Whisteblowing im Westen: Das Nachrichtenportal der WAZ-Gruppe startet eine anonymisierte Upload-Seite nach dem Modell von Wikileaks. User sollen dort anonymisiert Dokumente hochladen können oder direkt mit dem Recherche-Ressort in Kontakt treten. Ressortleiter Schraven will die geheimen Dokumente aber nicht ungefiltert weiterverbreiten, sondern lediglich als Ausgangspunkt für Recherchen nutzen. Die Daten werden nach eigenen Angaben auf ausländischen Servern verschlüsselt abgelegt.
“Wir wollen und werden nicht alles ungeprüft veröffentlichen, was dort hoch geladen wird. Wir nehmen die Dokumente und Papiere aber als Ausgangspunkt für weiterführende Nachforschungen“, erklärt David Schraven, Leiter des Ressorts Recherche in der WAZ-Mediengruppe, auf DerWesten. Schraven war zuletzt nach Stationen bei der taz und der Süddeutschen Zeitung als freier Journalist für die Welt-Gruppe im Wirtschaftsressort und im Ressort NRW tätig. Nebenbei betrieb er das Ruhrpott-Blog Ruhrbarone. Für seine Recherchen zum PFT-Giftskandal an der Ruhr erhielt er 2008 einen Wächterpreis der Tagespresse.
Man wolle aber nicht als reine Whistleblower-Plattform fungieren. Die eingereichten Unterlagen seien vor allem Quellen für Storys, die journalistisch aufgearbeitet würden. „Ein Dokument ist in diesem Sinne nur ein Element unserer Arbeit“, erklärt Schraven. Trotzdem sei es denkbar, ausgewählte Dokumente mitzuveröffentlichen. Quellenschutz hat demnach höchste Priorität: „Wir achten dabei aber sehr auf den Datenschutz und würden niemals Dokumente veröffentlichen, aus denen persönliche Angaben von unbeteiligten Mitarbeitern von Behörden oder Organisationen hervorgehen.“
Wie funktioniert der Service? Die Seite derwesten.de/recherche fungiert als Ausgangspunkt für Informanten. Hier können sie direkt mit dem Team Recherche in Kontakt treten. Per Fax, per Mail oder telefonisch. Der Dateiupload erfolgt anonymisiert und ist - wie auch beim Online-Banking - vollständig verschlüsselt. Die Daten werden nach Verlagsangaben auf getrennten Systemen auf Servern im Ausland gespeichert. Dokumente oder Emails, die dorthin hoch geladen werden, seien zu keinem Zeitpunkt unverschlüsselt. Demnach bestünde kein Kontakt zu den übrigen IT-Systemen der WAZ-Gruppe. Die Datenverbindungen können als abhörsicher gelten.
Schraven äußert auch gleich schon einen Wunsch in Richtung Community: „Ich brauche alles zur Loveparade, da gibt es Dokumente aus der Polizei und aus dem Innenministerium, deren Inhalt meiner Ansicht nach an die Öffentlichkeit gehört."
Letzte Kommentare
17.12.10 09:22
Marty Ludischbo Web-Site
Die Sichtweise von Herrn Apel finde ich sehr interessant und wichtig zu erwähnen.
Nach dem Desaster rund um den Chefredakteur der WAZ (bezeichnete die Depeschen VÖ von WL als "üblen Verrat") sucht die WAZ-Mediengruppe nun eine Alternative zu Wikileaks.
Was ich davon halte habe ich hier nochmal ausführlicher beschrieben...
http://ludischbo.blog.de/2010/12/15/kommentar-waz-projekt-wikileaks-10188823/
16.12.10 22:26
Arno Nymus
Zum letzten Absatz: Herr Schraven möge sich doch mal ansehen, dass zum Loveparade-Unglück schon viel Material von Wikileaks veröffentlicht wurde:
http://mirror.wikileaks.info/wiki/Loveparade_2010_Duisburg_planning_documents,_2007-2010/
13.12.10 09:37
hans Appel
Guter Witz. Die WAZ als Anlaufstelle für Whistleblower. Angesichts der unverhohlenen Kumpelei der WAZ-Oberen mit Politik und Industrie in ihrem Verbreitungsgebiet, müsste ein Geheimnisträger schon ziemlich beschränkt sein, würde er ausgerechnet diesen Laden für seine Papiere wählen. Da geht man doch lieber zu Alfons Pieper und seinem Wir-in-Nrw-Blog. Die wissen wenigstens, wei man mit anonymen Infos umgeht und daraus wirksame Investigativgeschichten macht. Siehe Rüttgers-Abwahl.