Das deutsche Medien-Web diskutiert: Kann Paid Content der darbenden Branche helfen? Neuestes Positiv-Beispiel ist die Financial Times: Dank Paid Content steigerten die Briten ihren Umsatz 2008 um sieben Prozent. MEEDIA hat deutsche Online-Macher gefragt, ob ihre Verlage Bezahl-Modelle planen. Die meisten Teilnehmer, wie die Springer AG, verneinten. Focus Online-Chefredakteur Jochen Wegner sagte jedoch: „Wir diskutieren eine Art kostenpflichtigen Premium-Account für User.“
Jochen Wegner, Chefredakteur Focus Online
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
Natürlich werden in einer Medienkrise alle Geschäftsmodelle hinterfragt – insofern bin ich nicht allzu überrascht. Aus meiner Sicht haben sich die Randbedingungen im Internet bisher freilich nicht fundamental geändert: Wir können in aller Regel mit frei zugänglichen Angeboten mehr Erlöse erzielen als mit geschlossenen. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Diskutiert werden viele Szenarien, wie ein Feemium-Modell (ein Mix aus Bezahl- und Gratis-Inhalten), eine News-Flatrate, bei der sich einige Verlage zusammenschließen würden und sogar eine Art Gema für journalistische Inhalte. Zu welchem Modell würde Sie tendieren?
Über ein Revenue-Share-Modell sollten wir einmal gemeinsam mit Google nachdenken. Wir tun genau das im Zusammenhang mit unserem demnächst startenden Portal Nachrichten.de.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Nein, nicht im eigentlichen Sinne. Allerdings diskutieren wir eine Art kostenpflichtigen Premium-Account für User.
Christoph Schuh, Vorstand Marketing Sales der Tomorrow Focus AG
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
Die Paid-Content-Diskussion ist aus unserer Sicht eine natürliche Folgeerscheinung konjunkturbedingt einbrechender Anzeigenumsätze im Print-Segment und derzeit nur leicht wachsender Umsätze im Display-Markt. Nur sehr wenige redaktionelle Portale sind profitabel zu betreiben bzw. haben in den nächsten zwölf Monaten eine Perspektive auf Profitabilität. Da ist es richtig, eine intensive Suche nach neuen Erlösmodellen zu starten.
Wir gehen allerdings etwas anders vor und nutzen unser News-Flaggschiff Focus-Online neben dem Erzielen von Werbeerlösen eher zum Hochfahren neuer Beiboote wie die Ärtzebewertungsplattform Jameda, Nachrichten.de und unser geplantes Finanzportal. So sparen wir jede Menge Marketingkosten. Mit dem Cyberclub bei Playboy besitzen wir seit Jahren einen profitablen Paid-Content-Bereich.
Diskutiert werden viele Szenarien, wie ein Feemium-Modell (ein Mix aus Bezahl- und Gratis-Content), eine News-Flatrate, bei der sich einige Verlage zusammenschließen würden und sogar eine Art Gema für journalistische Inhalte. Zu welchem Modell würde Sie tendieren?
Ehrlich gesagt bin ich skeptisch, ob General-Interest-News als Paid-Content-Modell funktionieren. News sind in ihrer Kostenloskultur im Internet gelernt und das wird auch nur äußerst schwer rückgängig zu machen sein. Ich glaube aber an die Kostenpflichtigkeit von spezifischen News, die "uniquen" Charakter haben und an kostenpflichtige Applikationen, so wie es der Apple-Store uns momentan als Erfolgsmodell zeigt.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Mit dem Cyberclub von Playboy besitzen wir seit Jahren ein sehr erfolgreiches Paid-Content-Produkt in unserem Unternehmen. Ferner sind bei der Ärtzebewertungsplattform Jameda kostenpflichtige Bereiche gestartet worden bzw. in der Planung. Weitere Marken wie Holidaycheck oder Elitepartner sind eCommerce-Portale, die keine weiteren Erlössäulen im Bereich Paid Content benötigen.
Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur Sueddeutsche.de
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
In der Finanz-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Medienkrise kann einen nichts mehr überraschen. Das Thema ist ein Evergreen – genau wie die freie Verfügbarkeit von Stoffen im Netz.
Diskutiert werden viele Szenarien, wie ein Feemium-Modell (ein Mix aus Bezahl- und Gratis-Content), eine News-Flatrate, bei der sich einige Verlage zusammenschließen würden und sogar eine Art Gema für journalistische Inhalte. Zu welchem Modell würde Sie tendieren?
Das Problem ist, dass die falschen Leute von den journalistischen Angeboten profitieren und die Werbegelder abgreifen. Eine Art Gema würde dies ausgleichen. Ansonsten werden die Verlage, die sich neuerdings ja so gerne „Contenthäuser“ nennen, überlegen müssen, wie sie mit neuen Print-Online-Inhaltsangeboten auch im Netz Vertriebserlöse erzielen. Ich glaube, es gibt da Möglichkeiten.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Es wäre unklug, sich an dieser Stelle darüber auszulassen.
Christian Garrels, Leiter Kommunikation Digitale Medien und Internationales der Axel Springer AG
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
Nein.
Diskutiert werden viele Szenarien, wie ein Feemium-Modell (ein Mix aus Bezahl- und Gratis-Content), eine News-Flatrate, bei der sich einige Verlage zusammenschließen würden und sogar eine Art Gema für journalistische Inhalte. Zu welchem Modell würde Sie tendieren?
Wir finden die Debatte spannend, wie wir es verhindern, dass die von Verlagen mit hohem Kostenaufwand erstellten Contents von anderen – ohne Gegenleistung für Verlage – vermarktet und somit monetarisiert werden.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Eine „Umsonst-Kultur“ in eine „Bezahl-Kultur“ zu verändern, scheint uns wenig aussichtsreich.
Sven Scheffler, Chefredakteur Handelsblatt.com
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
Die Diskussion als solche überrascht mich keineswegs, nur die Vehemenz mit der diese geführt wird. Aber angesichts dramatischer Anzeigenrückgänge bei Magazinen und Tageszeitungen, gewinnt die Diskussion um die Monetarisierung journalistischer Angebote an Bedeutung. Nur wenige Online-Angebote verdienen unter Vollkostenrechnung eine Rendite, den Rückgang der Werbeerlöse in Print kann Online nicht auffangen. Grundsätzlich suchen alle Verlage eine Antwort auf die Frage, wie Qualitätsjournalismus künftig finanziert werden kann.
Diskutiert werden viele Szenarien, wie ein Feemium-Modell (ein Mix aus Bezahl- und Gratis-Content), eine News-Flatrate, bei der sich einige Verlage zusammenschließen würden und sogar eine Art Gema für journalistische Inhalte. Zu welchem Modell würde Sie tendieren?
Alle Versuche der Vergangenheit haben gezeigt, dass es unheimlich schwer ist, Bezahl-Inhalte im Internet zu pushen. Bei journalistischen Nachrichtenangeboten sehe ich da kein Modell, das wirklich funktioniert hat. Selbst das "Wall Street Journal", lange Zeit Vorreiter beim Paid Modell, hat sich weitgehend geöffnet. Anders sieht es bei Fachinformationen aus: Je spezieller Nachrichten und Informationen sind, desto größer sind auch die Chancen, Inhalte entsprechend zu verkaufen. Beim GEZ-Modell bin ich skeptisch: Die freie Presse bezieht ihre Stellung zu einem ganz bedeutenden Teil aus ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Eine staatliche oder teilstaatliche Lesung analog zum Öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist daher für mich völlig unvorstellbar. Die aktuelle politische Diskussion um den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist Beleg für den Wunsch nach starker Einflussnahme der Politik.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Wir schreiben derzeit eine tolle Reichweitenstory, mit Zuwächsen von mehr als 40 Prozent im Vorjahresvergleich. Eine Einführung eines Paid-Modells wäre völlig kontraproduktiv. Die Vergangenheit der Mediengeschichte zeigt: ein journalistisches Angebot, das seine Leser erreicht und über ein eigenständiges publizistisches Profil verfügt, hat seine kommerzielle Berechtigung. Wir haben in unserer Abteilung "Content Sale" bereits einen Bereich, der sich im B2B-Bereich sehr erfolgreich auf "Paid Content" spezialisiert hat. Im B2C-Bereich sehen wir, wie gesagt, nur dann Möglichkeiten eines Paid-Content-Modells, wenn es sich um hochspezialiserte Inhalte handelt. Da diese Information in der Regel nur für eine sehr kleine Zielgruppe relevant sind, scheiden hier andere, an Reichweite orientierte Monetarisierungsmöglichkeiten, aus.
Domenika Ahlrichs, Chefredakteurin Netzeitung.de
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
Bei vielen Bezahl-Modellen, die derzeit in der Diskussion sind, geht man von einer Marken- oder besser: Portal-Treue aus. Wer auf die Seite XY kommt, soll dann für (ausgewählte) Inhalte dort bezahlen. Das wäre nicht zeitgemäß, denn das Netz ist ja vor allem deshalb attraktiv, weil hier themenbezogen Inhalte miteinander verknüpft werden, weil portalübergreifend verlinkt wird und der User seine eigenen Pfade wählen und gehen kann. Social-Bookmarking-Dienste und News-Suchmaschinen werden als Einstiegsseiten genutzt, Portale verlieren an Bedeutung.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Auch in unserem Hause denken natürlich alle Verantwortlichen darüber nach, wie aus dieser Nutz-Gewohnheit Geld zu machen wäre. Hätten wir die Antwort, würden wir daraus sicherlich ad-hoc viel Geld machen können. Für eine endgültige Lösung müssen jedoch aus meiner Sicht - wie ja bereits öffentlich diskutiert - die großen Verlage zusammenarbeiten. Einzel-Erlösmodelle können hier nur scheitern. Das zumindest kann man aus der Vergangenheit lernen.
Jonas Schmieder, Leiter Digital Business der Mediengruppe Klambt
Überrascht es Sie, dass gerade jetzt wieder eine Paid-Content-Diskussion entsteht?
Einnahmen über die klassische Onlinevermarktung werden in Zukunft sicherlich eine größere Rolle spielen als bisher. Jedoch sind diese in den momentanen Zeiten schwer kalkulierbar und nicht ausreichend, um größere Investitionen zu amortisieren. Von daher ist das Aufblühen der Paid-Content-Diskussion zu verstehen, wenn gleich auch bekannt ist, dass die Online-User den Bezahlinhalten kritisch gegenüber stehen, außer sie bieten einen ganz speziellen USP.
Diskutiert werden viele Szenarien, wie ein Feemium-Modell – ein Mix aus Bezahl- und Gratis-Content – eine News-Flatrate, bei der sich einige Verlage zusammenschließen würden und sogar eine Art Gema für journalistische Inhalte. Zu welchem Modell würde Sie tendieren?
Einer bezahlten News-Flatrate rechne ich wenig Chancen zu, da das Netz voll mit Informationen/News ist. Das könnte wenn überhaupt in einer ganz speziellen Nischen-Branche funktionieren, aber nicht im Bereich „People“. Der Zusammenschluss von Verlagen würde meines Erachtens auf Unmut stoßen, da dies einer Monopolabsprache gleichzusetzen wäre und die User mehr verärgern als freuen dürfte. Wenn überhaupt würde ich dem „Feemium-Modell“ Chancen einräumen, aber auch nur dann, wenn eine gute Symbiose gegeben ist und ein klarer USP zu erkennen ist.
Gibt es strategische Überlegungen in ihrem Hause, neue Bezahl-Angebote einzuführen?
Momentan nicht, wobei es bei unseren Portalen sicherlich interessante E-Commerce-Modelle zu integrieren gäbe. Hierauf werden wir in nächster Zeit sicherlich ein Teil unserer Strategien ausrichten.
Letzte Kommentare
03.03.09 21:44
Andre Hellmann Web-Site
Verfolge die Diskussion über Paid Content mit Trauer und Sorge. Anstatt sich kritisch mit seinem Geschäftsmodell auseinander zu setzen, sich in den Kunden / Nutzer hineinzuversetzen und über dessen Probleme nachzudenken zieht man sich zurück in das, was einfach für den Verlag ist.
Meine zentrale Frage: Sind die Zeitungen so unkreativ oder so verängstigt, dass ihnen nichts anderes einfällt?
Manchmal muss das Rad neu erfunden werden. So entstanden ALLE erfolgreichen Internet-Geschäftsmodelle. Keines davon gab es davor, da sie sich die stärken der Internets zu nutze machten. Google, ebay, Amazon, Xing - Alles Dinge, die es ohne das Netz nicht geben würde.
ALSO: Zu welcher Einzigartigkeit verhilft euch das Netz, liebe Tageszeitungen? The winner takes it all.
03.03.09 13:38
Jürgen Wolff Web-Site
Natürlich wird Paid-Content - außer vielleicht für ganz spezielle Fachinformationen - im Bereich der General- und Special-Interest Angebote nicht (mehr) funktionieren. Der Zug ist abgefahren. Jede Information im Web ist anderswo auch zu bekommen und das irgendwo immer kostenlos. Und wenn die Qualität schlechter ist, als im bezahlten Bereich - na und? Qualität interessiert den Nutzer doch selbst bei Special-Interest nicht wirklich, wie man an dem Gros der Mitmach-Meinungsportale bestens sehen kann - solange er es nur kostenlos bekommt.
Es ist ja immerhin schon ein Fortschritt, dass man nicht mehr von Nutzern angepöbelt wird, weil es Banner und PopUps auf einer Seite mit teuer erstelltem Inhalt gibt.
Und bei allem Respekt: Das die einzig realistische Refinanzierung über Werbung vorne und hinten nicht reicht, haben vor allem die Mediaagenturen selbst versaubeutelt. Als ob reines Branding kein Wert an sich mehr sei, haben sie sich gierig auf Performance-Formate gestürzt und wundern sich nun, dass die Umsätze längst nicht an Print heran kommen. Das ist genauso, als würde man eine gedruckte Doppelseite nicht nach Auflage sondern nur danach abrechnen, wie viele Leser den Cupon zurück schicken - viel Spaß dabei.
Besser, als die Energien in von vorne herein fruchtlosen Paid-Content-Diskussionen zu verschwenden, wäre es, wenn sich Agenturen und Content-Anbieter endlich mal über realistische Preismodelle unterhalten würden.
Jürgen Wolff
alle-autos-in.de
Redaktion
03.03.09 11:55
Burkhard Bierschenck Web-Site
Die Diskussion leidet ein wenig daran, dass ständig nur die Vertreter von Großverlagen befragt werden, die meist nur "nice to have" Informationen anbieten können. Klar, für "nice to have" will keiner bezahlen. Die große Zahl der Fachverlage, die sich eher im mittelständischen Bereich tummeln, produzieren aber vorwiegend "must have" Informationen und da ist paid content schon längst eine selbstverständliche Alternative und funktioniert auch. Dass die Amerikaner das jetzt als neuen Trend propagieren ist bestenfalls amüsant.
03.03.09 11:48
Philipp Berens
Der größte Fehler der Verlage war, Ihren mitunter werthaltigen Content durch die kostenlosen Angebote zu entwerten. Diese geringe Wertschätzung journalistischer Arbeit fällt ihnen jetzt auf die Füsse, weil die Leser gelernt haben, dass journalistische Kompetenz den Herstellern nichts wert ist. Der Glaube, kostenlose Angebote flächendeckend mit Werbung zu finanzieren, ist ein Irrglaube.Controller, die nichts vom Wesen des Qualitätsjournalismus verstehen, haben gerne daran geglaubt - so wie Banker an ihre obskuren Fonds.
Paid-Content ist in jeder Hinsicht wünschenswert. Nur muß der Content dann auch wirklich gut sein.
03.03.09 11:45
Karsten Schnelder
Wer den Beitrag und auch den ersten Kommentar liest, den beschleicht das Gefühl, dass hier Eigenwerbung dominiert - sueddeutsche.de einmal ausgenommen.