleiner geworden. Ist es wirklich so beruhigend, wenn diese Einflussnahme nun auch noch ungebremst auf Online-Berichterstattung ausgedehnt wird? Das eigentliche Problem wird von Niggemeier zwar angesprochen, aber nur in einem Satz: "Denn das muss man von den Öffentlich-Rechtlichen verlangen, wenn sie von uns viele Milliarden Euro jährlich bekommen: Dass sich dieser Vorteil gegenüber der privaten Konkurrenz auch in entsprechender Qualität zeigt — und dazu gehört zu allererst vorbildlicher Journalismus." Um den zu garantieren müssten ARD und ZDf sich aber auch auf dem Griff des Parteienproporzes befreien könne. Das dies irgendwann gelingt, ist nicht abzusehen.

Niggemeier schließt seine Analyse mit der optimistischen Aussicht, dass öffentlich-rechtliche Angebote der Qualität und Vielfalt des Online-Journalismus gut tun könnten, und dass gute private Angebote trotzdem bestehen könnten. Dieser Hoffnung kann man sich anschließen. Aber die besondere Rolle der Öffentlich-Rechtlichen erfordert auch eine besondere Kontrolle. Und daran hapert es. Niggemeier vergleicht die Diskussion um die Öffentlich-Rechtlichen mit einem schlimmen Tinnitus, "ein nerviges Klingeln, das nie wieder aufhört." Genug gelästert über ARD und ZDF, zurück zur Tagesordnung, lautet hier die Devise. Aber, um im Bild zu bleiben: Das schlimme Wortgeklingel ist ein Symptom dafür, dass etwas krank ist am System. Indem man zur Tagesordnung übergeht, werden die Symptome nicht verschwinden. Das Klingeln bleibt.

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Donnerstag 18. Februar 2010 14:01

Die zwei Gesichter der Verlage

Zuerst gab es das Buhei um die geplante "Tagesschau"-App für das iPhone, jetzt ordentlich Remmidemmi wegen des Gutachtens des NDR-Rundfunkrats, das offenbar einen Freifahrtschein für den ungebremsten Ausbau von tagesschau.de darstellt. "Ein absolut unglaublicher Vorgang", tönte es prompt vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Doch wenn es darum geht, ein paar Euros bei der Videoproduktion zu sparen, sind BDZV-Mitglieder zu ARD und ZDF wieder ganz lieb.

Fast zeitgleich mit der Empörungswelle wegen des durchgesickerten Gutachtens vom NDR-Rundfunkrat bezüglich tagesschau.de verkündete der Berliner Tagesspiegel stolz eine Kooperation mit dem ARD-Sender RBB. "Tagesspiegel und RBB arbeiten seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen gut und erfolgreich zusammen. Da liegt es nahe, dass die Lieblingszeitung und der Lieblingssender vieler Berlinerinnen und Berliner auch online kooperieren", jubilierte "Tagesspiegel"-Chefredakteur Lorenz Maroldt. Man hat sich plötzlich ganz doll lieb. Auch die notorisch sparwütige WAZ-Gruppe hat in Bezug auf ARD und ZDF zwei Gesichter. Online kooperiert die WAZ mit gleich drei öffentlich-rechtlichen Sendern: WDR, MDR und dem ZDF. Die nun bekannt gewordenen tagesschau.de-Pläne sind für WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus dagegen "der größtmögliche Super-Gau".

WAZ und Tagesspiegel sind nicht alleine. Der SWR liefert Videos für den Südkurier und die Badische Zeitung, das ZDF stattet das Web-Angebot der Zeit mit Bewegtbildern aus. Es muss schon eine gewisse Doppelmoral in den oberen Verlagsetagen herrschen, wenn man einerseits die große Kritik-Keule schwingt und andererseits mit den eben noch Geschmähten, bei nächster Gelegenheit in die Kiste hüpft. Aus Sicht der Öffentlich-Rechtlichen sind die Kooperationen jedenfalls eine prima Sache. ARD und ZDF nehmen damit auch berechtigter Kritik an ihrer uferlosen Expansion den Wind aus den Segeln und unterstreichen ihre Unverzichtbarkeit auch im Internet.

Es ist ein Armutszeugnis für Verlage, wenn sie nicht in der Lage sind, ein paar Mitarbeiter zu motivieren (oder in allerhöchster Not ein paar neue einzustellen) mit einer Kamera loszuziehen und mit dem Medium Video zu experimentieren. Moderne Klein-Kameras kosten nicht die Welt, ebenso die notwendige Software. Und die Video-Brosamen vom Tisch der öffentlich-rechtlichen Herren, gibt es schließlich auch nicht für umsonst. An Geldmangel kann es im Prinzip nicht liegen, höchstens an Einfallslosigkeit. Und wenn dann das eine oder andere Video-Projekt nicht gleich perfekt wäre oder gar scheitern würde: was soll's? Dafür wird die eigene Medienmarke nicht verwässert und man lernt dazu. Stattdessen gibt es nun bei Websites von Zeitungen gebührenfinanzierte Einheitsware inklusive Sender-Logo in der Ecke. Da kann man auch gleich die entsprechenden Mediatheken der Sender ansteuern.

So richtig verstehen lässt sich die aktuelle Aufregung um das Gutachten des NDR-Rundfunkrates ohnehin kaum. Wer mal bei tagesschau.de vorbeisurft, wird schon jetzt kaum Unterschiede zu einem digitalen Nachrichten-Vollprogramm feststellen können. Zwar fehlt bei tagessschau.de ein Ressort mit bunten, vermischten Meldungen, wie bei Spiegel Online das "Panorama"-Ressort. Viel Buntes wird bei tagesschau.de aber dann einfach auf die Ressorts Inland, Ausland oder Wirtschaft verteilt. So finden sich dort beispielsweise auch Artikel zum Jubiläum der Coffee-Shops in Holland, der Verkauf der Abbey Road Studios oder "Malaria und Inzucht waren der Fluch des Pharao". Es geht um Tutanchamun.

Was könnte ein Online-Freifahrtschein da noch bringen? Ein tagessschau.de Wissensquiz? Bilder-Galerien? Dass tagesschau.de nur sendungsbezogene Inhalte bieten würde, ist schon heute reine Augenwischerei. Zwar finden sich unter den Beiträgen brav Links zu TV-Sendungen. Der Fundus an TV-Material ist aber gerade bei der ARD so riesig, dass sich quasi zu jedem Thema ohne Probleme ein Sendungsbezug herstellen lässt.

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Stefan Winterbauer ist Medienjournalist und schreibt für MEEDIA über Print, TV, Internet und den digitalen Wandel.

 

 


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René Artois:
Hallaschka hat aus einem Grundpfeiler des Reisejournalismus ein schwafellastiges Boulevardpostillchen [...] Zum Artikel dieses Kommentars
dot tilde dot:
ich gebe den ergebnissen ihrer recherche recht. nehmen sie sich mal ein beliebiges anderes merian-heft [...] Zum Artikel dieses Kommentars
Raphael -:
Ich finde daran eigentlich nur bescheuert, dass der Titel eben doch mehr erwarten lässt. Denn sicher [...] Zum Artikel dieses Kommentars

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