Ein Jahr Entwicklung, drei Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Vorgaben, am Ende eine Zusammenführung der Ergebnisse: Beim Münchner Magazin bereitete man die Ausbaustufe des Focus akribisch vor. Im Vorfeld gab es aber auch Kritik: Am Zeitpunkt, weil das überarbeitete Heft wenige Monate vor dem Antritt des Chefredakteurs Wolfram Weimer aufgelegt wird. An der Konzeption, weil Focus-Gründer Helmut Markwort bewusst auf jede Hilfe von außen verzichtete. Das Heft der „neuen Seiten“ im MEEDIA-Check.
Mit Spannung hat die Branche „die neuen Seiten von Focus“ erwartet. Seit Montag früh liegt das Magazin am Kiosk. Freundlich fällt gleich auf der ersten Doppelseite der Gruß vom Anzeigenkunden aus. Der bayerische Autohersteller bewirbt seine aktuelle Reiselimousine für die gehobene Mittelklasse mit der umgetexteten Anspielung „Freude hat Design im Focus“ – und gratuliert damit der Redaktion zu dem, der ... ja was eigentlich? Relaunch durfte das Ergebnis der „Initiative Z“, die Chefredakteur Helmut Markwort im Frühjahr 2009 gestartet hatte, nicht heißen. Medienjournalisten schrieben vom Rebrush, Facelift oder einer „Runderneuerung“ (FAZ), intern hatte man sich auf die Vokabel Weiterentwicklung verständigt.
Diese Wortkombination setzt allerdings voraus, dass es bisher so etwas wie eine Entwicklung beim Münchner Fakten-Heft gegeben hat, was durchaus in Zweifel gezogen werden kann. Die Situation beim Focus spiegelt die besonderen Verhältnisse und Probleme vieler Gründer-geführter Unternehmen wider. Innovationen haben es dort oft schwerer, sich gegen eine Was-gestern-richtig-war-kann-heute-nicht-falsch-sein-Beharrungstendenz durchzusetzen. Von Rudolf Augstein ist der Satz überliefert: „Wann immer jemand beim Spiegel etwas verändern will, bin ich dagegen. Das geht mir schon seit der ersten Ausgabe so.“
Am Ende musste sich Augsteins Spiegel dann doch reformieren, ausgerechnet unter dem Druck des erfolgreichen Rivalen aus München, der vergangene Woche sein 17-jähriges Jubiläum beging. Dass der Focus mit den neuen Seiten leicht verzögert erscheint, hat Helmut Markwort zufolge „redaktionstechnische Gründe“. Die Erneuerung ist dabei, ganz egal, wie man sie etikettiert, ein ebenso aufwändiger wie notwendiger Schritt. Und unabhängig davon, ob das Magazin derzeit kaufmännisch schwarz ist, wie Markwort und Geschäftsführer Frank-Michael Müller behaupten, oder nicht: Der Focus ist unter Druck. 30 Prozent Netto-Minus bei den Anzeigen, eine unerfreuliche Auflagenentwicklung, das spürbar blasser werdende Themenprofil.
Alles gute Gründe, das Konzept zu hinterfragen, zu überarbeiten und neu zu beleben. Die Redaktion hat sich viel vorgenommen: „Mehr Analysen, mehr Haltung, mehr Orientierung, mehr Perspektive“, heißt es in der Eigenwerbung, die auch enttäuschte Abbesteller wieder als Abonnenten gewinnen will. Oder, wie Co-Chefredakteur Uli Baur den Werte-Spagat beschrieb: „Das Magazin soll analytischer und emotionaler werden.“
Was aber ist wirklich neu am Focus? Nicht viel, ist der erste Eindruck, auf jeden Fall nicht genug. Sicher, es sind Rubriken hinzugekommen, die Titelstory erreicht (inklusive Service) gemessen an der alten Fasse-dich-kurz-Philosophie die atemraubende Länge von 22 Seiten. Das Heft, das stets mehr Weltsortierer als Welterklärer war, stößt in ein Segment vor, das andere erfolgreicher besetzen: Spiegel, Zeit, FAZ, Süddeutsche. Wer in dieser Liga angreifen will, muss mehr bieten als Ordnung und schnelle Orientierung. Hier zählen Qualität und Tiefgang.
Als Blatt für die (im Zweifel konservative) Info-Elite war Markworts Focus 1993 gestartet; damals eine Marktlücke. Ausgerechnet in dieser Schlüssel-Positionierung hat das Magazin in den letzten Jahren nicht mehr überzeugen können. Zudem setzte das Internet dem Focus mehr als anderen zu. Das liegt allerdings nicht, wie der Gründer sagt, daran, dass die Leser webaffiner seien, sondern daran, dass die Fakten, Tabellen und Rankings im Netz aktueller, dezidierter und vor allem kostenlos erhältlich sind. Bei einem Magazin, dass mit Headlines wie „Nie wieder Brille“ fast dreimal so viele Exemplare am Kiosk verkauft wie mit einem ambitionierten Titel zur Bundestagswahl, ist das eine strategisch besorgniserregende Tendenz.
Den Machern des Focus wird gar nichts anderes übrig bleiben, als konsequent die Rolle des Referenz-Mediums zu suchen und auszufüllen, und zwar jenseits von Ärztelisten und Mietrechtstipps. Dieser Sichtweise entspricht auch die Verpflichtung von Wolfram Weimer als Chefredakteur, der den Focus mehr in Richtung Meinungs- als Wissensmagazin trimmen dürfte. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Und kein einfacher: Wer den neuen Focus dieser Woche mit der Ausgabe des Hauptrivalen Spiegel vergleicht, erkennt im Punkt zu Punkt-Vergleich die Defizite des Burda-Flaggschiffs.
Zwar ist die Titelgeschichte „Mr. Inflation“ in dem Sinne konkurrenzlos, dass die Hamburger das Thema US-Notenbank nicht spielen. Allerdings wirkt deren Dreiseiter über „Obamas Kampf gegen die Wall Street“ fast wie eine Gegendarstellung zur Sichtweise der Münchner, die die Bankenfreundlichkeit des Notenbankchefs in den Vordergrund ihrer Betrachtung stellen. Das überlange Porträt von Ben Bernanke lässt Fragen offen, wie die, ob es tatsächlich glaubhaft ist, dass ein Mann allein das Finanzschicksal der Welt steuert. Und gerade bei solch üppigen Stücken fällt auf, dass man diesen Mann nicht aus der Nähe beschreiben kann und schon bei der Einrichtung seines Büros „Time“ zitieren muss.
Dass Guido Westerwelle beim Focus in der neuen Rubrik „Dechiffriert“ auftaucht, ist eine Sache. Aber warum lesen wir nichts über die FDP-Parteispendenaffäre, der der Spiegel einen Artikel plus Kommentar widmet? Auch beim Thema Afghanistan kommen die Norddeutschen schneller auf den Punkt, dass nämlich die von den US-Amerikanern angestrebte neue Militärstrategie mit hohen Verlusten bei deutschen Soldaten verbunden sein wird. Hier ist der Focus nur im Detail informativer, wo es darum geht, wie ungeprüft deutsche Entwicklungsgelder im Land der Taliban versickern. Dafür hat der Spiegel eine ganze Titelgeschichte zum Scheitern der Supermächte in Afghanistan im Angebot, inklusive einer DVD, die den Klassenunterschied in der Auflage auch gegenüber dem neuen Focus zementieren sollte. Bei den großen Themen der Woche hat der Spiegel auch in der Haiti-Berichterstattung Artikel, die fundierter, näher dran und einfach besser geschrieben sind. Zudem versteht man nicht, warum so ein wichtiges Thema auch im weiterentwickelten Focus erst am Heftende zwischen Kultur und Sport zu finden ist.
Wenig überzeugend ist auch das zweite Focus-Titelthema „Die Welt als Apfel“. Das immerhin fünf Seiten lange Feature liest sich streckenweise, als würde das Magazin zum ersten Mal über Apple berichten und ist mit „Die ultimative Jobs-Show“ zeitlos betitelt: Unter dieser Headline könnte man jede Produktpräsentation des Unternehmens ankündigen. Und zu Google würde einem in diesen Tagen auch anderes einfallen als ein hofierendes Porträt von Marissa Mayer – sicher dem schönsten, in jeder Beziehung nicht aber dem relevantesten Gesicht der Suchmaschine. Tiefgang und Relevanz, das sind auch hier die Ziele, die bedeutender scheinen als die Design-Kosmetik, die einer mögen wird, ein anderer nicht. Wer beide Magazine in dieser Woche vergleicht, erhält beim Spiegel subjektiv die vollere Packung, obwohl der Focus mit 156 acht Seiten mehr hat.
Dabei sind allerdings die Veränderungen am Layout insgesamt gelungen. Das fängt bereits mit dem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis an. Zudem gibt es nun viel mehr Raum für Text in den Geschichten. Die roten Linien in den Seitenköpfen sind jetzt viel feiner, das wirkt deutlich edler.
Unterm Strich bleibt: Beim Focus entwickelt sich was, und das ist vielleicht höher zu bewerten als der insgesamt nicht überzeugende Eindruck des ersten Versuchs. Die Richtung, die angestrebt wird, ist sicher nicht falsch, auch wenn das Ergebnis noch nicht wirklich ablesbar ist. Ob der Focus sich aus eigener Kraft ändern und sich im umkämpften Markt wieder fester verankern kann, ist keine Frage von Wochen, eher von Monaten.
28.01.10 12:12
Georg Altrogge Web-Site
@Karl Fuchs: Wenn Sie vom Fach wären, wüssten Sie, dass die Kommunnikation einer Maßnahme in der Medienbranche (wie in allen anderen Branchen auch) nicht notwendig mit dem Zeitpunkt der Entscheidung darüber zusammenfällt. Darüberhinaus möchte ich diese Diskussion hiermit beenden.
28.01.10 11:13
ulrich schulze
Diese Informationan bekam ich heute zum ersten Mal und mir ist noch nicht ganz ersichtlich, was damit beabsichtigt wird - also welche Informationen (hart, knapp, gut) man bekommt. Aber wenn es beim Niveau der Leserbriefe des Hern Fuchs bleibt - dann gute Nacht. Ulrich Schulze, Leipzig
26.01.10 08:49
Karl Fuchs
@Herr Altrogge: Erstaunlich, dass Sie an dieser Stelle versuchen, diesen Punkt Ihrer Biografie anders darzustellen. Tatsache ist: Herr Markwort hat Anfang 2005 als zuständiger Burda-Vorstand entschieden, dass nach der Übernahme der Milchstrasse durch Hubert Burda Media "Tomorrow" als Lizenz an die Vogel-Gruppe (Chip) - gehörte auch schon anteilig zu Burda - verkauft wurde. Ergo: Herr Markwort ist dafür verantwortlich, dass Sie Ihren Job als Chefredakteur verloren haben. Und Ihr Meedia-Herausgeber Dirk Manthey war auch arbeitslos...
25.01.10 20:02
Georg Altrogge Web-Site
@Karl Fuchs: Lieber Herr Fuchs, wenn Sie sich schon so intensiv mit meiner Biographie beschäftigen, kann ich Ihnen versichern, dass die Zeitschrift Tomorrow im Zuge der Übernahme der Milchstrasse durch Hubert Burda Media als Lizenz an die Vogel-Gruppe (Chip) verkauft wurde. Damit einher ging die komplette Auflösung der Hamburger Redaktion, ein Schritt, der beschlossen war, bevor Helmut Markwort Chef der Milchstrasse wurde. Davon abgesehen fände ich es unjournalistisch, sich bei der Rezension einer Zeitschrift von persönlichen Motiven leiten zu lassen. Versuchen Sie den Artikel doch einfach mal als ernstgemeinte Kritik an einem Produkt zu lesen, nicht anders ist er gemeint.
25.01.10 18:06
Hans-Jürgen Schröder
... dem ist nichts hinzuzufügen: Neuer Wein aus alten Schläuchen.
Wo ist da das "Tüpfelchen", was uns künftig alle in die Kioske stürmen lässen soll?
Also gilt weiterhin: Warten auf Weimar...
25.01.10 17:30
Karl Fuchs
@Georg Altrogge: In Ihrer Biografie bei Kress schreiben Sie: seit 2001 auch Chefredakteur bei Tomorrow; seit April 2005 freier Medienberater...
Die Verlagsgruppe Milchstrasse wurde Dezember 2004 von Burda übernommen. Zuständiger Burda-Vorstand: Helmut Markwort. Als Markwort kam, mussten Sie das Haus verlassen, oder nicht?
25.01.10 14:49
Georg Altrogge Web-Site
@Karl Fuchs: ... Helmut Markwort war nie mein Chef und hat mich folglich auch nicht entlassen. Und wie kommen Sie darauf, dass ich "jede Woche eine negative Focus-Story" schreiben würde?
25.01.10 13:51
Karl Fuchs
...sagt Georg Altrogge, einst als erfolgloser Chefredakteur von Helmut Markwort bei der Verlagsgruppe Milchstrasse entlassen - schön, dass er jetzt journalistisch unabhängig über seinen alten Chef schreiben darf. Jede Woche eine negative Focus-Story - da muss wohl jemand jede Woche seine Niederlage kompensieren.
25.01.10 12:57
Michael Jobs Web-Site
Denke, das sollte ich mir erst am Kiosk anschauen, bevor ich ein Urteil abgebe. Danke für den Input.
25.01.10 11:58
Wilko Schröter
Wenn Weimer kommt, ist sowieso alles vorbei.
Wer soll dann den geistigen Dünnschiss aus der rechts-konservativen Ecke eigentlich lesen?

Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
29.01.10 21:03
Isegrim Wolf
Diesem frustriert klingenden Unterton kann man eher entnehmen, dass Karl Fuchs eine Menge zu kompensieren hat. Offensichtlich kein Verwandter von Reineke Fuchs. Herzig auch die Aussage, Verleger Dirk Manthey wäre nach dem Verkauf arbeitslos geworden.
Last not least: Man muss durchaus nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem (durchaus sehr verdienstvollen) Herr Markwort gestanden haben, um die jüngste Entwicklung bei Focus eher kritisch zu sehen).