Die Ergebnisse einer aktuellen US-Studie dürfte die deutsche Medienbranche nicht gerade fröhlich stimmen. Obwohl erstmalig in der Umfrage-Geschichte mehr Menschen News über das Web konsumieren als über Zeitungen, prognostizieren die Verantwortlichen den Medien eine zunehmende Entmachtung. Nicht nur, dass Radio, TV und Print Reichweite verlieren. Gerätehersteller und Software-Entwickler hätten sich zu Leadern der neuen Verhältnisse aufgeschwungen.
Die Zeitungsbranche hat weiterhin hart zu kämpfen. So seien laut einer Umfrage des Pew Project for Excellence in Journalism, kurz PEJ, 1000 bis 1500 der Newsroom-Jobs in Zeitungsredaktionen gestrichen worden. Newsrooms seien somit im Schnitt 30 Prozent kleiner als noch im Jahr 2000. Profiteur dieser Abwärtsbewegung ist das Web: 46 Prozent der Befragten erklärten, dass sie ihre News dreimal wöchentlich online abfragen. Damit haben Online-News erstmalig die Zeitungen überholt, die es nur auf 40 Prozent schaffen. Nur das Lokalfernsehen ist in den USA noch beliebter: 50 Prozent der Befragten schalten ein. Derweil könnten Newsportale stetig wachsende Erlöse verbuchen. Der Online-Werbemarkt sei in 2010 um 13,9 Prozent auf rund 25,8 Milliarden Dollar gewachsen.
Der Werbemarkt der Zeitungen sei unterdessen um 6,4 Prozent gesunken. Sieben der 25 Top-Zeitungen gehörten mittlerweile einem Hedgefonds. Einzig positive Nachricht: Immerhin seien noch 23 Prozent der Befragten dazu bereit, bis zu fünf Dollar für eine Online-Ausgabe ihrer Zeitung zu zahlen.
Damit nicht genug: Der Verbund aus finanzieller Schieflage und den Herausforderungen des gesamten Social-Media-Bereichs führen in den Augen der Studienbetreiber zu einem “de-skilling” des Journalistenberufes: durch schlechtere Bezahlung, dem Druck durch Forderung nach schnellerem Arbeiten, weniger Übung und den Anstieg von Volontärsarbeit.
Und abseits des Lokal-TVs verliert auch das überregionale Fernsehen. Die drei großen Netzwerke beklagen Einbrüche in den Zuschauerzahlen: CNN verliert 37 Prozent, Fox elf Prozent und MSNBC fünf Prozent. In der Primetime verlieren alle Sender 16 Prozent, tagsüber zwölf Prozent. Das Lokalfernsehen hingegen könne auf das beste Jahr seit Bestehen zurückblicken: ein Umsatzanstieg von 17 Prozent, dank eines Anstiegs der Autowerbung um 77 Prozent und über zwei Milliarden Dollar aus dem politischen Wahlkampf.
Während die Zeitungen unter den Folgen des veränderten Medienkonsums leiden, kürt eine weitere Studie von Pew Internet und dem American Life Project mobile Endgeräte zu den Gewinnern des technischen Umbruchs. 47 Prozent der Amerikaner bekämen demnach Nachrichten auf ein mobiles Device geliefert. Über die Maßen gefragt seien News über das Wetter, Restaurants, die regionale Wirtschaft und den Verkehr. Das Wachstum sei ungebrochen: Anfang Januar hätten sieben Prozent Befragten ein Tablet besessen. Vier Monate früher sei es nicht einmal die Hälfte gewesen.
Obwohl die Macher der Studie in den mobilen Endgeräten eine Chance sehen, seien Verlage und TV-Sender durch diesen Trend immer stärker abhängig von technischen Plattformen wie Apple und Co., Aggregatoren wie Google News, und Social Networks wie Facebook und Twitter. Problematisch daran sei, dass diese neuen Player Teile des Umsatzes für sich beanspruchen. Außerdem würden auf diese Weise Sofware-Programmierer, Content-Aggregatoren und Gerätehersteller den Zugang zur Öffentlichkeit kontrollieren. Die News-Industrie sei durch die immer noch starke Konzentration auf Inhalte, und weniger auf die Entwicklung, zu einem Follower geworden. Und nicht zu einem Leader.
Letzte Kommentare
22.03.11 08:59
Christian Salzborn Web-Site
Hallo Simon,
da haben wir etwas aneinander vorbei geredet. Denn eigentlich sind wir uns ja einig. Ein Medienwandel lässt sich nicht abstreiten. Und das die teilweise obsoleten Denkweisen der alten Medien sich bewusst dem Neuen verschließen, stimmt ebenso. Das hat wohl politische wie (natürlich) ökonomische Gründe. Um die neuen Medien professionell zu integrieren bräuchte es den Umbruch ganzer (alter) Strukturen, neue Geschäftsmodelle usw. Und wir wissen ja, wie lange Veränderungen in gewissen (Wirtschafts-)Bereichen brauchen...da wird es mit Sicherheit noch die ein oder andere Studie geben, nebst Artikel =)
Grüße
16.03.11 19:05
Simon Nickel Web-Site
Medienwandel lässt sich zwar als "das Neue kannibalisiert das Alte" auffassen. Darauf hat sich mein Kommentar aber nicht direkt bezogen, das Wachsen der neuen Medien kann man nicht verschweigen, dafür benötigt man auch keine empirischen Studien. Mit meinem Kommentar wollte ich nur darauf hinweisen, dass die angesprochene Abhängigkeit in den neuen Medien (hier reißerisch Kontrollverlust genannt) im Vergleich zu den alten Medien aus eigener Verschuldung resultiert. Daher also die neuen Medien eigentlich willkommen sein sollten um gerade die altbekannten Schwierigkeiten zu umgehen.
16.03.11 08:58
Christian Salzborn Web-Site
Guten Morgen,
leider wird erneut eine von vielen Studien hochgepuscht, ohne groß die empirischen Grundlagen zu hinterfragen. Und noch schlimmer ist es, dass vom amerikanischen auf den deutschen Medienmarkt geschlossen wird. Dabei gibt bis heute keine empirischen Beweise, dass die Neuen Medien die alten derart verdrängen, wie uns dieser Artikel offerieren will. Haas et al. fassen zusammen, dass" gemessen an der Nutzungsfrequenz [...] das Web 2.0 die Nutzung anderer Medien kaum tangiert."* Auch Schrape unterstreicht in seinem Aufsatz von 2010. dass sich "die neuen netzwerkkommunikativen Möglichkeiten bislang kaum gesellschaftsweit institutionalisieren konnten.“**
Ich würde daher meinem Vorredner nur begrenzt zustimmen, wenn er meint, dass sich hier ein Medienwechsel vollzieht. Neue und alte Medien laufen eher komplementär miteinander und kanibalisieren sich nicht gegenseitig.
Grüße
*Haas, Sabine; Trump, Thilo; Gerhards, Maria; Klingler, Walter (2007): Web 2.0 - Nutzung und Nutzertypen. Eine Analyse auf der Basis quantitativer und qualitativer Untersuchungen. In: Media Perspektiven, H. 4, S. 215–222.
**Schrape, Jan-Felix (2010): Web 2.0 und Massenmedien: Visionen versus Empirie. In: Forschungsjournal NSB, Jg. 23, H. 3, S. 72–83.
15.03.11 16:22
Simon Nickel Web-Site
Die Abhängigkeit von technischen Plattformen ist doch auch nichts anderes als die Abhängigkeit von Druckmaschinen. Das Medium wechselt sich gerade, das haben viele noch nicht verstanden. Die Abhängigkeit entsteht nur durch die eigene Verschlossenheit. Im Grunde genommen müsste die Abhängigkeit im Gegensatz zum traditionellen Vertrieb stark sinken, das Internet ist noch einigermaßen frei. Die Abhängigkeit ist selbstverschuldet durch eigene Geschlossenheit. Google hat die Möglichkeit Besucher zu bringen, aber die Verlage wehren sich dagegen. Da fragt man sich doch warum sie dann noch meckern.