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Donnerstag 28. Januar 2010 09:26

iPad: Eine Chance, die nicht wiederkommt

Das Rätselraten um Apples neue "Smartware" ist zuende, die Zeit für die Analyse des aus Sicht der Medienhäuser entscheidenden Themas gekommen: Ist das iPad das Tool, mit dem die Verlage Paid Content im Internet durchsetzen können? Die Antwort: im Prinzip ja, aber für die Medienmacher fängt die Arbeit erst an. Denn Apples Flachmann ist nicht die Lösung, sondern nur eine Chance. Allerdings eine, auf die die Verleger seit Jahren gewartet haben und die vermutlich nicht wieder kommt. Sie sollten sie also nutzen.

Natürlich ist das iPad nicht vollkommen, wird die erste Generation noch Macken und Unzulänglichkeiten haben. So war es auch beim iPhone. Das ist Teil der Apple-Produktstrategie, die Begehrlichkeiten auf jede nachfolgende Generation wecken muss, um das atemberaubende Wachstum des Unternehmens nicht zu verlangsamen. Aber auch wenn das iPhone erst mit dem dritten Modell wirklich ausgereift erscheint, haben doch schon die Vorgänger den Smartphone-Markt revolutioniert. Und dabei erwies sich Apple als Schrittmacher für die Konkurrenz, die nachzog und Modelle mit analogen Features vorstellte, um die veränderten Konsumentenbedürfnisse zu bedienen.

Genau diesen Effekt wird auch das iPad bewirken. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der schmale Reader kommerziell ein durchschlagender Erfolg werden dürfte. Denn anders als beim Flop des MacBook Air, das lediglich leicht war, bringt das iPad eine entscheidende Qualität mit, auf die gerade Verlage sehnlichst gewartet haben: ein haptisches, händisches Erlebnis beim "Blättern" von Zeitungen und Magazinen, das zum intuitiven Stöbern nach Zusatzstoffen, Videos oder Archiv-Inhalten einlädt. Denn für diese Form der Nutzung ist das Touchpad des iPhones nicht gemacht: zu klein und zu fummelig.

Was beim iPhone eher Arbeit ist, sollte beim iPad spielerisch möglich sein. Die Bildschirmgröße erlaubt es, die Seite nicht aus den Augen zu verlieren, wenn man die Inhalte überfliegt oder anliest. Denn Ordnung, Strukturierung und übersichtliche Rubrizierung war stets ein wesentliches Merkmal guter Printmedien. Zudem ist das iPad mit wenig mehr als 700 Gramm auch kaum schwerer als manches Magazin oder die Wochenendausgabe überregionaler Zeitungen. Von beiden kann man Dutzende in das iPad einladen, ohne dass es ein Gramm schwerer wird. Von allen weiteren Möglichkeiten (Büchern, Spielen etc.) ganz zu schweigen. Das alles bringt das iPad in Farbe und ist damit schon jetzt dem Kindle entschieden überlegen.

Ab diesem Frühjahr wird es also ein Instrument geben, das alle aus Verlagssicht nötigen Voraussetzungen mitbringt, um als Infrastruktur inklusive Abrechnungsmodell Printtitel zu vollwertigen elektronischen Magazinen und Zeitungen zu transfomieren. Doch damit allein ist noch nichts gewonnen. Die zweite entscheidende Barriere ist die weltweit manifeste Gratismentalität, wonach Medieninhalte im Netz umsonst zu haben sind. Allen jetzt zu beobachtenden Starts von kostenpflichtigen Apps oder Webinhalten zum Trotz wird es noch lange, vielleicht sogar immer,  Gratisangebote aller Medienrichtungen geben. Schließlich hat auch iTunes nicht dazu geführt, dass es keine Netzpiraterie bei der Musik mehr gibt. Der Unterschied: Die Konzerne verdienen inzwischen Geld mit bezahlten Downloads. Gezahlt wird für Musik nicht immer, aber immer öfter.

Wenn das iPad sich zum Volks-Reader entwickeln sollte, und daran habe ich auf Sicht keinen Zweifel, dann werden die Medienunternehmen zu den Gewinnern gehören, die die richtigen Inhalte in marktkompatibler Verpackung anbieten. Denn die Nutzer werden nur dann zahlen, wenn sie überzeugt sind, ein Paket zu erwerben, das deutlich anders und besser ist als alles, was sie online in Hülle und Fülle vorfinden. Premium-Angebote haben hier einen Startvorteil, weitere Kriterien werden Einfachheit, Zeit- und Kostenersparnis, Nutzwert sowie Individualisierbarkeit sein.

Für die Verlage wäre es ein fataler Denkfehler nun zu glauben, man müsse ans eigene Online-Angebot nun nur ein Preisschild hängen und dieses im App-Store ausstellen. Das werden die Ladenhüter auf dem Web-Markt sein. Erfolgreich kann nur sein, wer ein Produkt neu entwickelt und gestaltet, auch wenn einige Komponenten bereits bekannt sind und noch kostenlos genutzt werden. Dabei müssen alle Möglichkeiten des technischen Mediums ausgeschöpft werden. Wer ein Paid-Produkt zum Erfolg machen will, sollte bei Null anfangen und sein Angebot konsequent anhand des von Apple vorgegebenen Rahmens neu denken.

Auch die Zielgruppen sind in dieser Hinsicht relevant. Lukrativ ist das iPad nicht nur für First Mover, sondern auch für alle, die sich mit dem Thema Computer und Technik schwer tun. Deshalb ist der neue Apple-Tabletrechner für die Verlage auch eine Chance, eher wenig webaffine Leserschaften für die Paid Content-Angebote zu gewinnen. Vielleicht gibt es ja schon bald nicht nur Spiegel, Stern,  Focus & Co. als E-Magazine, sondern auch die Neue Post.

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 8 von 8

29.01.10 15:56

Sebastian Winkelmann Web-Site

@Tobias:

"Das Gerät ist eine Insel, unterstützt keinen Flash."
Rein technisch (Apps) mag das richtig sein, interessiert nun aber wirklich kaum einen der (potentiellen) Nutzer. Wenn es danach ginge hätte jeder Linux und nur OpenSource auf dem Rechner. Flash ist weder ausreichend wichtig, noch zukunftsfest, noch unersetzbar. Das iPad soll funktionieren und muss dafür nicht allem hinterrennen.

Man wählt halt lieber technisch kastrierte Systeme aber funktionierende, als aufgeblasene und zu große Systeme, selbst wenn sie offen sind. Man kann das kritisieren, ein Nachteil für den Verkauf ist es aber beileibe nicht.

28.01.10 18:55

Tobias Schwarz Web-Site

Es tut mir furchtbar leid, aber ich kann die Euphorie nicht teilen. Das Gerät ist eine Insel, unterstützt nicht mal flash. Was beim iPhone und beim iPod noch tolerabel war, dürfte beim iPad dazu führen, daß sich das Gerät eben nicht verkauft, wie geschnitten Brot. Daß sich Content-Anbieter darüber freuen, daß Apple technische Ausschließbarkeit schafft, ist klar. Aber daß die Leser in Zukunft in Heerscharen ein technisch kastriertes System wählen dürften, nur weil es von Apple kommt, das dürfte ja wohl außer Frage stehen - selbst wenn der Preis mal stimmt. Sorry.

28.01.10 15:16

Wolfgang Thomas Web-Site

Paid Content auf dem iPad wird den Medienhäusern sicher helfen, sinnvolle Geschäftsmodelle für interaktive Medien zu entwickeln. Aber das iPad bietet auch für die Werbung neue Chancen. Ein SPIEGEL komplett ohne Werbung würde wöchentlich schnell 10-12€ kosten, welcher Nutzer würde das zahlen?

Das iPad bietet aus meiner Sicht die Chance, auch Werbetreibende für interaktive Medien zu begeistern, die bislang kaum online werben: v.a. Mode- und Luxusartikel-Hersteller, aber letztlich alle Branding-orientierten Werbetreibenden, die sich in der eher kleinformatigen und response-orientierten Online-Welt bislang mit den Qualitätsansprüchen an ihren Markenauftritt nicht richtig aufgehoben fühlen. Notwendig wäre es dann aber auch, in den Content-Apps (zumindest in den teils werbefinanzierten Varianten) wirklich attraktive, großflächige Rich-Media Werbeflächen zu integrieren und nicht nur kleine blinkende Banner. Sonst läuft man wieder Gefahr, aus Verlegersicht nur "lousy pennies" zu bekommen.

Meine Prognose: reine Paid-Content-Angebote werden es auch auf dem iPad schwer haben, wahrscheinlicher sind Mischformen oder aber zwei Varianten, zwischen denen der Kunde wählen kann: Basis mit Werbefinanzierung und Premium ohne Werbung, dafür entsprechend teurer.

28.01.10 13:05

Clouseau, iSpecteur

Die Briten hatten damals Lampen verschenkt, um Petroleum zu verkaufen. Das war weitaus cleverer als anders herum - wir verkaufen Lampen und verschenken das Öl. Der iPad ist nichts als eine weitere Lampe (von mir aus Lampe 2.0).

Ich sehe offen gestanden noch nicht, wieso das iPad die Bereitschaft signifikant erhöhen soll, für Inhalte zu bezahlen. Da alle relevante Welt ja im Office, zu Hause und per Laptoop bereits online gehen kann, kann das iPad allenfalls die Online-Mobilität noch etwas pushen, aber die weltweite Gratismentalität wohl kaum in ihren Grundfesten erschüttern.

Wer auf breiter Basis erfolg haben will, muss alle digitalen Empfänger bespielen wollen. Und um mehr Begehrlichkeiten und eine Zahlungsbereitschaft zu wecken, muss man die Inhalte pimpen und nicht die Form. Aber vielleicht ist die jüngste iPremiere ein Wachruf, um Grundsätzliches neu zu überdenken.





28.01.10 12:30

Sebastian Winkelmann Web-Site

"Ein Gerät ausschließlich zum lesen und surfen mit ein paar Apps? "

Korrekt. Über den Preis kann man streiten, aber bei einer Zeitung brauche ich keinen Klimbimm, ich will Zeitung lesen. Und das einfach. Ein iPod-Touch ist dafür zu klein, ein Laptop/Netbook, ich wiederhole mich gerne, zu groß. Man faltet seine Zeitung ja auch nicht erst 4x bevor man sie liest.

Und für die Nutzung von Online-Medien, für das lesen z.B. von Meedia.de brauche ich am Morgen letztlich weder ein überfrachtetes Arbeitstier, noch einen iMac, noch ein iPhone (es sei denn man ist unterwegs), noch ein zu kleines ipod-Touch.

Natürlich ist das eine simple und einfache Anwendung, aber genau darum geht es doch. Einen kleinen Brief mit dem Office-Paket zu schreiben ist letztlich genauso unsinnig wie Online-Medien mit einem Laptop zu konsumieren.

28.01.10 12:07

Rainer Ehrhardt Web-Site

Ein paar wichtige Kleinigkeiten stören schon, so sie denn fehlen sollten: Mit der UMTS-Version möchte man doch auch telefonieren können, wenn auch nur über Skype. Gibt´s ein eingebautes Mikrophon und Lautsprecher? Das fehlende Flash hat mich schon beim iPhone immer wieder geärgert. Viele, sehr viel Seiten sind so nicht erreichbar. Und warum bei Apple 499 Dollar automatisch auch 499 Euro sind, weiß nur Steve Jobs allein. Und ob ich die Frankfurter Rundschau jetzt als Printmedium abbbestellen soll, um auf die Web-Version umzustellen, muss ich mir nicht lange überlegen. Das werde ich nämlich sicher nicht tun. Bezahlen werde ich sicher für Bücher, aber nicht den Preis, den Kindle derzeit aufruft. Auf die Kamera kann ich verzichten, die nutze ich auch bei meinem Netbook oder dem iPhone nicht. Für gute Fotos brauche ich einen guten Fotoapparat von Canon oder Sony.
Das iPad wird vermutlich abends auf dem Couchtisch liegen und mich beim Fernsehen unterstützen. Beim Frühstück werde ich meine Mails abrufen und abends im Bett noch ein bisschen lesen oder mir die Zeit mit einfachen Spielen vertreiben. Für alles Andere habe ich einen PC.
Bin mal sehr gespannt, wie Apple das in den Griff bekommt.
Ach so: Haben will ich das Ding natürlich!

28.01.10 11:45

Gunnar Hopfe

Die Frage, die allerdings offen bleibt, ist für welche Nutzungssituation beim Kunden das Gerät eigentlich gedacht sein soll?
Ein LCD Display mit 1 Ghz aber ohne Tastatur? Taugt also nicht als Arbeitsgerät. Tippen auf dem Iphone ist schon kein Geschenk.
Ein Gerät ausschließlich zum lesen und surfen mit ein paar Apps? Fraglich für das Geld. Das kann ein Ipod Touch auch. Beim Lesen ist wohl auch eher das LCD Display im Weg.

Für mich ist daher nicht so klar, ob das Gerät als eindeutiger Zwitter wirklich so ein Erfolg wird. Die Produktvorteile erschließen sich mir als Nutzer bisher nicht wirklich.
Wobei Apple schon mehr als einmal gezeigt hat, dass man durch Design, Marketing und Vertriebsstrategie prima Geld verdienen kann - unabhängig vom Reifegrad des Produkts.

Mir wäre ein 10 Zoll MacBook/Pro lieber gewesen. Aber gut. Geschmäcker sind....

28.01.10 11:28

Sebastian Winkelmann Web-Site

Das iPad senkt die Zugangsbarrieren für Online-Medien und wird diese noch mehr Menschen einfach zugänglich machen – genauso wie man "einfach mal" eine Zeitung in die Hand nehmen kann, lassen sich auf dem neuen Gerät dann die Online/App- Angebote der Verlage nutzen. Ohne dafür die Workstation mit Monitor, Tastatur und Maus hochfahren zu müssen und sich ins Arbeitszimmer zu setzen, ohne sich die Augen zu verderben weil das iPhone dafür einfach zu klein ist.

Durch die bereits vorhandene Anbindung (bzw. hinterlegte Kontodaten) an den iTunes-Store bergen auch Abo- und Abrufsysteme geringere Hürden, und werden deshalb besser angenommen werden.

Natürlich ist der Preis bei Apple tendenziell hoch, natürlich fehlen dem Gerät einige Features, aber darum geht es auch nicht. Dem Anwender ist zunächst egal ob er Flash nutzen kann, wieviel Ghz das Gerät besitzt, ob eine Kamera eingebaut ist – er will Inhalte einfach und leicht zugänglich konsumieren können, techn. Schnickschnack ist da nur optionales Beiwerk.

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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.

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