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Protestwelle nach Posting der Bundesfamilienministerin

Twitter-Aufruhr gegen Kristina Schröder

Die Politik bleibt das heiße Thema der Social Media-Gemeinde. Erst die Protestwelle gegen die mögliche Bundespräsidentenkandidatin Ursula von der Leyen, dann die euphorischen Sympathiebekundungen für Joachim Gauck. Fast in der medialen Erregung untergegangen wäre der Twitter-Aufruhr gegen die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Im Mikroblogging-Dienst trat der Politshootingstar mit Nachdruck für die Sparmaßnahmen der Regierung ein – und geriet in einen veritablen "Shitstorm".

Von Sascha Lobo lernen, heißt einstecken lernen. Auf der letzten re:publica referierte der Alphablogger eingängig, wie es ist, mit den Schattenseiten des Netzes umzugehen – nämlich: mit einem sogenannten Shitstorm. Bekanntlich ist das Netz nämlich nicht nur nett zu jenen, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben und Omnipräsenz auf den Social Media-Plattformen zeigen.

Beides trifft auf das "Bundeskabinett-Nesthäkchen" (stern) Kristina Schröder wohl zu: Als Bundesfamilienministerin trat die erst 32-Jährige im vergangenen November in die ziemlich großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen, die eben noch als mögliche Bundespräsidentin gehandelt wurde. Um entsprechend die eigenen Konturen zu schärfen, tut Schröder etwas, was man von Jungpolitikern fast erwartet: Sie verbreitet sich sehr aktiv über die einschlägigen Social Media-Dienste.

Schröder zum bisherigen Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger: "Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?"

Allen voran Twitter und Facebook, wo Schröder, die bis zu ihrer Heirat im Februar noch Köhler hieß, mehr als 8000 Follower und fast 5000 Freunde aufweisen kann. Bisher haben Schröders Kurzmitteilungen indes keine großen Wellen geschlagen – dann kam der Montag und das eng geschnürte Sparpaket der Bundesregierung, das dem Staat 80 Milliarden Euro in vier Jahren einbringen soll – u.a. mit harten Einschnitten für Arbeitslose. 

Die 32-Jährige weiß, dass von ihr als Bundesfamilienministerin dazu eine Botschaft erwartet wird, schließlich geht es auch um die Kürzung des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfänger. Schröder, die immer noch unter ihrem Geburtsnamen Kristina Köhler twittert, äußert sich dazu auf dem Mikroblogging-Dienst wie folgt: "Natürlich ist die Elterngeldstreichung für Hartz IV-Empfänger hart", twittert Köhler am Montagabend kurz nach 22 Uhr auf ihrem Blackberry.

Vier Minuten später schon der nächste Tweet, diesmal mit relativierendem Rechenbeispiel: "Aber: Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?" Reduziert auf die Frage nach sozialer Gerechtigkeit muss man den Tweet erst mal sacken lassen. Schröder legt aber zwei Minuten später noch mal nach: "Ich habe als Abgeordnete aus voller Überzeugung der Schuldenbremse zugestimmt. Dann muss ich mich jetzt auch am Sparen beteiligen."

Shitstorm bricht los: "@kristinakoehler spart sich wohl zuerst ihren letzten Rest Menschlichkeit"

Allerspätestens hier ahnt der regelmäßige Twitter-Nutzer, was als Nächstes passiert: Die Tweets der Bundesfamilienministerin, die das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger in einem SZ-Interview sogar als "systemwidrig" bezeichnete, bleiben nicht ohne Widerworte – der Shitstorm bricht los. Und der äußert sich so: Susanne Reindke, die in Twitterkreisen besser als "Happy Schnitzel" bekannt ist und mit knapp 7000 Followern fast eben so viele Mitleser aufbringt wie Schröder, hält der Jung-Ministerin entgegen: "Tja, sie nimmt das Sparen wirklich ernst. @kristinakoehler spart sich wohl zuerst ihren letzten Rest Menschlichkeit." Andere vergleichen die Ministerin mit "Hass-Martin" bei "Schlag den Raab". Binnen Stunden rechnen Hunderte von Tweets  mit der Politikerin ab. Public Relations im Netz in Reinkultur, leider nicht ganz so, wie die Ministerin sich dies gewünscht hätte.

Der Twitter "zeitweise" ätzt: "Würde mal sagen, @kristinakoehler wollte nur mal rausfinden, wie sich soziale Ächtung am eigenen Leib anfühlt. Ich nenne das Bürgernähe." Der User "DirektionAktion" rechnet unterdessen vor: "Eine Ministerin erhält 12.860€/Monat vom Staat + Nebenverdienste. Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten? "

Viel-Twitterin Schröder schweigt 

Und "miezmutz" bringt das alte Marie Antoinette-Zitat ins Spiel: "Fehlt eigentlich nur noch: Sollen Sie doch Kuchen essen". Der Ausspruch gegenüber den hungernden Massen wurde bekanntermaßen der französischen Königin Marie Antoinette  vor dem Ausbruch der französischen Revolution in dem Mund gelegt.

Keine Frage: Die junge Bundesfamilienministerin hat genau wie die schwarz-gelbe Koalition schwierige Tage durchzustehen. Doch wie steht Schröder sie durch? Ganz im Sinne einer altkonservativen Tugend: aussitzen. Seit Montagabend wurden keine Tweets von der umtriebigen Ministerin mehr versendet. Obwohl allein in den letzten 24 Stunden mehrere hundert Twitter-Nutzer auf Schröders Äußerungen Bezug genommen haben, schweigt die Hessin. Auch das ist eine Botschaft.

Nils Jacobsen

10.06.2010
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    Letzte Kommentare

    Anzeige: 1 - 5 von 7 1 2 weitere Einträge >

    11.06.10 15:45

    Anonym Ebenfalls

    @Herr Sa7yr

    Ich freue mich sehr, dass Sie das Gespräch mit mir aufnehmen.

    Ich lasse es ja auch, nämlich das Twittern. Den Meedia-Newsletter erhielt ich hingegen bis gestern immer gerne, da er mir für meinen Arbeitsplatz im Verlagsumfeld ein guter Nachrichtendienst war. Jetzt blitzt Meedia im Stundentakt auf und frisst meine Aufmerksamkeit mit einer solchen Nichtigkeit. Das ärgert mich und das wollte ich der Redaktion rückmelden.

    In Bezug auf die Followerzahl kennen Sie sich anscheinend etwas besser aus, allerdings bezweifele ich, dass Twitterer, die selbst 1000en von anderen Twitterern „followen”, deren Tweets (oje, mein Deutsch) tatsächlich lesen.

    Aber im Grunde genommen stimmen Sie mir ja zu, nämlich, dass das Interesse an den Tweets der Frau Schröder bleibt und damit ihr Auftritt kein solcher Kommunikations-Gau sein kann, den Meedia hier vorgaukelt.

    Wahrscheinlich sind Sie jetzt geneigt, zu argumentieren, dass Frau Schröder ihre Follower aus dem Motiv Schaulust der Masse heraus bei Laune hält. Und ich fürchte sogar: Damit hätten Sie Recht. Und Sie könnten auch argumentieren, dass die Ministerin ja nun offensichtlich noch bei Ihrem Twitter-Stopp bleibt und insofern doch ein kleiner PR-Rückschlag bei Ihr sitzen muss. Das würde ich aber nicht höher bewerten, als wenn die Ministerin bei einem Empfang mit vollem Mund redete. Solche mediale Berichterstattung regt mich genauso auf.

    Mein Eindruck von Twitter im Besonderen ist der, dass Pointe vor Inhalt steht, Witz vor Anstand, Ego vor Rücksicht und Selbstdarstellung vor Zuhören. Jetzt ist es raus, ich mag Twitter nicht, weil es zur Oberflächlichkeit einlädt.

    Verzeihen Sie, dass ich Ihnen so viel Meinung in den Mund gelegt habe.

    10.06.10 18:39

    Twitter Fundstück

    Und Vorurteile gegenüber Homosexuellen scheint Frau Dr. Schröder auch gern zu twittern, wie hier gerade entdeckt: http://somepo.wordpress.com/2010/06/06/fehltweets-unserer-politiker/

    10.06.10 16:27

    Herr Sa7yr Web-Site

    @Anonym Ebenfalls

    "Für solche Meldungen mag ich meine Aufmerksamkeit nun nicht gerne verschenken, sonst bewegte ich mich ja selber auf Twitter."

    Dann lassen Sie es doch.

    Followerzahlen bei Prominenten-Accounts sind im Übrigen völlig irrelevant. Dort folgt man nicht aus "Sympathie", sondern um die Tweets zu lesen.

    10.06.10 11:42

    Anonym Ebenfalls

    Puhhh ... ich weiß nicht, ob ich nach der Lektüre dieses Artikels Meedia noch als Wegweiser der Medienlandschaft ernst nehmen kann.

    Wer sich auf Twitter bewegt, schreibt einen Großteil seiner Tweets um der Rhetorik Willen – nicht weil er tatsächlich für eine Meinung (und ihre Konsequenzen) eintritt.

    Das wird (auch) daran deutlich, dass die Twitterer keine alternativen Konsolidierungspläne vorschlagen, sondern in ihrer Kritik entweder in die gleiche Kerbe hauen oder auf der Metaebene den Twitter-Misserfolg der Ministerin kommentieren. Insofern kann Twitter nicht als Ort des politischen Diskurses gewertet werden, sondern höchstens um eine politisches Kabarett, das nach den schärfsten Spitzen und den dollsten Bonmots wetteifert.

    Was ist jetzt Ihre Meldung dazu? Dass Sparpläne unpopulär sind und Leute (zum großen, großen Teil) unter falschem Namen Stammtisch-Parolen dazu drücken? Für solche Meldungen mag ich meine Aufmerksamkeit nun nicht gerne verschenken, sonst bewegte ich mich ja selber auf Twitter. Dort mag sich gerne derjenige, darüber austauschen, der das möchte, aber bitte in dem Bewusstsein, dass geäußerte „Meinung" und politisches (Wahl-)verhalten in einem arbiträren Verhältnis stehen.

    Ist Ihre Meldung, was ich eher glaube, dass die Ministerin über diese Plattform einen kommunikativen Misserfolg erlitten hat, dann fehlt eine ganz entscheidende Information – nämlich, dass die Followerzahl von @kristinakoehler (also die Zahl derjenigen, die ihre Tweets weiterhin lesen wollen) keinesfalls gesunken ist.

    10.06.10 11:39

    stefanie dehler

    ich nehme den kommentar zurück- kann man ihn löschen? heirat ging komplett an mir vorbei... SORRY

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