Die Wahl war entschieden, bevor sie begonnen hatte. Barack Obama würde der 44. Präsident der Vereinigten Staaten werden, das zeigten die jüngsten Umfragen zu deutlich. Es waren weniger die 7 Prozentpunkte, die der charismatische Senator aus Illinois in den Meinungsbefragungen vorne lag, als vielmehr der Vorsprung in Ohio, Pennsylvania und Florida und den anderen Schlüsselstaaten, die John McCain auf wundersame Weise alle doch gewinnen musste, um überhaupt noch eine Chance zu haben. 264 zu 142 Wahlmänner wären Obama demnach von vornherein sicher, bevor es an die umkämpfteren Staaten ging.

Kein "too close to call" also diesmal – kein enges Rennen wie vor vier Jahren, als John Kerry knapp an George W. Bush scheiterte, kein Herzschlagfinale wie 2000, als George W. Bush überraschend den demokratischen Vizepräsidenten Al Gore mit gerade einmal 3000 Stimmen schlug. Und dennoch: "History as it happens", wie CNN, Amerikas Nachrichtenquelle Nummer eins, multimedial ankündigte. Ob mit "State-by-state updates LIVE" im Web – oder Analysen vom "Best Political Team" im TV.
Dank des Siegeszugs des Web 2.0 wurde der Wahlkampf zum konstanten Live-Erlebnis
Und tatsächlich: Die geschichtsträchtigen Dimensionen, von denen so gerne und so schnell gesprochen wird, sind keinesfalls zu hoch gegriffen. Erstmals überhaupt in der Geschichte der Vereinigten Staaten würde ein afroamerikanischer Kandidat zum Präsidenten gewählt werden, der die Massen mit seinem jugendlichen Elan so zu begeistern vermag wie niemand seit John F. Kennedy mehr. Kaum weniger ernst sind dann auch die Zeiten: So dramatisch wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr stecken die USA in diesen Tagen in einer Wirtschaftskrise. Es ging also um nicht weniger als – alles.
Entsprechend ist die US-Wahl 2008 dann auch zum größten Medienspektakel des Jahres geworden. Lange vor dem Urnengang überboten sich TV-Sender, Verlage und vor allem Web-Angebote mit umfassender, spektakulärer und einfallsreicher Berichterstattung. Dank des Siegeszugs des Web 2.0 wurde der Wahlkampf zum konstanten Live-Erlebnis: Ganz gleich, ob sich Sarah Palin einen neuen Lapsus in Interviews erlaubte, McCain Obama in der zweiten TV-Debatte despektierlich als "that one" abkanzelte oder der 47-Jährige neue prominente Unterstützer aus der Popkultur gefunden hat – es verbreitete sich auf YouTube, Facebook oder Twitter wie ein Lauffeuer.
Routinierter Multimedia-Mix bei CNN & Co
Nicht ganz so inspiriert erscheint dagegen die Coverage der renommierten Medien in der Wahlnacht. Gegenüber der letzten Wahl vor vier Jahren hat sich nicht viel getan in den USA-Medien: CNN, auch im Internet noch immer der Goldstandard der amerikanischen Berichterstattung, informiert mit einem multimedialen Mix aus Schlagzeilen, "Developing Stories" und ständig aktualisierten Zwischenständen der Auszählungen nach Bundesstaat.
Schöne Weiterentwicklung: Als Live-Video gibt es nicht nur den aktuellen CNN-Webcast (der sich vom TV-Programm mit Anchorman Wolf Blitzer unterscheidet), sondern auch Schaltungen zu den Wahlpartys der Partien. Ein ähnliches Angebot ist auch bei ABC News, bei CBS News (Mit "Live Election Webcast" mit Katie Couric) oder Fox News (ohne VideoStream) zu beobachten.
Deutsche Nachrichtenangebote: "Spiegel Online" besser als der Rest
Und diesseits des Atlantiks? Gerade Online-Angebote einiger renommierten Medien bekleckern sich bei ihrer US-Wahlnacht-Berichterstattung nicht gerade mit Ruhm: 1:10 Uhr ist es, die ersten beiden Staaten Vermont und Kentucky sind längst über TV-Bildschirm und Ticker gelaufen, machen etwa die "Welt Online" und "Sueddeutsche.de" noch mit dem tragischen Busunglück in Hannover auf. Zur US-Wahl sind keine interaktiven Grafiken auf der Homepage zu finden. Die bietet Stern.de in einer so guten Qualität, dass sogar die Web-Kollegen der "Financial Times Deutschland" darauf nicht verzichten wollten.
Und Spiegel Online? Der Branchenprimus besticht durch gewohnt routinierte Einordnung, wo bei Focus.de nur der Ticker läuft. Wenn überhaupt: Die offenbar manuell aktualisierten Wahlergebnisse hinken bei den Münchnern schon mal um eine Stunde hinterher! Um 3 Uhr, während neue Ergebnisse aus New York, Rhode Island und Wisconsin einfließen, taucht bei Focus noch der Stand von 2:15 MEZ auf. Bei 68:16 Wahlmännern, die bei Focus "Wahlleute" heißen, ist der Zwischenstand stehen geblieben – dabei hat CNN längst ein neues Ergebnis von 174 zu 49 Electoral Votes ausgemacht. Mit Live-Berichterstattung hat das nicht mehr so viel zu tun. Anders "Spiegel Online": Die Aufmacherstory ist ständig aktualisiert, ein Blog wird vom Auslands-Redakteur praktisch im Minutentakt geführt, während die neuen Ergebnisse von CNN in Echtzeit auf der interaktiven Karte einfließen. So wird’s gemacht.
"Nacht im Netz": Viel versucht, wenig gelungen
Oder doch noch anders? Das muss sich wohl der Fast-Spiegel-Chefredakteur Claus Kleber oder sein Redaktions-Team beim ZDF gedacht haben. Mit "Einer Nacht mit Claus Kleber" lockt das Öffentlich-Rechtliche per Video-Stream auf der ZDF-Website. Und was für eine soll es werden: "Ein Abenteuer. Da ist sich Claus Kleber sicher", verheißt der Teasertext auf der ZDF-Website neben einem Montage-Foto, das aussieht wie aus den 90er-Jahren. "Der ZDF-Moderator geht zur US-Wahl neue Wege und berichtet die ganze Nacht, was im Netz passiert".

Tatsächlich sieht es mehr wie eine Selbsterkundungsreise aus. "Die Internet-Veranstaltung" in der Cafeteria der American University in Washington, wie Kleber seine "Nacht im Netz" selbst bezeichnet, fällt durch eigenwillige Gäste, altbackene Monologe ("Die Website "Huffington Post" wurde von einer erfolgreichen Geschäftsfrau eingerichtet") und einen Chat wie aus dem Frühzeiten des Internets aus, für den man sich erst umständlich registrieren muss. Keine Frage: Selten wurde ein gestandener Moderator in einem Format wohl so fehlbesetzt wie der sonst so souveräne ZDF-Anchorman.
Dabei hätte Kleber dem eher faden Nacht-TV-Programm in Berlin gut zu Gesicht gestanden. "ZDF schauen während einer US-Wahlnacht ist für mich ein Nonono, seit dort vor vier Jahren permanent zu Thomas Gottschalk geschaltet wurde", will Blogger Sixtus dann auch nichts mehr mit der Wahlberichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen zu tun haben. Um 5 Uhr nachts ist die unwürdige Veranstaltung vorbei. Barack Obama ist das, als was er bereits vorher feststand: Der nächste Präsident der USA - und dem hört man am besten im O-Ton zu, live bei CNN oder cnn.com. Zum Glück: Yes we can!
09.11.08 15:29
Mario Sixtus Web-Site
Lieber Herr Jacobsen, ich bin, gelinde gesagt, ein wenig irritiert, wie hier Aussagen von mir aus dem Kontext gerissen und uminterpretiert werden.
Wie kommen Sie zu der Deutung "... will Blogger Sixtus dann auch nichts mehr mit den Öffentlich-Rechtlichen zu tun haben"? Diese Aussage kann man aus meinen von Ihnen zitierten Tweets weder herauslesen, noch guten Gewissens oder ohne Einfluss von wahrnehmungsverändernden Drogen hineininterpretieren.
Also: Wie kommen Sie dazu, mir solch eine Behauptung in den Mund zu legen?
Dass ich ein Sendeformat des ZDF, dass obendrein nur alle vier Jahre ausgestrahlt wird, kritisiere, dürfte als Basis für diese Unterstellung ja wohl kaum aureichen.
Obendrein: Da sie ja offensichtlich meinen Twitter-Feed verfolgen, dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass ich - im direkten Gegenteil zu Ihrer Behauptung - beispielsweise ein erklärter Gegner der Öffis-im-Netz-an-die-Kette-leg-Pläne der Verlegerlobby bin, was Ihre Unterstellung, noch eine Stufe absurder macht.
Und: Nein, sich einfach mit der Subjektivität eines Blogs 'rausreden, das lasse ich nicht gelten. Schließlich soll das hier ja wohl eine journalistische Verantaltung sein, oder?
Über eine Erklärung Ihrerseits bzw. eine Korrektur der entsprechenden Stelle Ihres Textes würde ich mich freuen.
07.11.08 17:51
Eckart Gaddum
Lieber Herr Jacobsen,
jetzt bekomme ich doch Spass an der Sache. Widerum ist Sixtus ja der beste Zeuge unserer Bereitschaft, andere Meinungen auszuhalten. Wir beschäftigen ihn trotz seiner "kritischen" Anmerkung (wie auch immer er selbst mit Widerspruch aus Wort und Tat klar kommt) Und natürlich zeugt sein Interesse an uns von gutem Geschmack - seit unserer erfolgreichen Nacht im Netz ja erst recht. Sein Hinweis auf Gottschalk war im übrigen eine gute Anregung. Der sagte als "Wahl-Amerikaner" gestern bei Illner kluge Sachen zum Ausgang der Wahlen.
Nein im Ernst - natürlich können Sie kritisch mit uns umgehen. Damit habe ich kein Problem. Ich glaube nur, dass Ihr Kommentar wirklich nicht zutraf. Dementsprechend positiv war ja auch das netzöffentliche Echo auf unser Projekt.
Beste Grüsse
Eckart Gaddum
06.11.08 14:59
Nils Jacobsen Web-Site
Guten Tag, Herr Gaddum,
besten Dank für Ihren Eintrag.
Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist das hervorstechendste Kriterium des Blogs die Subjektivität. Es geht um Meinungen. Wenn Ihr Sender mit seiner Wahl-Berichterstattung nun bei mir in der Beobachtung der Wahlnacht durchgefallen ist, besteht kein Grund, darüber zu schweigen. Meinungspluralismus nennt man so etwas.
Ich kann gut verstehen, dass Sie sich als Leiter der ZDF-Redaktion Neue Medien über meine Kommentierung ärgern. Eine subjektiv gefärbte Einschätzung indes schlicht als "Schwachsinn" abzutun, spricht nicht unbedingt für Ihre Kritikfähigkeit.
Diese Sichtweise scheinen Sie auch bei Sixtus zu offenbaren: Sie schreiben, er hätte Geschmack - weil er bei Ihnen angeheuert hat! Heißt: Hätte er bei Pro7 unterschrieben, wäre das nicht so? Fragwürdige Einstellung.
Offenkundig ist es vielmehr so, dass Sixtus bei Ihnen wohl nicht unbedingt wegen des "guten Geschmacks" unterschrieben hat, wie seine Postings bei Twitter in der Wahlnacht nahelegen:
1.) "ZDF schauen während einer US-Wahlnacht ist für mich ein Nonono, seit dort vor vier Jahren permanent zu Thomas Gottschalk geschaltet wurde."
2.) "Obwohl das ZDF ein Kunde von mir ist, bin ich momentan zu aufgeregt, um mir die Medeinexerimente dort anzuschauen. Sorry."
Hört sich für mich weder nach einer innigen Beziehung noch nach einem Ritterschlag für Ihr Programm an.
Dennoch vielen Dank für Ihr Posting.
Beste Grüße aus Hamburg,
Nils Jacobsen
05.11.08 10:38
Ramses der Kleine
Hallo Ihr Lieben,
Ihr bedenkt aber schon, dass die gelobte, interaktive Wahlgrafik von "Financial Times Deutschland" von stern.de stammt und dort mindestens genau so informativ ist? ;-)
Viele Grüße
05.11.08 09:48
gunnar krueger
ich kann mich den vorkemmentatoren nur anschließen: es ist aus meiner sicht völlig unverständlich, wie man der netz-räuber-postille spon noch immer gute noten ausstellen kann. branchenprimus der gefühlten nachricht, das stimmt vielleicht. aber: zu selten ist dort noch qualitätvoller journalismus vorhanden, der meinung und nachricht deutlich auseinanderhält, sich dem grundsatz der recherchierten überprüfbaren nachricht verschreibt usw. so ist es auch in / nach dieser nacht. "John McCain. Der Held hat seinen letzten Kampf verloren." als hätte die gala-redaktion die titelei übernommen. und die ör-angebot heben sich einmal mehr wohltuend, vielfältig und seriös von den werbefinanzierten angeboten ab.
05.11.08 09:06
Eckart Gaddum
Bin selbst ZDF-Onliner. Will den Schwachsinn des Autors deshalb nicht großartig kommentieren. Nur der Hinweis auf eine von vielen schlecht recherchierten "Infos", die vielen scheinjournalistischen Blogs offenbar eigen sind. Sixtus, der gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen ach so Kritische, hat gerade einen Vertrag mit dem ZDF unterschrieben. Den Elektrischen Reporter gibts demnächst bei uns - unter heute.de. Der Mann hat Geschmack.
05.11.08 06:42
Daniel Anonym
[ "regestrieren" mit "i", schon klar... ]
05.11.08 06:38
Daniel Anonym
Der Kommentar zur ZDF-Nacht ist völliger Quatsch. Die Sendung war super, die Verbindung aus TV und Online beispielhaft (und vor allem zumindest für deutsche Medien in dieser Form einmalig). Immerhin hat mich Claus Kleber dazu gebracht, diese Nacht ohne Schlaf zu verbringen - und das hatte ich nicht vor. Nörgeln ist einfach, aber dann bitte korrekt und konkret. Für den Chat musste man sich übrigens noch nichtmal regestrieren - man konnte jederzeit lustig als Gast seinen Senf dazu abgeben...

Nils Jacobsen
ist Wirtschaftsjournalist und Internetexperte in Hamburg. Der studierte Germanist und Medienwissenschaftler berichtet seit mehr als einem Jahrzehnt über die Entwicklung der Aktienmärkte und Internet-Wirtschaft - u.a als Chefredakteur der Portale clickfish.com, US FINANCE.de und YEALD.de. In dieser Tradition schreibt, analysiert und bloggt Jacobsen für MEEDIA über das Beste der beiden Welten Internet und Wirtschaft.
Folgen Sie ihm auf Twitter: @crackr
10.11.08 00:09
Nils Jacobsen Web-Site
Lieber Herr Sixtus,
danke für den Hinweis. Sie haben Recht: Das war in der Tat unsauber formuliert. Gemeint war natürlich in Bezug auf die Wahlberichterstattung - und nicht grundsätzlich. Ich habe die entsprechende Passage korrigiert.
Beste Grüße aus Hamburg,
Nils Jacobsen.