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Dienstag 06. April 2010 11:02

Es ist dein Projekt: Steingarts 1. Handelsblatt

Mit einem wuchtigen Auftritt kommt die erste Handelsblatt-Ausgabe von Gabor Steingart, 47, daher. Fast zehn Seiten sind der Staatsverschuldung gewidmet, womit der neue Chefredakteur gleich zeigt, wohin die Reise bei der Wirtschaftszeitung gehen soll: Hintergrund und Analyse statt Aktualität und News-Grabbing. Der Schwerpunkt ist eine von langer Hand journalistische vorbereitete Fleißarbeit, bei der Politiker, Manager und Ökonomie-Experten zu Wort kommen. Auch die Titelseite ist anders als bisher gestaltet.

In der Nacht zum Dienstag hatte Steingart ("Liebe Freunde") an Weggefährten, Ex-Kollegen und Medienjournalisten eine Mail zum Neustart versandt. Dort heißt es: "Das Leben nach dem Spiegel hat begonnen. Wer möchte, kann morgen ja mal einen ersten scheuen Blick in das Handelsblatt werfen. Es startet  eine vierteilige Serie 'Die Schuldenkrise: Was kostet uns die Weltenrettung?', von der ich glaube, dass sie allen Beteiligten ganz ordentlich gelungen ist."

Und er listet auf, welche Autoren er gewonnen hat, deren Beiträge von " Korrespondentenberichten aus aller Welt" flankiert sind: Friedrich Merz (Dienstag), Franziska Augstein (Mittwoch), Prof. Dennis Snower (Freitag) und Prof. Robert Shiller aus den USA (Mittwoch).  Darüber hinaus verweist er darauf, dass das Signet zur Schulden-Serie von Thomas Bonnie, dem früheren Titelbildchef des Spiegel, gestaltet wurde – auch das Signal dafür, dass das Handelsblatt unter ihm magaziniger werden wird.

Provokant auch Steingarts erste Schlagzeile "Die Rechnung, bitte". Wer die Artikel, Interviews und Meinungsbeiträge liest, für den wird die Stoßrichtung schnell deutlich: Die Politik ist gefordert, ihre über Jahre bedenklose Verschuldungsstrategie zu korrigieren und die Staatsfinanzen zu konsolidieren. Auch der Wert des Notfallmanagements während der Bankenkrise wird kritisch bewertet und ausgerechnet von CDU-Mann Friedrich Merz auf eine höchst prägnante Formel gebracht: "Der Löschschaden ist größer als der Brandschaden."

Steingart selbst übt sich in der ersten Ausgabe in Bescheidenheit. Zwar kommentiert er auf der Frontpage zur neuen Serie ("Sie leben über unsere Verhältnisse"), ver(sch)wendet aber keinen Satz darauf, die eigene Person als neuen Kopf und Blattmacher von Deutschlands größter Wirtschaftszeitung vorzustellen. Es ist davon auszugehen, dass der Ostern angetretene Chef mit seinem ersten Blatt die künftige Schlagzahl nicht nur der Branche, sondern auch der Redaktionsmannschaft klar machen wollte.

Dazu passt, dass parallel zum aufwändig gestalteteten Print-Debüt auch online  Innovatives zu finden ist. Das Team von Handelsblatt.com, vom neuen Mann erst kürzlich zur 24 Stunden-Onlinepräsenz verpflichtet, hat einen Video-Clip verlinkt, der optisch den Schuldentacho simuliert – ein netter Gimmick. Steingart, der im Vorfeld mit markigen Sprüchen ("Qualität kommt von Quälen") und Seitenhieben gegen die Konkurrenz aus Hamburg für Gesprächsstoff sorgt, ist in Düsseldorf nun buchstäblich angekommen. Nun muss er sich nach innen und außen beweisen, jeden Tag.

Den direkten Vergleich mit der Dienstagsausgabe der Financial Times Deutschland entscheidet das Handelsblatt jedenfalls klar für sich. Gruners FTD macht die Kritik des afghanischen Präsidenten Karsai zum Thema des Tages auf Seite 1, ungewöhnlich für ein Wirtschaftsblatt, zumal sich darunter noch ein seltsam abwegiges Thema in dreispaltiger Aufmachung findet: die "Bio-Offensive" der US-Militärs, die Kampfjets erstmals mit Sprit aus Pflanzenöl fliegen lassen.

Aber natürlich ist all dies nur ein Fanfarenstoß aus Düsseldorf, dessen Aussagekraft über eine tatsächliche Marktattacke sich erst "in the long run" zeigen wird. Ein so volles Pfund wie in dieser Woche wird auch die engagierteste Redaktion nicht jeden Tag präsentieren können. Und bei der aktuellen Themengewichtung fällt z.B. auf, dass der iPad-Launch ein wenig lustlos mit einer Meldung abgehandelt und nur der Anti-Apple-Strategie von Google eine Story zugestanden wird.

Seit dem Relaunch und der Formatverkleinerung hat das Handelsblatt zudem auch hausgemachte Probleme, unter anderem beim Layout der Titelseite. Anders als bisher wagt Steingart am Dienstag einen Freisteller mit einer Schuldenberg-Infografik. Das ist zwar mutig und ungewöhnlich, lässt die Seite aber gleichzeitig noch kleiner erscheinen und reduziert die dort präsentierten Themen auf den einen Schwerpunkt.

Unter seinem Vorgänger waren auf der rechten Seite weitere Teaser für Blattinhalte vorgesehen; Steingart schaffte diese (auch aus nachvollziehbaren Gründen) ab. Allerdings: Wenn das gesetzte singuläre Thema beim Leser nicht wie erhofft funktioniert, könnte dies empfindliche Dellen allerdings übersichtlichen Einzelverkauf zur Folge haben. Auch hier geht der neue Chefredakteur wohl (selbst)bewusst auf Risiko. Alles oder nichts scheint für Steingart keine Alternative zu sein, sondern nur eine Option: alles.

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 1 von 1

06.04.10 16:51

Matthias K.

Schön zu sehen ist auch, dass die Aufmachergeschichte möglichst in Moll gehalten werden sollte, auch bei den kleinen Portraitfotos in der Freisteller-Grafik. Wer die Seite 1 mit der Anzeige auf Seite 25 vergleicht, kann dies erkennen. Auf Seite 25 steht eine Handelsblatt-Eigenanzeige mit der aktuellen Aufmacherseite. Darin sind aber noch nicht die Portraitfotos von Merkel, Schröder, Kohl und Schmidt zu sehen, die letztlich auch gedruckt wurden. In der früheren Fassung durfte noch gelächelt werden, die endgültige Variante zeigt nur noch hängende Mundwinkel der Kanzlerrunde.

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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.

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