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Mittwoch 01. September 2010 01:00

Ende des Hypes: Warum Twitter nervt

Es ist so eine Sache mit Twitter: Für die einen ist der 140-Zeichen-Dienst der schnellste Verbindungskanal zum Echtzeit-Web, für andere eine reine Schwatzbude. Rund 1000 Tage nach seinem Twitter-Start hat MEEDIA-Autor Nils Jacobsen Bilanz gezogen und festgestellt: Twitter nervt zunehmend. Der Mikroblogging-Dienst ist längst Mainstream, wird mit unnützen Informationen überflutet und verleitet zu immer unreflektierterem Mitteilungsdrang. Der Dienst wird zunehmend spaßfrei, der Hype scheint vorbei.

Twitter und ich – das ist wie eine Beziehung, die in die Jahre gekommen ist. Nach mehr als 1000 Tagen trennt man sich nicht so leicht, aber die Gedanken, den Mikroblogging-Dienst zu quittieren, sind schon länger da. Damit stehe ich nicht alleine da: "Twitterfasten" nennen die einen ihre selbstgewählte Entzugskur, während die nackten Zahlen selbst eine klare Sprache sprechen: Um nicht mal 2 Prozent legte das Wachstum der deutschsprachigen Twitter-Accounts in den vergangenen drei Monaten zu – auf Jahressicht wurden noch 58 Prozent mehr Accounts registriert! Deutlich wird: Der Twitter-Hype ebbt ab und hat seinen Höhepunkt wohl überschritten.

Aber warum eigentlich? Nach fast drei Jahren Twitter-Nutzung sind es folgende fünf Punkte, die mich besonders nerven:

• Twitter im Mainstream

Eine Webseite, deren Nutzerzahlen von Lady Gaga angeführt wird, ist verdächtig. Vor rund einer Woche war es schließlich so weit: Die nur schwer erträgliche US-Popsirene hat den Twitter-Thron bestiegen. Das ist schlimm genug, doch schlimmer noch ist: Monate zuvor ging die Mikroblogging-Regentschaft an Britney Spears.

Vorbei sind die Tage, in denen Lance Armstrong zu den Top-Ten-Twitterern zählte und Trainingsfotos vom Kalokos aus Hawaii postete und sich Ashton Kutcher mit CNN ein legendäres Wettrennen um den millionsten Follower lieferte. Vorbei ist auch jene Zeit, als der Mikroblogging-Dienst eine Spielwiese für die Internet- und Medienbranche war und der ehemalige Xing-CEO Lars Hinrichs twitterte: "Finally 200 Followers".

Twitter ist im Mainstream angekommen, seit Oprah Winfrey den Mikroblogging-Dienst den Todeskuss verlieh – und das geschah bereits im vergangenen Jahr. Mainstream an und für sich muss nicht mal das Killerkriterium sein, schließlich muss mit Fug und Recht dasselbe von Facebook behauptet werden. Aber:

• Statisches Twitter: Wo bleibt die Weiterentwicklung?

Während Facebook in den vergangenen zweieinhalb Jahren in der Profil-Gestaltung, Interaktion und Feature-Entwicklung eine echte Evolution vollzogen hat, haben sich bei Twitter nur das Design und einige Twitter-Clients verändert. Natürlich: Minimalistisch soll es sein, das erklärt die Begrenzung auf 140 Zeichen von selbst. Aber: Neueingeführte Features wie Facebooks "Like"-Button vermisst man beim Mikroblogging-Dienst schmerzlich. Immer wieder liest man, Twitterer würden einen Tweet mit einem Klick einfach gerne "liken" statt ihn zu "retweeten".

Und dann sind da noch die unsäglichen "Down-Times", die den "Fail-Whale" zum Kult gemacht haben, die geknackten Accounts und verschwundenen und dann verdreifachten Tweets: Es gab wohl selten in der Internet-Geschichte einen hochgehypten Dienst, der so technisch störungsanfällig ist wie Twitter.

• Die Sache mit der Privatsphäre

Das Grundkonzept von Twitter ist denkbar einfach: Wer etwas zu sagen hat, twittert es in 140 Zeichen. Und wenn er das nur interessant genug macht, werden ihm viele Leser folgen.

Anders als in sozialen Netzwerken wie Facebook und Xing brauchen die dazu jedoch keine Erlaubnis. Folgen kann jeder jedem – es sei denn, man blockiert einzelne Nutzer oder schützt seine Tweets vor der Öffentlichkeit. Dann kann man es aber auch gleich ganz lassen. Was Twitter fehlt, ist die Follower-Bestätigungsfunktion. Nicht zuletzt deshalb, weil kaum ein Twitterer mit der Öffentlichkeit, der er sich aussetzt, umgehen kann:

 • Von Informationsflut und – verlust: Ich bin, also twittere ich?

Segen und Fluch der sozialen Medien liegen bekanntlich sehr dicht beieinander. Auf der einen Seite bieten sie eine enorm effektive Möglichkeit, Informationen, die noch vor fünf Jahren linear per Mail, SMS oder Anruf mitgeteilt wurden, allen Freunden zugänglich werden zu lassen. Super: Die Urlaubbilder müssen nicht mehr an den ausgewählten Verteiler geschickt werden, sie werden mit einem Link einfach gepostet und so für alle Freunde sichtbar.

Und genau hier fängt das Problem an, das sich bei Twitter in schier unendlicher Weise multipliziert: Müssen alle wirklich immer alles wissen? Und schlimmer noch:  Weiß der Adressat beim Versenden seines Tweet eigentlich immer, dass wirklich die ganze Welt zu jeder Zeit lesen kann, was man in dem Augenblick mitzuteilen hatte?  Bei Betrachtung der Timeline wird schnell klar, dass manchem Twitterer die 140 Zeichen viel zu schnell von der Hand gehen – schließlich ist Twitter bekanntlich die "SMS an alle".

Das kann im Einzelfall durchaus unterhaltsam sein. Mit steigender Followerzahl gehen jedoch die eigentlich relevanten Nachrichten nach und nach unter. Natürlich kann man die irrelevanten Lautsprecher wieder entfolgen, aber was für ein Stress!

• Twitter-Stress: Zwischen Mitteilungsdrang und Rechtfertigungszwang
 
In ist, wer drin ist: Wer einmal begonnen hat, ernsthaft zu twittern und sich eine treue Followerschaft aufgebaut hat, möchte seinen Lesern auch etwas bieten – ansonsten wird die eigene Trägheit oder Langeweile mit "Entfolgen" abgestraft – Twitter-Manicas können sich über abtrünnig gewordenen Follower von Diensten wie "Unfollow" tatsächlich täglich unterrichten lassen.

Hier fängt der Mikroblogging-Dienst an, der durch seine dynamische Mitteilungsform in 140 Zeichen das Leben eigentlich erleichtern sollte, zum Stressfaktor zu werden: Man sollte mal wieder etwas twittern, man sollte es auch oft genug tun und natürlich hätte man gerne mehr Follower als seine Kollegen und Bekannten – so klingt Social Media Stress 2.0, wenn man ihn denn zulässt.

Wirklich irrwitzig wird es, wenn man sich dabei ertappt, dass man einen inneren Zwang verspürt, dass tägliche Leben auf Twitter abzubilden: Erlebnisse, die man gerade macht – Twitpic und passenden Tweet dazu. Freunde, die man gerade trifft: Checkin mit Foursquare plus detaillierte Mitteilung. Tolle Ausflüge, die man bei man irre tollen Sommerwetter unternimmt: Jubel-Tweet, "Hurra das Leben ist schön – und ihr alle müsst das wissen". Es gibt wohl Twitterer, die machen Dinge, weil sie sich anschließend so schön twittern lassen: Anstrengend ist das – für Twitterer und Gefolgschaft.

Und dann kann der Twitter-Stress ja auch noch in eine andere Richtung losgehen: Die Kollegen lesen schließlich immer mit. Da macht sich der betrunkene 4-Uhr-Tweet mit dem fortgeschrittenen Bar-Flirt nicht so wirklich gut, wenn man am nächsten Tag das Meeting verpasst. Und wie steht es eigentlich um die ausgedehnten Alsterspaziergänge, wenn man krankgeschrieben ist? Fest steht: Wenn der Mitteilungsdrang zum Rechtfertigungszwang wird, ist Twitter ernsthaft zum Problem geworden.

Daher gilt auch bei Twitter wie so oft im Leben: Weniger ist mehr - viel mehr!

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 13 von 13

03.01.11 19:26

Jürgen Philipp

Und weil gerade die Frage nach Alternativen aufkam, http://www.identi.ca ist so eine Alternative, funktionell wie Twitter aber dezentrale Serverstruktur, damit hohe Ausfallsicherheit, mehr technisch und auf Informationen basierend, weniger allgemeiner Klatsch und Tratsch. Ich nutze beides, Twitter und Identi.Ca und bin mit beidem hochzufrieden.

25.11.10 08:59

Mondnacht Poet

Dem Autor des Artikels kann lediglich ein Prädikat beschieden werden: Eindeutig den falschen Leuten gefolgt.

Wenn Sie nur dem Mainstream folgen, bekommen Sie auch nur Mainstream. Ich habe kein Star, kein Sternchen etc. in meiner Timeline und werde täglich mit didaktischen Hochgenüssen und seriösen Meinungsbildungen bei Laune gehalten.

Kurz: Wer schreibt, Twitter seit tot, kann's einfach nicht (anwenden)!

Gruß @Mondnachtpoet

22.11.10 09:38

Boris Müller

Der Autor hat absolut keine Ahnung von Web 2.0 und insbesondere Twitter und hat den Sinn dahinter komplett missverstanden. Vergleiche zu US Popgrößen aufzustellen ist völlig an den Haaren herbeigezogen und der Vergleich hinkt. Ich kenne genügend Blogs etc. die Twitter effektiv Nutzen um die Leute da draußen zu informieren oder die Kundenbindung auszubauen. Aber wenn man so wenige Follower hat wie meedia.de würde mir das sowieso zu Denken geben. Vielleicht sind Eure Artikel doch nicht so interessant wie angenommen und aus diesem Grunde soll Twitter Mainstream sein?!

Vielleicht sollten Sie diesen Artikel des Herrn Nils Jacobsen nochmals überdenken oder ihn auf eine Schulung schicken

02.09.10 21:08

Jekylla H.

Mich nerven ja mehr die Artikel "Warum twitter nervt".

Man kann es auch einfach sein lassen. Probieren Sie es mal aus.

02.09.10 10:34

Lars Wichert Web-Site

Ein völlig unnötiger Artikel wie es ihn eigentlich von vielen Twitter-Nutzern die den Dienst nicht wirklich verstanden haben schon hunderte Male im Netz gibt.

Wem Twitter nicht passt (oder gar nervt), muss es nicht nutzen (oder nutzt es falsch).

Als Blogartikel auf einem persönlichen Blog könnte ich diese Ansichten durchgehen lassen - aber als Lei(d)tartikel bei Meedia.de eher ein Fall für "ich-weiß-nicht-mehr-was-ich-schreiben-soll".

01.09.10 21:53

Christian Müthing Web-Site

Also ich bin der Meinung das Twitter mittlerweile eine der wichtigsten Schaltzentralen (wenn nicht die Wichtigste)für Social Media und Internetmarketing geworden ist.
Und ansonsten: wen Twitter nervt der sollte einfach nicht mehr twittern :))

01.09.10 17:32

Paul Neuhaus Web-Site

Wie sagte ein intelligenter Twitterer mal: "Wer Twitter kritisiert, kritisiert sich selbst."
Will sagen: Twitter ist, was du draus machst. Und das sollte man einem fast drei-jährigem Twitterer eigentlich nicht mehr erklären müssen.
Was hat es für mich eine Relevanz wer auf dem Twitter-Thron sitzt? ICH entscheide, ob ich Lady Gaga folge, oder nicht. Punkt. Ich entscheide, was und wen ich lese, und ob ich in einer Informationsflut versicke, oder nicht.

Dieser Artikel ist Polemik pur!

Und nur kurz zum Thema "liken" statt retweeten. In den drei Jahren eventuell mal den Fav-Button entdeckt?

01.09.10 17:16

Norbert Nutella

Twitter ist für mich ein Newskanal und niemand, wirklich niemand zwingt mit Lady Gaga & Co zu folgen. Ich definiere auch nicht mein Ego über die Anzahl von Follower. Vielmehr ist es eine schnelle und unkomplizierte Art und Weise News aus den Bereichen zu erhalten, die mich interessieren. Das ich dabei noch andere teilhaben lassen kann, ist praktisch.

Labbertaschen gibt es überall...leider eben auch in Twitter.

01.09.10 16:53

Kai Schröer Web-Site

Dank des Mainstreams habe ich einen tollen modernen News-Feed zu allen Themen welche mich interessieren. Und dank der weiten Verbreitung erhalte ich auch User-Berichte über die ein oder andere Enterprise-Software.

Als "Freunde-Netzwerk" nutze ich dann doch lieber das für meine Region Interessante Wer-Kennt-Wen.

Zum Glück muss ich meinen realen Freunden nicht folgen welche mich mit "sinnlosen" News nerven oder einer Lady Gaga...

01.09.10 16:46

Dr. Reinhard Goy Web-Site

Moin!
Ich bin ein Fan von Twitter.
Ich nutze die Twitter-Seite so gut wie nie!
Ein Widerspruch?
Nein, denn für mich stellt Twitter nur die Grundlagen für die x-Tausend Anwendungen.

Und genau darin sehe ich die Stärke von Twitter.
Die Grundidee ist so simpel, dass sich das System für unendlich viele Spezialfälle nutzen lässt.
Deswegen wird Twitter weiter wachsen und immer mehr User werden Twitter nutzen, auf wenn sie später vielleicht ganz vergessen, dass hinter ihrer Anwendung vielleicht im Hintergrund Twitter läuft.
Ich sehe Twitter als das DOS von Social Media ;-)

Liebe Grüße und viel Spaß bei Twitter

DocGoy

01.09.10 16:26

sabine haas Web-Site

Jetzt bin ich aber erstaunt! Twitter-Müdigkeit bei den Pionieren? Normalerweise ist das mein Job, einen kritischen Blick auf social media zu werfen. Schließlich bin ich die "alte" Bildungsbürgerin und nur ein digital immigrant.. :)

Aber Spaß beiseite. Ganz teilen kann ich die Kritik nicht. Zustimmen kann ich der Ansicht, dass social media Stress verursacht und die enorme Informationsflut schwer zu handhaben ist (s. auch Twitter - was macht das mit mir? http://www.result-blog.de/2010/03/10/twittern-–-was-macht-das-mit-mir/). Nicht zustimmen kann ich, dass dieses Problem nur eines von Twitter ist. Ich glaube, dass gilt für Facebook & Co genauso. Und überhaupt nicht meine Meinung ist es, dass Twitter "am Ende" ist.

Twitter hat seine verschiedenen Funktionen. (s.Twitter-Studie: Typologie http://www.result.de/aktuell/twitter-studie/) Einige davon treten inzwischen in den Hintergrund (z.B. Twitter als chat), andere werden zum Standard und sind möglicherweise daher nicht mehr so faszinierend. Aber die Funktion eines Multiplikators und eines "News-Dienstes" erfüllt es - gerade für Journalisten, würde ich meinen - immer noch ganz hervorragend.

Ich finde es wunderbar, dass Twitter eine Sortierfunktion für die vielen Informationen im Netz ermöglicht und eine Plattform darstellt, auf der Stimmungen und Reaktionen auf Ereignisse schnell gespiegelt werden. Dies führt sogar dazu, dass teilweise sogar in der Tagesschau über die Resonanz auf Twitter Bezug berichtet wird. Für mich eine deutlich interessantere Quelle als die bislang an dieser Stelle eingesetzte Straßenbefragung. Und immer noch ist Twitter für die Vermittlung von aktuellen News schneller als die übrigen Verbreitungswege, denn dank der 140 Zeichen reicht ein Teaser als Hinweis auf spätere ausführliche Berichte.

Natürlich: Die Pioniere der ersten Stunde sind möglicherweise inzwischen enttäuscht. Sie sind nicht mehr allein auf diesen Plattformen, ihr exklusiver Status und das Expertenwissen sind dahin. Ebenso die Faszination des Neuen und Besonderen. Aber das ist der Lauf der Zeit und wird für alle social-media-Plattformen irgendwann gelten, wenn sie etabliert sind. Und das gilt auch für andere Bereiche: Wenn´s gefällt und gut vermarktet wird, dann hat/nutzt es irgendwann jeder Depp.. :)

01.09.10 16:20

P Jebsen Web-Site

@Nils: Ist für dich auch das Medium Radio verdächtig, nur weil z. B. in Hamburg die Hörerzahlen von Radio Hamburg angeführt werdem?

Für mich nicht. Ich ignoriere Radio Hamburg - genauso wie Tweets von Leuten, die mich nicht interessieren.

01.09.10 16:05

Helena Hanus Web-Site

Guter Artikel!
Twitter ist eine gute Ergänzung um die eigene Webseite, das eigene Blog sichtbarer zu machen.
Dennoch bleibt es doch jedem selbst überlassen, wie sehr er Twitter nutzt, oder eben nicht.
Ohne geht's auch.
Das System Twitter an sich ist, meiner Meinung nach, immer noch hoch modern und wichtig zwecks schneller undf unkomplizierter Informationsübermittlung.
Vielleicht wäre es aber wirklich gar nicht schlecht, wenn es alternative Anbieter geben würde, oder zumindest Spartenkanäle oder Gruppen, deren Tweets nur den Gruppenmitgliedern sichtbar sind.

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Nils Jacobsen
ist Wirtschaftsjournalist und Internetexperte in Hamburg. Der studierte Germanist und Medienwissenschaftler berichtet seit mehr als einem Jahrzehnt über die Entwicklung der Aktienmärkte und Internet-Wirtschaft - u.a als Chefredakteur der Portale clickfish.com, US FINANCE.de und YEALD.de. In dieser Tradition schreibt, analysiert und bloggt Jacobsen für MEEDIA über das Beste der beiden Welten Internet und Wirtschaft.

 

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