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Der Richtungsstreit Print vs. Online im Spiegel Verlag

Warum die Paywall Gift für SpOn wäre

Beim Spiegel Verlag ist ein Richtungsstreit zwischen den Chefredakteuren Print (Georg Mascolo) und Digital (Mathias Müller von Blumencron) in vollem Gange. Print-Mann Mascolo hätte gerne eine Paywall für Spiegel Online, um die Auflage des gedruckten Spiegel zu schützen. Müller von Blumencrohn will SpOn weiter frei zugänglich lassen. In der Tat wäre eine Paywall für Spiegel Online wirtschaftlicher und publizistischer Unfug. MEEDIA erklärt anhand von fünf Gründen warum.

1. Spiegel Online würde seine digitale Vormachtstellung aus der Hand geben

Nach Klicks und Reichweite mag Bild.de Spiegel Online mittlerweile überholt haben. Für seriöse Nachrichten ist SpOn aber immer noch die unangefochtene Anlaufstelle Nummer eins im Web. Nicht wenige Leute haben die Homepage von Spiegel Online sogar als Startseite in ihrem Webbrowser. Wann immer etwas in der Welt geschieht - Spiegel Online ist die erste Anlaufstelle. Das Web-Angebot des Nachrichtenmagazins hat sich Dank eines frühen Starts und anhaltender Investitionen auch in schwierigen Zeiten zu der digitalen Entsprechung der guten alten Tageszeitung entwickelt. Die Einführung einer Paywall würde diese - über viele Jahre und mit viel Aufwand und Arbeit erarbeitete - Stellung mit einem Handstreich wieder zunichte machen.

2. Spiegel Online ist mit Werbung schon heute profitabel

Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber intern heißt es, dass Spiegel Online im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 4 Mio. Euro bei kolportierten rund 40 Mio. Euro Umsatz erwirtschaftet hat. Das ist immer noch weit von den Erlösen des Print-Spiegel entfernt. Der soll 2011 allein im Vertrieb um die 135 Mio, Euro umgesetzt haben. Aber die Zeit ist auf der Seite von Spiegel Online. Dort wachsen Werbeerlöse und Reichweiten Jahr für Jahr. Beim Print-Spiegel sinkt die Auflage und damit langfristig auch Vertriebs- und Werbeerlöse. Für einen Verlag ist es ein echter Luxus und keineswegs eine Selbstverständlichkeit, einen so erfolgreichen UND profitablen Online-Ableger wie Spiegel Online im Haus zu haben. Die Kollegen bei der Zeit, Stern und Focus würden sich die Finger nach den Spiegel-Online-Erlösen lecken.

3. Online- und Print-Leserschaft ist nicht deckungsgleich

Die Idee, dass man nur das Online-Angebot kostenpflichtig zu machen braucht und sich schon die Print-Auflage stabilisiert, ist eine Milchmädchenrechnung. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass die Leser von Print- und Online-Medienmarken nicht deckungsgleich sind. Bei der Zeit heißt es, dass die Leserschaft von Online und Print sich zu höchsten 20 Prozent überschneidet. Beim Spiegel dürfte es kaum anders sein. Die meisten Leser kommen heute von Suchmaschinen wie Google oder aus Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Diese Nutzerströme würden mit einer Paywall abgeschnitten. Eine Paywall bei einem so großen Generalisten-Angebot wie Spiegel Online würde also die meisten bisherigen Leser ausschließen, ohne signifikant neue Abonnenten oder Käufer für den Print-Spiegel zu gewinnen. Wochentitel wie Zeit und Spiegel haben gegenüber Tageszeitungen zudem den strategischen Vorteil, dass ihre Online-Angebote die Print-Produkte wesentlich weniger tangieren. Während die Online-Ableger sich dem aktuellen Geschäft widmen, können sich die Print-Produkte auf Hintergründe und Lese-Stücke konzentrieren. Auch diesen Vorteil würde Spiegel Online mit einer Paywall aus der Hand geben.

4. Steigende Auflagen und freies Online-Angebot sind kein Widerspruch

Das Beispiel Zeit zeigt auch, dass eine steigende, bzw. auf hohem Niveau stabile Print-Auflage und ein freies, wachsendes Online-Angebot nicht im Widerspruch zueinander stehen. Bei der Zeit entwickelt sich die gedruckte Auflage hervorragend. Auch im 1. Quartal 2012 meldete die Zeit wieder eine minimal gestiegene Auflage und hält sich stabil auf Rekordwerten über 500.000 verkauften Exemplaren. Und dies, obwohl deren Online-Chefredakteur Wolfgang Blau eine radikal offene Online-Strategie verfolgt und laut Geschäftsführer Rainer Esser künftig eher mehr Artikel aus der gedruckten Zeit ihren Weg ins Online-Angebot finden sollen. Was kann man daraus lernen: Erfolg oder Misserfolg liegen in allererster Linie am Print-Produkt selbst und eventuell noch an sich allgemein ändernden Lese-Gewohnheiten. Aber keinesfalls an der Online-Konkurrenz im eigenen Haus.

5. Es gibt zu viele kostenlose Alternativen


Spiegel Online ist zwar - trotz immer mal wieder vorhandener Defizite, die es überall gibt - ein hervorragendes Nachrichtenangebot. Aber an General-Interest News-Angeboten im Netz herrscht wahrlich kein Mangel. Würde SpOn die Bezahlschranke runterlassen, würde sich die Masse der Nutzer ihre News eben bei Welt Online holen oder Tagesschau.de oder Stern.de oder Focus.de oder n-tv.de. Oder sonstwo. Paywalls im Web können zwar sinnvoll sein: in erster Linie aber nur für spezialisierte Angebote und Services, nicht für ein auf breite Masse ausgelegtes General-Interest-Angebot wie Spiegel Online. Bei Print leiden die großen Generalisten derzeit am meisten unter Auflagenschwund. Online erleben General-Interest-News-Angebote großen Zulauf, doch die Finanzierung ist schwierig. Die Online-Werbeerlöse können die Verluste bei Print-Anzeigen und Vertriebserlösen nicht kompensieren. Spiegel Online ist dank guter Startbedingungen und anhaltend hoher Qualität in der komfortablen Ausnahmesituation mitten im Medien-Umbruch bereits profitabel zu sein. Es gibt gar keinen Zweifel: Eine Paywall würde Spiegel Online nur schaden und dem gedruckten Spiegel rein gar nichts nutzen.

Stefan Winterbauer

20.04.2012
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MEEDIA RÜCKBLICK

  • 29.05.2012 Die sechs Problemzonen des Spiegel
  • 23.04.2012 New York Times: das falsche Pay-Vorbild
  • 19.04.2012 Paid Content: Machtkampf beim Spiegel

Letzte Kommentare

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20.04.12 18:56

Andree Wehrs

Originäre journalistische Inhalte zu recherchieren, kostet Geld! Dabei rede ich nicht von austauschbaren dpa Artikeln, die online veröffentlicht werden (obwohl selbst diese von den Verlagen bezahlt werden müssen).

Wenn man jetzt das Ganze zeitlich mal Jahre oder eine Dekade weiterspinnt, wo sind wir dann? Die Auflagen der Zeitschriften oder Zeitungen sinken weiter, die PIs der Online Angebote steigen zwar parallel, können die Umsatzrückgänge aber nicht annähernd durch Werbung kompensieren. Die Folge sind weitere Verlagskonsolidierungen, Entlassungen und übrigens sicher auch Qualitätsverluste der journalistischen Inhalte.

Ich bin für paywalls (nicht nur weil ich selbst Mitarbeiter eines Medienhauses bin) weil ich die Meinung habe, dass eine gute Leistung, die beim er/herstellen Geld kostet, von den Nutzern auch bezahlt werden muss. Daher bin ich übrigens froh, dass Springer als eines der größten Medienhäuser in unserem Land eine weiter wachsende pro-Bezahlstrategie verfolgt und es kleineren und mittelständigen Verlagen somit als Vorreiter leichter macht, indem es die Deutsche Bevölkerung an das Thema Bezahlinhalte "gewöhnt". SPon hat selbst so originäre und gute eigene Inhalte, dass sie eben nicht durch andere Web-Angebote ersetzbar wären und daher auch Wert wären, bezahlt zu werden!

20.04.12 18:34

T W

SPON kann führendes Nachrichtenportal bleiben, wenn die Paywall nicht am Eingang, sondern in der Tiefe des Raumes aufgestellt wird: Man liefert News, zeigt, was man hat und kann, liefert die Zuspitzung aber Breite und das Tiefschürfende kostet. Die Werbemöglichkeiten und damit die Steigerung der Werbeerlöse ist online nun mal begrenzt (oder unerträglich).
Das "Zeit"-Abo kann man übrigens mittlerweile getrost kündigen, weil alles interessante (sofern man nicht an den Stellenanzeigen interessiert ist) sehr passabel auf dem Tablet zu lesen ist.

20.04.12 17:45

volker hansch Web-Site

vor jahren gab es doch eine bezahlschranke beim spiegel, in der premium artikel für € 0,50 abgerufen werden konnten. das macht keiner, da ja die bezahlung schon viel zu aufwändig ist. wir publizieren für iPad und auch dort zeigt sich bereits ab,das bezahlmodelle wahrscheinlich nicht die große reichweite für anzeigenkunden aufbauen werden. es geht hier doch um online vs. print und print hat diesen kampf ohnehin bereits verloren, auch wenn print content finanziert, etc.. anhand der ivw zahlen lässt sich doch ausrechnen wie lange viele hefte, zeitungen und magazine noch existieren werden, siehe musik-industrie.

20.04.12 16:49

beppo brehm

@J N

"Immer wenn ich den Spiegel kaufe ärgere ich mich dass ich einige Artikel kurz darauf kostenlos online lesen kann."

Ich weiß nicht ... vor Jahren fand ich mal, dass für meinen Geschmack zu viele gute Printstücke schnell online standen. Damals habe ich mein Abo gekündigt. Aber als weiterhin Spiegel im Print und online Lesender sehe ich doch sehr große Qualitätsunterschiede zwischen Heft und Webauftritt.

20.04.12 15:45

Marc Usjuergens

Die NYT hat mit Einführung der paywall die Printauflage gestärkt. Der Effekt war also nicht so sehr, dass die Einnahmen per paywall entscheidend waren, sondern dass die Leser des Print sich nicht mehr blöd vorkommen mussten, weil sie immer noch zahlen, während es die gleichen Inhalte kostenlos im Netz gibt. Das hebelt auch das Argument mit der fehlenden Deckungsgleichheit der Leser/-innen (Punkt 3.) aus.

Zum Thema:
http://www.businessinsider.com/time-for-a-lot-of-people-to-eat-crow-the-new-york-times-paywall-is-working-2011-6

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