Mit diesem offenen Brief ist 51 „Tatort“-Autoren ein Werk voller Knalleffekte gelungen. Unter der Anrede „Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde!“ rufen die Drehbuch-Profis die Angesprochenen dazu auf, sich „von ein paar Lebenslügen“ in Sachen Abmahnungen, Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung „zu verabschieden“. Die Autoren ärgern sich, welch „hohen Ton“ der ganze Diskurs „anschlägt und damit die Banalität von Rechtsverstößen kaschiert oder gar zum Freiheitsakt hochjazzt.“
In dem offenen Brief heißt es, dass grüne Politiker die aktuellen Probleme üblicherweise durch die Gegenüberstellung zweier Grund- und Menschenrechte untermauern würden: So postuliere der Artikel 27 der Menschenrechte einerseits den Schutz des Urhebers als Eigentümer seiner Schöpfung, seiner Werke und andererseits würde der freie Zugang zu Kunst und Kultur garantiert werden. Hier kennen die „Tatort“-Autoren gleich zwei Lebenslügen: Zum einen die demagogische Suggestion, „es gäbe keinen freien Zugang zu Kunst und Kultur mehr“ und zum anderem „die demagogische Gleichsetzung von frei und kostenfrei“.
Die Mitglieder im Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) wehren sich dagegen, dass die Grundrechte der Urheber bzw. der von ihnen beauftragten Rechteinhaber marginalisiert werden würden. So sollen die Grünen „gerne von Google alimentierte Initiativen wie collaboratory, Alexander-von-Humboldt-Institut oder auch das (vormalige) Max-Plank-Institut für geistiges Eigentum“ vorschicken, „die angeblich völlig autonom und unabhängig eine neue Rechtsgrundlage suchen würden – im sogenannten Immaterialgüter-Recht.“
Damit schlägt der offene Brief in dieselbe Kerbe, wie das vielbeachtete Posting von Springers Chef-Lobbyist Christoph Keese, in dem er Google unterstellte, eine riesige und gefährliche Lobby-Maschine zu sein. "Selten zuvor hat ein Unternehmen so aggressiv versucht, die Verhandungsposition seiner Rohstoff-Lieferanten auszuhöhlen." Dabei berief sich Keese auf eine Internetstudie der "Copyright Alliance".
In dem offenen Brief werden die „Grünen, Piraten, Netzpolitiker aller Parteien“ aufgefordert, erst einmal mit ihren Kulturpolitikern zu sprechen, wenn sie es wirklich ernst meinen würden. „Die können Ihnen den Zusammenhang von Kunst/Kultur und materieller Absicherung sicher erläutern, Ihnen klar machen, dass die nachhaltige Produktion qualitativ hochwertiger Kunst und Kultur nicht amateurhaft, also wie Wikipedia, organisiert werden kann.“ Der VDD glaubt, dass man das Urhebervertragsrecht nur dann verbessern könne, wenn die Verhandlungspositionen der Urheber gegenüber den Verwertern gestärkt werden würde.
Besonders wichtig ist den Autoren, dass nicht jede Missbrauchskontrolle bei Providern und Usern „gleich als der definitive Untergang des Abendlandes“ angeprangert werden würde. „Bei der Suche nach Schwarzfahrern und Steuerhinterziehern zum Beispiel müssen sich die Bürger auch einige Einschränkungen ihrer Rechte gefallen lassen.“
Das Schreiben endet mit dem Hinweis: „Für konstruktive Gespräche über den anstehenden historischen Kompromiss zwischen Urhebern und Usern stehen wir jederzeit bereit.“
Dieser letzte Satz ist der eigentlich Kern der Ärgers der Autoren. Für sie es der eigenliche „Skandal der Netzpolitik“, dass alle ihre professionellen Produkte begehrenswert finden würden, aber mit den Autoren, Fotografen, Designern, Komponisten und Architekten und alle die anderen Urheber „bis heute nicht ernsthaft gesprochen“ worden wäre.
Bislang haben 51 Drehbuchautoren, aus deren Feder über 200 „Tatorte“ stammen, den Brief unterzeichnet.
Letzte Kommentare
30.03.12 11:47
Michael Kausch Web-Site
Der Brief vermengt die Diskussion um eine Reform des Urheberrechts mit der Diskussion um Vorratsdatenspeicherung und überhaupt viele Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Über die Ausgestaltung von Grundrechten zu reden ist niemals eine Lebenslüge. Was die Briefverfasser fordern, ist ein Denk- und Diskussionsverbot. Und wer zynisch und ironisch formuliert “Für konstruktive Gespräche über den anstehenden historischen Kompromiss zwischen Urhebern und Usern stehen wir jederzeit bereit”, dem kann man eine offene Geprächskultur und Diskursbereitschaft auch nicht wirklich unterstellen. Dabei tut diese Debatte not (siehe: http://www.czyslansky.net/?p=6042). Viele in der Netzgemeinde plädieren heute dafür, die Rechte der Autoren gegenüber Sendern und Verlagen auf dem Gebiet der Wiederverwendung zu stärken und die Rechte der Autoren auf Rücknahme der Vergabe von Nutzungsrechten auszubauen. Von den Verfassern und Unterzeichnern des offenen Briefes werden diese Stimmen gar nicht zur Kenntnis genommen. Sie verurteilen, ohne zu ermitteln. Das können ihre Kommissare besser.
30.03.12 11:25
Sven R.
Kultur verkommt zur Ramschware. Die Unsitte, alles frei im Netz verfügbar machen zu wollen, Bücher, Musik, Filme nur noch in MBs zu messen, alles mal kurz mitnehmen, sich auf nichts mehr richtig einlassen zu müssen, all das trägt zu Kulturverfall bei -- und eine Partei wie Piraten sind ein Symptom dieser Mentalität. Wer sich noch daran erinnert wie es war, sich die erste Platte vom Mund abzusparen und sie auf fast schon rituelle Weise auf den Plattenteller zu legen und sich intensiv damit zu beschaffen, der weiß, was der Download-Generation verloren geht.
29.03.12 19:37
Nils Kolodzinski
Hallo,
Ja recht haben sie.
Mich wundert es aber ein bisschen dass gerade die Tatort Autoren diesen Brief schreiben, sie sind ja eigendlich am wenigsten von den illegalen Downloads betroffen, die GEZ sorgt ja schon dafür dass sie ihr Geld bekommen und wir müssen ja auch wenn wir eien PC besitzen die Gebüren bezahlen und wenn ich dann den Sonntags Tatort runterlade am Montag weil ich nicht zuhause war finde ich dass nicht schlimm.
Dass grosse Problem ist dass mit der Kontrolle und dem Abmahnwahnsinn und vorallem der Providerhaftung.
Der Provider kann gar nicht 100% sicherstellen dass nicht doch was illegales Downgeloaded oder Upgeloded wird, dass wird nie möglich sein!!! und je nach dem wie scharf dass Gesetz dann angewended wird kann es dazu führen dass selbst so ein Kommentar wie meiner und eure nicht mehr möglich sind.
Dieses ACTA ist so schlecht Formuliert dass darueber unbedingt gesprochen werden muss.
Alles andere kann sonst wircklich den Untergang bedeuten.
Sorry für meine Rechtschreibung.
29.03.12 17:53
Thomas Bauer Web-Site
Mea Culpa,
nach ruhigerem Lesen des eigentlichen Textes der Autoren anstelle der verkürzten meedia-Wertung finde ich einen Teil der vermissten Differenzierung denn doch. Die gemischte Anrede völlig unterschiedlicher Adressaten stört mich nach wie vor massiv. Die Argumentationslinie aber ist natürlich richtig, auch wenn es leider nicht ganz so selbstverständlich gehandhabt wird, wie Jan-Bernd Meyer das als eigentlich selbstverständlich erwartet. Das erschreckende dabei: Den Piraten gehen mittlerweile nach Umfragen selbst auf Bundesebene sieben Prozent ins Netz. °Anders sein" genügt machen Wählern (in Berlin und Saarland sind es bereits reale Wähler nicht Umfragen) offenbar selbst die absurdesten Enteignungsforderungen mitzuwählen, nur weil sie den etablierten Parteien eins vor den Latz knallen wollen.
So zu wählen ist mit Verlaub nicht intelligenter als rechte, ultrareligiöse oder sonstige Rattenfänger zu wählen, nur weil die "nicht etabliert" sind.
Übrigens hört die Enteignung natürlich bei den Autoren nicht auf.
Sven Regeners "Suada" allerdings ist bemerkenswert auf den Punkt gebracht und unterhaltsamer zu hören ;-)
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/regener_interview100.html
29.03.12 16:51
Jan-Bernd Meyer
moin, moin,
in der ganzen Diskussion verstehe ich eins einfach nicht:
Die ganzen hochtrabenden Aufgeregtheiten sind doch völlig irreführend. Letztlich geht es um eins: Ein Mensch malt ein Bild, macht ein Foto, schreibt einen Text, komponiert ein Lied etc. Die Ergüsse dieses Schaffens sind sein/ihr Eigentum. Und niemand sollte sich erdreisten zu beanspruchen, dass jetzt ein Dritter Rechte an diesen Werken hat - bloß deshalb, weil sie im Internet stehen.
Was für ein eigenartiges Rechtsverständnis ist das?
Wenn jemand entscheidet, dass sein/ihr Werk frei verfügbar sein soll, dann soll das so sein. Dann findet ein Eigentumsübertrag statt. Fertig. Das ist okay.
Aber wenn jemand darauf pocht, dass nur er/sie und sonst niemand Rechte an einem Werk hat, dann ist das auch okay und durch deutsches und internationales Recht gedeckt. Und das ist gefälligst zu respektieren.
Was soll also das ganze Diskutieren? Ich gehe doch auch nicht zu jemandem in die Wohnung, hole ein Buch aus dem Regal und beanspruche, dass das nun mir gehört.