Twitter-Leser wissen mehr: Nach der schwer fassbaren Ermittlungspanne bei der Aufklärung der Hintergründe des Amoklaufs von Winnenden blamierte sich nicht nur die Polizei, sondern auch zahlreiche Medien, die eine Falschmeldung verbreiteten, ohne sie zu hinterfragen. Beim Microblogging-Dienst war nicht nur die Wahrheit zu lesen – Twitter, in den letzten Tagen als banaler und pietätloser Katastrophen-Kanal gescholten, lieferte wichtige Hinweise zur Enttarnung des „Beweisstücks“ als Fälschung.
Am Donnerstagmittag hatte der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech erklärt, dass Amokläufer Tim K. seine Tat in einem Internet-Forum angekündigt habe. Der Politiker präsentierte nicht nur den gesamten Text, sondern auch einen „Screenshot“, also eine Kopie des angeblichen Eintrags. „Ich werde morgen früh an meine Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen.“ Auch die Staatsanwaltschaft hielt die Ankündigung aus dem Forum Krautchan für authentisch. Die Folge: Eilmeldungen der Agenturen, die in alle Welt gingen und von den deutschen Nachrichtenmedien übernommen wurden. Es gab auch Zweifel und kritische Fragen, doch am Ende siegte der Druck, beim Topthema keine News zu verpassen.
Bei Twitter ergab sich ein ganz anderes Bild. Die weberfahrenen Nutzer waren mehr als skeptisch, schließlich sind „Fakes“ nach solchen Taten im Web an der Tagesordnung. Noch vor dem Dementi der Krautchan-Betreiber twitterte ein US-Nutzer: „NOT TRUE!“ Nicht wahr! Und er erklärte, er habe die Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt und es sofort gewusst, als der Name der Website fiel: Krautchan ist der deutsche Ableger der amerikanischen Site 4Chan, die dafür berüchtigt ist, Medien hereinzulegen und Fakes zu verbreiten.
Bei Twitter ging es nun ausschließlich darum. Schnell gerieten die etablierten Medien in die Kritik. Schon gegen 13 Uhr, Stunden bevor die Falschmeldung zurückgezogen wurde, hatte "DocMichi" von Krautchan gepostet: „Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können.“ Und dann, frustriert: "Scheinbar ist recherchieren heutzutage uncool. Schlimm genug, bei Wikipedia abzuschreiben, aber hier? Grundgütiger."
Was folgte, war eine Mischung aus Kommentar („Nichts als ein Fake, und alle schreiben mal wieder ab“), Häme („Krautchan verarscht die gesamte deutsche Presse und die Polizei seit heute morgen. Das ist echt traurig.“ Oder: „Twitter Qualitätsjournalisten doch überlegen“) sowie sachdienlichen Hinweisen, die eine Fälschung erklären und beweisen sollten („Hier ist der Link zum Google-Cache...“). Was im Twitter-Slang längst als „gephotoshoppter Fake“ gehandelt wurde, war für die meisten Medien zu diesem Zeitpunkt noch die wahre, weil von der Polizei verbreitete Version. Den Journalisten, die bei Twitter mitlasen, kam der investigative Ansatz einiger Tweets zu Hilfe. Carsten Erdmann, Chefredakteur der „Berliner Morgenpost“ zu MEEDIA: „Bei der Nachricht rund um die angebliche Internetankündigung des Amoklaufs im Internet hat Twitter andere Medien und die Nachrichtenagenturen geschlagen und Impulse für Recherchen und die Berichterstattung geliefert.“
Viele Medien unterschlugen das Dementi der Website-Betreiber von Krautchan und ignorierten die Hinweise, die Twitter lieferte. Dabei hätte die Recherche schnell stichhaltige Punkte ergeben, die geeignet waren, die offizielle Version zu erschüttern. Am Donnerstagabend korrigierte sich endlich auch die Polizei. "Irgendein Verrückter hat eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Innenminister Rech. Es ist unklar, wen er damit meinte.
Fest steht: Twitter hat in diesem Fall gezeigt, was die Vernetzung vieler Nutzer leisten und was sie liefern kann – zum Beispiel die Wahrheit.
14.03.09 06:56
Martin Webber
Was zum Geier ist denn "Twitter" ?
14.03.09 00:43
aglkfsdjkfsd lkjsfdkjldf
Klar gingen sehr viele Falschmeldungen über Twitter. Aber im großen und ganzen wurde doch nur Nachgeplappert was über die TV Sender und die etablierten Medien kam. Klar kann da auch jeder irgend einen Quark reinschreiben, wie z.B. so Dinge wie "zweiter Amoklauf in Nürtingen", oder sowas war zu lesen.Es gab aber auch so Dinge wie das sich die ganze Situation nach Wendlingen verschoben hatte usw.. "Sitze hier am Bahnhof und überall Polizei". Da war der Täter bei CNN noch in den Innenstadt von Winnenden.
Das bei Twitter viel Mist gepostet wird ist normal. Von den professionellen Medien erwartet man aber irgendwie immer mehr. Twittern ist halt gezwitscher. Daraus darf man sich dann die richtige Vögel raussuchen.
13.03.09 14:36
Ulli Schulte
durch die verwendung von twitter sind am tag des amoklaufs sehr viele falschmeldungen in die welt gegangen, die dann stündlich dementiert wurden.
sicherlich ist twitter momentan das aktuellste was es für journalisten gibt, allerdings ist die gefahr von gezielter manipulation und falschmeldung.
ein beitrag in einem forum als wahrheit zu nehmen ist genauso schlimm wie bei einem twitter-beitrag.
13.03.09 12:58
Marc-Nicolas Oerke Website
@Johannes
Ok, Twitter-Search gibt es, aber das macht es ja nicht gerade einfacher. Dann muss ich ja schon vorher wissen, nach welcher News ich zu suchen habe...mal sehen: "Flugzeug...Hudson..." - tatsächlich!
;-)
Ansonsten sehe ich das so wie Wolfgang.
LG
Marc
13.03.09 12:36
Wolfgang Thomas Website
Mal ehrlich, haben wir aktuell keine wichtigeren Themen oder Probleme, als eine angeblich "unfassbare Ermittlungspanne der Polizei" in Form einer Falschmeldung oder die sensationelle Aufdeckung dieses Skandals durch den sensationellen Online-Dienst Twitter?
Mir geht dieser Twitter Hype langsam gewaltig auf die Nerven. Vielleicht entwickelt sich Twitter ja in den nächsten Jahre zu einem wirklich reichweitenstarken und relevanten Medium, vielleicht bleibt es auch ein Spielzeug für ein paar tausend gelangweilte Blogger. Nicht unwahrscheinlich, dass in 1-2 Monaten nach all dem Hosiannah auf Twitter jemand merkt, dass dieser Service unter Ausschluß der Öffentlichkeit läuft. Twitter erinnert derzeit stark an die Second Life Debatte vor 2,5 Jahren, Tagesthemen-Beitrag, WuV & SPIEGEL-Titel inklusive.
13.03.09 11:56
Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach Website
Marc, verbreitet für Leute, die nicht in einer Szene sind, die sich direkt auskennt, hat es schon Twitter. Das Erschreckende ist ja nicht nur, dass die Polizei überhaupt so einen Fake verbreitet hat - wo schon rudimentärste Recherche (bspw googlen) Zweifel hätten nähren können, sondern dass die Tagesschau (!) sechs Stunden, nachdem ich als Nichtexperte durch das Verfolgen von Links auf Hintergründe verstanden hatte, was da wirklich passiert war, rund um den Fake eine Nachricht gebaut hatte.
Da kann auch niemand von Zeitdruck reden, wie bei manchen Onlinemedien. Sechs Stunden war es klar - und dann so was.
Es geht nicht um Twitter, denke ich, sondern um mangelnde Sorgfalt. Um fehlendes Handwerkszeug. Und um arrogante Ignoranz. Bei denen, die sich als Gatekeeper bezeichnen.
13.03.09 11:41
Marc-Nicolas Oerke Website
woher habt Ihr die Erkenntnis, dass die "Wahrheit" zuerst über Twitter verbreitet wurde? Dass die Meldung nicht korrekt war, wurde in vielen Foren ebenfalls sehr schnell diskutiert (und dort mit Kommentaren).
Und nochmal: Twitter kann man nicht lesen. Ich muss einen speziellen Blog zunächst kennen und dann verfolgen.
Ja, die schnelle Verbreitung mit Hilfe von Twitter ist faszinierend - weniger faszinierend finde ich die bei Meedia seit Wochen laufende Twitter-PR. Die Überschriften sind mittlerweile auf dem Niveau von Sensations-Journalismus angekommen. Bitte macht das doch etwas weniger auffällig.
LG
Marc
13.03.09 11:40
Nicole Karepin Website
Danke für diesen Artikel jenseits der unsäglichen Debatte, ob Twitter die traditionellen klassischen Medien ersetzen kann oder bloß unreflektiert belanglos ist. Dieser Vorfall zeigt doch nur, dass "Alte" Medien nur gewinnen können, wenn sie mit Kommunikationsplattformen wie Twitter umgehen können. Und das neue Kanäle wie Twitter eben nicht nur der Verbreitung von Belanglosigkeiten dienen, sondern tatsächlich auch von Detailinformationen und nicht zuletzt - wie Sie ja auch schreiben - von Wahrheit.
15.03.09 12:38
Ralf Mittmann
Lieber Kollege Altrogge,
mal abgesehen davon, dass es scheußlich genug ist, mit so einem Thema auch nur den geringsten Scherz zu treiben - wie wär's denn damit: Ein Twitter-Freund - sind Sie ja auch, nicht wahr? - sorgt für das Fake und informiert Interessierte. Schnell kann dann ein "US-User" die Meldung "not true" loslassen und fast so schnell kann der Twitter-Chef die (kleine) Welt aufklären, dass alles nur "gephotoshopt" ist. Hurra, jubelt dann Meedia und feiert Twitter als seligmachender Überbinger der "Wahrheit" - wie auffallend oft in den vergangenen Monaten. Zufall oder Absicht? Verklärte Meinung oder Deal? Damit Sie nicht in die falsche Richtung denken: Das ist nur ein Gedankengang, mehr nicht. Wundern freilich würde mich auch nichts.