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Projekt "Mein Quartier" startet mit 18 Kiez-Korrespondenten

Stadtteil-Blogs: Abendblatt wird hyperlokal

Ab dem heutigen Mittwoch setzt das Hamburger Abendblatt auf 18 neue Stadtteilreporter. Ausgerüstet mit Handy und Laptop sollen die Kiez-Korrespondenten über Alltägliches und Außergewöhnliches aus ihren Vierteln bloggen. „Für das Hamburger Abendblatt gehören die Stadtteilreporter zu den wichtigsten Vorhaben des Jahres", sagt Chefredakteur Claus Strunz gegenüber MEEDIA. Bezahlt werden die Blogger jedoch nur dann, wenn ihre Storys es in die Print-Ausgabe schaffen.

Als erstes produzieren die Amateur-Reporter ihre Texte, Fotos oder Videos für ein eigenes Stadtteilblog. Schreiben darf aber nicht jeder – in einem Blogger-Casting wurden die Autoren ausgewählt. Erst wenn ein Stück es in die gedruckte Ausgabe schafft, werden die Blogger auch entlohnt. "Ihr Status entspricht dem von freien Mitarbeitern", erklärt Strunz.

Der Content der neuen Lokal-Berichterstatter geht allerdings nicht unkontrolliert online. Ein Redaktionsmitglied überprüft jeden Text oder jedes Foto und stellt die Inhalte dann unter Abendblatt.de ins Web. Die Blogs werden von der Springer-Zeitung erst einmal nicht hinter der Bezahlschranke versteckt, sondern sind für jeden frei zugänglich – vorerst.



Die neue Übersichtsseite zum Projekt "Mein Quartier"

Thematisch haben die Regional-Blogger erst einmal völlige Freiheit. Ein Foto eines besonders auffällig frisierten Pudels mit knackiger Bild-Unterschrift reicht dem Chefredakteur genauso wie eine kurze Meldung über eine neue Baustelle. Natürlich sind auch Promi-Sichtungen willkommen oder eine kurze Straßenumfrage zu politischen Themen. Ein Text pro Tag ist Strunz jedoch nicht genug: "Ich hoffe doch schon, dass die Stadtteilreporter mehrmals pro Tag ihr Blog aktualisieren."

Genau in der Nahtstelle zwischen Schlagzahl, Themenfindung und der Ungewissheit, es überhaupt in die gedruckte Ausgabe zu schaffen, liegt die Schwachstelle des Projektes. Können sich die Blogger es sich leisten, mehrere Tage hintereinander mehrere – wenn auch kleine – Storys zu liefern, ohne dafür bezahlt zu werden?

Die Riege der neuen Mitarbeiter setzt sich zusammen aus Studenten, PR-Schaffenden und anderen, die gerne in ihrer Freizeit mehr schreiben wollen. Erste journalistische Erfahrungen waren beim Blogger-Casting des Abendblattes durchaus gewünscht.

Die Idee, die Inhalte von hyperlokalen Hobby-Reportern in die Print-Ausgabe einzubinden, ist nicht neu. Viele Projekte leiden allerdings unter dem Problem, dass die Amateur-Schreiber aufwändig von der jeweiligen Redaktion betreut werden müssen. Das kostet Geld, was die Verlagsmanager eigentlich hätten einsparen wollen.

Eine Erfolgsgeschichte dagegen ist MyHeimat. Über das Portal können Bürger-Reporter über alles aus ihrer Nachbarschaft berichten. Regional-Zeitungen, die mit dem Web-Portal zusammen arbeiten, können einfach die Texte der Freizeit-Schreiber in ihrer Printausgabe drucken. Allerdings erhalten die Autoren bei MyHeimat kein Geld. Dafür schreiben sie, worüber sie wollen und auch nur so oft sie wollen. Statt Berichte über Schützenfeste zu bekommen, hofft die Abendblatt-Redaktion eher auf viele urbane Schnippsel von den semiprofessionellen Kiez-Korrespondenten.

Die 18 Reporter schickt die Redaktion erst einmal in sieben Viertel (unter anderem Sternschanze, Eppendorf, St. Pauli), "in denen bisher nicht die Kernleserschaft der Abendblatt-Leser zu Hause ist", wie Strunz erklärt.

Für den Chefredakteur bildet der Einsatz der 18 Blogger jedoch nur den Anfang einer grundlegenden journalistischen Revolution. Dem Blattmacher ist es längst ein Graus, dass noch immer die meisten Kollegen mit ihren Themenvorschlägen erst diverse Konferenzen durchlaufen müssen. "Ab jetzt soll jeder Abendblatt-Redakteur auch zu einem Stadtteilreporter werden", sagt Strunz. "Wie moderner Journalismus funktionieren muss, wurde mir schlagartig klar, als ich auf dem Weg in die Redaktion in der Nähe des Millerntors in einem riesigen Stau steckte." Daraufhin rief er sofort in der Redaktion an: "Ich wollte wissen, was hier los ist und ob wir bereits an der Nachricht arbeiten. Niemand konnte die Frage beantworten. Erst später wurde mir klar: Ich hätte gleich mein iPhone zücken und eine Meldung oder zumindest einen Hinweis schreiben sollen."

Ab jetzt fordert er: "Jeder Print-Kollege soll immer die Augen offen halten. Wenn er draußen eine Story sieht, soll künftig schon eine erste Version, die sich erst mal nur mit der Wiedergabe der Tatsachen beschäftigt, bereits online sein, bevor er hier im Verlagsgebäude durch die Drehtür kommt. Und um die gut recherchierte Geschichte kümmert er sich dann, wenn er in der Redaktion ist."

Für den Blattmacher sind nicht nur die Grenzen zwischen Print und Online verschwunden, sondern auch zwischen Job- und Privatleben. Deshalb gilt für den ehemaligen Bild-am-Sonntag-Chef jetzt die neue Regel: "Online ist schnell und Print ist Hintergrund."

Typisch Claus Strunz ist, dass der Chefredakteur bevor das Projekt richtig beginnt, bereits die nächste Ausbaustufe ankündigt. Geplant ist eine App, die den Handybesitzer jeweils mit den passenden News zu seinem Stadtteil beliefert. Langfristig könnte sich der Blattmacher sogar vorstellen, die gesamte Homepage stärker auf die einzelnen Stadtteile hin auszurichten.

Auf die Frage, warum sich bislang noch kein anderes Print-Objekt an einem ähnlichen Projekt versuchte, hat der Chefredakteur eine klare Meinung: "Der große Aufwand, sowohl was die Kosten als auch die Zeit betrifft, ist für viele Redaktionen sicherlich ein Chancenkiller. Ohne unseren Projektpartner Vodafone, der die Laptops und Handys stellt, wäre dieses Projekt auch für uns deutlich schwieriger in der Umsetzung geworden."

So vermessen zu glauben, dass sich mit dem Projekt neue Print-Leser gewinnen lassen, ist Strunz nicht. "Natürlich freuen wir uns über neue Leser, und sicher ist das auch ein Ziel. Für uns geht es aber in erster Linie darum, neue Leser, die nicht printsozialisiert sind und die wir über klassische Wege bisher nicht erreicht haben, von unseren digitalen Angeboten zu überzeugen."

Dabei könnte das Blatt frische Leser schon bestens gebrauchen. Im vierten Quartal hatte die Metropol-Zeitung unter einem harten Minus zu leiden. Im Vergleich zum Vorjahr verlor das Abendblatt sechs Prozent. Im Gesamtverkauf kommt die Zeitung nun auf 219.241 Exemplare.

"Um die Print-Auflage nachhaltig zu stabilisieren, müssen wir natürlich auch an anderen Stellschrauben drehen", sagt Strunz. "Ich bin davon überzeugt, dass wir die Verkäufe der gedruckten Ausgabe am besten mit einer konsequenten Qualitätsausrichtung stabilisieren können. Dabei dürfen wir auch nicht den Versuchungen eines Quick Wins erliegen."

Als Beispiel nennt Strunz den Tod von "Sexy Cora". "Auch wenn die junge Frau in Hamburg wohnte, haben wir sehr zurückhaltend berichtet und uns auf die sachlichen und objektiven Informationen beschränkt. Bei uns hieß die Geschichte so z.B. an einem Tag „Razzia in Hamburger Schönheitsklinik."
Trotz der kurzfristigen Auflagensteigerung hätte man in diesem Fall mit zu viel Boulevard zu viele treue Abonnenten verstimmt. "Eine langfristige Leser-Blattbindung ist uns wichtiger als ein einmaliger, kurzfristiger Auflagenerfolg."

Nachtrag:
Auf dem Facebook-Profil von Claus Strunz wird bereits eifrig über das neue Projekt Diskutiert.

Alexander Becker

26.01.2011
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    Letzte Kommentare

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    26.01.11 15:31

    Mathis Friedländer

    @Peter Römer: Es geht doch nicht darum, Privat- und Berufsleben nicht mehr trennen zu können. Da gibt es doch wohl Jobs, die härter aufs Privatleben schlagen als Hyperreporter beim Abendblatt!

    Es geht doch vielmehr um den Lacher, den Strunz hier wieder einmal erzeugt. Er lenkt eines der angestaubtesten Lokalblätter dieses Landes, Layout hin oder her, und versucht mit aberwitzigen Versuchen, irgendwie großstädtisch modern zu wirken. Genauso wenig wie Claus Strunz ein guter Blattmacher ist, geauso wenig wird ein Hamburger Abendblatt jemals irgendwie 3.0, 4.0 oder 5.0 werden. Die Leserschaft besteht größtenteils aus saturierten Ruheständlern, die im Speckgürtel morgens um halb sieben schon Spalier am Briefkasten stehen.

    26.01.11 14:03

    Peter Römer

    Setzen 6!
    Keine Trennung mehr von Job- und Privatleben.
    Geht nur auf Kosten von Job und Privatleben zugleich.
    Tolle Reporter.

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