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Freitag 17. Juli 2009 14:43

Schreiben ist kein Geschäftsmodell mehr

Bislang galt auch im Journalismus meist: Qualität setzt sich durch. War ein freier Schreiber gut und lieferte er anständige Arbeit ab, fand er immer genügend Auftrageber und ein ordentliches Auskommen. Doch diese Zeiten scheinen in der Online-Welt vorbei. Bei den Tarifen, die viele Web-Portale zahlen, können viele einfache Redakteure ein bürgerliches Leben kaum noch finanzieren. Im Netz könnte die Wahrheit schon bald heiße: Schreiben ist kein Geschäftsmodell mehr. Oder sehen Sie das anders?

Seit mehreren Jahren entsteht in der deutschen Presselandschaft eine unübersehbare Schere zwischen Print und Online. Die meisten Papier-Redakteure beziehen noch immer ein ordentliches, von Journalistenverbänden ausgehandeltes Tarifgehalt. So gut wie jeder von ihnen ist auch davon überzeugt, dass er nicht nur ein angemessenes Gehalt bekommt, sondern es sogar verdient. Auch die Print-Chefredakteure sind meistens noch der Ansicht, dass die gezahlten Gehälter für ihre Redakteure angemessen seine. Stellvertretend hierzu sagte gerade "Handelsblatt"-Chef Bernd Ziesemer in einem Interview mit dem "Medium Magazin":

"Wenn Medien nicht mehr so bezahlen können, dass die Redakteure mit ihrem Gehalt ein bürgerliches Leben führen können, dann sollten diese Medien lieber untergehen. Qualitätsredaktionen brauchen Journalisten mit einem gewissen Selbstbewusstsein, dazu müssen sie ihnen eine gewisse ökonomische Sicherheit bieten. Wie bitte soll mein Finanzredakteur ein kritisches Interview mit Josef Ackermann führen, wenn er nicht weiß, wie er am Monatsanfang seine Miete bezahlen soll?"

Im Internet sieht die Welt jedoch anders aus – auch und vor allem bei vielen Qualitätsmedien. Hierzu zwei Beispiele aus zwei Online-Redaktionen, die zu den Top-Sites in Deutschland gehören: Die einen haben bereits ausgebildeten Redakteuren mit Studium und langjähriger Berufserfahrung angeboten, für weniger als 16 Euro pro Stunde zu arbeiten. Die anderen haben erst nach zähen Verhandlungen einem Tagessatz von 120 Euro zugestimmt und das bei einem Bewerber mit abgeschlossen Volontariat und ebenfalls mehrjähriger Berufserfahrung. Ein Leben auf Mittelschichtniveau ist da kaum noch drin. Von der Gründung einer Familie ganz zu schweigen.

Das sehen die Interessen-Vertreter von Ver.di und Deutscher Journalisten Union genauso. Ihre Honorarempfehlung aus dem Jahr 2005 schlägt aus heutiger Sicht reinste Traumgagen vor: So soll ein Tagessatz bei 310 Euro liegen. Als Halbtagessatz sollen freie 160 Euro berechnen und für eine Stunde 50 Euro. Die Wahrheit: Selbst in den meisten Magazin-Redaktionen ist es für viele Externe heute kaum noch möglich, mehr als 200 Euro pro Tag auszuhandeln. Von Zuschüssen für die Presseversorgung, Fahrt- oder Recherche-Beteiligungen ganz zu schweigen.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Einige mittelständische Titel beispielsweise zahlen sowohl ihren Print, als auch Online-Redakteuren ein einheitliches Tarifgehalt, 13,7 Gehälter pro Jahr sowie die vorgesehenen Arbeitgeberleistungen für die Presseversorgung.

Die Folge dieser Entwicklung: Immer mehr Journalisten sind gezwungen, einen regelrechten Gemischtwarenladen zu eröffnen, dessen Sortiment sich aus PR-Texten, kleinen Blog-Aufträgen und klassischen Artikeln zusammensetzt. Da Agenturen noch immer besser als Redaktionen zahlen, entsteht so oftmals eine Situation, dass das Verfassen von Pressemitteilungen die eigentliche journalistische Arbeit subventionieren muss.

Nüchtern betrachtet bleibt dann oftmals nur die Erkenntnis: In einer Online-Welt ist journalistisches Schreiben ist kein Geschäftsmodell mehr.

Print, Online und die Honorare: Wie sehen Sie das?


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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 12 von 12

20.04.12 14:15

Sigrid Fiebig

Eine Analyse zum 50. Geburtstag des G+J-Wirtschaftsblatts CAPITAL:
http://meedia.de/print/wie-sich-capital-selbst-ein-bein-stellte/2012/04/19.html
Viel Spaß beim Lesen!

29.11.10 18:06

Aljoscha Walser Web-Site

Als Berater, der seine Brötchen mit M&A im Medienbereich verdient, erlaube ich mir hierzu folgende Anmerkungen.

1. So lange ein Medienunternehmen keine überzeugenes Erlösmodell für Online-Medein durchsetzen kann, ist die Contentproduktion der grösste Kostenfaktor im online publishing; dem die adequate Gegenfinanzierung fehlt.

Das bedeutet: Wenn ein Verleger erwartet, dass sich die Erlösseite seiner Bilanz in der kommenden Zeit nite verbessert wird, wird er seine Kostenstrukturen (und damit die Honorarzahlungen) den mögliche Erlösen anpassen.

2. Der Vorschlag von Sigrid Fiebig, online als Aushängeschild zu begreifen - und damit die Fianzierung der Onlienaktivitäten letztlich dem Marketing zuzuordnen ist aus meiner Sicht doppelt problematisch.
Zum einen führt die werbliche Sicht der Dinge aus meiner Sicht nicht wirklich zu Steigerung der inhaltlichen Qualität der Onlinemedien.

Zum anderen wird damit das Problem der fehlenden Einnahmen nicht behoben. Im Gegenteil: Wenn es wirtschaftlich eng wird, dann wird - auch bei Medien - zuerst im Marketing gekürzt und nicht in der Redaktion. Der Vorschlag ginge in der Praxis wohl schnell nach hinten los.

03.08.09 09:38

Petra van Cronenburg Web-Site

Warum immer diese extremen Polarisierungen zwischen Print und Internet? Ich kann nur Angelika Knop zustimmen: Auch im Print sind die Honorare für Freie längst ein Hohn. Niemand hat sich öffentlich aufgeregt, als vor Jahren immer mehr Feste "outgesourct" wurden, als man daran ging, die Generation Praktikum Zeitungen füllen zu lassen, Qualitätsseiten zusammenstrich und Hobbyschreiber ausgebildeten Journalisten vorzog, weil die ihre Texte fast verschenkten, nur um ihren Namen im Blatt zu lesen. Von Buy-out-Verträgen ganz zu schweigen...
Insofern ein uraltes, hausgemachtes Problem.

Der Freie, der überleben will, ist seit mindestens so vielen Jahren eine eierlegende Wollmilchsau, hegt keinerlei Ängste vor unterschiedlichen medialen Formen oder Technik und bildet sich auf eigene Kosten und Zeitverluste ständig fort. Dieser zumeist gut ausgebildete, flexible Freie mit Berufserfahrung verdient sein Geld längst woanders angemessen. Ja, es lässt sich sogar online Geld verdienen - vorausgesetzt, man schreibt nicht für Zeitungen...

Was jetzt hochkommt, ist ein altes, verdrängtes Problem der Verlagshäuser. Man kann nicht einen Berufsstand ausbluten und sich dann wundern, dass Journalisten besser Weinhändler werden.

Übrigens gibt es in Frankreich ein Zeitungskonzept, das NUR online existiert und sich trägt, mit schwarzen Zahlen. Die Leser zahlen sogar freiwillig dafür. Vielleicht schauen sich die Verleger künftig auch einmal mit offenen Augen in Europa um? Sonst wandern ihnen auch noch die Online-Journalisten ab.

20.07.09 14:48

Peter Löwenstein Web-Site

Der traditionelle Journalist stellt sich selbst in Frage, wenn er sich Neuen kategorisch verweigert. Dabei gibt es dort gute Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Das Neue in 3 Thesen:

1
Die Beschäftigung mit der Produktion und der Einbeziehung multimedialer Inhalte, um multimediales "Storytelling" realisieren zu können ist ein MUSS.

2
Die Bedeutung der Hochsprache und der kulturprägende Umgang mit dem geschriebenen Wort reduziert sich. Das kann man gut oder schlecht finden - es bleibt aber Realität.
Hinzu kommt dafür Bild und Ton - und deren Mischung mit dem auch grafisch stark wirkenden Satz.

3
Der Ethos des Journalisten wandelt sich: Die strikte Trennung zwischen a,neutraler Berichterstattung, b,dem Schreiben für Werbekunden, c,der eigenen Meinung und d, der Anzeigenakquise/ aktiver Mitgestaltung einer Werbekampagne auch im Vertrieb hat sich überholt. Ein überlebender freier Journalist wird sich mit allen vier Rollen eingerichtet haben, ohne über den Grenzübertritt noch nachzudenken.

Gruß, PL

19.07.09 10:30

Regula Heinzelmann Web-Site

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn freie Journalisten auch PR anbieten, solange sie das auseinanderhalten. Für PR-Texte sollte grundsätzlich die betreffenden Firma bezahlen, für redaktionelle Texte die Verlage und zwar einen anständigen Preis. Das sichert die unabhängige redaktionelle Darstellung von einem Thema.

Es ist eine Unsitte, dass Leute mit einem festen Job redaktionelle Beiträge als PR für ihre Firma oder ihre Person betrachten, und sich mit einem niedrigen oder gar kein Honorar begnügen. Einige Verlage publizieren Zeitschriften, deren Konzept auf solche Angebote ausgerichtet ist und die praktisch nur aus PR-Artikeln bestehen. Dagegen sollten vor allem die freien professionellen Journalisten sich wehren.

Regula Heinzelmann www.heinzelmann-texte.ch

19.07.09 00:42

Sigrid Fiebig

Online ist die „Visitenkarte“ des Hauses! Das ist wie mit den „Toiletten“ in Gaststätten, d.h. Online ist ein Aushängeschild und steht für Qualität! Deshalb spricht der Beitrag von Alexander Becker gerade zu das an was mir seit einiger Zeit auf der Seele liegt. Warum soll Online weniger wert sein als Print??? Das Online Medium eröffnet zudem unglaublich viele Möglichkeiten: Blog, Video, Community, Newsletter, Quize etc. Das Wissen eines Online Redakteurs ist entsprechend umfassend. Online lassen sich weltweit User erreichen. Doch leider hängt die Angst der „Kannibalisierung“ von Print durch Online immer noch in den Köpfen. So wird das Budget gekürzt oder gar für freie Redakteure gestrichen! Dabei ist Online eine Chance zu neuen Wegen, um Kunden zu erreichen und das Geschäft mit Werbung anzukurbeln. Online kann Print durchaus sinnvoll ergänzen, verknüpfen und unterstützen. Gebe die Hoffnung hier noch nicht ganz auf…
Sigrid Fiebig, freie Online-Redakteurin Steuern & Recht

18.07.09 13:02

Luca Schout Web-Site

Zugegeben, 120 Euro Tagessatz für diese Art von Qualifikation ist schon extrem - da macht 2400 Euro für 20 Tage Arbeit. Als Freier damit über die Runden zu kommen, ist schwer. Das Problem liegt allerdings bei Angebot und Nachfrage und das aktuelle Thema heißt "Kosten runter". Erst wenn die Verlage dafür bestraft werden, dass die Qualität sinkt, wird ein leichtes Umdenken stattfinden können. Davon sind wir aber noch entfernt.

18.07.09 11:49

Frank Wolfraum Web-Site

Zitat: "Bislang galt auch im Journalismus meist: Qualität setzt sich durch."

Ich sehe nicht, dass das in Zukunft anders werden darf und kann.
Denn was sollte sich sonst im Journalismus durchsetzten?

Was der schreibenden Zunft das Problem mit den fehlenden Einnahmen beschert ist doch die Tatsache, dass hinter den meisten Online-Auftritten kein realistisches Geschäftsmodel steht. Das Fehlen eines solchen Konzeptes sorgt jedoch von ganz allein dazu, dass das Angebot vom Markt verschwinden wird.
Aktuell durchleben wir - in vielen Bereichen - aus meiner Sicht eine Metamorphose vom Medium Papier zum Medium Monitor. Aber was die Inhalte angeht, bleiben diese davon dann unbeeinflusst, wenn die Kaufleute und Wirtschafts-Kreativen ihren Job richtig machen.

Wenn wir als Beispiel (nur ein Beispiel) eine Tageszeitungsredaktion nehmen, so schaffen die dort zuliefernden Journalisten und Redakteure (egal ob fest oder frei) über die Jahre ein "Archiv der Zeitgeschichte". Aber in den meisten Fällen wird dieses Kapital überhaupt nicht genutzt. Die Zeitung ist erschienen und bestenfalls werden PDF-Dateien irgendwo aufgehoben. Aber warum kann ich nicht für einen entsprechenden Obolus über die Website in ein Archiv gelangen, dass mir - mit entsprechend komfortablen Mitteln - erlaubt, regionale und lokale Geschehnisse zu recherchieren? Auch für Schulen und / oder Universitäten oder gar die Googles dieser Welt?
Hier wird und wurde ein Geschäftsmodell versäumt, bei dem auch Google und Co. nicht mithalten können, da sie ja noch viel zu jung sind.
Wenn es so (wie im Beispiel genannt) gelingt, über eine www-Plattform Einnahmen zu generieren, dann kann ich meine Journalisten ordentlich bezahlen und die Qualität erhalten, was den Kunden letztlich bindet.

Dem Beitrag von Christian Röös kann ich nur zustimmen. Wenn wir das, was Google und Wikipedia uns bietet als Journalismus ansehen, dann haben diese Leute auch kein Geld verdient.

Hier fehlt es eindeutig am Mut und an Ideen bei den aktuellen und künftigen Providern und / oder Verlagen.

So lange da nichts passiert, wird der kostenlose Pseudo-Journalismus weiter vorangetrieben und die leidtragenden werden wir alle sein, da möglicherweise Google und Co. sowie Wiki und Co. unsere Meinungen bilden.

Dazu fällt mir abschließend noch ein Zitat ein: "Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, dann werfen selbst Zwerge lange Schatten".

17.07.09 18:40

Angelika Knop Web-Site

Leider geht es in diesem Artikel ein bisschen durcheinander zwischen Honoraren und Gehältern, Online und Print.
Die Lage sieht grob so aus: Da, wo Tarif gezahlt wird, geht es den festangestellten Redakteuren ganz ordentlich. Und das ist in vielen renommierten Printhäusern der Fall. Für den Online-Bereich wurden durch Ausgliederungen und andere Modelle tarifliche Verpflichtungen manchmal umgangen. Das sieht es auch für Festangestellte oft schon ein wenig schlechter aus. Prekär ist die Lage für Freie bei Online UND Print. Wenn das auf Veranstaltungen und Podien zur Sprache kommt - wie zum Beispiel jüngst beim Media Coffee der dpa - dann zucken dort auch die versammelten Chefredakteure nur resigniert mit den Achseln und meinen:"Ja, als Freier können Sie von Print oder Online nicht leben."
Andererseits: Welches Medium kann ohne Freie leben? Wenn niemand für diese Honorare arbeiten würde, was dann...?

17.07.09 18:21

Christiane Schulzki-Haddouti Web-Site

Sehe ich genauso. Ohne eine Mischkalkulation lässt sich journalistisches Schreiben nicht mehr vernünftig finanzieren. Problematisch ist dabei, dass es gar nicht so einfach ist, Interessenskonflikten auszuweichen. Denn dort, wo man sich profiliert hat, kriegt man natürlich auch die Anfragen. Dies thematisch auseinanderzudividieren ist fast unmöglich. Man kann dann nur für die Zeitdauer des nicht-journalistischen Auftrags auf die Berichterstattung zu den betroffenen Themen verzichten. Der Ethos des Netzwerk Recherche (keine PR) ist für Angestellte machbar, aber für Freie inzwischen kaum noch realisierbar.

17.07.09 18:13

Jens gehteuchnichtsan

Wenn ich mir die Tippfehler dieser Meldung ansehe, komm' ich auf den Gedanken, dass der Autor dieser Zeilen unterbezahlt ist. Ein versteckter Hilferuf?

Versierte Internetnutzer sind kaum noch auf die Monopolstellung der "4. Macht" im Staat angewiesen - und ich finde das gut!

17.07.09 17:54

Christian Röös

Gestern bei Ihnen gelesen: "Wikipedia zählt bekanntermaßen zum Rüstzeug eines jeden Journalisten" und "Könisgweg jeder Netz-Recherche – Google". Sollte es tatsächlich stimmen, dass manche Kollegen die manipulierten "Infos" von Wikipedia oder die Shopping-Seiten von Google für Quellen halten, ja wofür bitte schön sollten sie denn dann bezahlt werden? Diesen Datenmüll kann sich jeder User selber ziehen

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Alexander Becker lebt in Hamburg und arbeitet dort als freier Journalist. Seit fast zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem World Wide Web und schreibt über die aktuellen Internet-Trends und neue Online- Entwicklungen. Bei MEEDIA betreut Alexander Becker die Rubrik „Web-Business“ und „Neue Sites“.

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