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Montag 16. Februar 2009 16:15

Twitter-Hype: Das Facebook für alle

Mit Freitag, dem 13. Februar, ist es so eine Sache: Während er im Volksmund nur allzu gerne als Vorwand für allmögliche Alltagsfantastereien benutzt wird, dürfte er für ein nicht mal drei Jahre junges Start-up als der bislang wichtigste Tag der Firmengeschichte gelten.

Mitten in der tiefsten Finanzmarktkrise, in der selbst solide finanzierte Übernahmen wackeln, sind 35 Millionen Dollar Wagniskapital für ein Unternehmen, das derzeit Nullkommanull Erlöse erwirtschaftet, mehr als eine Fußnote. Nach Angaben von TechCrunch investierten die Venture Capital-Unternehmen Benchmark Capital und IVP diese Summe in das boomende Start-up, dessen User-Wachstum im letzten Jahr förmlich explodierte.  

Twitter-Aufstieg:  US-Wahl, Mumbai-Attenate, Hudson-Landung

"Wir konnten das Angebot nicht ausschlagen", kommentiert Twitter-Mitbegründer Biz Stone im Unternehmensblog das bislang bei weitem größte Investment in der noch jungen Unternehmensgeschichte. Während nicht bekannt ist, wie hoch die Anteile sind, die Benchmark Capital und IVP für das Investment in Twitter erhalten, steht fest, dass der Mikroblogging-Dienst nun das nötige Pulver für die nächste Phase der großen Kommunikations-Revolution besitzt.



Tatsächlich hat Twitter gerade erst die bemerkenswertesten Wochen und Monate seiner Unternehmensgeschichte hinter sich. Anfangs noch als egozentrische SMS an alle belächelt, hat es Twitter inzwischen in den medialen Mainstream geschafft.

Maßgeblichen Anteil hatten daran drei Großereignisse der letzten Monate: Die US-Wahl, die Attentate von Mumbai und nicht zuletzt die dramatische Notwasserung eines Airbus im Hudson-River, die in sensationellen Bildern Sekunden nach der Landung via iPhone rund um den Globus geschickt wurden.

Twitter: Die ultimative Killerapplikation für das mobile Internetzeitalter

Auch die klassischen Medien stürzten sich zunehmend auf den neuen Kommunikationskanal. Die ersten Tweets von Mumbai und dem Hudson River gingen sofort um die Welt - mitunter noch vor den großen Nachrichtenseiten. "In der vergangenen Nacht wurde aus dem Kopfkonstrukt Bürgerjournalismus schlichte Realität. Das Instrument Twitter wurde zur schnellsten Nachrichtendrehscheibe für Meldungen aus Bombay", befand etwa "Handelsblatt"-Reporter Thomas Knüwer ("Ein trauriger Tag, ein epochaler Tag").

Tatsächlich: Im Vergleich zu den klassischen Medien hat Twitter einen unschätzbaren Vorteil: Es ist die ultimative Killerapplikation für das mobile Internet, das sich buchstäblich im Handumdrehen via iPhone, G1 oder Blackberry bedienen lässt.



Und zwar inklusive blitzschnell veröffentlichter Fotos über den Tochterdienst Twitpic, wie der Fall des US-Airways-Absturzes eindrucksvoll beweist. Über 400.000-Mal wurde Janis Krums Schnellschuss von einem Frachter inzwischen angeklickt.

Twitter explodiert: 900 Prozent User-Wachstum in einem Jahr

Kein Wunder: Rund 6 Millionen Internet-Nutzer twittern inzwischen, hat Mit-Gründer Biz Stone Ende letzten Jahres verraten. Das ist noch verhältnismäßig wenig verglichen mit den mittlerweile 175 Millionen, die sich inzwischen auf dem boomenden sozialen Netzwerk Facebook tummeln.



Doch Twitter wächst - und zwar immer rasanter. Um erstaunliche 900 Prozent sei die Zahl der aktiven User im vergangenen Jahr explodiert, erklärte Bis Stone jüngst im Unternehmensblog. Und immer öfter haben dabei Prominente wie auch die Medienbranche Twitter für sich entdeckt.

Reduktion auf 140 Zeichen: Alles sagen in der "SMS an alle"

Warum, wird schnell klar: Twitters Erfolgsvorteil liegt in seiner Einfachheit: Alles, was wichtig ist, muss in 140 Zeichen gesagt werden – Links zu anderen Websites oder eigene Fotos inklusive. Auch der Zugang zum Kommunikationsmedium könnte einfacher kaum sein: Eine Email-Adresse und ein Username reichen – schon kann losgezwitschert werden.



Anders als bei Facebook, wo User aufgrund von Bedenken über die Offenbarung von Identität und persönlichen Inhalten zurückschrecken, geht es bei Twitter in minimalistischer Weise tatsächlich nur um die Nachricht. "Die SMS an alle" – das ist die eigentliche Essenz von Twitter, wie es Alpha-Blogger Sascha Lobo einst auf den Punkt brachte.

Der Charme besteht im Gegensatz zu Facebook darin, diese Textinformation auf unkomplizierte Weise vielen Usern zugänglich zu machen. Während beim Super-Social Network regionale Grenzen oder Privatsphäre-Einstellungen den Zugang zu Inhalten versperren, ist jeder Tweet für jeden lesbar – es sei denn, man schlüpft auch hier unter den Schutz der Privatsphäre, was die Kommunikationsmöglichkeiten allerdings erheblich einschränkt. Twitter ist in seiner Direktheit damit das Facebook für alle.

Facebook: "Wirklich beeindruckt" von Twitter

Das weiß auch Facebook, das den Charme des 140-Zeichen-Dienstes längst erkannt hat. So zeigte sich der sonst notorisch zugeknöpfte Facebook-CEO Mark Zuckerberg Ende letzten Jahres auf dem Web 2.0 Summit in San Francisco voll des Lobes für die junge Kommunikations-Community:  Er wäre "wirklich beeindruckt", was Twitter bis heute geleistet habe, zollte Zuckerberg Tribut. Twitter habe ein "sehr elegantes Modell".



Das stimmt, zumal es perfekt zu den Status Updates auf Facebook selbst passt, die auch direkt auf dem boomenden Social Network via Twitter einfließen können. Entsprechend munkelt die Branche bereits seit Monaten über das eigentlich Naheliegende: Die Übernahme durch Facebook. Angeblich 500 Millionen Dollar soll Facebook bereits geboten haben, hieß es Ende letzten Jahres.

Twitter: Eine Milliarde wert?

Dass Twitter mutmaßlich ablehnte, überrascht nicht. Internetanalyst Henry Blodget schätzt den eigentlichen Wert des derzeit wohl meist diskutierten Internetdienstes auf über eine Milliarde Dollar ein.

Warum, erklärt der frühere Staranalyst von Merrill Lynch in eindringlicher Manier: "Warum ist Twitter so anders als 9000 andere Web 2.0-Unternehmen, Web 2.0-Unternehmen, die ebenfalls nach einem Erlösmodell suchen? Weil die Leute inzwischen davon besessen sind", erklärt Blodget. "Man sollte nicht vergessen, dass Twitter keine drei Jahre alt ist: Google oder Facebook waren zu diesem Stadium längst nicht so allgegenwärtig", folgert der inzwischen 42-Jährige.

Twitter: Die Zeit ist jetzt

Das stimmt tatsächlich: Fast kein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Prominenter den heißesten Kommunikationskanal der Welt für sich entdeckt hat und drauflos zwischert - mal so begeisternd und authentisch wie Lance Armstrong, mal so gewollt und lanciert wie Britney Spears.

Erlöse, das wurde vergangene Woche klar, als das Gerücht eines möglichen kostenpflichtigen Corporate-Dienstes grassierte, könnte Twitter im Handumdrehen erzielen - sei es mit klassischer Online-Werbung (wahrscheinlich) oder Abonnementgebühren (eher unwahrscheinlich).  29 Mitarbeiter beschäftigt Twitter jetzt erst - ein Vielfaches dürfte mit der neuen Wagniskapitalfinanzierung nun an Bord kommen, um die nächste Welle des rasanten Wachstums zu entfachen.

Vor allem aber geschieht das im Moment von selbst: Twitters Kultstatus verbreitet sich derzeit wie Gezwitscher im Morgengrauen fast überall. Keine Frage: Twitter ist das heißeste und gefragteste Web 2.0-Angebot der Stunde. Seine Zeit ist gekommen.

Update in eigener Sache: Der Twitter-Account von MEEDIA hat heute die 1000er-Follower-Marke überschritten. Wir bedanken uns und freuen uns auf die nächsten 1000 Follower :)

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 3 von 3

21.02.09 22:54

gg hh

twitter ist sms in oeffentlich. sms kostet 19 cent. twitter kostet nix. twitter macht kein geld. und eigentlich interessierts auch keine sau, nur mediendienste.400.000 klicks? ist ein witz im vergleich zur tagesschau z.b. . twitter ist das neue second life und 2.0 unfug. uebrigens genauso wie blogs. bisher nix an geld oder gesellschaftlicher relevanz. blasic kennt niemand und niggemeier auch nur ein bruchteil. medienlese ist deshalb peinlich und meedia auch weil sie den hype mitmachen, mit ihrem twitter-gelaber. jeder scheiss ist auf twitter., und nur weil ab und zu son scheiss auch im tv ist heisst das nich das twitter irgenndwas kann. oder besser könnte. ruft die medienrevolution doch bitte erst aus, wenn es soweit ist. und die gesellschaft es ansatzweise mitbekommt und nicht nur die medienfuzzis. die was neues wollen.

20.02.09 02:00

Nils Jacobsen Website

Hallo Herr Froitzheim,

besten Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Kennen Sie "Alley Insider", das Technologie- und Internetportal von Henry Blodget? Offen gesagt: Ich halte es für eines der besten Angebote der Branche! Blodget schreibt nicht mehr als Analyst - er bloggt auf eigene Rechnung. Ich finde seine Ansichten lesenwert, selbst wenn man sie nicht immer teilen mag.

Keine Frage: Sein Fehlverhalten als Analyst von Merrill Lynch ist legendär - und viel dokumentiert. Dafür musste Blodget mit Berufsverbot und Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe geradestehen. Nach meinem Rechtsverständnis sollte aber eine zweite Chance nach fast zehn Jahren möglich sein - auch moralisch. Insofern kann ich nichts daran finden, Blodget zu zitieren, zumal er nun auch wirklich nicht zum Kronzeugen für etwas wird: Er gibt lediglich seine Einschätzung zur Bewertung von Twitter ab.

Und übrigens: Den Mikroblogging-Dienst würde ich absolut als genuines Web 2.0-Angebot klassifzieren: Mehr Mitmach-Internet geht nicht, oder?

Beste Grüße aus Hamburg!
Nils Jacobsen

18.02.09 15:30

Ulf J. Froitzheim Website

Henry Blodget ist nun wirklich keine Quelle, auf die sich ein seriöser Journalist berufen sollte. Er tut wieder genau das, was er am Anfang seiner Karriere gemacht hat, als er die Amazon-Blase aufpumpte. Man sollte bedenken, dass der Kerl nicht ganz grundlos zu einem lebenslangen Berufsverbot als Securities Analyst (und zur Zahlung von 4 Mio. $) verdonnert wurde. Blodget war beim großen New Economy-Hoax der Leithammel - auch wenn ihn heute mancher Fan als Sündenbock zu exkulpieren versucht.

Wenn Meedia Twitter mit solch zweifelhaften Kronzeugen als das derzeit "heißeste Web-2.0-Angebot" preist, hat das für mich ein ziemliches Gschmäckle. Meedia twittert selbst, ist also Partei. Damit verkommt der Beitrag zur plumpen Werbung für die eigenen Tweets. Das schadet, lieber Dirk, der Marke Meedia.

Im Übrigen hat Twitter mit Web 2.0 nichts zu tun. Zwonull stand mal für Aktivitäten, die vom User ausgehen.

Twitter unterscheidet sich aber hinsichtlich seiner Entstehung nicht ansatzweise von Google oder Amazon. Bei allen drei Unternehmen hat sich jemand Gedanken gemacht, worauf (vor allem junge) User wohl abfahren könnten, und darauf vertraut, dass sich daraus eines Tages ein Geschäft würde machen lassen. Wenn nur die Nutzerzahlen stimmen, so das Prinzip, werden die Firmenanteile automatisch wertvoll sein. (Kann man in vergilbten Net Business-Ausgaben prima nachlesen!)

Ich will jetzt nicht Don-Alphonso-mäßig über Exit-orientierte Unternehmensgründungen lästern. Aber wenn am Anfang kein Businessplan steht, der erkennen ließe, wie die Gründer Geld von Kunden (also nicht allein von Investoren) ergattern wollen, weiß ich: Das ist wieder mal nichts anderes als Internet Bubble 1.1.

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