Während die Internet-Welt über die neuen Profilseiten von Facebook staunt, droht Verlagen möglicherweise Gefahr von einer ganz anderen Neuerung der Facebook-Entwicklerkonferenz f8: Medien-Apps. Erste Medien wie das Wall Street Journal, der Guardian und vor allem die Washington Post haben bereits Facebook-Apps präsentiert. Sie ermöglichen es, komplette Texte innerhalb von Facebook zu lesen und zu kommentieren. Und torpedieren so womöglich die Online-Werbung der Verlage.
Am weitesten geht die Washington Post mit ihrer App Social Reader. Wer die Anwendung auf seinem Facebook-Profil installiert bekommt eine Startseite angezeigt, die wie die Startseite einer Nachrichtenseite im Web aussieht - inklusive Aufmacher-Geschichte und Trending-Stories. Klickt man auf eine Geschichte, erscheint diese im Volltext - es gibt keinen Link raus aus Facebook auf die Web-Seite der Washington Post. Für den Social Reader hat die Post weitere Content-Partner an Bord genommen, u.a. das Blog Mashable, das Online-Magazin Slate oder die Nachrichtenagentur Reuters. Artikel der Content-Partner werden ebenfalls innerhalb der Social-Reader-Umgebung angezeigt und verlinkt.
Gleichzeitig wird in einer Spalte angezeigt, welche Artikel von anderen Nutzern gerade am meisten gelesen werden und man sieht auch, was man selbst gerade so im Social Reader treibt. Man kann innerhalb des Social Readers die Artikel auch kommentieren. All diese Aktivitäten werden getrackt und finden ihren Niederschlag auf der eigenen Profilseite von Facebook.
Andere Medien-Apps funktionieren ähnlich, gehen aber, wie beim Guardian, noch nicht so weit wie der Social Reader der Washington Post. Bei der Guardian-App finden sich noch mehr Links ins Web, es werden weniger Artikel angezeigt und es gibt auch keine Content-Partner. Die Guardian-App befindet sich allerdings auch noch im Beta-Stadium. Das Wall Street Journal bietet seit kurzem eine ähnliche App.
Es ist davon auszugehen, dass zahlreiche weitere Medien auf den Zug aufspringen und solche Apps für Facebook anbieten. Die Medien spekulieren darauf, via Facebook mehr Leser zu finden, da Inhalte immer stärker auf Basis von Empfehlungen in Social Networks verbreitet werden. Hierfür sind die neuen Apps geradezu ideal geeignet. Auf Tablets wie dem iPad gibt es gerade einen kleinen Hype um Apps, wie Flipboard, News.me oder AOL Editions, die auf Basis von Empfehlungen Digital-Magazine zusammenstellen. Die neuen Facebook Medien-Apps versuchen diesen Trend für Facebook als Empfehlungsmaschine Nummer eins nutzbar zu machen.
Es gibt aber mindestens zwei große Fragezeichen:
Erstens erzeugen die neuen Medien-Apps bei Facebook eine Flut an zusätzlichen öffentlichen Aktivitäten in den ohnehin schon übervollen Feeds der Nutzer. Jeder Artikel, der gelesen wird, jedes Aufrufen der App, jede Empfehlung, jeder Kommentar - alles erzeugt einen Eintrag im persönlichen Feed. Wenn zahlreiche Facebook-Kontakte solche Apps nutzen, ist die Gefahr groß, dass man vor lauter “xy liest das”, “xy kommentiert jenes” kaum noch etwas anderes wahrnehmen kann.
Zweiten ist fraglich, wie Medien von dem Trend hin zu Social News profitieren können. Die neuen Medien-Apps machen derzeit vor allem Facebook als Plattform mächtiger und attraktiver für Werbekunden. Was ist mit Online-Werbeeinnahmen, wenn immer mehr Inhalte gratis bei Facebook gelesen werden? Die Facebook-App des Wall Street Journal immerhin bietet die IT-Firmen Del und Intel als Sponsoren auf. Für Anzeigenkunden wird es künftig aber womöglich attraktiver sein, direkt bei Facebook zielgruppengenaue Werbung zu buchen, statt bei dem einzelnen Medienunternehmen.
Während Verlage gerade mit großer Mühe versuchen, auf mobilen Plattformen eine Bezahl-Kultur für Medien-Inhalte zu etablieren, setzen sie bei Facebook allzu leichtfertig ihre Web-Werbeeinahmen aufs Spiel.
Letzte Kommentare
24.09.11 14:58
Peter Berger Web-Site
Verlage sollten diese neue Form von Apps als Chance sehen. Sie können ihre Werbung in die App integrieren und damit die Gesamt-Reichweite erhöhen. Wer mit guten Inhalten viele App-Abonnenten gewinnt, wird attraktiver für Anzeigenkunden - die dann gleichzeitig im Blatt, auf der Website und bei Facebook vertreten sind. Ein Pfund, mit dem Verlage wuchern könnten. Washington Post & Co. werden das sicherlich tun.
23.09.11 16:26
Wilfried Schock Web-Site
@Stefan Winterbauer
Tja, das mit der Werbung ist insgesamt ein großes Fragezeichen. Wenn man weiß, wie wenig sie wahrgenommen wird - insbesondere wenn sie so am Rand ist - und wenn man erkannt hat, das Social Media bessere Möglichkeiten bietet, sollte sich die Frage stellen, warum man eigentlich in diesem Umfeld überhaupt noch "wirbt".
BTW: In unserer App haben wir die Werbung in die Timeline verlegt.
Was die Zielgenauigkeit angeht - natürlich setzen wir auf ein Profiling, das technisch deutlich mehr kann, als das klassische FB targeting.
Und wir haben ein paar hübsche Alternativen zur simplen Einblendung von Werbung in Form von Channels.
23.09.11 13:07
Stefan Winterbauer
@Wilfried Schock Schon richtig, das WSJ schaltet ja auch schon eigene Werbung innerhalb der App. Diese Werbung konkurriert dann aber mit der Facebook-eigenen Werbung direkt nebendran, die im Zweifel deutlich billiger und zielgruppengenauer ist. Ob es die Medienhäuser schaffen, ausgerechnet bei Facebook teure Image-Online-ANzeigen zu platzieren, wage ich zu bezweifeln.
23.09.11 12:36
Wilfried Schock Web-Site
Facebook mag bei dieser Sicht der Dinge der Gewinner sein, aber dazu tragen die Medienhäuser ein gutes Stück selbst bei.
Es ist durchaus möglich innerhalb von Facebook über eine Applikation z. B. mit redaktionellem Content und eigenen Werbe- und Marketingkanälen - Ertragsquellen zu erschließen.
Das Problem ist hier wohl eher, das die Medienhäuser diese Möglichkeit (noch) nicht wirklich erkannt haben oder nutzen.
Apps, die den Aufbau von Ertragsquellen - auch für redaktionellen Content - innerhalb von Facebook ermöglichen gibt es ohne Frage. Ich zumindest habe eine. ;-)
Bei Frage dazu - einfach fragen. Allerdings bitte direkt an wilfried.schock@brssmm.de